Kultur

Erinnerungspolitik | 05.09.2009 14:00 | Matthias Becker

Ein weites Schlachtfeld

Sie sorgte im Vorfeld für reichlich Wirbel, die Kolonialismus-Ausstellung in Berlin. Nun ist sie eröffnet. Ein Rundgang durch Ausstellung und die Debatte

Es jährt sich der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Und obwohl dieser Krieg eben das war – eine weltweite militärische Auseinandersetzung – wird er fast ausschließlich aus westlicher Perspektive erzählt. Schätzungsweise 12,5 Millionen Kolonialsoldaten kamen aus China. In der britischen Armee waren fünf Millionen Soldaten aus den Kolonien. Fast immer aber kommen weder im öffentlichen Erinnern noch in der historischen Forschung die Verheerungen des Krieges in Afrika, Asien und Ozeanien, in Südamerika und der Karibik, die Kolonialsoldaten, Zwangsarbeiter und Zwangsprostituierte vor.

„Es geht um die vergessene zweite Hälfte des Krieges“, erklärt Karl Rössel vom Rheinischen Journalistinnenbüro. Rössel ist einer der Organisatoren der Ausstellung Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg. Sie will die vorherrschende eurozentristische Perspektive überwinden, das „verdrängte Kapitel“ wieder ins öffentliche Bewusstsein holen. Eigentlich sollte sie diese Woche in der Berliner „Werkstatt der Kulturen“ im Bezirk Neukölln eröffnet würde. Aber kurzfristig weigerte sich deren Leiterin Philippa Ebéné, die Räumlichkeiten wie geplant zur Verfügung zu stellen – angeblich, weil auf drei der insgesamt 96 Schautafeln die Kollaboration von Arabern mit den Nazis dargestellt wird.

Die Ausstellungsmacher, die inzwischen andere Räumlichkeiten gefunden haben, werfen der Leiterin des Neuköllner Kulturzentrums nun „Zensur“ vor. Die wiederum behauptet, ihre Intervention habe gar nichts mit den arabischen Kollaborateuren zu tun. Ihr passt das ganze Konzept nicht. Sie habe eine „Hommage“ an jene People of Colour gewollt, die zur Niederschlagung des Faschismus beigetragen haben. „Mit dem Verweis auf die Kollaboration soll die historische Verantwortung beiseite geschoben werden“, sagt Ebéné. „Einmal in siebzig Jahren kann man doch Danke sagen!“ Rössel pariert, das Konzept sei ihr seit Monaten bekannt gewesen. „Von einer reinen Heldenverehrung war nie die Rede.“

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All das wäre eine Berliner Provinzposse und kaum von Interesse. Aber der Vorgang hat offenbar alle nötigen Elemente für einen erinnerungspolitischen Eklat: Rassismus, Nazis und angeblich sogar „arabische Platzhirsche“. So jedenfalls äußerte sich der Bezirksbürgermeister von Neukölln Heinz Buschkowsky (SPD), der hinter der Zwangsabsage die Intervention von arabischen Organisationen vermutet. Wie Buschkowsky auf diese Idee kommt, bleibt sein Geheimnis. Aber der Streit um Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg hat ziemlich schnell einen derartigen Hitzegrad erreicht, dass sein eigentlicher Gegenstand weitgehend geschmolzen ist.

Dafür können alle loswerden, was ihnen schon immer auf der Zunge lag. Der Historiker Götz Aly nennt die Kolonialsoldaten pauschal „unfreiwillige Befreier“ – als hätten nicht Kolonisierte wie Frantz Fanon aus Überzeugung gegen die Faschisten gekämpft, und als hätte in den Armeen der Alliierten nicht mancher Soldat ganz unfreiwillig gedient. Der Migrationsrat Berlin/Brandenburg, ein Bündnis von Migrantenorganisationen, nennt die Ausstellung allen Ernstes „kolonialrassistisch“, während in einer überregionalen Zeitung von einer „Zensurmaßnahme zugunsten eines arabischen Antisemiten“ die Rede ist und Antirassisten bescheinigt wird, sie litten unter einer sadomasochistischen Haltung.

Erinnerungspolitik in Deutschland ohne Krawall? Geht nicht. Unwahrscheinlich, dass diejenigen, die da öffentlich Stellung beziehen, die Ausstellung gesehen haben. Vor zwei Tagen erst wurde sie eröffnet und bisher ist das Verhältnis „Zeitungsartikel zu Besucher“ ziemlich ausgeglichen. Jedenfalls taugt sie kaum zur Projektionsfläche, sie ist nüchtern, fast schon didaktisch. Im Eingangsbereich empfängt die Besucher eine Weltkarte, die klar macht, dass es im folgenden um ein weites Schlacht-Feld gehen wird. Die Schautafeln zeigen denn auch Schlaglichter, Ausschnitte: antisemitische Maßnahmen in Nordafrika, Zwangsprostitution durch die japanische Armee, deutsche Planungen für ein Kolonialreich, Kollaboration in Indien. Diese Ausstellung hat keine „Tendenz“. Sie wird getragen von dem aufklärerischen Impuls, nicht länger den Zweiten Weltkrieg zu erzählen und dabei einen Gutteil der kämpfenden und leidenden Zeitgenossen unerwähnt zu lassen.

Für Asiaten, Afrikaner oder Südamerikaner verlief die Front nicht einfach und nicht nur zwischen Alliierten und Achsenmächten. Japan führte in China einen grausamen Vernichtungskrieg. 1944 wurde eine Revolte der „Senegalschützen“ vom französischen Militär blutig niedergeschlagen. Der arabische Nationalist und Judenhasser Al-Husseini, bekannt als „Mufti von Jerusalem“, rekrutierte Freiwillige für die Waffen-SS. In der französischen Résistance gab es rassistische Tendenzen. All diese unbequemen Wahrheiten sind in Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg zu finden. Die Ausstellungsmacher hätten „das Thema verfehlt“, glaubt Philippa Ebéné, weil das eben nicht zu einer Gedenkveranstaltung passt. Aber das Thema verfehlen diejenigen hartnäckig, die sich öffentlich über die Ausstellung auslassen, ohne über ihre Inhalte zu sprechen.


 

 
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