Kultur

Film | 23.10.2009 15:37 | Matthias Dell

Empörung zum Mitnehmen

Günter Wallraffs Enthüllungsfilm "Schwarz auf weiß" enthüllt, was jeder weiß: Dass es in Deutschland Rassismus gibt. Und gibt sich damit so naiv wie der Diskurs darüber

Für das, was Günter Wallraffs Film herausfinden will, braucht es Günter Wallraffs Film nicht. Der Erkenntnisgewinn von Schwarz auf weiß strebt gegen null: dass es in Deutschland Rassismus gibt, dass Menschen, die anders aussehen, Benachteiligungen, Zurücksetzungen, Beleidigungen und Gewalt erfahren müssen, kann nur jemanden überraschen, der noch nie einen Fuß in die Wirklichkeit gesetzt hat. Das soll nicht heißen, dass das Problem, dem sich der Enthüllungsreporter Wallraff durch verkleidete Selbsterfahrung widmen will, nicht gravierend ist. Es bedeutet nur, dass Wallraffs Methode sich zu mehr nicht eignet, als einfache Empörung zu produzieren.

Das Scheitern von Schwarz auf Weiß lässt sich formal erklären. Zu Beginn behauptet Wallraff, dass seine Recherche ergebnisoffen sein soll: "Vielleicht bin ich ja überrascht und wir sind ein unglaublich ausländerfreundliches Volk. Es würde mich freuen." Das ist, mit Verlaub, gelogen. Denn schon die Idee zu dem Film basiert auf der gegenteiligen Annahme – wozu sonst dieser Film? Außerdem hat Wallraffs Arbeit – ob als Hans Esser bei Bild oder als Türke Ali im Niedriglohnsektor lange, bevor der so hieß – immer auch das hervorgebracht hat, was sie suchte. Das soll kein Vorwurf sein, es soll nur zeigen, dass der Stand scheinbarer Naivität, in den Wallraff sich durch solche Äußerungen setzen will, nicht Wallraffs Stand ist.

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Dreieinhalb positive Begegnungen

In Schwarz auf weiß verkleidet Wallraff sich also als Somalier Kwami Ogonno und reist durch Deutschland: zu Fußballspielen, Wohnungsvermieterinnen, Ausflugskähnen, Uhrenverkäufer, Schäferhundevereinen, Wandergruppen, Nachtclubs, Kneipen und so weiter. Die mit versteckter Kamera gefilmten Szenen laufen auf das immer gleiche Ergebnis hinaus: zu zeigen, wie ignorant, dumm, verängstigt, rassistisch weiße Deutsche sind in ihrem Verhältnis zu Menschen, die nicht aussehen wie sie selbst. Das ist zweifellos so – aber das ist eben nichts, was nicht gewusst wird. Daran liegt die Schwäche von Wallraffs Redundanz (er erbringt einen Beweis, der nicht mehr erbracht werden muss). Die Stärke eines Films über den deutschen Rassismus hätte darin liegen können, die scheinbare Unwissenheit zum Thema zu machen. Also Leute, die Deutschland schon für weltoffen halten, weil es bei der WM 2006 gelungen ist, schwarzrotgoldene Fahnen zu schwenken, ohne an die Grenzen von 1937 zu denken, mit der Realität, die Wallraff fleißig aufsucht, zu konfrontieren. Leute, die sich über Menschen empören, die von No-Go-Areas für Schwarze sprechen, weil Standortmarketing und Tourismuswerbung ihre Jahresproduktion an Broschüren deshalb wieder wegwerfen können. Dreieinhalb positive Begegnungen gibt es in Schwarz auf weiß – aber zur Empirie taugt der auch Film nicht, weil man nicht weiß, was und wie viel weggelassen wurde.

Wallraffs Methode ist einfach: Er differenziert nie, weder bei seiner Figur, noch bei den Menschen, denen er begegnet. Man fragt sich manchmal, was Christoph Schlingensief aus so einem Stoff gemacht hätte, wo die Travestie von Fernsehformaten, an denen der weiße Deutsche sich erfreut, doch so nahe liegend ist: Welche Schärfe Wallraffs verdecktes Filmen bekommen hätte, wenn er ihn als Parodie auf Verstehen Sie Spaß? inszeniert hätte. Man fragt sich selbst, was Hape Kerkeling daraus gemacht hätte oder Michael Moore. Denn viel näher als den Leuten, für die er zu sprechen glaubt, steht Wallraffs Schwarzer den Kunstfiguren aus dem Medienbetrieb: Horst Schlämmer etwa oder Martin Sonneborns Partei-Vorsitzenden. Wo Kerkeling nichts will, das aber weiß, wo Sonneborn etwas will, aber nicht weiß, was, reiht sich Wallraff ein als einer, der abgesehen davon, dass er genau weiß, was er will, nichts wissen will.

Der Begriff vom Anderen

Warum irritiert Wallraff, wenn er sich schon verkleidet und einen Film inszeniert, seine Gegenüber nicht einmal: Wieso geht er nicht - nachdem der Schäferhundeverein ihm horrende Aufnahmesummen genannt hat und seiner weißen Komplizin danach nicht – mit der Komplizin am Schluss noch einmal dahin und setzt den Schäferhundevereinsvorsteher seiner Lüge aus? Warum zieht er sich in jeder Diskussion auf sein gebrochenes Deutsch zurück, statt die Menschen, die ihm seinen Platz ganz unten zuweisen wollen, durch seine Klugheit und Eloquenz zu verunsichern? Warum, wenn er schon naiv sein will, spielt er diese Karte nicht konsequent aus und geht – geschützt von Team und Medienöffentlichkeit - selbstbewusst, vergnügt und gut drauf eben dahin, wo aus vernünftigen Gründen niemand, der anders aussieht als die dort versammelten unsympathischen weißen Deutschen, hingehen würde? Die Erklärungen und Diskussionen wären heillos geendet, keine Frage, aber vielleicht hätte der eine oder andere eine Ahnung bekommen, dass er sich um Kopf und Kragen redet. Stattdessen fragt Wallraff die Fußballnazis, was der Schriftzug "Lonsdale" auf ihrem T-Shirt heißt.

Schwarz auf weiß ist auch politisch ein problematischer Film. Das Verkleiden, das Anmalen ist ein Akt – gerade auch wie Wallraff ihn inszeniert: mit einem schwarzen "Experten" an der Seite, vor den Augen eines staunenden Kindes –, der in der langen Geschichte des Rassismus nicht unschuldig ist. Nicht nur weil Wallraff trotzdem wie Wallraff aussieht, muss man sich zudem fragen, warum er überhaupt der Akteur seines Filmes sein muss: Für eine Campingplatzszene engagiert er zwei schwarze Frauen mit Tochter, die danach von ihren Erfahrungen berichten. Wer diese Erfahrungen hört, braucht Wallraffs Film nicht. Warum hätte er mit seiner Prominenz nicht einfach diese namenlosen Leute zu Wort kommen lassen beziehungsweise verdeckt begleiten können?

Am schlimmsten ist aber, dass Wallraff implizit den Begriff vom Anderen teilt (er selbst sagt: "Fremden"), den bei ihm alle Gegenüber und in Deutschland große Teile der weißen Gesellschaft haben. Rassistisch gegenüber Schwarzen zu sein, bedeutet, wie die Eingangsworte zeigen, auch für Wallraff "ausländerfeindlich" zu sein. Damit ignoriert er eine Realität (nämlich dass Nationalität keine Frage der Hautfarbe ist), mit deren Akzeptanz schon viel gewonnen wäre im deutschen Rassismus-Diskurs. "Ich wurde nur über die Hautfarbe definiert, und das was sonst den Menschen ausmacht, wird gar nicht zur Kenntnis genommen", bilanziert Wallraff am Ende. Dieser Satz lässt sich allerdings auch als Beschreibung der Art und Weise lesen, wie Wallraff seine Rolle zumeist auslegt.

Man könnte nun sagen, dass Schwarz auf weiß immerhin den positiven Effekt hat, dass über das Thema deutscher Rassismus gesprochen wird. Da ist etwas dran. Zugleich arretiert der Film aber den Stand des Diskurses über den Umgang weißer Deutscher mit Nicht-Weißen auf der Schwelle scheinbarer Ahnungslosigkeit: Das Buch zum Film wird im seriösen Deutschlandfunk besprochen mit Vokabeln wie "Farbigen" (was, das kann auch eines Tages mal begriffen werden, Bezeichnungen sind, die Menschen, die damit gemeint sein sollen, beleidigen). Vielleicht hätte der Film dort ansetzen sollen – und nicht bei Volksfesten und Schäferhundevereinen.

 
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Kommentare
Steffen Kraft schrieb am 23.10.2009 um 16:11
"Für eine Campingplatzszene engagiert er zwei schwarze Frauen mit Tochter, die danach von ihren Erfahrungen berichten. Wer diese Erfahrungen hört, braucht Wallraffs Film nicht."

Das habe ich mich ja schon bei der Lektüre von "Ganz unten" gefragt: Warum simuliert Wallraff die Stimme der "Fremden", anstatt sie selbst sprechen zu lassen?

Darin steckt doch eine Anmaßung. Es unterstellt, sie hätten keine Stimme, die hörenswert wäre. Es behauptet: Diese Menschen sind nicht nur Ziel von Anfeindungen, sondern nicht einmal selbst fähig, sich dagegen zu erheben. Und es sagt: Ach Mensch, alles muss der Weiße Mann selbst machen, der hat aber auch eine schwere Bürde.

P.S.: Sonneborn weiß allerdings genau, was er will: seine Finanzierung sichern.
donda schrieb am 23.10.2009 um 17:31
»mit Vokabeln wie "Farbigen" (was, das kann auch eines Tages mal begriffen werden, Bezeichnungen sind, die Menschen, die damit gemeint sein sollen, beleidigen)«

-- das mag ja jetzt eine ganz blöde Frage sein, ist aber ernst gemeint und verbunden mit der Hoffnung auf Aufklärung: Wie genau bestimmt sich, und woher kann man als Sprecher mit Ambition zu beleidigungsfreier Sprache erfahren, welche Bezeichnungen von welchen Menschen als Beleidung empfunden werden? "Farbiger" ist beleidigend, "Colored" aber nicht (der in Wikipedia zitierten Stellungnahme der NAACP zufolge, )? "Farbiger" ist beleidigend, "Schwarzer" aber nicht (zumindest wird der Ausdruck in diesem Artikel ohne scare quotes verwandt)?

Alle diese Ausdrücke sind unpräzise (auch "Weißer" trifft die Hautfarbe des durchschnittlichen Mitteleuropäers nicht wirklich), generalisierend, auf abstrakte Äußerlichkeiten ausgelegt und haben damit die Tendenz zu sachlich unbegründeten Beurteilungen bereits fest eingebaut, und damit ist klar, daß solche auf mit bestimmten ethnischen Unterschieden "typischerweise" verbundenen Unterschiede der Hautfarbe oder anderer körperlicher Merkmale abzielenden Ausdrücke von vorneherein möglichst verzichtet werden sollte. Aber wenn man einen solchen Ausdruck denn einmal braucht -- woran erkennt man dann möglichst nicht-beleidigende Bezeichnungen?
Matthias Dell schrieb am 23.10.2009 um 18:10
erfahren kann man das in büchern (empfehlenswert ist noah sows "deutschland schwarz-weiß www.deutschlandschwarzweiss.de/) oder auf websiten (etwa derbraunemob.de/deutsch/index.htm). "farbig" hat - genauso wie "colored" im englischen übrigens, der wikipedia-eintrag lässt ja erahnen, dass die behauptung nicht unumstritten ist - einen euphemistischen charakter, der wiederum suggeriert, das "schwarz" ein problem ist. man muss sich bei vielen dieser begriffen, die noch heute unhinterfragt verwendet werden, auch vor augen führen, dass sie dazu dienten, menschen abzuwerten aufgrund dieser bezeichnungen. schwarze ist als bezeichnung sicherlich auch eine krücke, aber da, wo der unterschied benannt werden muss, eben eine form, die nicht diskriminierend ist. wie unpassend solche zuschreibungen sind, bemerken sie ja am beispiel weißer: die hautfarbe wird damit nicht getroffen - aber warum sollte man auch die hautfarbe treffen? der unterschied muss, wie sie bemerken, ja viel seltener bemerkt werden als gemeinhin angenommen wird - genaugenommen nur in kontexten wie diesem. der witz dabei ist ja, dass, wenn man mal von weißen spricht, man ein gefühl dafür bekommt, wie unsinnig solche generalisierungen sind, die in der öffentlichen praxis in deutschland im bezug auf andere aber völlig normal scheint. in dem text wird außerdem von weißen gesprochen, weil anders der gegensatz, in dem der film operiert, nicht beschrieben werden kann. oder wie sollte man die leute nennen, denen der verkleidete wallraff begegnet?
mh schrieb am 24.10.2009 um 12:52
mittlerweile muss man jahrelang studieren, um die politisch korrekte anrede für diverseste volksgruppen zu finden. und wenn man das hinter sich hat, dann ist schon wieder alles überholt.

mit maximalpigmentiert hatte ich aber irgendwie ebenso wenig erfolg mit negerle. allerdings nur bei den hellhäutern, den anderen, also den dunkelhäutern, wars egal. komisch.

mfg
mh
Matthias Dell schrieb am 24.10.2009 um 19:05
mh,
glückwunsch! was für ein origineller kommentar, der darf hier natürlich fehlen, da löckt ein querdenker wider den stachel, da ist einer voll nicht "politisch korrekt", das kann nicht jeder, solche dogmatischen meinungen brauchen wir: werde für die auslobung und verleihung des henryk-m-broder-preises für sichselbstgeilfindenden scheuklappenfundamentalismus plädieren.
was mich persönlich ein bisschen enttäuscht: es fehlen noch ein paar klassiker dieser äußerst unkonventionellen, noch nie dagewesenen, so unbeirrt, frei und radikal kühn gedachten argumentation. c'mon, mh, das wird sich doch bei nächster gelegenheit noch machen lassen: "man weiß ja gar nicht, was man noch sagen soll." "das sagen die doch selber." außerdem wartet der "gutmensch" auf seinen einsatz, und dass "denkverbot" und "sprachpolizei" hier fehlen, geht eigentlich gar nicht.
Magda schrieb am 24.10.2009 um 19:30
"mit maximalpigmentiert hatte ich aber irgendwie ebenso wenig erfolg mit negerle. allerdings nur bei den hellhäutern, den anderen, also den dunkelhäutern, wars egal. komisch"

Ach mh, Mensch nee:
Dabei ist es ganz einfach. Wenn Schwarze, die hierzulande leben und auch anderswo mehrheitlich sagen, sie finden "Neger" nicht passend, dann ist das doch eindeutig. Nix Studium. Das kostet auch gar nix, außer den Verzicht auf zuviel geistige Arabesken.

Mir kommen solche Debatten auch immer vor, als wenn jemand ganz ganz extrem - nein nicht geil - sondern nonkonformistisch sein will.
mh schrieb am 29.10.2009 um 19:13
meine kernaussage war, dass dieses ganze zeugs hauptsächlich ein problem derer ist, die davon gar nicht betroffen sind. die dahinterstehende gesellschaftliche aussage ist selbsterklärend und vor allem auf den film sehr passend bezogen.

der rest, war knochen für die reflexhunde. und sie beißen, wie immer.

den pokal kann ich also zurückgeben.. besonders an den pc-hersteller.

mfg
mh
Matthias Dell schrieb am 07.11.2009 um 11:56
nee, nee, nee, mh, keine falsche bescheidenheit, der pokal gebührt allein dir: wer es schafft, in diesem erwartbaren, unwitzigen und natürlich ganz und gar reflexlosen geschreibsel da oben so etwas wie eine "kernaussage" unterzubringen (das hatte sich mir echt nicht so erschlossen), der ist und und bleibt, chapeau, chapeau, chapeau, der meister aller klassen, der maulwurfshügel in der tiefebene, die unser langweiliges denken ist.
ps. wir arbeiten beim freitag übrigens mit mac und nicht mit pc (wegen der grafikprogramme)
SteinMain schrieb am 24.10.2009 um 02:45
Was man nicht sieht, was man nicht sehen sollte, ich denke das Elaborat wird in etwa 2 Jahren im deutschen Bildungsfernsehen ab 3:00 Uhr zu sehen sein. Jedenfalls: wer in FFM einen richtigen Rassisten sehen möchte, der muss sich schon mal derartig ins Umland begeben, schlechte öffentliche Verkehrsverbindungen akzeptieren und so etwas wie die Familienmolkerei am Ortsende von Schlumpfhausen besuchen, da kenne ich einen der einen Rassisten kennt.
Mein Gott, was für ein Thema, in einem freien Land zu leben, bedeutet doch auch, sich nicht mit Dummbirnen abgeben zu müssen, wenn ich jetzt als Neger in einen treudeutschen Kleingartenverein eintreten will, ist das wie die Geschichte mit dem einbeinigen Mädchen, das unbedingt zum Ballet möchte [Raymond Chandler].
Matthias Dell schrieb am 25.10.2009 um 13:23
ihre wortwahl spricht gegen ihr argument.
sequencer schrieb am 24.10.2009 um 04:49
Hat den Wallraff eigentlich niemand erkannt? Auf jedem Foto was ich bis jetzt gesehen habe sieht er so afrikanisch aus wie ein Gartenzwerg.

Und ich meine bei SPON gelesen zu haben das, als Wallraff als eloquent und wohlhabend auftritt die Hautfarbe in der Situation nebensächlich wird.

Gefunden: "Dabei ist in einer Filmepisode klar zu sehen, welchen Unterschied Geld und Habitus machen können. Schick gekleidet und in akzentfreiem Deutsch parlierend, wird der schwarze Wallraff in einem edlen Düsseldorfer Uhrengeschäft so zuvorkommend wie nur irgend möglich behandelt." is.gd/4yz6C

Das sollte einem auch zu denken geben.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 24.10.2009 um 07:28
Warum? Warum? Warum?
Keine US-Bürger würde Sasha Baron Coehn / alias "Borat" fragen, warum er solche Sachen macht.

Im Gegenteil. Man feiert "Borat" in den USA.

Für mich ist Wallraff der Deutsche "Borat". Auf simple Art und Weise hält der uns allen den Spiegel vor.

Wallraff ist für mich der Größte und folgendes Zitat finde ich grotesk:
Als Grund, warum die Vermietern den schwarzen Wallraff nicht zum Mieter wollte, sagt diese im Film: "Der ist ja so schwarz, wie der von Heidi Klum!"

Lachen hilft. Immer.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 24.10.2009 um 07:40
PS:
Martin Luther King, Jr. -- I'm Black and Beautiful

www.youtube.com/watch?v=nGLF0X3WIiE
franzferdl schrieb am 25.10.2009 um 15:23
das ist - mit verlaub - naürlich ein schmarrn. wallraff ist mitnichten baron-cohen, dessen entlarvungsstrategien gerade aus einer position der unnachgiebigen zuspitzung bestehen. das ist nahezu ein unterschied ums ganze & man wünschte sich, wallraff hätte es ähnlich aufklärerisch-satirisch versucht, anstatt diese biedere, verkrampfte anmalerei zu versuchen, die von vielen betroffenen als anmassung empfunden wird. insofern möchte ich dem autor matthias dell ein großes lob aussprechen für eine durch & durch gelungene kritik aussprechen. besonders beeindruckt bin ich von seiner analyse, dass wallraff auf perfid-paradoxale weise den "begriff vom anderen" teilt - solche kulturwissenschaftlich versierte stellungnahmen liest man viel zu selten. wallraff bestätigt diese einschätzung v.a. durch seine in interviews oftmals geäusserte "rollen-theorie", die ihm, als nur angemalten schwarzen, immerhin gestatte, aus seiner rolle wieder auszutreten, gewissermassen wieder seine im eigentlich fremde haut abzustreifen, um dann wieder als "weiß" anerkannt werden zu können. man fragt sich in der tat, wieso dieses stets brisante & viel zu wenig beachtete thema nicht durch eine ernsthafte und die betroffenen respektierende bzw. ernstnehmende "teilnehmende beobachtung" bearbeitet wurde anstatt dieses unwürdige masken- und farbenspiel aufzuführen...
elgreco schrieb am 24.10.2009 um 15:08
Die Schlussfolgerung des Filmkritikers ist Unsinn.
Es entspricht dem "linken" political correctness indem gesagt wird, wir(?)wissen um den alltäglichen Rassismus und uns muss man dies nicht vorführen!
Mir ist noch kein Bürger begegnet, der zugibt, er hätte Vorurteile gegen Fremde, oder einfach gegen Menschen die anders aussehen. Natürlich betont „Jeder“, dass es solche Typen gebe aber „selbstverständlich“ treffe dies nicht auf ihn zu. Unsere Politiker betonen ständig, Rassismus und
Fremdenfeindlichkeit wären nur Randerscheinungen – und als Überbleibsel der atheistischen und bösen Kommunisten typisch für die Menschen in der ehemaligen DDR.
Es sind deshalb gerade die konservativen Politiker die Wallraffs Film als schlecht und unnötig beschimpfen.
Matthias Dell schrieb am 24.10.2009 um 18:36
elgreco,
ich würde nicht behaupten, dass "wir" alle um unseren rassismus wissen, ich würde behaupten, dass man das wissen könnte (auch ohne wallraff), weil es eben schon oft genug dargestellt worden ist - das merkwüdige daran ist, es will nicht gewusst, nicht begriffen werden: ein musterbeispiel für diese ignoranz findet sich weiter oben im kommentar von MH: so sieht unsinn aus.
ansonsten verstehe ich nicht, was mit "'linker' political correctness" gemeint sein soll.
fruehauf schrieb am 25.10.2009 um 15:05
Ich hab den Film nicht gesehen, habs auch nicht vor.
Allzu ernst sollte man den Wallraff halt nicht nehmen, finde ich, das geben seine Methoden einfach nicht her.
Benjamin Mattausch schrieb am 26.10.2009 um 12:43
Im Film wie auch in dieser Diskussion tritt unser Eurozentrismus, unsere weiße Dominanz, offen zu Tage. Wir Weiße diskutieren, ob Schwarze "Neger", "Farbige" etc. heißen sollen. Fragen wir sie doch einfach selbst!?

Wallrafs Erfolg ist gerade dieser, der weißen Perspektive, in der er sich als Schwarzer anmalt, geschuldet. Diese Rolle gibt dem Thema Autorität und Außenwirkung, die ein Schwarzer in der Öffentlichkeit nicht erhalten könnte. Wir Weiße würden ihm nämlich nicht zuhören. Dokus zum Lagerleben in Deutschland, No-Go-Areas etc. gibt es genug. Sie berühren jedoch nicht. Erst der schwarz angemalte Weiße schafft Berührung. Ihm glauben wir, ihm hören wir zu. Gleichzeitig kann er uns in Schutz nehmen, da es ja immer nur die Anderen sind. Dem ist nicht so.

Wir Weiße sind rassistisch. Punkt.

Gayatri C. Spivak schlägt als Ausweg die Praktik des ZUHÖRENS vor, einer Praktik, die uns Weißen seit der Kolonialisierung fremd geworden ist. Mehr dazu: Spivak, G.C. (2008): Other Asias. Malden/Oxford

Zum Problem der Zuschreibungen: Schwarze aus der Schweiz, die in Deutschland Urlaub machen, sind vielleicht Ausländer oder Fremde. Schwarze, die hier leben, sind oftmals Deutsche oder Migranten. Klingt komisch, ist aber so.

Um mal ein Gefühl zu bekommen, wie es ist, wenn Weiße "ihre Welt erobern", europäische Wissenschaft ihren eigenen Kontext und Habitus als weltweiten Maßstab zur Orientierung geben, dem sei der Film „Fest des Huhns“ (auf Youtube verfügbar) ans Herz gelegt.

Hier geht es um ein afrikanisches Forscherteam, das in Oberösterreich ein Dorf aufsucht und eine Dokumentation erstellt.

Fest des Huhns
1. Teil: www.youtube.com/watch?v=ieRaqYq_8FE
2. Teil: www.youtube.com/watch?v=xgUlOPL_VEc&feature=related
3. Teil: www.youtube.com/watch?v=4goi6AARnHw&feature=related
4. Teil: www.youtube.com/watch?v=JS4VlNHy7Ow&feature=related
5. Teil: www.youtube.com/watch?v=e7fGWlHukt0&feature=related
6. Teil: www.youtube.com/watch?v=XKkTxD7H2CU&feature=related
jfricke schrieb am 26.10.2009 um 13:03
Wenn ich die hier veröffentlichen Einträge lesen, frage mich zwei Dinge:

Ist die Möglichkeit einer Kommentierung im Internet wirklich eine gute Idee. Das Niveau mancher Beiträge unterscheidet sich nicht mehr Stark von denen bei YouTube oder Bild.de

Und zweitens haben die dümmsten Kommentatoren jetzt einfach den Freitag übernommen, weil andere entnervt aufgeben oder nicht so viel Zeit haben oder waren Freitags-Leser schon immer so latent rassistisch wie SpOn-Leser. Von "linker political correctness" und "Gutmenschentum" muss ich hier immer öfter lesen. Was läuft da eigentlich falsch?
jfricke schrieb am 26.10.2009 um 13:06
Was ich jetzt natürlich vergessen habe: Sehr guter Artikel!
Benjamin Mattausch schrieb am 26.10.2009 um 13:37
Gefällt mir, zwei wichtige kritische Gedanken zur Freitags-Community. Vielleicht kannst du dazu einen Leitartikel formulieren, sodass sich die Diskussion nicht hierhin verlagert.
Matthias Dell schrieb am 26.10.2009 um 23:38
lieber jacob fricke,
so sehr ich ihre meinung schätze, finde ich die diskussion hier doch recht sachlich und würde auch nicht behaupten, dass die "dümmsten kommentatoren" den freitag übernommen haben. ich will damit nicht die diskussion angefangen, die benjamin mattausch hier zu recht nicht führen will, aber ich halte niveau und ton der freitag-kommentare doch meistens für gut. kann man jetzt sagen, das muss ich sagen, ist aber so. wenn man sich anschaut, wie locker die hasserfüllten reflexe selbst unter harmloseren beiträgen auf - gut, das ist kein maßstab - welt-online sitzen, ist das dennoch eine positive erfahrung. dass es immer wieder ärgerliche ausnahmen gibt, liegt meines erachtens in der natur des formats. 80 prozent sachliche kommentare, sagte herr kosok von der community-verwaltung heute, seien ein sehr guter schnitt. im übrigen ist meine erfahrung, dass solche extrem schwierigen, weil völlig unklaren begriffe wie "political correctness" auch in linken kreisen immer wieder absurde reaktionen hervorrufen. neulich habe ich eine radio-diskussion verfolgt, in der bettina gaus sich genötigt sah, im angesicht des furchtbaren broder von "p.c." völlig überflüssigerweise zu distanzieren.

ps. danke für das lob
jfricke schrieb am 27.10.2009 um 00:09
Das mit den "dümmsten Kommentatoren" nehme ich zurück, da es mehr ein Reflex auf ein oder zwei Beiträge hier war. Ob 80 Prozent der Kommentare auf den Seiten des Freitags sehr gut sind, vermag ich hingegen nicht zu beurteilen. Mir kommt es weniger vor. Vermutlich weil ärgerliche Kommentare einem eher im Gedächtnis bleiben. Das die Probleme auf anderen Seiten wesentlich gravierender sind, habe ich ebenfalls in meinem so eben veröffentlichen Beitrag geschrieben:

www.freitag.de/community/blogs/jacob-fricke/was-bringen-eigentlich-user-kommentare
h.yuren schrieb am 26.10.2009 um 18:10
ich muss gestehen, dass ich keine einzige enthüllungsreportage wallraffs gelesen habe. das war jedesmal aufklärung für andere, nicht für mich. darum interessiert mich auch der film jetzt nicht.
insoweit kann ich der kritik beipflichten. andrerseits lässt sich alles und nichts kritisieren. mich stört es nicht, welches pädagogisch wertvollste verfahren zum zuge kommt. hauptsache, es ist nicht eindeutig falsch. man ist bescheiden. wallraff ists auch, natürlich.

warum werden die ursachen der diskriminierungen nicht zum thema gemacht? warum werden die erkannten ursachen nicht öffentlich bekannt?
ganz einfach: das greift an die grundfesten des systems. das geht also nicht. deshalb bleibt es bei wirkungslosen spielchen und pläuschchen.
das system gehört in die werkstatt, nicht die spiele an der oberfläche.
warum müssen x verfassungsschützer z.b.innerhalb der rechten szene unterwegs sein? warum hängen gewisse parteien an diesen leutchen?
der wallraff ist doch nur ein ablenkungsmanöver. soll er doch die letzten deppen noch aufklären meinetwegen. wenn er es wichtig genug findet. ich habe lehrer sagen hören, sie seien zufrieden, wenn 3% der schüler/innen kapierten, worum es ging. was die gören und bengel da in der anstalt und zuhause nicht gelernt haben, kann wallraff ihnen vielleicht eintrichtern. warum nicht?
Columbus schrieb am 26.10.2009 um 22:35
„Wallraffen“

Günter Wallraff ist weder Filmästhet, noch Philosoph. Auch Journalist ist er in diesen Schwarz-Weiß-Rollen nicht. - Ich, von Natur aus eher zart besaitet, dem Differenzierten und Komplizierten zugewandt, bekenne allerdings, dass gerade diese Leichtigkeit, den Alltagsrassismus so simpel und plump aufzudecken und vorzuführen, in dem er ganz platt Verkleidungen und die holprige Sprache nutzt, sowie diverse Dazugehörigkeitswünsche (Schießen, Mieten, Camping, Gärtnern) vorträgt, mich extrem anspricht und aufrüttelt.

Gerade weil Ihre Kritik so treffend ist, Herr Dell, -Ich kann mir doch überhaupt keinen „Der Freitag“ vorstellen, der sich nicht gegen Rassismus wo er erkennbar wird, massiv zur Wehr setzte und es dann möglichst differenziert täte.-, gerade weil Sie sofort, wie wahrscheinlich das meist schon aufgeklärte Lese- und Sehepublikum des „Der Freitag“, die für das Wallraff- Machwerk ungünstigen Vergleiche parat haben, gewinnt doch Wallraffs „Schwarz auf weiß“ und seine dazu gehörende Publikation spielend.

Der Autor und Filmer verspricht keinen authentischen Bericht über die Lebenswirklichkeiten der Betroffenen des Alltagsrassismus. Er möchte auch keine soziologische Milieustudie liefern, weil er ganz konsequent in seiner Maske auf jeden zweiten, weiteren und tieferen Gedanken bewusst verzichtet! - Das ist hohe Aufmerksamkeitskunst. - Ich bin mir sicher, von Wallraff war das genau so beabsichtigt, als ein Effekt, den manchmal noch Performance-Künstler oder eben andere artistischen Provokateure einsetzen.

Die Mehrzahl der maskierten Rollen, im Film gezeigt, im Buch beschrieben, lebt von dieser spontanen Idee, als erkennbar Anderer dabei zu sein. Geradezu ein schwarz geschminkter Kleinbürger werden zu wollen, es so machen zu wollen, wie vorgestellt, d.h. in der Fantasie, Alle.

Am Ende stimmt nicht einmal die Hautfarbe um eine Wohnung, einen Campingstellplatz oder eine Schützenlizenz zu bekommen. - Wir mögen zwar aufgeklärt wissen, dass es diese Allgemeinheit längst nicht mehr und nirgenwo mehr gibt, aber die Vorurteile leben von deren expliziter und impliziter Gültigkeit.
Das galt so für Wallraffs Türken Ali, das galt für sein Eindringen und Mitmischen in Callcentern, das stimmte für ihn, als Hans Esser bei BILD, oder, bei einem so genannten,mittelständischen Lebensmittelunternehmen, das seine Mitarbeiter versklavt.

Das Erschreckende an der Reportage zum Verhältnis des Schwarz zu Weiß zeigt sich jedoch vor allem in dem immer wieder von den handelnden Mitspielern eingeholten "Konsens der Bystander", z.B. wenn die Vereinsvorsitzende der Kleingärtner sich Rückhalt bei den Mitgliedern einholt, mit ihrer „robusten“ Art werde sie den formal möglichen Beitritt schon aufzuhalten wissen. Etwa, wenn das nachher eingesetzte fleischfarbene Prüfteam, sich geradezu einbezogen fühlen muss, wenn es die Rechtfertigungen einer Vermieterin, die dem „bunten“ Wallraff eine Wohnung vor enthielt, erträgt.

Die Konfrontation mit den Ergebnissen der Recherche, das zeigen ja die immer wieder seriösen Versuche der paar wenigen Politikmagazine und investigativ arbeitenden Journalisten in Deutschland, erbringen, außer dem typischen juristischem Stellungnahmen-Schwurbelsprech der Verantwortlichen und ihrer Repräsentanten, - „vom laufenden Verfahren“, bis „so, nicht gesagt!“ geht gestelzt, aber zumindest rechtssicher die Rede- , außer Pressemitteilungen und Gesprächsverweigerungen am laufenden Band, meist keine weitere Aufklärung, schon gar keine Veränderung und absolut keinen Zugang zu einem breiten Publikum aus. - Das trifft auf Skandalisierungen in jedem Bereich zu. Der Bürger lässt sich allenfalls dumpfes Schweigen verordnen. Wo aber der öffentliche Blick nicht hinreicht, da kommt so mancher Bürger mittlerweile ganz ohne Tarnung aus.

Die Verstörung und der Verfall guter Sitten ist so weit fortgeschritten, dass „Fremde“ grundsätzlich als Bedrohung und eben darum als Abzuwehrendes Ärgernis und Gefahr betrachtet werden.

Dieses nicht Aushalten des Fremden, seine weitestgehende Vermeidung und Ausgrenzung, zeichnet Wallraff auf, nachdem er es provoziert. Er schildert natürlich nur überzeichnete Extreme.

Der Kleingartenverein ist selbstverständlich auch gegen jeden intolerant, der beispielsweise seine Hecke nicht satzungsgemäß kappt, oder das von der Stadt oder Gemeinde gepachtete Grabeland als Spielwiese für Kinder missversteht, oder gar einen „Wildgarten“ anzulegen drohte.
Der Sportschützenklub lehnte sicher auch jeden ab, der z.B. den Wunsch äußerte, aus den Vereinsschützenheim so etwas wie eine Fortbildungsstätte und Sicherheitstrainingscamp für Waffenbesitzer, nebst ausreichender psychologischer Betreuung derselben, um zu funktionieren.

„Schwarz auf Weiß“ verzichtet auf jede Art der Auslegung. Das kommt im Allgemeinen nicht gut an, weil nämlich der irgendwie „motivierte“ Rassismus, z.B. aus Konkurrenzangst, aus Furcht vor schlechten Erfahrungen mit ausländischen Mietern und Migranten, die tatsächlich manches Mal Wohnungen wertzerstörend nutzen, oder aus Angst um die eigene Existenz, wenn z.B. die übrigen weißen Camperdauergäste auszubleiben drohen, nur allzu gerne als Entschuldigung angenommen wird. - Wer sich erinnert, es gibt zum Thema auch ausreichend Selbstversuche Behinderter und natürlich einen ganzen Haufen einschlägiger, in den Medien berichteter Fälle. Von der Einstellung nach Aussehen für die diversen Empfangsportale der Republik, bis zur Ablehnung Behinderter am Nachbartisch im Urlaub.

Hier aber, schlägt bunt und Schwarz auf Weiß zugleich, das schlicht ganz Alltägliche durch. Unterschiede beim Wettbewerb und beim Mitmachen sind hier so banal und alltäglich, wie das Mobbing an Schulen unter Cliquen und gegen Einzelne, die nicht durch anderes Aussehen, sondern durch konsequent anderes Verhalten auffallen. Auch das ist, vom Selbstversuch, -Herr Wallraff ist nicht der Erste, der verkleidet, auf Schwarz geschminkt, keinen Eintritt oder Zugang bekommt. - , bis zur empirischen Studie, längst belegt.

Ich fühle mich hin- und her gerissen. Soll ich Wallraff anhand meiner eigenen, mühsam erworbenen Bildungsästhetik aburteilen, oder sollte ich ihn nicht viel lieber in den Himmel loben, in diesen finsteren Zeiten, in denen ein Thilo Sarrazin exklusiv in Lettre- Deutschland Hahnebüchenes zum Besten gibt und es allen Ortes darüber zu „brodern“ scheint? Ganz ehrlich, mein Herz schlägt allemal für den mutigen Wallraff.

Grüße
Christoph Leusch
Matthias Dell schrieb am 26.10.2009 um 23:55
lieber columbus,
ich glaube, ihr dilemma ist nicht so groß, wie sie fürchten. man muss wallraff nicht verdammen (und schon gar nicht die person), aber man darf sich (und das eben unabhängig von seiner person, die ihre verdienste hat) trotzdem fragen, wie das etwa noah sow getan hat (www.tagesschau.de/inland/rassismusinterview100.html), ob der zweck die mittel heiligt. man sollte die dinge auseinanderhalten: wallraffs film ist schlecht, unsensibel und auch anmaßend, aber das heißt nicht, dass das thema, das er sucht, keines ist. dass er, wie sie schreiben, "überzeichnete extreme" schildert, hilft dem deutschen rassismus-diskurs meines erachtens nicht weiter, weil diese extreme den stand verunklaren, in dem sich der diskurs befindet. natürlich kann man sagen, dass wallraff mit seiner prominenz dem thema zu einer öffentlichkeit verhilft, die es meist nicht hat. aber, das habe ich oben ja geschrieben, gerade deswegen hätte er sich fragen müssen, ob er seine prominenz nicht gezielter hätte einsetzen können. denn wenn man sich fragt, wen er mit dem film erreicht, dann sind das nicht die leute aus dem film (die wissen vermutlich gar nicht, dass es günter wallraff gibt), sondern leute, die sich damit trösten können, dass sie nicht so sind wie die leute in dem film. und das ist eine einfache gewissheit.
es geht in meinen augen also nicht um entweder-oder, sondern darum, das eine zu kritisieren und das andere nicht zu lassen.
Columbus schrieb am 27.10.2009 um 21:48
Keine Frage Herr Dell, Der Hinweis zu Frau Sow (ARD-Link) ist gut und liefert ein weiteres Argument. Wallraff antwortet recht elegant, im ebenfalls auf der ARD-Seite angebotenen Videoclip auf die Vorwürfe. Er kenne deren Buch und wünsche im Verbreitung, hoffe das sein Film dazu beiträgt. - Ein Vorwurf, nämlich Wallraff denke vornehmlich an sich selbst, ist dann doch etwas weit her geholt. Wer ein bisschen über dessen Biografie weiß, dem ist bekannt, dass Herr Wallraff einen großen Teil seiner Einkünfte in neue Projekte und Hilfen für andere Leute investiert, die auch investigativ und verdeckt arbeiten. Er hilft mit Anwaltkontakten und auch mit Geld.

Sind seine "Verdienste" nun zufällig oder letztlich gar notwendig entstanden, weil sie doch aus einer lange beibehaltenen Vorgehensweise entspringen? Über die Ästhetik und die Chancen, es ganz anders und unter Umständen authentischer zu machen, haben Sie ja die Hinweise gegeben und Frau Sow bringt ihre Frage ein.

Vielleicht ist es ganz interessant, sich einmal durchzulesen, was Björn Engholm über Wallraff 1981 im Spiegel schrieb:

www.spiegel.de/spiegel/print/d-14354505.html

Schon damals waren die Aktivitäten Wallraffs ja nicht auf die Produktion eines Recherche-Bestsellers beschränkt. Blogger würden wohl anerkennen, dass Wallraff damals die zur Verfügung stehenden medialen Ressourcen relativ geschickt und effizient nutzte um eine breite Öffentlichkeit her zu stellen. Die da beschriebene Aktivität hat sich erhalten. Aber vielleicht ist es auch ein wenig zu viel von Wallraff verlangt, neben der Anstrengung der Anverwandlung nun auch noch neue Methoden und eine mittlerweile mögliche, größere Authentizität durch z.B. reine Dokumentaristenarbeit abliefern zu müssen.

Liebe Grüße
Christoph Leusch
Streifzug schrieb am 27.10.2009 um 18:14
Kategorisierung von Gruppen, Empörung, Andere, Fremde:
erst Ethnizität
dann Religion
dann Ideologie.


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