Empörung zum Mitnehmen

Film Günter Wallraffs Enthüllungsfilm "Schwarz auf weiß" enthüllt, was jeder weiß: Dass es in Deutschland Rassismus gibt. Und gibt sich damit so naiv wie der Diskurs darüber

Für das, was Günter Wallraffs Film herausfinden will, braucht es Günter Wallraffs Film nicht. Der Erkenntnisgewinn von Schwarz auf weiß strebt gegen null: dass es in Deutschland Rassismus gibt, dass Menschen, die anders aussehen, Benachteiligungen, Zurücksetzungen, Beleidigungen und Gewalt erfahren müssen, kann nur jemanden überraschen, der noch nie einen Fuß in die Wirklichkeit gesetzt hat. Das soll nicht heißen, dass das Problem, dem sich der Enthüllungsreporter Wallraff durch verkleidete Selbsterfahrung widmen will, nicht gravierend ist. Es bedeutet nur, dass Wallraffs Methode sich zu mehr nicht eignet, als einfache Empörung zu produzieren.

Das Scheitern von Schwarz auf Weiß lässt sich formal erklären. Zu Beginn behauptet Wallraff, dass seine Recherche ergebnisoffen sein soll: "Vielleicht bin ich ja überrascht und wir sind ein unglaublich ausländerfreundliches Volk. Es würde mich freuen." Das ist, mit Verlaub, gelogen. Denn schon die Idee zu dem Film basiert auf der gegenteiligen Annahme – wozu sonst dieser Film? Außerdem hat Wallraffs Arbeit – ob als Hans Esser bei Bild oder als Türke Ali im Niedriglohnsektor lange, bevor der so hieß – immer auch das hervorgebracht hat, was sie suchte. Das soll kein Vorwurf sein, es soll nur zeigen, dass der Stand scheinbarer Naivität, in den Wallraff sich durch solche Äußerungen setzen will, nicht Wallraffs Stand ist.

Dreieinhalb positive Begegnungen

In Schwarz auf weiß verkleidet Wallraff sich also als Somalier Kwami Ogonno und reist durch Deutschland: zu Fußballspielen, Wohnungsvermieterinnen, Ausflugskähnen, Uhrenverkäufer, Schäferhundevereinen, Wandergruppen, Nachtclubs, Kneipen und so weiter. Die mit versteckter Kamera gefilmten Szenen laufen auf das immer gleiche Ergebnis hinaus: zu zeigen, wie ignorant, dumm, verängstigt, rassistisch weiße Deutsche sind in ihrem Verhältnis zu Menschen, die nicht aussehen wie sie selbst. Das ist zweifellos so – aber das ist eben nichts, was nicht gewusst wird. Daran liegt die Schwäche von Wallraffs Redundanz (er erbringt einen Beweis, der nicht mehr erbracht werden muss). Die Stärke eines Films über den deutschen Rassismus hätte darin liegen können, die scheinbare Unwissenheit zum Thema zu machen. Also Leute, die Deutschland schon für weltoffen halten, weil es bei der WM 2006 gelungen ist, schwarzrotgoldene Fahnen zu schwenken, ohne an die Grenzen von 1937 zu denken, mit der Realität, die Wallraff fleißig aufsucht, zu konfrontieren. Leute, die sich über Menschen empören, die von No-Go-Areas für Schwarze sprechen, weil Standortmarketing und Tourismuswerbung ihre Jahresproduktion an Broschüren deshalb wieder wegwerfen können. Dreieinhalb positive Begegnungen gibt es in Schwarz auf weiß – aber zur Empirie taugt der auch Film nicht, weil man nicht weiß, was und wie viel weggelassen wurde.

Wallraffs Methode ist einfach: Er differenziert nie, weder bei seiner Figur, noch bei den Menschen, denen er begegnet. Man fragt sich manchmal, was Christoph Schlingensief aus so einem Stoff gemacht hätte, wo die Travestie von Fernsehformaten, an denen der weiße Deutsche sich erfreut, doch so nahe liegend ist: Welche Schärfe Wallraffs verdecktes Filmen bekommen hätte, wenn er ihn als Parodie auf Verstehen Sie Spaß? inszeniert hätte. Man fragt sich selbst, was Hape Kerkeling daraus gemacht hätte oder Michael Moore. Denn viel näher als den Leuten, für die er zu sprechen glaubt, steht Wallraffs Schwarzer den Kunstfiguren aus dem Medienbetrieb: Horst Schlämmer etwa oder Martin Sonneborns Partei-Vorsitzenden. Wo Kerkeling nichts will, das aber weiß, wo Sonneborn etwas will, aber nicht weiß, was, reiht sich Wallraff ein als einer, der abgesehen davon, dass er genau weiß, was er will, nichts wissen will.

Der Begriff vom Anderen

Warum irritiert Wallraff, wenn er sich schon verkleidet und einen Film inszeniert, seine Gegenüber nicht einmal: Wieso geht er nicht - nachdem der Schäferhundeverein ihm horrende Aufnahmesummen genannt hat und seiner weißen Komplizin danach nicht – mit der Komplizin am Schluss noch einmal dahin und setzt den Schäferhundevereinsvorsteher seiner Lüge aus? Warum zieht er sich in jeder Diskussion auf sein gebrochenes Deutsch zurück, statt die Menschen, die ihm seinen Platz ganz unten zuweisen wollen, durch seine Klugheit und Eloquenz zu verunsichern? Warum, wenn er schon naiv sein will, spielt er diese Karte nicht konsequent aus und geht – geschützt von Team und Medienöffentlichkeit - selbstbewusst, vergnügt und gut drauf eben dahin, wo aus vernünftigen Gründen niemand, der anders aussieht als die dort versammelten unsympathischen weißen Deutschen, hingehen würde? Die Erklärungen und Diskussionen wären heillos geendet, keine Frage, aber vielleicht hätte der eine oder andere eine Ahnung bekommen, dass er sich um Kopf und Kragen redet. Stattdessen fragt Wallraff die Fußballnazis, was der Schriftzug "Lonsdale" auf ihrem T-Shirt heißt.

Schwarz auf weiß ist auch politisch ein problematischer Film. Das Verkleiden, das Anmalen ist ein Akt – gerade auch wie Wallraff ihn inszeniert: mit einem schwarzen "Experten" an der Seite, vor den Augen eines staunenden Kindes –, der in der langen Geschichte des Rassismus nicht unschuldig ist. Nicht nur weil Wallraff trotzdem wie Wallraff aussieht, muss man sich zudem fragen, warum er überhaupt der Akteur seines Filmes sein muss: Für eine Campingplatzszene engagiert er zwei schwarze Frauen mit Tochter, die danach von ihren Erfahrungen berichten. Wer diese Erfahrungen hört, braucht Wallraffs Film nicht. Warum hätte er mit seiner Prominenz nicht einfach diese namenlosen Leute zu Wort kommen lassen beziehungsweise verdeckt begleiten können?

Am schlimmsten ist aber, dass Wallraff implizit den Begriff vom Anderen teilt (er selbst sagt: "Fremden"), den bei ihm alle Gegenüber und in Deutschland große Teile der weißen Gesellschaft haben. Rassistisch gegenüber Schwarzen zu sein, bedeutet, wie die Eingangsworte zeigen, auch für Wallraff "ausländerfeindlich" zu sein. Damit ignoriert er eine Realität (nämlich dass Nationalität keine Frage der Hautfarbe ist), mit deren Akzeptanz schon viel gewonnen wäre im deutschen Rassismus-Diskurs. "Ich wurde nur über die Hautfarbe definiert, und das was sonst den Menschen ausmacht, wird gar nicht zur Kenntnis genommen", bilanziert Wallraff am Ende. Dieser Satz lässt sich allerdings auch als Beschreibung der Art und Weise lesen, wie Wallraff seine Rolle zumeist auslegt.

Man könnte nun sagen, dass Schwarz auf weiß immerhin den positiven Effekt hat, dass über das Thema deutscher Rassismus gesprochen wird. Da ist etwas dran. Zugleich arretiert der Film aber den Stand des Diskurses über den Umgang weißer Deutscher mit Nicht-Weißen auf der Schwelle scheinbarer Ahnungslosigkeit: Das Buch zum Film wird im seriösen Deutschlandfunk besprochen mit Vokabeln wie "Farbigen" (was, das kann auch eines Tages mal begriffen werden, Bezeichnungen sind, die Menschen, die damit gemeint sein sollen, beleidigen). Vielleicht hätte der Film dort ansetzen sollen – und nicht bei Volksfesten und Schäferhundevereinen.

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15:37 23.10.2009
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