Kultur

Ausstellung | 19.02.2010 15:30 | Ingo Arend

Das Tacheles als Kunstwerk

Symbol der Vergänglichkeit. Ein letzter Rundgang durch das von der Räumung bedrohte Kunsthaus in Berlin-Mitte

Wenn man von hinten, von der Friedrichstraße kommt, sieht es aus wie eine Wagenburg. Wo sich früher ein Garten dehnte, in dem man sich in die in den Sand eingegrabenen Trabis lümmeln konnten, zieht sich heute ein Bretterzaun entlang. Die Anlage hinter der imposanten Kaufhausruine mit dem mächtigen Bogentor an der Oranienburger Straße wirkt wie ein berühmtes Dorf. Und dieses Bild charakterisiert wohl auch den Geisteszustand derzeit. Eingemauert. Belagert. Von bösen Feinden umgeben. Doch wir geben nicht auf. Auch wenn die fünfte Zwangsversteigerung kommt.

Weil er dort kreativen Geist vorfand, will ein Fan des Tacheles aus Neuseeland in dem düsteren Gebäude „the best Part of Germany“ entdeckt haben. Das schreibt er jedenfalls in einem Telegramm, das die Betreiber an einer Pinnwand ausgehängt haben. Heute sieht es eher nach dem wasteland der Utopie aus. Die wild übereinander geklebten Plakate könnten noch als raffinierte Décollage durchgehen. Ansonsten atmet der Bunker den Charme eines abgefackelten Parkhauses in der Bronx. Als Gruselkulisse funktioniert das wunderbar. Ein Pärchen aus Spanien tut es den zehn Millionen Touristen nach, die schon hier gewesen sein sollen, und fotografiert sich gegenseitig.

Angeblich haben noch 30 Künstler ihre Ateliers in dem Haus. Zu sehen sind sie nicht. Bis auf einen, der gerade ein Skateboard in seine verrammelte Bude schiebt. „Kunst kann man nicht kaufen“ ist in jedem Stockwerk an die Wand gesprüht. In Wahrheit regieren hier die fliegenden Händler. Auf der Unterschriftenliste in dem Laden im Erdgeschoß steht etwas von dem experimentellen, internationalen „Arthouse“. Doch die Avantgarde, die hier zu Hause ist, beschränkt sich auf zu Aquarien umgebaute Fernseher, die in dem nasskalten Raum leise vor sich hin gluckern. Längst hat sie sich auf die schnellen Konsumbedürfnisse der Touristen spezialisiert: Ölgemälde von der Stange in handlichen Formaten, euphemistisch „serielle Malerei„ genannt; mal mit Äpfeln, mal mit zeitgenössischem Agitprop: free entry 4 ever. Im zweiten Stock wird feilgeboten, was auf keinem Berliner Straßenfest fehlen darf: handgeschmiedete Armreifen aus Silber, kühn geschnitzte Holzfiguren.

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Stumme Vögel

Ansonsten lebt das Tacheles von der Selbststilisierung: „Nordbank zerstört die Kreative Mitte“ steht auf einem Plakat, auf dem ein Immobilienspekulant die Berliner Mitte aufsaugt wie eine Linie Kokain. Das Tacheles ist Opfer. Oder es ist nicht. Und noch in den Schrottskulpturen im Hinterhof dementiert es sein Kunstanliegen. Die stummen Vögel aus Rost stehen wie eine Metapher. Die Natur erobert sich zurück, was kunstfertig geschaffen wurde. Doch wenn es in Berlin den Checkpoint Charlie samt Mauermuseum gibt, warum nicht auch das Tacheles? Als korrodierendes Monument der Vergänglichkeit in einer Kulisse, die keine Geschichte mehr kennt.

Die Bewohner dieses Dorfes aus der Eisenzeit ähneln der amerikanischen first nation. Noch tragen sie den Stolz des Wir-waren-zuerst-Da. Jetzt sitzen sie am Feuer, das in gusseisernen Statuen brennt, trinken Glühwein und stieren mit glasigen Augen auf das Kunstgewerbe, das sie für die Laufkunden an den Tapeziertischen bereit halten. In der Galerie Mendo lehnt ein ockerfarbenes Öl-Porträt von Barack Obama an der Wand. Noch haben seine Verkäufer hope. Es wird wohl eher auf change hinauslaufen.

 
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