Kultur

Kino | 28.04.2010 12:00 | Barbara Schweizerhof

Angst vor drinnen und draußen

Gated Life: Lukas Schmid und Corinna Wichmann erzählen in ihrem ausgezeichneten Dokumentarfilm "Auf der sicheren Seite" von drei abgeschotteten Lebensräumen

In einer perfekten Welt wären es Dokumentarfilme und nicht 3-D-Spektakel, mit denen man das große Geschäft an der Kinokasse machen könnte. Nicht weil es per se die besseren Filme sind, sondern weil man als Zuschauer viel sicherer sein kann, sein Ticketgeld in etwas Sinnvolles investiert zu haben. So eignet noch der schlechtesten Dokumentation ein Nachrichtenwert. Ein guter Dokumentarfilm aber leistet das, woran Spielfilme oft scheitern: neue Perspektiven auf einen bestimmten Wirklichkeitsausschnitt zu eröffnen und gleichzeitig darüber hinauszuweisen.

Auf der sicheren Seite ist dafür das beste Beispiel. Lukas Schmid und Corinna Wichmann stellen darin drei kleine, abgegrenzte Orte vor, die man zunächst als Randphänomene abqualifizieren will. Doch am Ende lässt sich aus den limitierten Einblicken nicht weniger als eine Diagnose über die gesellschaftlichen Zustände in Südafrika, Indien und den USA gewinnen.

Bei den drei Orten handelt es sich um so genannte Gated Communities, um privatisierte Stadtviertel, die sich durch alles, was heute so zum Wachschutz gehört, von außen abschirmen. In Dainfern bei Johannesburg, der ersten Station des Films, scheinen die Bewachungsvorkehrungen martialischer als in einem Spezialgefängnis: Doppelmauer, Kameras, Starkstrom. Jeder, der hineinkommt, muss sich mit Magnetkarte, Code oder, wie der Großteil der schwarzen Bediensteten, mit Fingerabdruck ausweisen. Jeder wird beim Eintritt fotografiert. Als eine der Bewohnerinnen erzählt, dass ihr Mann, ihr Lebensgefährte und zuletzt ihre beste Freundin bei Überfällen zu Tode kamen, kann man die sich hier manifestierende Angst etwas nachvollziehen.

Perfekt abgeschirmt

Wichmann und Schmid lassen vor ihrer Kamera die reichen Weißen „drinnen“ und die armen Schwarzen „draußen“ ihre Heime anpreisen. Beide Seiten tun das mit ähnlichem Stolz, und diese Ähnlichkeit lässt die Unterschiede in ihrem grotesken Ausmaß um so deutlicher hervortreten: hier die Villen mit Designermöbeln, dort die Blechhütten ohne Kanalisation. Ob der inhärenten Brutalität dieses sozialen Gefälles stockt einem der Atem.

Die Ungleichheit dürfte in Bangalore, Indien, der zweiten Station des Films, kaum weniger krass sein. Und doch scheint hier eine andere soziale Dynamik am Werk. Der erfolgreiche IT-Geschäftsmann, an dessen Fersen sich die Filmemacher heften, betrachtet sein Luxusleben hinter Mauern als ein Ideal, das anzustreben sich für alle Inder lohnen würde. Sein Alltag erweist sich denn auch nicht als abgeschirmt: Das morgendliche Schwimmen im Privatpool erfrischt ihn für einen Tag des Kampfes für eine bessere Infrastruktur und ein modernisiertes Indien, das über Wirtschaftswachstum das Leben aller Bewohner verbessern könnte.

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Vielleicht war auch Stacey einst ein Weltverbesserer. Heute versucht er sein Rentnerdasein in einer Gated Community bei Las Vegas zu gestalten, wobei er bedauert, dass die Abschottung soziale Isolation mit sich bringt. Das Kontrollbedürfnis scheint sich hier nach innen gekehrt zu haben: Nachbarschaftspatrouillen überwachen die korrekte Bepflanzung der Vorgärten, jedes offen stehende Garagentor wird abgemahnt und wer sein Auto auf der Straße parken will, soll besser gleich woanders hinziehen. Beiläufig bringt dieser Film so die paranoiden Kräfte, die in der US-amerikanischen Gesellschaft heute am Wirken sind, auf den Punkt. Aber leben wir Europäer nicht alle auf die ein oder andere Weise bereits in einer Gated Community?

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Magda schrieb am 28.04.2010 um 23:00
Wandlitz is everywhere.
Alien59 schrieb am 29.04.2010 um 05:42
Erschreckend.
Indien kann ich mir vorstellen, das ist irgendwie doch noch etwas anderes. Vor allem, denke ich, weder so angstbesetzt wie Südafrika noch so paranoid wie das Beispiel aus den USA.


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