Kultur

Stadtkultur (2) | 01.06.2010 14:00 | Ulrike Steglich

Leuchte, mein Turm, leuchte

Die Hamburger Elbphilharmonie, das Berliner Stadtschloss, und alle setzten auf den Bilbao-Effekt: Wie Großprojekte öffentlichen Raum und städtische Finanzen ruinieren

Selbst dem Hamburger Bürgermeister war nicht recht zum Feiern zumute: Beim Richtfest für die Elbphilharmonie am Freitag bekannte sich Ole von Beust öffentlich zu „gemischten Gefühlen“ angesichts der Kostenexplosion des Luxusvorhabens und der Proteste vor der Tür.

Seit Jahren sorgt das megalomane Prestigeprojekt für Schlagzeilen – inzwischen jedoch nicht mehr für schwärmerische, sondern für kritische. Anfang des Jahrtausends hatte ein Privatinvestor die Hansestadt beschwatzt: Hamburg sollte Weltklasse demonstrieren mit einem exquisiten, sensationellen Konzerthaus. Das die Stadt noch dazu keinen Cent kosten würde, sondern lediglich das Grundstück; ansonsten werde das neue städtische Wahrzeichen durch Spenden, ein Fünf-Sterne-Hotel und den Verkauf von Luxuswohnungen in der „Hafen-City“ finanziert.

Inzwischen schlägt das opulente „Geschenk“ bereits mit 323 Millionen Euro für die Hamburger Steuerzahler zu Buche, und das Ende der Fahnenstange ist noch nicht in Sicht – ebenso wenig wie die Fertigstellung des ehrgeizigen Baus. Ein herber Schlag für die milliardenschwer verschuldete Stadt, die Kita-Gebühren anhebt und ihre Kunsthalle aus Kostengründen vorübergehend schließt.

Die Elbphilharmonie ist jedoch kein singulärer Skandal, das Debakel hat Methode. Weltweit stehen Städte in der Standortkonkurrenz, auch in Deutschland. Hamburg und Berlin haben sich bereits öffentlich bekriegt, unter anderem um den Standort des Musikkonzerns Universal. „Stadtmarketing“ ist längst ein kommunales Geschäftsfeld, in zahllosen Rankings werden Image und „weiche“ Standortfaktoren verglichen. Man konkurriert um Touristen ebenso wie um zahlungskräftige Bewohner und die Ansiedlung von Unternehmen, die insbesondere ihren hoch qualifizierten Mitarbeitern ein attraktives Umfeld bieten wollen.

Geschenkt ist noch zu teuer

Sowohl für Investoren als auch für Kommunalpolitiker ist deshalb der „Bilbao“-Effekt zum vermeintlichen Geheimtipp geworden: Mit Leuchtturmprojekten soll das Image der Städte aufgebrezelt werden, um im Metropolen-Wettbewerb mithalten zu können. Was das Opernhaus für Sydney oder der Guggenheim-Museumsbau für Bilbao ist, soll künftig die Elbphilharmonie für Hamburg sein, der neue Verkehrsknoten „Stuttgart 21“ oder auch der Schlossnachbau in Berlin.

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Dabei werden allerdings Allianzen unterschiedlicher Interessen mit oft fatalen Konsequenzen geschmiedet: Die notorisch finanzklammen Kommunen brauchen Unternehmensansiedlungen und solvente Bürger, um ihre Steuereinnahmen aufzubessern, können die Leuchttürme aber nicht aus eigener Kraft stemmen. Investoren wiederum verfolgen ihre eigenen wirtschaftlichen Verwertungsinteressen. Beide treffen sich gern in so genannten PPPs: Public Private Partnerships. Kommunalpolitiker lassen sich nur zu gern von dem Versprechen blenden, spektakuläre Prestigebauten fast zum Nulltarif zu bekommen, und geben dafür bereitwillig die Kontrolle und die politische Verantwortung für die Stadtentwicklung aus der Hand. Immer öfter verschwimmen Zuständigkeiten, immer mehr angeblich gemeinnützige „Bürger“-Stiftungen, hinter denen handfeste Unternehmensinteressen stecken, bestimmen über die Gestaltung und Privatisierung des öffentlichen Raumes. Abenteuerliche Realisierungskonstrukte zwischen öffentlicher und privater Hand werden zur Regel.

Beispiel Elbphilharmonie: Nicht mal einen (bei solchen Projekten eigentlich üblichen) Architekturwettbewerb hat es gegeben. Stattdessen schleppte ein Privatinvestor eine Idee und ein Stararchitektenbüro an, lockte die Stadt mit spektakulären Entwürfen, die Stararchitekten Herzog & Meuron übernahmen anschließend gar die Ausführungsplanung: So macht man den Bock zum Gärtner. Und längst ist es gängiges Prinzip, dass Baufirmen Billigstangebote abliefern, um den Zuschlag zu bekommen und hernach die Kosten in die Höhe zu treiben. Jeder Privateigentümer würde sofort Alarm schlagen, wenn sein Kapital auf diese Weise verschleudert würde. Geht es um Steuergelder, sind Kommunen, Architekten und Baufirmen bemerkenswert entspannt.

Privatisierung der Gewinne, Sozialisierung der Verluste: All das kennt man zur Genüge aus der Finanz- und Bankenkrise. Neoliberale Deregulierung á la „Der Markt wird es richten“ hat bislang jedoch eher zur Hinrichtung geführt: sowohl des öffentlichen Raumes als auch der öffentlichen Finanzen.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
zelotti schrieb am 04.06.2010 um 16:31
Das ist bei solchen Projekten immer so, dass die Kosten nicht im Rahmen bleiben, aber wenn das Ergebnis erst mal steht, dann sind alle glücklich.

Bei der Rekonstruktion des Schlosses hätte man nicht so lange beraten sollen, sondern einfach Schritt für Schritt bauen. Steht erst einmal der eine Flügel, will man auch den anderen haben. Das hat man ja auch in Dresden gesehen, wie ein Projekt das nächste beflügelt, und auch die Fantasie von Investoren anregt.

Wir wissen ausserdem genau, dass solche Projekte wirksam die Wirtschaft ankurbeln. Alles andere ist antikeynesianische Ideologie der Neoliberalen.
dekadenzblogger schrieb am 04.06.2010 um 16:42
Und umgekehrt habe ich in Mainz live miterlebt, wie das Bildungsbudget zusammengestrichen wurde, weil die Stadt sich ein neues Fußballstadion leisten wollte. Sicherlich hat das auch seinen Reiz, die Prioritäten sollten allerdings andere sein.
free world schrieb am 04.06.2010 um 20:38
PPP-Verträge sind Knebelverträge und gehören verboten. Diese Verträge werden von amerikanischen Anwaltskanzleien ausgearbeitet, für einen juristischen Laien (das sind kommunale Abgeordnete i.d.R.) schwer durchschaubar und darauf angelegt die Kommunen über den Tisch zu ziehen.
Fritz Teich schrieb am 04.06.2010 um 23:36
Der Schlossneubau soll Bilbao sein?
Fritz Teich schrieb am 04.06.2010 um 23:37
Bonn?
archinaut schrieb am 05.06.2010 um 01:43
Zwischen dem Neubau der Elphilharmonie und der Rekonstruktion des Stadtschlosses gibt es ein paar wesentliche Unterschiede:

1. Die Berliner Potentaten haben das Schloss beim Bund bestellt, dazu müssen also voraussichtlich Steuermittel aus der gesamten Republik eingetrieben/zweckentfremdet werden (laut Wolfgang Thierse eine "nationale Aufgabe"), die Hamburger setzen bisher m.E. nicht auf Bundeshilfen.
Die Elphilharmonie soll(te?) Symbol für die wirtschaftliche Potenz und bürgerliche Identifikation der Hansestadt werden, so wie z.B. die Frauenkirche in Dresden.

2. Für die Elbphilharmonie engagiert sich u.a. ein sehr vermögender privater Sponsor (Klaus-Michael Kühne/Kühne-Siftung/Kühne&Nagel). Den Wiederaufbau in Berlin möchte "der verarmte preußische Adel aus Steuermitteln finanzieren", so sagen die Spötter seit langem.

3. In der Elbphilharmonie stehen m.E. Appartements zum Verkauf, daher kann ein Teil der Investition auch wieder reinkommen. In Berlin kann man wahrscheinlich Eintrittskarten für die Besichtigung von ethnologischen Sammlungen erwerben, davon lässt sich wohl ein Teil der Personalkosten abdecken...

4. Die Elbphilharmonie fusst auf einem Umnutzungskonzept an einem Standort mit atemberaubender Aussicht. Das neue Stadtschloss ist dagegen nicht die Umnutzung des PdR :-))
zelotti schrieb am 05.06.2010 um 15:41
Die Elbphilharmonie ist doch Leuchtturmprojekt für die Hafencity. Das Projekt steht ja nicht isoliert.

Vom Vergleich her wäre das mehr wie wenn Berlin mal das Hallsche Tor in einen ansehnlichen Zustand zurückversetzen würde um Kreuzberg aufzuwerten.

Und das Schloss ist irgendwas, das einfach da sein muss, weil es da hingehört. Dank den Thierses dieser Welt kriegen wir nur ein läppisches Humboldtforum, der Rest muss dann in künftigen Generationen ergänzt werden
archinaut schrieb am 05.06.2010 um 16:00
@zelotti

da gehört doch der Palast der Republik hin,
Geschichte kann man nicht zurückdrehen
(auch nicht der Fußballkaiser Franz :-))
zelotti schrieb am 05.06.2010 um 19:48
Der "Palast der Republik" ist gottlob fort und alles Verlogene für das er steht. Man sollte alles zurückdrehen, was vom Stalinismus in Deutschland vernichtet wurde. Wenn es nach mir ginge, würde man die Karl-Marx-Allee abreissen, und jedes Gebäude genau so wiederherrichten, wie es vorher stand.
archinaut schrieb am 05.06.2010 um 21:46
Du meinst..
ein verlogenes Schloss?

Das Schloss ist über fünfhundert Jahre gewachsen, wie in guter Wein.

Da fehlen noch ein paar Generationen
Blut, Schweiss und Tränen,
das wieder so hinzukriegen :-))
Sandra Felber schrieb am 05.06.2010 um 12:15
Ich finde, nicht wenige der Kommentatoren hier und so auch die an diesem Kulturgau verantwortlichen Standortpolitiker der Kulturbehörde, Stadtentwicklung & Finanzbehörde in Hamburg, überschätzen den Gesellschaftlichen Nutzen solcher Postkartenobjekte ganz gewaltig. Und das sich, wenn die Elbdisharmonie einmal fertig sein sollte, dann "alle" darüber freuen würden ist eine pauschale unreflektierte Aussage, die ebenso verkennt, dass Hamburg weder Bilbao noch Bonn noch Berlin ist. Hamburg ist schon lange eine sehr schöne Stadt, sie gehört noch zu den Wohlhabendsten in Deutschland und gilt als die am besten für die globalisierte Wirtschaft aufgestellte Stadt in Deutschland. Die Touristen strömen zahlreich. Es gibt keinen Grund, hier mit Hilfe von Kunst und Kultur irgendetwas im wahrsten Sinne des Wortes "künstlich" reannimieren zu wollen.

Die Elbphilharmonie steht des Weiteren nicht alleine im blinden Prestigebau und Projekte-Shopping Wahn. Da hätte die Stadt z.B. noch das gigantische HafenCity Projekt und die IBA in Wilhelmsburg anzubieten. In allen drei Projekten sollen Künstler und Kulturschaffende als Aufwertungsbeigabe zur Steigerung der Immobilien und Mietpreise eingesetzt werden.
Leider gibt es da noch ein Haushaltsdefizit von ca. 1Mrd Euro...aber die werden jetzt u.a. mit Kürzungen in der Projektförderung im Kunst und Kulturbereich und einer saftigen Anhebung der Kita-Gebühren refinanziert.

Die Elbphilharmonie: hier wurde von privaten Investoren und dem Bauunternehmen Hochtief ganz klar einkalkuliert, auf dem Rücken gesellschaftlicher Ressourcen Profit zu erwirtschaften. Das geschieht nun nicht nur zu Lasten von Familien, sondern schon länger und vor allem auf unbestimmte Zeit auf Kosten der freien Kunst- und Kulturszene Hamburgs, die ganz maßgeblich von konstruktivem und kreativen Widerstand, Engagement und Kritik an den etablierten Verhältnissen geprägt ist und damit schon immer einen wichtigen Beitrag zur kritischen und demokratischen Kultur in dieser Stadt geleistet hat. Das schließt meiner Auffassung nach einen Daniel Richter, Fatih Akin, Rocko Schamoni, Die Goldenen Zitronen, aber auch den tief in der Arbeiterkultur verankerten Fussballverein FC St. Pauli ein, um nur die bekanntesten Vertreter einer aussagekräftigen und schon immer politisch kreativen Klasse zu nennen.

Für alle, die das vielleicht noch nicht mitbekommen haben aus Hamburg kommt ein vielbeachtetes Künstlermanifest, welches sehr genau beschreibt was das Problem mit unreflektierter, rein vermartungsorientierter Kultur- und Stadtentwicklungspolitik ist: www.buback.de/nion/

Um es dann auch mal abzuschließen: Sollte Kulturpolitik endlich mal aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit heraustreten wollen, dann wird sie nicht umhin kommen, Position zu beziehen, welches Gesellschaftsbild sie vertreten will. Erst dann wird Kulturpolitik in der Lage sein, sich eigenständiger und selbstbewusster in die Prioritäten der Finanz-, wirtschafts- und Bildungs- und Sozialpolitik einzumischen.
Aber solange sie die Freiheit der Kunst, mit der Freiheit zur eigenen Profillosigkeit verwechselt, muss man sich nicht wundern, wenn ihr kaum einer Bedeutung beimisst.
So wundert es mich auch überhaupt nicht, dass zum Beispiel die Junge Union in Hamburg dafür plädiert, die Kulturbehörde gleich ganz abzuschaffen und in ein Senatsamt umzuwandeln.
Damit wäre Kultur dann vollständig zum Handlanger des Finanzamtes und der florierenden Immobilienwirtschaft degradiert.

"Unnötig, so die JU, sei eine eigenständige Kulturbehörde. Gespart werden könne auch bei den Zuwendungen an Dritte. Im Jahr 2008 waren das 861,4 Millionen Euro. Knapp die Hälfte davon ging an das Universitätsklinikum Eppendorf, an die Hamburg Port Authority, die Staatsoper, die Bücherhallen und das Deutsche Elektronen-Synchrotron (Desy). Die Einführung der Stadtbahn müsse auf den Prüfstand gestellt werden."
bit.ly/b1a4Ko
(die artikel überschrift bei google eingeben und unter news suchen, dann kann man ihn auch kostenfrei lesen)

Nee, ist klar, wer braucht schon öffentliche Bücherhallen oder eine Staatsoper, wenn man schon 350mio+ Steuergelder in eine Elbphilharmonie gesteckt hat. Und hey, es soll dort ja auch einen öffentlich zugänglichen Aussichtsschlitz geben, der dem Pöbel immerhin den Blick auf Dinge ermöglicht, die ihm nie zugänglich sein werden. Bleibt nur zu hoffen, dass dadurch die Aussicht der Gäste des ebenfalls in der Elbphilhamonie befindlichen 5Sterne-Hotels und der Eigentumswohnungen dadurch nicht beeinträchtigt wird.
Obwohl, so ein bisschen Pöbel-durch-Gucci-Brille-gucken ja manchmal auch besser als Botox sein soll.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 05.06.2010 um 16:33
@Sandra Felber: "In allen drei Projekten sollen Künstler und Kulturschaffende als Aufwertungsbeigabe zur Steigerung der Immobilien und Mietpreise eingesetzt werden."

Die Veddel bitte in diesem Zusammenhang auch nicht vergessen...
zelotti schrieb am 05.06.2010 um 20:09
Ja, aber man denke auch an das ruinöse Projekt Neuschwanstein, das bis heute Massen von Touristen anzieht.

Man muss das eher keynesianistisch sehen.
archinaut schrieb am 05.06.2010 um 21:54
Wenn die Erben noch auf Neuschwanstein residieren dürften, gäb's da keine Touristen,
sondern Domestiken, bezahlt aus den eingetriebenen Steuern........ vielleicht sollte man das Ding an die Saudis verkaufen, solange das Öl noch fließt!
Sandra Felber schrieb am 06.06.2010 um 16:15
@archinaut: der meinung bin ich auch. das ding soll bitte per höchstbieterverfahren - in diesem kontext wäre es dann endlich mal eine sinnvolle methode, versteigert werden. dann wäre "das ding" auch viel schneller fertig und ließe seine herausragende ästhetik der bevölkerung entgegen strahlen, die sich aber auch ohne teure eintrittskarte daran erfreuen kann.

@zelotti: man muss hier gar nichts keynesianistisch sehen. und schon gar nicht derartig undifferenziert.
ihr vergleich entbehrt jeglicher grundlage und kann auch politisch ziemlich aufs glatteis führen...
neuschwanstein ist ein landschaftlich solitäres historisches objekt mit einer eigenen geschichte. und sicher als solches heute ein publikumsmagnet in einer ansonsten ruhigen, idyllischen gegend. mehr aber auch nicht.


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