Kultur

Völkerpsychologie | 31.08.2011 15:37 | Alexander Schimmelbusch

Finanzkrise bizarr

Das Septemberheft der amerikanischen "Vanity Fair" hat es in sich: Starjournalist Michael Lewis erklärt die Rolle der Deutschen in der Krise mit ihrer Analfixierung

 Die anale Prägung der Deutschen, so Lewis in seinem Text, der sich mit der Rolle Deutschlands im globalen Finanzwesen befasst, sei nicht zuletzt auf „ungewöhnliche Wickeltechniken“ zurückzuführen, die deutsche Säuglinge zu langen Phasen des Schmorens in ihren eigenen Exkrementen verurteilten. Traumata dieser Art hätten der deutschen Seele einen krankhaften Sauberkeitswahn eingepflanzt, der auch ihren historischen Hang zu mörderischer Rassenhygiene erkläre. Die psychologische Kehrseite sei allerdings eine verdruckste Liebe zur Fäkalie, die auch Adolf Hitler geteilt habe, der sich von Eva Braun – Nomen est Omen – am liebsten habe ankoten lassen. Hitler habe demnach die deutsche Quintessenz verkörpert: einen Sauberkeitsfimmel, hinter dem sich ein Fäkalienfetisch verborgen habe.

Als Beleg für diesen Fetisch reicht Lewis ein schneller Blick auf die deutsche Sprache, in der sich die Fäkalienliebe in einer Flut von Begriffen und Redewendungen mit analer Konnotation manifestiere: Bescheißen, Kackwurst, Scheißegal, Leck mich am Arsch, Klugscheißer und so weiter – eine Liste allerdings, die man nach Belieben auf Englisch weiterführen könnte: „to shoot the shit“ (plaudern), „up shit creek“ (j.w.d.), „to get shitfaced“ (sich betrinken), „don’t shit where you eat“ (keine Affären mit Kollegen), „to get your shit together“ (sich zusammenreißen), „in the middle of a shit storm“ (in schwieriger Lage), „to kick the shit out of someone“ (jemanden verprügeln) et cetera.

 

Regelfixiert

 

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Um Lewis‘ These einer besonderen deutschen Analfixierung als Bullshit zu entlarven, könnte man aber auch Ebonics ins Feld führen, die anal geprägte, mittlerweile akademisch salonfähige, aus dem Hip Hop hervorgegangene Kunstsprache der afroamerikanischen Entertainer-Elite, in der nahezu jedes Adjektiv mit der Nachsilbe „ass“ versehen wird. Ein blöder Idiot ist auf Ebonics demnach nicht ein „stupid idiot“, sondern ein „stupid-ass idiot“, womit das Adjektiv nicht mehr auf den Idioten selbst, sondern direkt auf dessen Arsch bezogen ist.Da ein mutmaßlicher Fäkalienfetisch nicht ausreicht, um die deutsche Rolle in den globalen Finanzwirren zu definieren, verlegt sich Lewis irgendwann auf den guten alten deutschen Ordnungsinn, auf ihre Fetischisierung von Regeln. Deutsche hielten sich leidenschaftlich gern an Reglen, so Lewis, auch an den Finanzmärkten. Deutsche Banker seien demnach ehrlich, bescheiden und frei von der brennenden Ambition, sich auf Kosten der Allgemeinheit zu bereichern. Beinahe ungläubig zitiert er beispielsweise Klaus-Peter Müller, den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Commerzbank, zum Thema Boni: „Warum sollte ich einem 32jährigen Händler 20 Millionen Dollar zahlen? Er benutzt unsere Büros, unsere IT und hat eine Visitenkarte mit einem erstklassigen Namen darauf. Wenn ich die ihm wegnähme, würde er wahrscheinlich Hot Dogs verkaufen.“

 

Aber bei aller Bescheidenheit seien die deutschen Banker auch naiv und blöde. Zocken, das könnten sie einfach nicht. Und als sie in der Boomphase des Hypothekenmarktes dann international hätten mitspielen wollen, seien sie von der abgebrühten Wall Street eben über den Tisch gezogen worden. Nicht Gier sei ihnen dabei zum Verhängnis geworden, sondern die deutsche Regelhörigkeit. Wenn ein zum Himmel stinkendes Paket aus Subprime-Anleihen offiziell ein Rating von AAA getragen habe, hätten die Deutschen es eben blauäugig und ordnungsgemäß als risikofreie Anlage akzeptiert.

 

Antisemitismus inklusive

 

In Island, Irland und den USA, resümiert Lewis, im Zuge eines jeden finanziellen Desasters im letzten Jahrzehnt hätten die Deutschen zig Milliarden verloren, nur nicht beim ex- Wall-Street-Makler und Milliarden-Betrüger Bernie Madoff. Dies sei „der einzige Vorteil, der dem deutschen Finanzsystem daraus entstanden ist, dass es darin keine Juden mehr gibt.“ Es ist bemerkenswert, dass es Polemik dieses Härtegrades an Graydon Carter vorbei geschafft hat, dem Chefredakteur der Vanity Fair, der die längeren Texte der jeweiligen Ausgabe in seinem Editorial einzuführen pflegt – den Text über Deutschland aber mit keinem Wort erwähnt.

Auch ist bemerkenswert, dass Michael Lewis, der seit zwei Jahrzehnten zu den interessantesten amerikanischen Journalisten zählt – Liar’s Poker, sein Buch über seine Zeit als Investmentbanker, ist ein Klassiker – offenbar nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Wenn sich im Stolz der Deutschen auf ihren weißen Spargel eine arische Gesinnung andeutet – ist der grüne Spargel dann für die Marsmenschen? Lewis argumentiert derart unsachlich, als hätte ihm der Sänger von Rammstein die Ehefrau ausgespannt, um mit ihr streng reglementierten Fäkalspielchen zu frönen. Seine Definition der deutschen Volksseele wirkt ähnlich stereotyp, als würde man Amerikaner generell als überschuldete, Frittiertes in sich hinein schaufelnde, die Todesstrafe bejubelnde, keine Zeitung lesende Waffenliebhaber definieren. 

 
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Artikelaktionen
Kommentare
gweberbv schrieb am 31.08.2011 um 17:27
Meiner Güte, was der für einen opportunistischen Schei...pardon...Mist zusammenschreibt.

Um 2003/04 herum sind haben die gleichen Typen erklärt, warum Deutschland als "der kranke Mann Europas" dem ökonischen Niedergang entgegen strebt und hier bald neureiche Iren und Spanier einfallen, um billig saufen und ficken zu können. Aber nun sind ein paar Jahre vergangen und die BRD weist mal zwischendurch ein vergleichsweise hohes Wirtschaftswachstum und darum ein entsprechend niedrigeres Haushaltsdefizit auf - und jetzt wird erklärt, warum wir es da mit einer ökonomischen Supermacht zu tun haben.

Und natürlich wird mal wieder aburd übertrieben, ansonsten liest es ja niemand:

"The Germans are now in possession of the only Finance Ministry in the big-time developed world whose leaders don’t need to worry whether their economy will collapse the moment investors stop buying their bonds."

So ein Bullshit! Die öffentliche Haushalte müssen jedes Jahr hunderte Mrd aufnehmen, allein um die auslaufenden Schulden zu tilgen. Da kommt die Neuverschuldung noch oben drauf. Würde - aus welchen Gründen auch immer - die Nachfrage nach deutschen Staatsanleihen einbrechen, dann müsste die Notenbank einspringen oder der Staat wäre umgehend zahlungsunfähig. Die deutsche Zahlungsfähigkeit ist weniger durch Fakten begründet als vielmehr von der öffentlichen Meinung bzw. "dem Markt" zugeschreiben. So, wurde auch Griechenland bis vor wenigen Jahren als solider Schuldner angesehen.

Naja, und als Sahnehäubchen gibt es dann auch noch ein paar Scheißhausparolen bezüglich deutscher Analfixiertheit, die auch schon seit Ewigkeiten durch die transatlantischen Feuilletons geistern: www.poopreport.com/Intellectual/Content/Scheisse/scheisse.html
Andre Boine schrieb am 31.08.2011 um 17:49
Alexander Schimmelbusch hat Recht: hier in Deutschland ist schon lange bekannt, dass US-Amerikaner überschuldete, Frittiertes in sich hinein schaufelnde, die Todesstrafe bejubelnde, keine Zeitung lesende Waffenliebhaber, Pornisten und sogar die ersten Nazis vor den Deutschen sind, weil sie mal eben die Indianer (fast) ausgerottet haben.

Die Frage ist nur: warum braucht Michael Lewis einen sooo langen Text, um die deutsche Seele zu erklären. Wusste gar nicht, dass wir so komplex sind. Danke für das Kompliment.
Neobe schrieb am 31.08.2011 um 22:29
Ich hab selten so gelacht....
„to kick the shit out of someone“
fällt mir da nur noch ein
Frank Linnhoff schrieb am 01.09.2011 um 14:03
Ich habe mit großem Interesse den Originaltext "its the economy, Dummkopf..." gelesen. Nach seinem Profil in Vanity Fair ist der Autor Michael Lewis ein angesehener Journalist, seine Artikel werden u.a. im New Yorker veröffentlicht.

Alle Deutschen sind seiner Meinung nach nicht nur anal fixiert, sondern dabei noch außergewöhnlich dumm, denn: "über ihre Banken haben die Deutschen ihr eigenes Geld verwendet , um Ausländern zu ermöglichen, sich krankhaft zu benehmen". Er will damit sagen, deutsche Banker (im Unterschied zu amerikanischen) betrügen ihr eigenes Volk, nicht andere Völker. Wer hätte dies gedacht?

Ansonsten hat dieser Artikel, dessen Recherchen ein kleines Vermögen gekostet haben müssen, das Niveau eines Jugendlichen in einer virulenten Pubertätskrise.


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