Kultur

Tatort | 22.01.2012 21:45 | Matthias Dell

Die Kittel sind selbstgenäht

Ohne "Auf Wiedersehen" zu sagen: Kappl und Deininger streichen in Saarbrücken mit einem Fall die Segel, dem Ruhe gut getan hätte – die Kampusch-Variation "Verschleppt"

"'Verschleppt' ist der siebte und letzte Tatort des Ermittlerduos Kappl/Deininger (Maximilian Brückner & Gregor Weber)". Steht im Begleitschreiben zum Presseheft vom Film. Im Presseheft selbst stehen nur Informationen, kein Wort des Dankes oder auch nur Abschieds an Kappl/Deininger aka Brückner/Weber. Kann man ja auch mal machen, vor allem wenn die Trennung nicht so einvernehmlich gewesen zu sein scheint, wie Trennungen im Kapitalismus of our days naturgemäß immer sind – neue Wege, andere Ufer, no hard feelings.

Genommen wird dem Zuschauer damit jedoch au moins der sentimentalöse Zauber, der jedem Ende innewohnt – zuletzt bei Schüttes Dellwo und Sawatzkis Charlotte Sänger in Frankfurt, so strange die Folge selbst gewesen sein mag. Die Kappl/Deininger-Ära im Tatort Sarrebruck hört nun einfach auf, ohne dass das in Verschleppt thematisiert würde – und spiegelt damit das unfreundliche Ende einer Zusammenarbeit wider, ehe das neue Personal übernimmt (Starring Devid Striesow). So ein Ende, schon deswegen kann man auf den SR sauer sein, es hat einfach so wenig Herz.

Objektive „Gründe“ für den überraschenden Abschied von Kappl/Deininger kann es naturgemäß keine geben. Dass der Antagonismus des Bayern (Kappl) und des Saarländers (Deininger) auserzählt sein soll nach sieben Folgen – wenn das ein Kriterium wäre, dürfte kein Ermittlerpaar auf mehr als, sagen wir großzügig, 20 Folgen kommen. Verschleppt zeigt Kappl/Deininger auf der Höhe ihrer Qualität: nicht schlecht, nicht unsympathisch, wenn auch nicht konstant ganz vorn, so doch mit Potential. Sarrebruck mit Kappl/Deininger war, was Mainz für die Bundesliga ist: Man macht das beste aus den geringen Möglichkeiten (1 Film pro Jahr) – manchmal reicht es für den internationalen Wettbewerb, und selbst an schlechteren Tagen ist der Abstieg kein Thema.

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Sensibles Thema, hot stuff

Thema in Verschleppt ist, was vor Wochen schon Thema in Hangover war, woran man merkt, dass es keine übergeordnete Tatort-Redaktion gibt, die nach Kriterien wie Abwechslung (Stichwort: die Mischung macht's), Dopplungen und Wiederholungen zu vermeiden suchte. Man kann daran auch sehen, dass der Fall Natascha Kampusch jetzt so tief in die populäre Kultur eingegangen ist, dass er eben im Tatort bearbeitet werden kann – wobei einem dann auffällt, dass der Fall Kampusch, so krass die Geschichte ist, zum Tatort nicht taugt, weil es da einfach keinen Mord oder wenigsten einen Toten gibt.

Der Fall Kampusch, da klingeln die Alarmglocken, sensibles Thema, hot stuff. Hannover hat löblicherweise gezeigt, wie man damit ruhig und unaufgeregt umgehen kann. Sarrebruck (Drehbuch: Khyana El Bitar/Dörte Franke, die auch den kürzlich ins Kino gekommenen Stasi-Nachleben-Coming-of-Age-Film Das System geschrieben haben, Regie: Hannu Salonen) nun macht aus der Alarmglocke ein ästhetisches Prinzip: Weil alles so schrecklich ist (entführte, geknechtete, entmenschte Mädchen, die immer ein bisschen aussehen wie die Hallu-Twins in Kubricks Shining und mitunter acten wie Sissy Spacek als Carrie, die Tochter des Satans), herrscht durchgängig Alarm. Das Buch delektiert sich an der shocking story und erfüllt sonst irgendwie die Erwartungen, von denen es glaubt, dass es sie erfüllen muss, ohne einen eigenen Gedanken zu entwickeln – das ist jene Art von Getöse, die das Getöse am medialen Betrieb erst ausmacht. Und die Kamera (Wolf Siegelmann) immer so von oben, Totale-Zoom-Schnitt-Schnitt, krasskrasskrass, Verdächtigungswucht an Plattenbau und Jetzt-hamm-wir-den-Salat-Drohung als Bild.

Die Drohung aka der Ermittlungsdruck, der andauernd in Gereiztheit ausagiert werden muss („Das ist n Simulant, das seh' ich doch von hier aus“), lastet auf Deininger um so stärker, da die vermissten Kinder schon mal gesucht und nicht gefunden wurden. Diese Scharte soll Deininger auswetzen, der dem Taschenrutscher in dieser Folge nahe steht (wird sich die Striesow-Einführungsfolge trauen, Deininger als Alkoholiker nachträglich rauszuerzählen?), weshalb er sich sehr früh auf Antwort A) festlegt: Andi Mollet (Thomas Bastkowski), eine nicht mighty zu nennende Maus, eher das Frettchen de lui-même.

Täterfindung vs. Arbeitsmarkt

Andi war schon mal suspekt, weil er Exhibitionist ist, er kann's aber schon deshalb nicht gewesen sein – und nein, wir wollen hier nicht jede Woche die Tatort-Polizei machen –, weil er sich so früh interessant macht (fast eine Esche). Dabei müsste die Deininger-Figur, um zu wissen, dass Andi es nicht ist, sich nicht mal die Filme gucken, in denen sie lebt, sondern sich lediglich daran erinnern, dass beim Puzzlen nur sehr kleine Kinder ein Stück, das so ähnlich aussieht wie der offene Platz, unbedingt in eben diese Lücke kloppen würden. Täterfindung kann man anders als den Arbeitsmarkt nur absolut und nie relativ betreiben – der Bewerber muss zu 100 Prozent ins Stellenprofil passen, alles andere sehen die Gerichte nicht so gern.

Kappl/Deininger werden bei ihrem unfreiwilligen Abschied durch Buch (die Dialoge kommen recht stanzig: „Wir brauchen sofort ne Soko“) und diese Stressregie also unnötig geschwächt – und dass Kappl das Andi-Frettchen schlägt, geschieht doch auch nur im vorauseilenden Interesse eines angeblich gesunden Volksempfindens, das – vor die Wahl zwischen Lynchmob (hier: Vater Lehmann) und Wiedereinführung der Todesstrafe gestellt – bei Päderasten am liebsten für beides votieren würde.

Gegen Ende kann Verschleppt noch ein wenig durch Spannungsverschärfung punkten, bei der dieser – und da fällt dem Foto-Freund ein Stein vom Herzen – büroklammerförmige Werner Mahler (Patrick Hastert) nur der Handlanger des omimiesen Herder war. Der hatte die Mädchen so deep resetted, dass Babsi Romers (Mathilde Hannah Bundschuh) das Programm auch nach dem Erdrutschtod von Herdern (dieser Erdrutsch, will die Tatort-Polizei nicht verschweigen, war so klar als zentraler Sachverhalt, so absichtsvoll er am Rande in den Erzählungen der Sekretärin Gerda, gespielt von Alice Hoffmann, ignoriert werden musste) noch durchziehen will. Ein etwas unbefriedigender Schluss, weil nicht nur das so genannte gesunde Volksempfinden gerade bei solcher Anlage einen Täter will. Dass der nun schon von höherer Stelle gerichtet worden ist und der an sich gruselige Umstand, dass die Girls sich auch noch gegenseitig umbringen, schafft in Wahrheit am Ende Entlastung – so wie Verschleppt diese Mädchen zeichnet, kann da mit herkömmlicher Fernsehfilmpsychologie nichts geholt werden. Was den Vorteil hat, dass man als Zuschauer nach seiner Empathie nicht erst gefragt wird.

Farewell, les deux! Großer Dialekt und lässiges Krawattebinden, Deininger, großer Dialekt, Kappl. An euch hat's für uns nicht gelegen.

Wissenswertes zur Lynchmobdrosselung: „Die Mehrzahl sexuellen Kindesmissbrauchs wird von nicht pädophilen Tätern begangen“ (dieser schnepfige Psychologe Vogeler)

Eine Kulturpraxis, die offenbar an Reiz eingebüßt hat: „Einfach nur ihre blöden Frettchen streicheln, das reicht ja heute nicht mehr"

Bürgerliche Umgangsformen, die noch zur Anwendung kommen: „Wir wurden auch nicht mehr eingeladen.“

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Free World schrieb am 22.01.2012 um 21:54
wow - klasse tatort!!!
E H schrieb am 23.01.2012 um 07:23
Lustig! Das Gruselfilm-Thriller-Dingens hat der Community offenbar die Sprache verschlagen. Mir übrigens auch.
Gustlik schrieb am 23.01.2012 um 08:19
Und wir dachten schon... dass Werner Mahler (Patrick Hastert) eine Kleinrolle für den Chef von Trigema (Wolfgang Grupp) wär. "Wir werden auch weiterhin in Deutschland spielen..."
Matthias Dell schrieb am 23.01.2012 um 10:12
sehr gute beobachtung
arianamania schrieb am 23.01.2012 um 08:29
Ja, stimmt, ich konnte auch nicht so richtig in Worte fassen...

Einerseits: Ich fühlte mich hervorragend unterhalten! Spannend, gruselig, bisschen B-movie-splattermäßig (Traumsequenz und so).
Andererseits: Tatort? Hm.

Sehr beeindruckend, dass das mir vorher immer eher behäbig/beschaulich vorkommende Saarland-Duo plötzlich brüllt, ausflippt, heult... schade, dass es gerade jetzt, wo ich Spaß dran bekam, die weitere Entwicklung des Duos zu sehen, vorbei ist damit.

Ein bisschen mau fand ich die Täterfindung... aber eigentlich halt wie üblich mau. Zufallstreffer in der Gendatenbank, das wird aber wohl öfter vorkommen im echten Leben. Der Erdrutschtote war etwas mühsam und sehr doof fand ich, dass Lehmann-Tagebuchbringer einfach so im Soko-Raum sich selbst überlassen wurde, damit die Messerszene noch zustande kommen konnte (die man von mir aus hätte ersatzlos streichen können). Sehr schade finde ich immer wieder die Rolle, die man Alice Hoffmann da zumutet. Die kann doch viel mehr. Diese "Oma" passt überhaupt nicht zum Thema... und dass sie dieses Mal immer wieder die besten Tipps parat hat (Stoff, Erdrutsch), auch nicht. Entweder tüddelige Oma oder nicht. Ganz schade.

Insgesamt wurde ein bisschen "zu viel" erzählt, ich hatte etwas Mühe, die dunkelhaarigen Frauen (Mahler/Lehmann/Romers, wenn ich das richtig erinnere) auseinander zu halten. Aber trotzdem: sehr gute Sonntagabend-Unterhaltung!

Mir hat auch die unruhige Kameraführung und das CSI:NY-Blau diesmal sehr gut gefallen, das passte. Sonst ist diese Art der Darstellung oft irgendwie schräg für Tatorte...
Matthias Dell schrieb am 23.01.2012 um 10:15
"sehr doof fand ich, dass Lehmann-Tagebuchbringer einfach so im Soko-Raum sich selbst überlassen wurde"

so ein schrutz. immerhin merkt man daran, dass diese wandzeitungen eigentlich nur für rachedurstige betroffene gemacht werden, so wie diese olle lehmann hier die geschichte seiner tat erzählt hat
arianamania schrieb am 23.01.2012 um 10:45
Schrutz = unwichtiger Kleinkram? Nur mal so nachgefragt :-) Stimmt schon, ist mir halt aufgefallen, dass ich das nicht für "realistisch" halte. Was bei einem fiktionalen Unterhaltungsfilmchen eh nicht der Sinn der Sache ist ;-)
Matthias Dell schrieb am 23.01.2012 um 11:06
stimmt, aber falsch benutzt von mir. wollte sagen: so ein unsinn
Magda schrieb am 23.01.2012 um 09:43
Ich hatte bei dem Tatort, der mir auch recht nahe ging, nicht nur an den Kampusch Fall, sondern mehr an die schreckliche Dutroux-Geschichte gedacht.

Ein bisschen wurde auch die Mitschuld von Frauen zumindest als Thema angedeutet, sei es - wie in diesem Falle - durch Wegsehen oder im Originalfall Dutroux durch Mitwirkung.

Das mit der ständigen Alarm-Stimmung ist mir auch aufgefallen. Ich dachte zwischendurch an Petersens "Boot" und erwartete, dass irgendwann jemand in den engen Gängen dort "Warschau" ruft. Ich lästerte zu Hause über die "Tatort-Lichtspiele" und die dröhnenden Türen.

Ich habe das Buch von Natascha Kampusch gelesen, mir ist auch in ihrem Zusammenhang aufgefallen, dass im Umgang mit diesen Taten soviel Abgrund ist, dass ich da lieber nicht reingucke - ich meine öffentlich. Ich habe da so allerlei Meinungen, aber wenn ich die äußerte, drohte mir der Lynchmord.

Es ist wenig, wenig Empathie in dem Tatort, eher neue entlastende, symbolische "Schuld" auf die Opfer geschoben, was mit Kampusch ja auch sinnfällig geschehen ist und geschieht.

Toll fand ich diesen Mahler, das war eine "irre" Figur und auch dessen Ehefrau, die mal kurz bei mir in Tatverdacht geriet.

de.wikipedia.org/wiki/Marc_Dutroux
ausbein schrieb am 23.01.2012 um 09:50
Es ist wenig, wenig Empathie in dem Tatort Ja, finde ich auch, zu wenig.

Toll fand ich diesen Mahler, das war eine "irre" Figur Ja!
Matthias Dell schrieb am 23.01.2012 um 10:17
magda! musste man sie denken, weil sie neulich schon bei kiel rausgenommen hatten (magda-alert vor ausstrahlung - womöglich ein neues feature für den relaunch 2017?), da fand ich das hier überflüssigerweise viel bangemachender und darin eben doof
Free World schrieb am 23.01.2012 um 11:39
wieviel "mahler" steckt eingentlich in jenen, die einen komplett fehlerfreien also auch bürokratisch komplett korrekten "tatort" mit marotten erfüllten ermittlern erwarten?

*duck* .)

meinerseits darf der "tatort" durchaus fehlerbehaftet sein, wenn die unterhaltung spannend dargeboten wird. spannend dargeboten wurde sie - den rest kann ich verzeihen.
ausbein schrieb am 23.01.2012 um 09:47
Kein schlechter Tatort, etwas weniger lieblos und hektisch, statt dessen etwas mehr Detailarbeit, und es wäre ein richtig guter möglich gewesen.

Schönes Detail: Der Einstieg zum Verlies durch das Waschbecken.

Eigenartiges Detail: Die zur Fesselung der Opfer verwendeten Schraubschellen werden durchgehend Kabelbinder genannt. Vielleicht typisch fürs Saarland.
(Hier in Westfalen heißen Schraubschellen Schraubschellen, nur Kabelbinder heißen Kabelbinder.)

Deininger werde ich vermissen.
Matthias Dell schrieb am 23.01.2012 um 10:18
"nur Kabelbinder heißen Kabelbinder" - i like
Tobi-Eiki schrieb am 23.01.2012 um 10:36
Durchschnittlicher Tatort mit Spannung, aber vielen Schwächen

Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass mich dieser Tatort nicht überzeugt hat. Sicherlich wusste dieser Tatort durch Spannung und eine gewisse Thriller-Atmosphäre zu überzeugen, trotzdem konnte diese Tatsache nicht über die vielen Schwächen hinwegtäuschen. Mal ganz davon abgesehen, dass mich die Inszenierung der entführten Mädchen zu oft an zweitklassige Hollywood-Produktionen erinnerte, was den klassischen Charme der Tatort-Reihe beschädigte.

Hinzu kamen die zahlreichen Fehler und Schwächen. Warum ist es möglich, dass ständig Unbefugte (Herr Lehmann und Herr Mahler) unbemerkt in die Zentrale der Soko eindringen konnten und dort sogar sensible Details der Ermittlungen einsehen konnten? Warum ermittelte das Kommissarenduo auf eigenen Faust in dunklen Kellern? Jeder Polizist dürfte sich bei solchen Szenen die Haare raufen! Sicherlich wurde dadurch die Spannung erhöht, realistisch war es aber in keinem Fall. Auch das lächerliche Streitgespräch zwischen dem Psychologen Vogeler und Kommissar Deininger nervte mich nach wenigen Augenblicken. Wieso wird ausgerechnet der Psychologe eines Tatverdächtigen vom Innenministerium!! zur Unterstützung herangezogen? Hat die Polizei keine eigenen Profiler und Spezialisten? Hier liegt für mich übrigens eine weitere Schwäche des Tatorts. Durch eine kluge Verknüpfung von Profiling und Ermittlung hätte die Psyche des Täters näher beleuchtet werden können, was ebenfalls den Täterkreis einengen könnte, um weitere Spannung zu erzeugen. Dieser Tatort setzte meiner Ansicht nach jedoch mehr auf amateurhaftes Verhalten der ermittelnden Kommissare. Aus diesem Grund ist es vielleicht sogar gut, dass es die letzte Folge dieser Kommissare war. Amateure sollten lieber in den Vorabendkrimis des ZDF ermitteln, aber nicht im Tatort.
Matthias Dell schrieb am 23.01.2012 um 11:12
@tobi-eiki
voll allrighty. was sie aber kritisieren, ist das buch, das hat mit deininger und kappl wenig zu tun (und wenn man den zahlreichen interviews zum abgang von deininger glauben darf, wogegen nichts spricht, dann haben die beiden eher versucht, schlimmeres zu verhindern).
und dass diese bücher selbst bei so nem hervorgehobenen format wie dem "tatort" noch so schlampig sind, man fasst es nicht. da regiert das klischee, und das ist ärgerlich. die hier bemerkten fehler in der handlung haben nichts mit falsch verstandener "realismus"-wacht zu tun, es geht um die innere logik der erzählung, und die stimmt einfach nicht, wenn da zwei polizisten in einen keller gehen auf eigene faust, ohne den apparat zu bemühen, über den sie verfügen.
Free World schrieb am 23.01.2012 um 11:16
immerhin wurde hier ermitttelt. hektisch, falsch, richtig, zufällig, mit schnellen bildfolgen, hämmernden sequenzen, vorurteils beladen - fast wie im realen leben und ohne dusseligen running gags, wie zum beispiel in köln anner pommes bud.

"Amateure sollten lieber in den Vorabendkrimis des ZDF ermitteln, aber nicht im Tatort."

bei vielen "tatort"-duos geht es doch an sich immer nur um die vermeintlich guten ermittler und deren persönlichen wie lächerlichen marotten. die gehören auf den nachmittag gelegt, wo die gestandene hausfrau sich langweilt.

gestern sah man seit längerer zeit mal wieder einen spannungsreichen auch fehl ermittelenden "tatort" mit scheinbaren beiläufigkeiten wie erdutschen oder echten randbemerkungen, dass man keinen brokoli mag.
Tobi-Eiki schrieb am 23.01.2012 um 12:09
Da stimme ich Ihnen zu Herr Dell! Das Buch war in der Tat schlampig, was sich in letzter Instanz auch auf die Qualität des Films auswirkt. Ich war trotz der "modernen" Thriller-Atmosphäre sehr enttäuscht.
Tobi-Eiki schrieb am 23.01.2012 um 12:14
Hallo Free World

gerade die persönlichen Marotten der Ermittler machen viele Tatort-Serien so charmant und sympathisch. Natürlich ist es beispielsweise unrealistisch, dass der Gerichtsmediziner Boerne zusammen mit Thiel ermittelt. Der Charakter des Boerne macht diese Tatort-Serie jedoch für mich so interessant und auch unterhaltsam, weshalb ich mich auf jede neue Folge freue und sogar Wiederholungen auf den dritten Programmen schaue. Das sind allerdings persönliche Geschmäcker, welche natürlich höchst unterschiedlich sind. Deshalb kann ich verstehen, dass Ihnen der Kölner Tatort beispielsweise weniger gefällt.
Free World schrieb am 23.01.2012 um 12:47
jaja. aber solche geschichten, die sich fast nur noch um die marotten drehen können auch "lindenstrasse", "verbotene liebe" oder "traumschiff" heißen. ein "tatort", der fast nur noch gedreht wird, um die duos zu sehen ist vorabend programm oder noch früher.

ein grund warum ich mittlerweile lieber verfilmte krimis aus dem norden europas schaue liegt darin, dass hier noch mehr als reste dessen ausmacht, was einen krimi ausmacht. kranke geister, dunkle gestalten und andere fragwürdige figuren.

das "schöne" am durch hangrutsch verunglückten täter ist doch, dass die kranke figur dahinter nicht per aufklärung erklärt werden kann. das man mit offenen fragen zurück bleibt - statt sich bürokratisch, ordentlich zu verabschieden - ist ein (für mich) gutes kennzeichen für eine krimiverfilmung. stoff für debatten liefern. welcher kranke heißt steckt dahinter sich selber zu fragen statt eines abziehbildes von einem solchen, dass man dann mit seiner nachbarschaft vergleichen kann.

gestern bekam ich das... schaue ich nach leipzig oder köln ... eben. familien lindenstrassen schrott.
Free World schrieb am 23.01.2012 um 12:55
korrektur, statt:

... welcher kranke heißt steckt ...
... welcher kranke geist steckt ...
Matthias Dell schrieb am 23.01.2012 um 14:04
@free world
kann ihren ansatz verstehen, würde aber, das ist zumindest die idee von hier und mir oder auch mir hier, eher dazu tendieren, den tatort nicht zuerst als krimi betrachten zu wollen, da gibt es hunderttausend bessere. sondern eher als eine form von bürgerpflicht/volksbildung, quasi in einer reihe mit tagesschau, briefwahl und respekt vorm amt.
auf einer bundespräsidentenskala wäre diese folge m.e. dann kurz vor lübke. muss man beklagen, kann man aber nichts machen. außer auf nächste woche hoffen
Free World schrieb am 23.01.2012 um 14:32
"tatort" ist eigentlich ein kult-objekt und ich gebe zu, ich warte immer noch darauf, dass irgendwann so etwas wie ein akzeptabler schimmi & tanner "ersatz" den sonntagabend mit aufruhr, spannung und guten und heißen themen füllt.

ich weiss. das passiert nächste woche garaniert auch nicht. ich vermute, ich könnte am sonntag abend meiner frau die verbedienung überlassen und mich monatlich auf "die anstalt" tv-technisch zu reduzieren. meine frau guckt das immer nicht, weil sie wirklich glaubt der "tatort" sei ein krimi.

in der regel ein witz.
Jim Stark schrieb am 23.01.2012 um 10:58
Unmotiviert, zäh, hysterisch - Ich kenne das Saarländer Ermittlerduo nicht gut, hatte mich aber schon beim letzten Fall an der Überkonstruiertheit der Story und der Figuren gestoßen. Die Figuren sind flach, erlangen keinen Charme. Selbst die gut gemeinte, stets betroffen dreinschauende, nervtötend fränkelnde Sekretärin kann der gewillte Tatort-Zuschauer nicht im Ansatz ernst nehmen. Allen voran der Choleriker und der Beau als Ermittler- peinlich! Und die Story war eine, zwar gut gefilmte, aber wieder mal mies konstruierte Horrorgeschichte mit genretypischen Bildern in "The Ring"- oder "Saw"-Optik. Nervig. Da bringen auch die mitmenschelnden Parallelen zu Fällen wie Kampusch oder Dutroux nichts.
Ian Bellyn schrieb am 23.01.2012 um 11:21
Fränkisch klingt anders!
Moss schrieb am 23.01.2012 um 12:29
Scho, obber dä Jim Schdarg do uhm maant woll «saarfränkelnde», ned obä-, middl- odä underfränggisch, gell!
Matthias Dell schrieb am 23.01.2012 um 13:57
sehr schön. oder auch: sackschdarg.
Jim Stark schrieb am 24.01.2012 um 10:29
Rischtisch. Saalfränkelnd maan isch.
Ian Bellyn schrieb am 23.01.2012 um 11:19
Anmerkung zu "Wissenswertes zur Lynchmobdrosselung":

Ja, hier zeigt sich ein Ansatz der Auseinandersetzung mit Päderastie. Sonst aber versagt sie auf ganzer Länge. (Ein Grund mag darin liegen, dass zwei Themen gleichzeitig behandelt wurden: einerseits Kampusch-Fall, andererseits: Päderastie und Gesellschaft). Erschreckend fand ich die Unreflektiertheit von Kappl/Deininger, die sich den gesamten Film über nicht einstellte. Der Psychater hat genervt und konnte deswegen diese Aufgabe nicht übernehmen. Die entscheidende Filmszene: der Schlag in die Magengrube. Es ist nicht schwer sich selbst dabei zu entdecken, diesen als Genugtuung zu empfinden; nach dem Motto: bei Päderasten darf man das, da triffts immer den Richtigen.
Matthias Dell schrieb am 24.01.2012 um 12:21
dem psychiater kann man noch zugutehalten, dass der zugunsten der spannung verdächtig gehalten werden sollte.

"Es ist nicht schwer sich selbst dabei zu entdecken, diesen als Genugtuung zu empfinden; nach dem Motto: bei Päderasten darf man das, da triffts immer den Richtigen."

tatsächlich ging's mir eher andersrum, ich fand das völlig überzogen und eben so ein komisches gefühltes volksempfindenwalten. es gibt da sicherlich fragen (daschner), die sehr heikel sind, aber dann müsste ein tatort sie auch so formulieren
Sarah Rudolph schrieb am 25.01.2012 um 18:50
Ich fand das Verhalten von Kappl und Deininger soo ätzend, unprofessionell und irgendwie kindisch. Kappl durfte ja schon immer gerne das Arschloch markieren, kanner ja ganz gut, und das guter Bulle/böser Bulle-Ding haben die beiden auch drauf, aber bisher durfte Deininger als irgendwie-Betroffener (der Mobbing-Fall!) dann noch ausgleichen, diesmal war er ja noch ätzender als Kappl. Nee, das muss nicht sein.
Horge schrieb am 23.01.2012 um 18:13
Guter Artikel. Gerne gelesen. Deininger und Kappl werden mir auch aus folkloristischen und dialektischen Gründen fehlen. Mit diesen Charakteren Geschichten aus der saarländischen Unterwelt zu erzählen wäre eigentlich aus meiner Sicht noch lange nicht zu Ende.
Thomas Maier schrieb am 24.01.2012 um 00:55
Auch wenn Sie das im Text schreiben, wer einen "Hannover" hat, sollte diesen Tatort vielleicht nicht konsumieren. Ich kenne bei weitem nicht alle Tatorte, aber dieser war auf der Skala der... es gibt zu viele aber eigentlich zu wenige Adjektive dafür... Tatorte, sicherlich auf den obersten Plätzen. Der unlängst davor abgelaufene Kerker-Tatort war Pusteblume dagegen.
Matthias Dell schrieb am 24.01.2012 um 12:16
bin mir nicht ganz sicher, ob ich sie richtig verstehe - hannover wurde hier nur wegen des zugriffs auf thema gelobt, hat darüber hinaus mit problemen eigener art zu kämpfen
bananenflanke schrieb am 24.01.2012 um 09:30
Es hat einen sehr komischen Beigeschmack, dass die beiden nun weg sind und dann noch auf diese Art und Weise gegangen worden sind. Das war nicht die feine englische.

Schade, dass die Geschichte mit der vorherigen Untersuchung so im Raum stehengelassen und nicht besser darauf eingegangen wurde. Wenn Kappl schon solche Träume hat, hätten die Drehbuchschreiber ja auch mal kurz in Deiningers Kopf reinschauen können und Erinnerungsseuqenzen aus dem alten Fall durchspielen können.
Sarah Rudolph schrieb am 25.01.2012 um 18:54
Ich hab mir sei-ten-weise Notizen gemacht dieses Mal und nun keine Zeit (und kein eigenes Internet) um sie hier loszuwerden. Frechheit!
Matthias Dell schrieb am 26.01.2012 um 12:37
was ist da nur los? nächste woche! spätestens
Achtermann schrieb am 25.01.2012 um 19:49
Weil der Deininger gehen muss, noch ein Erinnerungsfoto:


Hauptsach, gudd gess!


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