Seitdem die Auswirkungen der jüngsten Wirtschafts- und Finanzkrise massiv spürbar geworden sind und sich die von Sozialleistungskürzungen, Arbeitslosigkeit, Preissteigerungen, Kreditausfällen und Inflation Betroffenen zu Widerstandsbewegungen formieren, sprießen bei den Verlagen Reihen aus dem Programmboden, die die aktuellen Ereignisse theoretisch begleiten (siehe Freitag v. 19 1. 2012). Auch der in Wien ansässige Mandelbaum-Verlag hat eine neue politische Edition mit dem schönen Doppelnamen kritik&utopie aufgelegt. Zu finden sein sollen dort, so die programmatische Ankündigung, „emanzipative theoretische Entwürfe“ und „Reflexionen aktueller sozialer Bewegungen“.
Als siebenter Band der Reihe und das erste Mal auf Deutsch ist jetzt Harry Cleavers Klassiker von 1970 erschienen: Das „Kapital“ politisch lesen. Cleaver, Jahrgang 1944 und seit 1975 außerordentlicher Professor an der University of Texas, wo er Marxismus und marxistische Ökonomie lehrt, rechnet sich der Fraktion des autonomen Marxismus zu, einer Strömung, die sich aus den Arbeiter- und Studentenunruhen sowie der Bürgerrechts- und feministischen Bewegung der 1960er und 1970er Jahre entwickelt hat. Sie sieht sich in Opposition zu den in ideologischen und hierarchischen Verkrustungen erstarrten staatsgläubigen kommunistischen Parteien und klientelistischen Gewerkschaften.
Eine neue Arbeiterklasse
Der autonome Marxismus betont die „autonome Macht“ der „ArbeiterInnenklasse“ und orientiert sich historisch eher an den Räten der deutschen Novemberrevolutionäre oder an den „Sowjets“. Dabei geht er von einem weiten Begriff der Arbeiterklasse aus, rechnet er zu dieser doch nicht nur das entlohnte Industrieproletariat und die Angestellten, sondern auch Studierende, PraktikantInnen, Arbeitslose und Hausfrauen. Damit nimmt er Teile der Gesellschaft in den Blick, deren Zugehörigkeit zur „Fabrik“ nicht unmittelbar ersichtlich ist, da sie nicht entlohnt werden. Der Kampf dieser weitgefassten Arbeiterklasse zeige sich, so Cleaver, vorrangig in selbstorganisierten Aktionen, zu denen auch Arbeitsverlangsamung und -verweigerung, Besetzungen, wilde Streiks und Sabotage zählen.
Dass der Mandelbaum-Verlag für seine neue Schriftenreihe zu Cleaver gegriffen hat, erstaunt nicht, stehen die aktuellen sozialen Bewegungen, insbesondere die „We are the 99%“- oder Occupy-Bewegung, doch in der Tradition dieser spontanen Graswurzelbewegungen ohne Führerschaft und, jedenfalls derzeit, ohne formuliertes Programm. Nichtsdestotrotz lassen sie deutlich das Ziel erkennen, die Verlierer der Krise sicht- und hörbar zu machen, die Spaltung untereinander aufzuheben und die Solidarisierung verschiedener Gruppen zu fördern.
Die Kontrolle zurückgewinnen
Cleaver möchte diese „aktuelle Welle der Kämpfe“ unterstützen, wie er in seinem für die deutsche Neuauflage verfassten Vorwort schreibt. Geschehen soll dies zum einen, indem er die lange Tradition solcher Kämpfe nachzeichnet und so ein historisches Bewusstsein schafft. Zum anderen durch seine politische Lesart des Kapitals, mit der er sich in größere Nähe zu den sozialen Bewegungen begibt als sogenannte „marxologische“ wissenschaftliche Forschungsrichtungen. Nur eine politische Lektüre könne „direkt auf die Bedürfnisse dieser Klasse nach Klärung des Handlungsspielraums und der Struktur ihrer eigenen Macht und Strategie“ antworten. Man dürfe in Marx’ Kapital nicht nur eine „Politische Ökonomie“, sondern müsse vielmehr eine gesamtgesellschaftliche Untersuchung sehen, die zeige, dass die ökonomischen Verhältnisse in Wirklichkeit politische Verhältnisse sind.
Zentraler Begriff für Cleaver ist der des Marxschen „Arbeitswerts“. Derzufolge existiert der Wert nicht absolut für sich, sondern konstituiert sich erst im Tausch eines Arbeitsprodukts mit einem anderen (oder einer bestimmten Menge Geld als seiner abstrakten Form). Die ökonomische Kategorie „Wert“ hat nur in einer warentauschenden Gesellschaft, in der die Produzenten voneinander isoliert sind, Geltung. Vollständiger Warentausch aber findet nur dort statt, wo auch die Arbeitskraft zur Ware geworden ist. Woraus, so Cleaver, folgt, dass im Kapitalismus alles „einen Aspekt des antagonistischen Kampfes um den Grad, in dem das Leben der Menschen der kapitalistischen Arbeit unterworfen wird, gegen den Grad, in dem es Menschen gelingt, sich selbst von dieser Unterwerfung zu befreien, darstellt“.
Zwei Momente des Kampfes
Im Gegensatz zum Mainstream der marxistischen Lehre, die auf der Analyse der Mechanismen der kapitalistischen Ausbeutung beruht und die „Selbsttätigkeit der Arbeiterklasse“ ignoriert, möchte Cleaver die Fähigkeit der Arbeiterklasse stärken, „die Initiative im Klassenkampf zu übernehmen“. Der Klassenkampf besteht für ihn in zwei Momenten: einem ersten, in dem der Kampf der Arbeiterklasse das Kapital in die Krise stürzt. Und einem zweiten Moment, in dem das Kapital versucht, diese Krise gegen die Arbeiterklasse zu wenden, um wieder die Oberhand zu gewinnen.
Auch wenn es der Arbeiterklasse schmeicheln könnte, ihre Kämpfe weniger als eine Reaktion auf die zunehmende Ausbeutung zu sehen, sondern vielmehr umgekehrt, die Krisen des Kapitalismus als Zeichen ihres siegreichen Kampfes zu deuten, die von Seiten des Kapitals mit notwendig werdenden Anpassungsleistungen und neuen Strategien beantwortet werden müssen, fällt es schwer, Cleaver in dieser Umkehrung der Perspektive zu folgen.
Misslungene Ausbeutung
Die aktuelle Krise wäre ja dann nicht Folge einer Überhitzung der Aktivitäten des Kapitals, sondern Ausdruck einer misslungenen oder jedenfalls zurückgegangenen Ausbeutung. Statistiken, die für das zurückliegende Jahrzehnt eine zunehmende Kapitalkonzentration und Privatisierung von Gemeingütern belegen sowie eine rückläufige Entwicklung der Reallöhne bei wachsender Produktivität eine Zunahme prekärer, befristeter Beschäftigung, die Reduktion von Quantität und Qualität steuerfinanzierter Dienstleistungen sowie den stetigen Abbau sozialer Leistungen, sprechen eine andere Sprache.
Allerdings liegt in der Krise eine Chance, und hierin lässt sich Cleaver und seiner Fokussierung auf die Arbeitswerttheorie folgen. Es ist bestimmt nicht verkehrt, grundlegend über die zunehmende Unterwerfung unserer Leben unter die Arbeit für das Kapital nachzudenken und damit eine Wiederholung der Entwicklung, die Cleaver als Antwort auf die Krise der 1970er Jahre resümiert, zu verhindern versuchen. 1979 nämlich habe sich niemand vorstellen können, „wie gut das Kapital die Krise der 1970er Jahre (zumindest vorübergehend) meistern und auf welche Weise es – mittels der Aufnahme und Wendung der Sehnsüchte und Forderungen nach einem weniger strikten Arbeitsablauf und kreativerem Leben – die Arbeit erneut noch tiefer in die Gesellschaft hinein durchsetzen würde können“.
Mut machen
Die Alternative zu dieser Entwicklung sieht Cleaver in der Schaffung von Inseln, die sich dem kapitalistischen Zugriff entziehen, um „neue Arten des Daseins“ schaffen, um „unsere Tätigkeiten – einschließlich jener, die wir jetzt ,Arbeit‘ nennen – dahingehend zu reorganisieren, dass sie mit unseren eigenen Bedürfnissen frei vom kapitalistischen Kommando zusammentreffen“.
Das schließt natürlich eine Diskussion über die Neu- und Umverteilung von Produktionsmitteln und (privatisierten) Gemeinschaftsgütern wie Land, Wasser, Bodenschätze und Energie mit ein. Im Kern aber formuliert Cleaver hier einen Gedanken, unter dem der in Mexiko lehrende Politikwissenschaftler John Holloway derzeit alle globalen Protestbeweungen zusammenfasst. In dem Buch Kapitalismus aufbrechen (Westfälisches Dampfboot, 2010) denkt Holloway den Kapitalismus als System, das wir täglich durch unser Handeln neu erschaffen, also auch durch alternatives Handeln, „Inseln“ oder „Cracks“, wie Holloway sagt, von innen her „aufbrechen“ können. Holloways Praxismodell, das immer wieder als Erklärung der Occupy-Bewegung ins Feld geführt wird, wäre Cleaver wohl zu individualistisch. Doch hier wie dort ist die Botschaft für mögliche Kämpfe die gleiche: Nur Mut.
„Das Kapital“ politisch lesen. Eine alternative Interpretation des Marxschen Hauptwerks Harry Cleaver Hg. v. Martin Birkner, Aus dem amerikanischen Englisch von Renate Nahar, Mandelbaum 2011, 331 S., 19,90 €
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"Das Kapital" politisch lesen?
Bei diesem Titel suche ich unwillkülich nach dem versteckten Witz. Ja, wie denn sonst? "Man dürfe in Marx’ Kapital nicht nur eine „Politische Ökonomie“, sondern müsse vielmehr eine gesamtgesellschaftliche Untersuchung sehen, die zeige, dass die ökonomischen Verhältnisse in Wirklichkeit politische Verhältnisse sind." Hä... ich komm einfach nicht dahinter! Das "Politische" im Titel: "Politische Ökonomie" muss freilich ganz und gar im Sinne des zoon politikon des Aristoteles verstanden werden. (In den "Grundrissen" bezieht sich Marx explizit auf Aristoteles.) Das heißt: eine Politische Ökonomie nimmt notwendig "eine gesamtgesellschaftliche Untersuchung" in Angriff; wenn nicht, dann ist sie keine Politische Ökonomie. Marx Primat allerdings liegt auf der Ökonomie. Das Politische muss immer von der Ökonomie her gedacht werden, da die Wirklichkeit des Politischen durch die Wirklichkeit der Ökonomie bestimmt wird und nicht andersherum (hier liegt ja gerade der wesentliche Kritikpunkt von Marx an Hegel). Im Grunde ist der Titel "Politische Ökonomie" also doppeltgemoppelt, da eine Ökonomie eben immer eine politische ist, wenn sie eine Ökonomie ist. Hierin aber liegt Marx' große Kritik an Smith, Ricardo, Mill und Co., dass sie eine Ökonomie schreiben, die nicht politisch gedacht wird. Wenn Marx den Titel "Politische Ökonomie" wählt, dann deswegen, um bereits im Titel auf diesen Fehler der Nationalökonomen hinzuweisen. Ich habe nun Herrn Cleaver nicht gelesen, aber wenn er nun meint, das Primat auf das Politische zu legen, ja dann, mit Verlaub, hat er nicht verstanden, worum es Marx geht. Will er aber bloß daran erinnern, dass die Ökonomie immer politisch ist, dann ist es doch falsch zu sagen, "dass die ökonomischen Verhältnisse in Wirklichkeit politische Verhältnisse sind." Richtig wäre: dass ökonomische Verhältnisse die Wirklichkeit politischer Verhältnisse überhaupt erst schaffen! Für einen Wandel politischer Verhältnisse ist also der Wandel ökonomischer Verhältnisse unumgängliche Vorraussetzung. |
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@Ian Bellyn,
Sie sind mir leider zuvor gekommen, so habe ich Marx auch verstanden. Der Schluß daraus besteht, dass unbedingt ein Systenwandel vollzogen werden muß. Die Obrigkeit lehnt diesen konsequent ab, aber der wird nach meiner Meinung schneller kommen, als es diesen Herrschaften lieb ist. Man kann nicht von Demokratie sprechen und das eigene Volk zu Sklaven machen, dass funktioniert nicht. Die jetzige Genarationen werden sich dies nicht mehr bieten lassen. |
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16.05.2012
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