Politik

SPD-Abweichler | 10.08.2009 13:00 | Tom Strohschneider

Einzigartig

Die vermeintlichen Parteipläne der hessischen SPD-Abweichler sind längst dementiert. Die Werbung für Volker Zastrows Buch über die Intrige von Wiesbaden geht weiter

Vor langer Zeit, man muss schon etwas tiefer ins Archiv sozialdemokratischer Negativschlagzeilen hinabsteigen, scheiterte in Wiesbaden eine Ministerpräsidentenkandidatin der SPD an einer Mischung aus Intrige, persönlicher Boshaftigkeit und Unvermögen bei ihrem Versuch, eine Regierung zu bilden. Die Frau hieß Andrea Ypsilanti, ist inzwischen einfache Landtagsabgeordnete in Hessen und hat – was ungerecht ist – ein ähnliches Schicksal erfahren wie Peter Hartz: Ihr Name ist zum Symbol für etwas Schlechtes geworden, für den "Wortbruch". Gerade erst stritt die nordrhein-westfälische Sozialdemokratin Hannelore Kraft vor Gericht dagegen, von der Konkurrenz "Kraftilanti" genannt zu werden.

Ypsilantis rot-rot-grünes Bündnis ist seinerzeit zuallererst an den Kräfteverhältnissen gescheitert. Eine für Sozialdemokraten vergleichsweise linke Politik, ein Koalitionsvertrag gegen die Interessen der Energie- und Verkehrslobby, die Möglichkeit zu einem ersten Tolerierungsmodell mit der Linkspartei in einem Westbundesland – das reichte aus, um gewichtige Gegenkräfte zu mobilisieren. Hinzu kamen handwerkliche Fehler, ein seit langem zerstrittener Landesverband, ein mediales Umfeld. Daraus, dass sich zudem eine Viererbande fand, die weniger ein gemeinsames Ziel verband, als ein gemeinsamesMaß an Illoyalität und politischem Egoismus, wird noch keine Verschwörung. Jürgen Walter, Carmen Everts, Silke Tesch und Dagmar Metzger haben es in den Fußnotenapparat der Parlamentsgeschichte geschafft. Einige aus dem Quartett hatten wohl auch zu spät mitbekommen, in der falschen Partei zu sein.

Das Trauerspiel hat am Wochenende urplötzlich eine Wiederaufführung erlebt. Gegen elf Uhr am Sonntag meldete die Deutsche Presse-Agentur unter Berufung auf die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, jene hessischen Abgeordneten, die immer als "SPD-Rebellen" bezeichnet wurden, als ob ihrer Tat etwas Gutes, Widerständisches innewohnte, würden die Gründung einer neuen Partei "erwägen". Der Anlass, welcher dieser Nachricht zugrunde lag, war jedoch offenbar frei erfunden: Vier Stunden später kamen die ersten Dementis. Selbst wenn man annehmen müsste, es steckte doch eine Wahrheit darin, waren die Hinweise doch dünn – Andeutungen in Hintergrundgesprächen. Das fällt auch deshalb ins Gewicht, weil man von der Frankfurter Allgemeinen anderes gewohnt ist: Nachrichten mit Belegen.

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Seinen Zweck hat das Ganze dennoch erfüllt. Schließlich ging es bei alledem darum, ein Buch ins Gespräch zu bringen, das am Dienstag erscheint. Die Vier. Eine Intrige, geschrieben von Volker Zastrow, verantwortlich für den Politikteil bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Dass in der Süddeutschen die Karawane noch mit einem literaturkritischen Ritterschlag angetrieben wird, soll nicht unerwähnt bleiben. Gustav Seibt stellt Zastrows Recherche sogar in eine Reihe mit den Romanen von Georges Simenon, lobt das "Großartige", die "Meisterhand", das "Einzigartige". Wenigstens für den kollegialen Werbeaufwand trifft das zu: In der Samstagsausgabe der FAZ erschien bereits ein Auszug aus dem Buch über zwei Seiten, die Geschichte fand Platz auf drei Seiten in der Sonntagszeitung, dort las man auch die Ankündigung, weitere spannende Neuigkeiten werde die Frankfurter Allgemeine am Dienstag verbreiten. Ein Fortsetzungroman?

Ob die SPD auch dann bei ihrer Haltung bleibt, sich an dieser Form der "Vergangenheitsbewältigung" nicht zu beteiligen, weil man sie als Partei für abgeschlossen hält, wird sich zeigen. Dazu müsste wohl erst etwas enthüllt werden, das einen wirklich anderen Blick auf den Sturz von Andrea Ypsilanti im Spätherbst 2008 erlaubt. Details über Gespräche bei Serviettenknödel in der Eschborner "Bauernschänke", Beschreibungen von löwensenfbraunen Sakkos und Exkurse über den Dreiachser K 340 F der Firma Krupp mögen sich gut lesen und schärfen das Bild. Sie machen aber noch kein neues.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
misterl schrieb am 10.08.2009 um 13:13
Es ist bitter - wir leben in Zeiten von Wahlkampf.
Columbus schrieb am 10.08.2009 um 14:08
Lieber Herr Strohschneider,

So sehr sicher ist, dass Herr Zastrow keine Sympathie für die rote und rosarote Linke hegt, so sicher ist auch, dass Sie den öffentlich zugänglichen Teilausschnitt aus seinem Buch nur in eine Richtung lasen. - Sicher, umgekehrt werden das auch viele stur konservative Leser so tun.

Aber, wer sich den Vorab-, besser Parallelabdruck genau durchliest, der begreift auch, wie wenig es den vier Abweichlern, von der deutschen Presse und dem TV damals fast unisono als demokratische "Helden" hochstilisiert, zunächst einmal um übermäßig viele entscheidende Posten in der angestrebten Regierung ging, die vor allem deshalb als übermäßig entlarvt werden, weil sie klar erkennbar nur von einer kleinen, aber wahlentscheidenden Minderheit in der SPD mit getragen wurden. - Also, das Prinzip größtmöglicher persönlicher Einflusssicherung, bei geringst notwendiger breiter und offener Zustimmung an der Basis, das zieht sich bei den Netzwerkern und Strippenziehern durch. Das Hinterzimmer ist der mal mehr oder weniger gepflegte Ideal-Ort dieser Art Politik, an der, nach Möglichkeit, sofort auch noch der politische Gegner mitwirkt oder es zumindest versucht.

Nur in den öffentlichen Gremien wird nach Herzenslust und Taktik falsch gespielt - Ganz schlecht kommt Herr Walter weg, dessen eigene Sprüche, "ich jage jemanden die Leiter hoch aufs Dach, dann ziehe ich die Stiege weg", oder "Links blinken, rechts abbiegen", genüsslich durch den Kakao gezogen werden. Auch die naiven Rollen im schalen Schauspiel sind bestens besetzt.

Herr Zastrow mag die in diesem Sinne viel durchsetzungsfähigere Manschaft um Roland Koch bewundern, denen sogar Lügen das Durchregieren nicht unmöglich machten, vom Chef bis zu seinem Zinnsoldaten, der als Büßer nun Verteidigung spielen darf. Aber, die Geschichte die er erzählt berichtet nur davon, worum es in der Politik, egal welcher etablierten Partei, zuerst geht. - Wer denkt da noch an langfristig und strategisch denkende Leute, wie Hermann Scheer, der wirklich eine Energiewende will. Sie sind für die Politik in diesem Stile ungeeignet, nur Spielmaterial und Verschiebemasse.

Am Ende bleibt eine Frage. Warum überlassen Wähler solchen Politikern so viel Macht? - Sind sie am Ende genau so, im Geschäft, am Arbeitsplatz, in der Familie, mit den Nachbarn und wählen was ihnen anverwandt erscheint.

Grüße
Christoph Leusch
leif eriksson schrieb am 10.08.2009 um 20:04
Ich bin sehr gespannt auf das Buch von Zastrow, dessen ursprüngliche Intention gewesen sein soll, ein "Heldenbuch" zu schreiben. Offenbar hat sich sein Bild von den "Abweichlern" gewaltig gewandelt.

Vielleicht belegt Zastrow nur, was viele schon vorher ahnten, aber auch das ist wichtig: fortan können die Verräter Walter und Everts sich nicht mehr auf eine "Gewissensentscheidung" berufen. Sie sind bloß gestellt als das, was sie sind: skrupel- und gewissenlose posten-, macht-, bedeutungs- und geldgeile kleine Lichter aus der hessischen Provinz.

Den Winkeladvokaten Walter ("erst jemanden aufs Dach steigen lassen und dann die Leiter wegnehmen", "links blinken, rechts abbiegen" wird man nun hoffentlich endgültig aus der Partei ausschließen und die Damen Everts, Tesch und Metzger nie wieder in Positionen wählen, in denen sie etwas zu sagen haben.
bkhdk schrieb am 13.08.2009 um 06:57
Das hat der im Morgenmagazin genauso gesagt. Er wollte eine Heldengeschichte schreiben (von 200 Seiten) und hat dann beim Recherchieren festgestellt, dass da eine gigantische Intrige dahinter steckt. So soll Ypsilanti den zweiten Wahlgang gar nicht geplant haben. Sie soll von Walter und Co dazu gedrängt worden sein, nur um sie dann in aller Öffentlichkeit fallen zu lassen, wie eine heiße Kartoffel.


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