Politik

Sonntag 1989 | 15.10.2009 13:30 | Redaktion

Honeckers Sturz

Mitte Oktober 1989 wird im SED-Politbüro der Sturz des Parteichefs vorbereitet. Etwa zur gleichen Zeit interviewt der "Sonntag" eine Leipziger Bürgerrechtlerin

Wir setzen die Dokumentation von Texten aus der Wochenzeitung Sonntag, dem ostdeutschen Vorgänger des heutigen Freitag, vom Herbst 1989 mit einem Interview fort, das Mitte Oktober '89 in Leipzig geführt wurde. Andreas Lehmann und Jens-Uwe Korsowsky sprechen mit der Journalistin Susanne Rummel, seinerzeit Verkäuferin in einer Musikalienhandlung, die von Christian Führer, dem Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche, darum gebeten wurde, seine Friedensgebete publizistisch zu begleiten. Als der Sonntag das Interview in der Ausgabe vom 29. Oktober 1989 abdruckt, hat Leipzig die beiden großen Montagsdemonstrationen vom 9. und 16. Oktober mit 70.000 beziehungsweise 120.000 Menschen erlebt. Tage, an denen „die Luft brennt“, wie Rummel im Gespräch erzählt. Doch nur die Luft, die Volkspolizei halt sich zurück und sperrt Straßen, Kampfgruppen bleiben im Hintergrund, Armeeeinheiten in den Kasernen.

Kein Schießbefehl

In der Woche zwischen dem 9. und 16. Oktober formiert sich im SED-Politbüro eine Gruppe von elf Mitgliedern, die – angeführt von Egon Krenz – Erich Honecker zum Rücktritt zwingen und auf der für den 18. Oktober einberufenen 9. ZK-Tagung einen neuen SED-Generalsekretär (Krenz) präsentieren will.

Erich Honecker, seit 1971 im Amt, ist nicht nur gesundheitlich angeschlagen, sondern mit seiner Auffassung im höchsten Führungsgremium der SED weitgehend isoliert, die Flüchtlingswelle, die Demonstrationen in Ostberlin zum DDR-Jahrestag am 7. Oktober, die sich formierende Opposition – dies alles sei nicht hausgemacht, sondern „auf das Wirken feindlicher Kräfte von außen“ zurückzuführen. Die zur „Wende“ entschlossene Gruppe um Krenz braucht einige Tage, um eine sichere Mehrheit gegen Honecker im 21-köpfigen Politbüro (bezogen auf die stimmberechtigten Vollmitglieder) zu sammeln. Eine Phase, in der sie nur konspirieren, nicht handeln, nicht nach außen hin in Erscheinung treten kann, und der SED das Land immer mehr entgleitet.

Am 13. Oktober versucht Erich Honecker, die Initiative noch einmal an sich zu reißen und bittet die Vorsitzenden der Blockpartei LDPD, CDU, NDPD und DBD (s. Infokasten am Ende des Textes) zum Gespräch. Es wird suggeriert, ein kollektiver Schulterschluss sei geeignet, die DDR aus der Krise zu holen und den Sozialismus auf deutschem Boden zu retten. Auch wenn der LDPD-Vorsitzende Manfed Gerlach und DBD-Chef Günther Maleuda auf die Eigenständigkeit ihrer Parteien pochen und durchblicken lassen, den geltenden SED-Führungsanspruch nicht länger hinnehmen zu wollen – in den zentralen Zeitungen ihrer Parteien, dem Morgen beziehungsweise dem Bauern-Echo findet sich davon in den Wochenendausgaben vom 14./15. Oktober 1989 nichts.

Kurz zuvor ist allerdings eine Entscheidung von erheblicher Tragweite gefallen. Auf Drängen von Egon Krenz, als Politbüro-Mitglied zugleich ZK-Sekretär für Sicherheit, und General Streletz, der gerade Verteidigungsminister Heinz Keßler vertritt, unterzeichnet Erich Honecker als Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates einen Befehl, mit dem der Einsatz von Schusswaffen bei allen Demonstrationen grundsätzlich verboten wird. Diese Order ist in Kraft, als sich die Leipziger Montagsdemonstranten am Nachmittag des 16. Oktober 1989 erneut formieren.

Streichhölzer und Salz

Was auch immer im Einzelnen zu Honeckers Weisung geführt haben mag, es dürfte von der Gewissheit überlagert worden sein: Die Sowjetunion wird absolut nichts tun, einen 17. Juni 1953 zu wiederholen. Ein Alleingang, der Versuch einer militärischen Lösung in der DDR, wird deren ohnehin bereits begonnene Exkommunikation aus dem östlichen Bündnis durch die Moskauer Führung beschleunigen. Nach dem Abfall Polens und Ungarns ist die Lage für die DDR ohnehin prekär. Dass sich die Sowjetunion nur noch bedingt als Schutzmacht versteht, dass die DDR nur mit und nicht gegen eine innere Reformbewegung überleben kann, haben Krenz, Schabowski, Kleiber und all die anderen verspäteten Dissidenten im SED Politbüro miterleben können, als es am 7. Oktober 1989 das letzte Treffen zwischen Honecker und Gorbatschow im Berliner Schloss Niederschönhausen gibt. Die Begegnung ist so unterkühlt, dass sie es verdient, eisig genannt zu werden – die Entfremdung zwischen beiden scheint weit fortgeschritten und irreparabel zu sein.

Der Gastgeber brüskiert den sowjetischen Staatschef mit Beobachtungen während seiner Reise nach Magnitogorsk im Frühsommer 1989. Man habe ihm zeigen wollen – so Honecker – wie die Leute in dieser Stadt leben, doch konnte er an der Exkursion nicht teilnehmen, habe aber später von seiner Delegation erfahren, dass es in Magnitogorsk nicht einmal Salz und Streichhölzer gäbe. Die Botschaft Honeckers, vermutlich nicht nur für Gorbatschow gedacht, auch an das  eigene Politbüro gerichtet: Die uns predigen, wir kämen zu spät und würden vom Leben bestraft, haben mit ihrer Perestroika das eigene Land ins Elend geführt.

Am Abend des 7. Oktober verzichtet Erich Honecker darauf, nach dem Empfang im Palast der Republik seinen Gast zum Flughafen zu bringen. Die Sowjets quittieren es mit Erleichterung.

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