Positionen

Neoliberalismus | 12.03.2010 13:00 | Michael Jäger

Wie sich der Neoliberalismus doch noch durchsetzt

Der Streit der Koalition verschleiert, wo Schwarz-Gelb an einem Strang zieht: bei der Ökonomisierung des Staatsapparats

Kehrt der Keynesianismus zurück? So ist gefragt worden, weil der Staat mit gigantischen Summen öffentlichen Geldes in die Wirtschaftskrise interveniert. Doch was hat es mit Keynesianismus zu tun, wenn marode Unternehmen oder Banken gestützt werden oder wenn der Staat sich verschuldet, um Steuersenkungen zu finanzieren? Das sei „deficit spending“ in der Krise, wird geantwortet; das jetzt ausgegebene Geld werde in der Hochkonjunktur zurückfließen. In der Tat ist es diese Formel, die im allgemeinen Bewusstsein als „Keynesianismus“ figuriert. Zwar stammt sie von einem Keynesianer, doch Keynes selbst hat sich von ihr distanziert. Der Staat müsse Investitionsprogramme auflegen, war seine Konjunktur und Krise übergreifende Forderung. Mit ihnen werden real Arbeitsplätze geschaffen, die Binnenkaufkraft nimmt zu und es entsteht ein Schneeballeffekt.

Dergleichen wird in keiner Weise versucht. Dabei wäre es heute ganz anders sinnvoll, als Keynes sich träumen ließ. Seine Diagnose war, dass es dem Kapital immer schwerer fallen müsse, überhaupt noch profitable, gar sinnvolle Investitionsziele zu entdecken; wenn hier der Staat einspringe, um nur Löcher ausbuddeln und wieder zuschütten zu lassen, schaffe das schon Arbeitsplätze, bemerkte er sarkastisch, und darauf allein komme es an in dieser verrückten, dem Wachstumszwang unterworfenen Wirtschaftsweise. Heute liegen sinnvolle Ziele jedoch auf der Hand. Ein ökologischer Umbau der Gesellschaft könnte fast Ausmaße haben, wie man sie aus „Rekonstruktionsperioden“ nach Kriegen kennt. Doch es werden ganz andere Weichen gestellt.

Während sich manche noch wundern, dass die Herrschaft neoliberaler Politiker andauert, obwohl die Krise ihre Doktrin widerlegt und ihre Hegemonie gebrochen habe, weisen andere schon darauf hin, dass die neoliberale Strategie fast unverändert fortgesetzt wird. Und manche entdecken gar, dass wir erst einer „Durchsetzungskrise“ des Neoliberalismus beiwohnen. In jeder Sichtweise steckt Wahres, zusammen ergeben sie ein Bild. Material wurde jüngst in der Zeitschrift Widerspruch zusammengetragen, auf drei Aufsätze soll hier unausdrücklich Bezug genommen werden (Hans-Jürgen Bieling, Jens Wissel und Ulrich Brand in: Staat und Krise. Widerspruch 57, Zürich 2. Halbj. 2009). Zunächst: Dass die Neoliberalen wirklich noch herrschen, ist unübersehbar. Steuersenkungen, das alte Credo, sind auch heute das Einzige, was ihnen einfällt.

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Business as usual

Der Glaube, man brauche nur Unternehmern mehr Geld zur Verfügung zu stellen, dann würden sie schon zu investieren beginnen, ist genau das, was Keynes wissenschaftlich zerpflückt. Wie er zeigt, entspringt dieser Glaube einem unterkomplexen Maschinenverständnis der Ökonomie, wo man meint, „gesparte“ Gelder seien immer schon der Gegenwert investierter Gelder – „Investieren = Sparen“ –, das heißt wenn Gelder nur überhaupt vorhanden seien, würden sie quasi automatisch reinvestiert. Dies stimmt laut Keynes nicht mit den Tatsachen überein: Vielmehr warten Unternehmer Situationen ab, von denen sie sich hinreichend viel Profit versprechen. Das Geld, weit entfernt, sie durch seinen Glanz in die Investition zu locken, ist gerade das Instrument ihres Abwartens. Hat es doch die wundersame Eigenschaft, auch in Zukunft ausgegeben werden zu können. In der Zeit des Wartens kann es immerhin auf Finanzmärkten rotieren. Der Ausdruck „Kasinokapitalismus“ stammt von Keynes.

Man glaubt es kaum: Während diese Zusammenhänge schon 1936 aufgedeckt wurden, wagt man es noch heute, uns auf der Basis des Märchens „Investieren = Sparen“ für eine Politik bedingungsloser Steuergeschenke in Mithaftung zu nehmen. Und das, obwohl der bisherige Krisenverkauf Keynes in allen Punkten Recht gibt – obwohl zum Beispiel die Kreditklemme das Abwarten illustriert. Doch wer meint, unsere Politiker seien wohl zu dumm, die richtige Wissenschaft zu begreifen, dürfte sich auf dem Holzweg befinden. Nein, sie machen Interessenpolitik. Sie gehen mit der vorhandenen Unternehmerkultur durch dick und dünn. Man muss gar nicht annehmen, sie würden „bestochen“, obwohl es schon wirklich neidisch macht, von Westerwelles Honorarsummen zu hören. Aber wenn sie nur als Besserverdienende hoffen, dass die Wirtschaft as usual weiterläuft, und über den morgigen Tag nicht hinaus denken, genügt das schon.

Sie setzen den Neoliberalismus in zwei Varianten fort. Die Formulierung, der Staat müsse auch „Katastrophenschutz“ übernehmen, stammt nicht zufällig vom CDU-Politiker Roland Koch. Das ist der Unionsdiskurs: Weiter so mit wenigen Anpassungen. Dieser Diskurs ist auf den Staat zentriert. Hier wird ein Spätabkömmling des „schlanken Staates“ in der Form eines Staatskörpers, der nur in der Krise Gewicht zulegt, leicht modifiziert aufrechterhalten. Der Bundeswehreinsatz im Innern ist gleichsam das metaphorische Vorbild dieses ökonomischen „Ausnahmezustands“, wie er auch genannt wird.

Regiment der Sachzwänge

Für die andere Variante, dass wir die „Durch­setzungskrise“ des Neoliberalismus erleben, scheint in Deutschland nur die kleine FDP zu stehen. Originalton Westerwelle: „Wir müssen den Problemdruck der Krise nutzen, um die Chancen der Krise zu ergreifen und die strukturellen Umbauten zu erledigen, die ohnehin seit vielen Jahren überfällig sind.“ Wie kommt es, dass er so viel Wirkung entfalten kann? Die Sozialstaatsdebatte, die er anzettelt, ist wohlkalkuliert. Zunächst meint man, er verrenne sich, weil ihm vom allen anderen Parteien Kritik entgegenschlägt. Diese Kritik bedeutet zweifellos, dass die FDP sich in der Sicht einer Bevölkerungsmehrheit unmöglich macht. Doch das kann Westerwelle egal sein, da er von vornherein nur auf die Minderheit derer zielt, die aus der Krise als Gewinner hervorgehen können, und sie zur Rücksichtslosigkeit anstachelt. Wenn sich diese Minderheit auf ihr nacktes Privatinteresse reduzieren, herunterbringen, erniedrigen lässt und geschlossen FDP wählt, hat die Partei ihren Stimmenanteil mehr als verdoppelt. Und damit hätte der Neoliberalismus einen ganz anderen Hebel in der Hand als heute.

Man muss auch sehen, wie beide Versionen ineinander greifen. Sie tun es schon allein wahltaktisch, denn je mehr Union und FDP ihren Gegensatz hervorkehren, sei er wirklich oder scheinbar, auf desto mehr Stimmenzugewinn an gegenüberliegenden Grenzen ihrer Formation dürfen sie hoffen. Ihr Zusammensein hat aber auch einen objektiven Fokus, der schon vor Jahrzehnten vom marxistischen Staatstheoretiker Nicos Poulantzas hervorgehoben wurde: Was sich zunehmend und in der Krise mit qualitativem Sprung durchsetzt, ist eine Veränderung des Staates, in der die ökonomischen Staatsapparate bedeutsamer als die ideologischen werden. So finden sich die Parlamente in der Krise vor vollendete „Sach­zwang“-Tatsachen gestellt, die natürlich nur im Kreis ökonomischer Entscheidungsträger ermittelt werden konnten. Daran arbeiten Union und FDP gemeinsam.

Daran hat aber auch die SPD mitgearbeitet, in der eben erst beendeten großen Koalition. Dies führt zur Frage, was gegen den neoliberale Durchbruch denn getan werden kann. Wird eine oppositionelle SPD zur Verbündeten? Es ist nicht abzusehen. Mit dem Konzept des „aktivierenden Staates“ hatte sie quasi ihren Beitritt zum Neoliberalismus erklärt. Es war der klassisch sozialdemokratische Gestus, die Politik des Gegners hinzunehmen und ihr nur ein kompensierendes „Ja, aber auch das“ hinzuzufügen: schlanker Staat ja, aber er soll die Erwerbslosen „aktivieren“ – und nicht etwa mit Arbeitslosengeld in bisheriger Höhe auffangen –, damit auch sie noch in der Schlankheitskur vorkommen. Hat die SPD damit gebrochen? Wo ist ihr ebenso allgemein formuliertes neues Konzept? Man wartet. Inzwischen nähern sich die Grünen dem ökologischen Keynesianismus, doch über ihre Machtpolitik schüttelt man wie immer den Kopf. Ausgerechnet heute, wo die FDP mit der Union im Schlepptau den neoliberalen Durchbruch inszeniert, inszenieren sie ihren eigenen Durchbruch zur sachorientierten Politik jenseits der Lager. Ein so falscher Zeitpunkt, hätte sich besser nicht finden lassen. Und die Linkspartei? Hat eine Führungskrise.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
mh schrieb am 12.03.2010 um 14:21
die gelder, die der staat zur verfügung stellt, sollen doch dazu dienen unternehmen über kreditlose zeiten resp. zeiten mit überteuerten krediten zu helfen, wenn sie denn nur ob der finanzkrise betroffen sind. da fallen investitionsvorhaben zwar drunter, aber auch nur wenn sie bereits angelaufen sind. da gehts mehr um refinanzierung als finanzierung.

damit wird erhalten und nicht angekurbelt.

mfg
mh
Giuseppe Navetta schrieb am 12.03.2010 um 17:30
Vielen Dank für den Artikel!

In der Tat: Das keynesianische Instrumentarium makroökonomischer Steuerung ist in seiner ganzen Fülle historisch nie angewandt worden, lediglich, wenn man so will, einzelne Hebel. Man hielt dies beispielsweise in Zeiten der Prosperität auch gar nicht für nötig, was meines Erachtens, auf fehlendes theoretisches Verständnis zurückzuführen ist, da die Theorie gerade eben auch prosperitive Zeiten mitberücksichtigt (Lohnmäßigung bei Kapitalknappheit, Reallohnsteigerung, Erhöhung der Staatsquote, des öffentlichen Angebots etc. bei Nachfrageüberhang - stark vereinfacht ausgedrückt!)

Das "skandalöse" an der derzeitigen Finanz- und Wirtschaftskrise ist, das sie eben nicht notwendigerweise systemimmanent ist, da es sich um eine künstlich erzeugte bzw. ohne (Sach-)Zwang oder Not durch eine weltweit agierende Finanzoligarchie erzeugte Kapitalknappheit handelt. Das derlei Knappheit wiederum mit Steuergelder überbrücken will bzw. muß, hat etwas mit der veränderten Rolle des Staates unter neoliberalen Direktiven zutun und in keinerlei Weise etwas mit dem "sachgerechten" Einsatz keynesianischer Instrumente!
THX1138 schrieb am 13.03.2010 um 11:15
Bemerkenswert am Neoliberalismus ist doch der Umstand, dass er es versteht, aus jeder Krise, die ja genau genommen eine Wiederlegung seines dreiteiligen Credos "weniger Staat, niedrige Steuern & freie Märkte" darstellt, eine Ausnahme zu basteln; einen Einzelfall also, der auf das ganze theoretische Konstrukt keinen Einfluss hat. Das neoliberale Wirtschaftsmodell baut im Kern auf Wachstum auf, Wachstum, immerfort Wachstum, Wachstum, Wachstum. Darauf ist auch der ganze Kapitalismus ausgelegt: Wachstum. Dass Märkte Grenzen haben, nicht nur die Grenzen des Wachstums, wie sie einst vom Club of Rome formuliert worden sind, haben nebst Marx auch schon eine ganze Reihe anderer Ökonomen (sodenn man Marx als Ökonomen betrachten will) hingewiesen: Schon Adam Smith, der Übervater der modernen Wirtschaftslehre (einer Lehre, die übrigens ursprünglich aus der Moralphilosophie hervorging [!]) hat seinerzeit auf das sog. Wachstumsmoment hingewiesen: Er bezeichnete den Zeitraum, in dem eine Gesellschaft im längsten Fall auf Wachstum hoffen könne, mit 200 Jahren. Sobald eine Volkswirtschaft (dazumal wohl noch im Rahmen von Landesgrenzen definiert) die Grenzen des Wachstums einmal erricht habe, reduziere sich der kapitalistische Profit auf die bescheidenen Margen eines stabilen, begrenzten Marktes. In der Folge fielen auch die Löhne der Arbeiter auf das Existenzminimum zurück, da der Wirtschaftsraum (nicht nur geografisch verstanden) ja mittlerweile vollständig erschlossen worden ist. Nicht umsonst spricht man ja heute von weitgehend gesättigten Märkten auf Nachfrageseite- und auf Angebotsseite- der einzigen, die neoliberalen Theologen (ein Glaubensbekenntnis) kennen, von Nischenmarketing u. ä. Diese Aussagen von Adam Smith wurden allerdings zu einer Zeit gemacht, die von Wachstumsmärkten innerhalb stabiler Landesgrenzen ausgingen. Ihre Aussagekraft verliert im Zeitalter der Globalisierung allerdings an Wirkung- ausser man wendet die Theorie des erw. Wachstumsmomentes einzig auf die Märkte des Westens an: Hier zeichnen sich ja- aus Binnenmarktperspektive versteht sich (z. B. Einzelhandel, nicht exportorientierte Branchen)- die von Smith aufgezeigten Folgen der Wachstumsgrenzen bereits ab: Sinkende Löhne und stagnierende (oder ebenfalls sinkende) Margen.

Insofern wäre ein Totalumbau unserer Volkswirtschaften hin zur Produktion von ökologischen Gütern als Alternative zum Dienstleistungswunder, dass ja genau genommen nie richtig stattgefunden hat, durchaus sinnvoll.
Joachim Petrick schrieb am 13.03.2010 um 15:51
ist Wachstum als solches immer vom selben Wachstum übergaupt noch als qualifiziertes Wachstum zu erkennen und zu benennen`?
Joachim Petrick schrieb am 13.03.2010 um 14:50
Lieber Michael,
vielen Dank für Deine Anregung zu meinem Freitags Blog Beitrag:

12.03.2010 | 20:11
Begrabt den Neoliberalismus an der nächsten Biegung der Konjunktur
Begrabt den Neoliberalismus an der nächsten Biegung der Konjunktur

Unser Problem mit dem Neoliberalismus ist, dass er sich immer wieder durchsetzt, ihm und uns sein Durchsetzugsvermögen aber zu nichts verhilft außer der Ausweitung einer regionalen €- Krise in eine globale Krise, gar Hochrüstung, Krieg, Katastrophen.

Warum?.

weil der Neoliberlismus seine Feigheit vor den Freunden politisch vergeblich als Erfolg kommnunziert.

Wer in der Markwirtschaft auf Biegen und Brechen von Rechten der Mehrheit auf Forderungseigentum, Transferleistungen herum kommandiert, als sei Krieg, der ist allzeit, wohl geneigt, das Durchregieren der Hartz IV Gesetze gegen geltendes Verfassungsrecht, der Gestalt, als Erfolg zu kommunizieren, als ob er in Kriegszeiten Lebensmittelkarten einführe!?...................

tschüss
JP
Joachim Petrick schrieb am 13.03.2010 um 15:49
Lieber Michael,
Du schreibst.

"
"....obwohl zum Beispiel die Kreditklemme das Abwarten (der Investoren) illustriert".

Das klingt schlüssig, läßt aber auch den Schluss zu, dass die Kreditklemme eben gerade nicht das Abwarten symbolisiert, sondern dem Geld- und Kreditmarkt den Atem zum Abwarten nimmt, insbesondere, wenn es konjunkturell aufwärts geht?

Es ist ja eben ein beachtlicher Unterschied, ob der Investor Moneten flüssig in der Hand hat, mit denen er auf "Günstige Gelegenheiten" zum Investieren wartet, oder zum Bilanz- und Investitons- Stillstand gezwungen ist, weil er eben gerade nicht flüssig ist, sonderden von den Banken, Finanzdienstleistern in die monetäre Wüste geschickt bleibt.

Kreditklemmen offenbaren sich ja nicht in konjunkturellen Tälern, sondern beim Weg aus dem konjunkturellen Tal.

In dieser Hinsicht sind zunehmend Unternehmen, Privathaushalte die natürlichen Moneten- System- Partner der Zentral- und Notbanken und immer weniger die Banken, Versicherungen, die systemirrelevant genötigt sind, kreditverklemmt, auf Bilanz- Risiken hockend, wie die Maus auf die Schlange, zu schielen.

tschüss
JP
rheinelbe schrieb am 13.03.2010 um 19:13
sputnik-suedstern schrieb am 13.03.2010 um 21:31
Apropos Positionierung. Um den Themenabschnitt um eine Fußnote zu ergänzen. - Sieht man, wie in dem Artikel dargestellt, eine feststellbare Verschmelzung zwischen Ökonomie und Staatsrealität (als bestehende Diskrepanz zu der vielfach verklärten Theorie von "Demokratie", "Parlamentarismus" und "Sozialer Marktwirtschaft") und nimmt man die zunehmend gerne ausgeblendeten wie negierten Erfahrungen aus der eigenen, nationalstaatlichen Vergangenheit hinzu, dann liegt der Totalitarismus näher, als es die Begriffe "Neoliberalismus" und "Kapitalismus" für sich jemals beschreiben könnten. Um nicht die fünfundsechzig Jahre-Kurve zu nehmen steht die jetzige Bundesrepublik näher am SED-Staat, als es die DDR in ihrer erfolgten Aufarbeitung jemals gewesen ist.
Dies nur dazu, weil es sich bei dem vorangegangenen Artikel um nicht wirklich etwas Neues, sondern lediglich um etwas neu (und trotzdem richtig) beschriebenes handelt.
Der vorherrschende Chauvinismus bei den demokratisch legitimierten Repräsentanten, die aktuell stattfindenden Debatten um Hartz-IV und Außenminister-Ausflüge, all dies offenbart grundlegende Fehler, die in der als Demokratie deklarierten Form des Parlamentarismus zu Tage treten und sich aufgrund der Verweigerung aller Beteiligten an einer solidarischen Debatte (sprechen wir von Gesellschaft? Oder tatsächlich von zusammenhängenden Teilgesellschaften, die sich versuchen aus dieser Abhängigkeit zu winden?) als handlungsunfähig bzw. bewusst destruktiv erweisen.
Wie in der Diskussion um diesen Artikel oder ähnliche vor ihm auffällig wird, stecken hinter angesprochenen Wahrheiten viele weitere, die rational begründet oder emotional verfochten etwas von der Notwendigkeit deutlich machen, diese Themen anzugehen. Nicht anders erklären sich diese und die anderen Antworten darauf.
oca schrieb am 14.03.2010 um 00:40
Danke, Michael Jäger, für den interessanten Artikel und danke, hump van weyden, für die Ergänzung.
Fritz Teich schrieb am 14.03.2010 um 00:56
<<
Die Pointe liegt vielmehr darin, daß das Privatinteresse selbst schon ein gesellschaftlich bestimmtes Interesse ist und nur innerhalb der von der Gesellschaft gesetzten Bedingungen und mit den von ihr gegebnen Mitteln erreicht werden kann, also an die Reproduktion dieser Bedingungen und Mittel gebunden ist. Es ist das Interesse der Privaten; aber dessen Inhalt, wie Form und Mittel der Verwirklichung, durch von allen unabhängige gesellschaftliche Bedingungen gegeben.
>>

Absurd, jedenfalls ein verkuerzter Begriff von Privatinteressen. Im Uebrigen scheints nicht primaer um die Vergroesserung des Profits, sondern die Vergroesserung privaten Umsatzes zu gehen, die Aneignung des Staates durch einzelne Personen oder Gruppen, der Profit kommt dann von alleine oder auch nicht.
Gaukler schrieb am 16.03.2010 um 14:25
Richtig unangenehm !
Magda schrieb am 16.03.2010 um 20:20
narzist? - Es heißt Narziss.

Du wirst nie mehr die Herzen erobern
Ein Adonis ein kleiner Narziss

(Woher stammts?)
B.V. schrieb am 18.03.2010 um 16:42
Mozart "Figaro"
Michael Jäger schrieb am 18.03.2010 um 20:52
Bravo! Rufe ich neidvoll.
Bodo Behrendt schrieb am 14.03.2010 um 23:24
FREITAG Nr. 10 vom 11.03.2010

„Fortsetzung in Varianten“ (Michael Jäger)

In diesem Beitrag wird auf Keynes Bezug genommen. Nun denn:

Für den Kapitalismus analysiert und konstatiert Keynes in seiner Allgemeinen Theorie einen gesamtwirtschaftlichen Nachfrageausfall aufgrund ansteigender gesamtwirtschaftlicher Ersparnis. Anders ausgedrückt: bei steigender Produktion steigt auch das Volkseinkommen, jedoch sinkt die gesamtwirtschaftliche marginale Konsumneigung. Keynes formuliert damit die erste (nicht-marxistische) ökonomische Erkenntnis, dass es im Kapitalismus kein gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht geben kann.

Diesen Ausfall an Nachfrage aufzufüllen ist die Aufgabe von Investitionen. Bei Keynes ist eine Investition nichts anderes als eine Anlage von Geld. Dieses kann in eine Real- oder eine Finanzinvestition fliessen. Beide müssen sich rentieren. Das für die Realinvestition von Keynes gewählte Mass ist die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals r, betriebswirtschaftlich der interne Zinsfuss einer Investition. Die Finanzinvestition muss sich am Marktzins i messen lassen. Über die Form einer Geldanlage entscheidet also die Relation zwischen r und i. Wenn i die Überhand gewinnt, dann droht der heute so temperamentvoll gescholtene Kasinokapitalismus. Das ist die eine Seite seiner Überlegungen.

Die andere ist auch nicht drollig. Realinvestitionen sind Produktionsmöglichkeiten von morgen. Höhere Produktion bedeutet höheres Volkseinkommen bei absolut durchaus steigendem, in Relation zur Produktionssteigerung jedoch geringerem gesamtwirtschaftlichen Konsum. Die Nachfragelücke wird also noch grösser. Sie nun mit weiteren Investitionen zu stopfen potenziert das Problem. Das war das Thema, das unter dem Namen Stagnation und Reife Ende der 1940er von einem Teil der noch nicht so global versifften Ökonomie-Gemeinde diskutiert wurde.

Der sozialdemokratische Kehraus Keynesscher analytischer Einsichten ist gleichermassen nicht ulkig. Die von Keynes im Rahmen seiner Überlegungen zum Multiplikatoreffekt dargestellten staatlichen Investitionen als Anreiz für private Investionen postulieren, das wird lustvoll ignoriert, das Privateigentum an Produktionsmitteln. Auch wenn der Kiefer da runterklappt, die solcherart maximale Kombination wurde schon mal fast perfektioniert in Deutschland 1933 bis 1945 exekutiert.
Michael Jäger schrieb am 15.03.2010 um 01:00
Nur ein paar Anmerkungen (weil's schon spät ist) in Fortsetzung dieser interessanten Diskussion:

THX 11:15 Danke für die Erinnerung daran, daß Adam Smith von natürlichen Grenzen des Wachstums ausging. Das hatte ich vergessen, und es hätte so gut in meinen Blog-Entry gepaßt, wo ich schrieb, von Smith habe Marx den Kapital-Zwang zum unendlichen Wachstum nicht lernen können, sei Smith doch Hume verpflichtet und der habe sich explizit gegen die kontinenaleuropäische Unendlichkeitsphilosophie gewandt. Es ist tatsächlich bemerkenswert, daß der heutige Neoliberalismus sich auf Smith beruft, der noch blind war für die zentrale Eigenschaft des Kapitalismus, eben den unendlichen Wachstumszwang.

hump van weyden 20:07 Ich halte es für Metaphysik und falsch verstandenen Gottesglauben, wenn man leugnet, daß es einen politischen Primat über den historischen Prozeß gibt. Selbstverständlich gibt es den! Auch wenn die Menschen meistens zu feige sind, ihn wahrzunehmen. Gibt es denn etwa keine Revolutionen? Oder was ist mit dem Kapitalismus: Wird er "von selbst" aufhören oder auch auf ewig weiterlaufen? Man kann nicht argumentieren "nicht Hegemonie s o n d e r n Fall der Profitrate", denn es ist doch einsichtig, was Marx geschrieben hat: daß den Menschen die ökonomischen Dinge wie Profitratenfall "im Überbau" bewußt werden und sie dort ausgefochten werden, und da sind wir eben bei der Hegemoniefrage, denn ein und dieselbe Sache kann auf sehr verschiedene Weise "bewußt werden". Von diesem Marx-Ansatz, MEW 13 S. 9, hat Gramsci seinen Hegemoniebegriff, und nicht von Nietzsche oder Heidegger! Die Hegemonie des Neoliberalismus wurde in der Bundesrepublik um 1980 herum durchgesetzt, als es gelang, das Paradigma "Marktversagen" durch das Paradigma "Staatsversagen" abzulösen. Bitte die Existenz dieser Ebene, der Ebene Politik, nicht leugen, es wäre die Aufforderung dazu, die Hände in den Schoß zu legen und den Gott Geschichte anzubeten! So einen Gott gibt’s nicht!

sputnik-suedstein 21:04 Es ist aus diesem Grund auch falsch, die Begriffe Neoliberalismus und Kapitalismus gegeneinander auszuspielen. Politik (Neoliberalismus) und Ökonomie (Kapitalismus) sind n i c h t dasselbe! Was Neoliberalismus ist, wurde weiter oben doch gut definiert: "weniger Staat, niedrige Steuern & freie Märkte". Wenn es dann heißt "Sie wollen doch auch nicht vom Staat beschnüffelt werden, Frau Mustermann" usf., und wenn Frau Mstermann sagt, ja, das stimmt, das ist Hegemonie, das kann man nicht auf den Profitratenfall oder den Kapitalismus an und für sich reduzieren. Der Kapitalismus wird mal mit dieser, mal mit jener politischen Regulationsweise verteidigt; wenn man sich dafür nicht interessiert, ist man handlungsunfähig. Es geht keineswegs darum, sich vor der Aussage zu fürchten, daß der Kapitalismus weg muß. Der muß weg! Ja! Das ist aber keine Entschuldigung, sich nicht um Einzelheiten zu kümmern.

Bodo Behrendt 23:24 Es ist nicht richtig zu sagen, daß Keynes zwischen 1933 und 45 von den Nazis mustergültig umgesetzt worden sei. Die wirtschaftsankurbelnden Investitionsprogramme dieser Mörderbande waren solche der Aufrüstung: Keynes hatte sich gerade darüber b e k l a g t , daß der Kapitalismus, zum unendlichen Wachstum gezwungen, dann zu den sinnlosesten und destruktivsten Investitionen greife, wie eben insbesondere zur Aufrüstung.
Michael Jäger schrieb am 15.03.2010 um 10:02
Ja, ich kenne Kittsteiner sowieso. Ich glaube nicht, daß ich von Ihnen eine Literaturliste über Marx und Geschichtsphilosophie brauche. Aber selbst wenn ich sie bräuchte, würde Sie das nicht davon entbinden, hier selber zu argumentieren, statt sich auf ungenannte Argumente anderer zu berufe. Meine Adresse bekommen Sie natürlich trotzden: michael.jaeger@freitag.de.
Bodo Behrendt schrieb am 15.03.2010 um 18:14
zu: Michael Jäger schrieb am 15.03.2010 um 01:00
Die ALLGEMEINE THEORIE als Rezept? Von „mustergültig umgesetzt“ war jedenfalls nicht die Rede. Ökonomische Logik ist und bleibt, dass staatlich induzierte Investitionen im Kapitalismus bei vollster Akzeptanz des Instituts „Privateigentum an Produktionsmitteln“ solche maximalen Kombinationen exekutiert haben und wieder exekutieren können. Das mag Keynes „beklagt“ haben (übrigens wo?), die Analyse und der Tatbestand bleiben davon jedoch unberührt. Es ist die nicht zu Ende gedachte Konsequenz sozialdemokratischer Illusionen über diesen vertrackten, analytisch gleichwohl transparenten Zusammenhang. Im Dunstkreis dazu der NEWSTICKER: Deutschland steht nun weltweit an dritter Stelle der Waffenexporteure.
mh schrieb am 16.03.2010 um 10:10
"Was Neoliberalismus ist, wurde weiter oben doch gut definiert: "weniger Staat, niedrige Steuern & freie Märkte"."

der neoliberalismus fordert explizit nach einer politik des staates, die machtpositionen verhindert die gegenüber anderen ausgenutzt werden können. das gilt für den wirtschaftlichen wie auch den privaten bereich.

die obige defintion ist damit zwar nicht vollkommen falsch, aber defintiv manipulativ. würde man das thema gesittet angehen wollen, würde man kaum umhinkommen festzustellen, dass der beschimpfte neoliberalismus, vorausgesetzt wir aktzeptieren dass er es ist, gar nicht in der form umgesetzt wird, wie er es sollte.

kann er es da noch sein?

mfg
mh
Michael Jäger schrieb am 16.03.2010 um 21:15
@ Bodo Behrendt
Daß die Sozialdemokraten sich Illusionen machen, unbenommen. Aber Keynes war weiter als sie, denn während sie noch darüber nachdenken, wie immer weiter investiert werden könnte, hat Keynes dieses Spiel zwar als immanent notwendig dargestellt, zugleich aber seine Sinnlosigkeit begriffen und darüber nachgedacht, ob man die ganze Wachstumsspirale nicht einfach beenden könnte. Seine Ideen dazu, so rudimentär sie sind, laufen auf Eingriffe ins Privateigentum hinaus. Genauso wie die Sozialdemokraten und aus demselben Grund können sich auch die Nazis nicht auf ihn berufen. "Übrigens wo?", fragst du. Er schreibt S. 110 in der 10. Aufl. der Allgemeinen Theorie: "Das Bauen von Pyramiden, Erdbeben, selbst Kriegen mögen dazu dienen, den Reichtum zu vermehren, wenn [!] die Ausbildung unserer Staatsmänner in den Grundsätzen der klassischen Wirtschaftslehre etwas Besserem [!] im Wege steht". Das heißt, er b e k l a g t sich über Reichtumsvermehrung qua Krieg. Man lese auch die darauf folgenden zweieinhalb Seiten.
Michael Jäger schrieb am 16.03.2010 um 21:46
@ mh
Ich räume ein, daß man darüber ausführlich diskutieren sollte. Es hat auch im Freitag eine Phase gegeben, Mitte der 90er Jahre, unter meiner Beteiligung, wo man den Neoliberalismus quasi beim Wort zu nehmen versuchte. Denn so viel ist wahr: Wenn der Staat die Unternehmer alles machen ließe, auch das Öffentliche, aber unter radikalster Kontrolle, damit sie wirklich das Öffentliche tun; wenn die Sanktionen klar und scharf wären im Fall, daß sie was anderes tun: dann wäre das sehr diskutabel. Aber dann müßte der Staat, so paradox sich das anhören mag, oder besser die Gesellschaft in Form von geeigneten Agenturen, erst einmal die Macht ergreifen, übers Kapital nämlich. In meiner Terminologie würde ich sagen, dann müßte erst einmal das Kapital abgeschafft werden, damit an dessen Stelle wirklich nur noch die Unternehmerinitiative übrig bliebe.
Wenn man das ausblendet, wird das, was Du sagst, zum Bumerang: Der Neoliberalismus "wird gar nicht in der Form umgesetzt, wie er es sollte" - das ist es doch, was uns seit jetzt 30 Jahren erzählt wird, erst von Kohl, dann immer noch und bis heute von Westerwelle; die neoliberale Politik führt von einer Sackgasse in die nächste, und immer heißt es, das liege nicht an ihr, sondern daran, daß man sie nicht richtig gewähren lasse. Ich habe aber noch nie gehört, daß der Vorwurf des Nichtgewährenlassens gegen das Kapital gerichtet wird. Vor dem verbeugen sie sich nur und versuchen ersatzweise die Arbeitnehmerrechte zu schmälern. Wenn die neoliberale Revolution mit der Abschaffung des Kapitals begänne, wenn diese wenigstens auf dem Programm stünde, würde ich Dir recht geben. So aber nicht.
mh schrieb am 16.03.2010 um 22:20
mit dem neoliberalimus ist es somit wie in jedem anderen system auch. es wird schlussendlich von menschen umgesetzt und die orientieren sich mehr an ihren eigenen interessen und nicht am interesse der allgemeinheit. das drückt sich nur deswegen in geld, oder von meintwegen auch kapital aus, weil das nunmal unsere messlatte ist.

wäre es nicht "das kapital", wäre es bio-obst oder was auch immer man da nun messpegel für macht und einfluss nehmen würde. nur wäre das ergebnis dann ein anderes? ich meine: nein.

die fragestellungen die es da zu behandeln gilt sind nicht ökonomischer natur in dem sinne, wie es immer diskutiert wird, also auf der einfachsten ebene des schuldzuspruchs. die fragestellung ist zutiefst menschlicher natur, beginnend mit: wie funktionieren wir als mensch und wie funktionieren menschen als masse.

die antworten darauf sind sehr differenziert, denn der einzelne funktioniert je nach moment vollkommen anders. im persönlichen gespräch kann sich jeder mit jedem einigen. sitzt einer im unternehmen und kämpft um seinen job, differiert die handlungsweise oftmals zur persönlichen ansicht. weniger, wenn der betreffende alternativen hat... stärker, wenn die abhängigkeit zu hoch ist.

ich halte nicht sonderlich viel vom systemkampf. es gibt hier keine ultimative wahrheit. eine wahrheit aber ist, dass wir über handlungsmuster verfügen die sich nicht durch abschaffung ändern lassen. abschaffung ist immer nur ausblenden und evolution keine frage von jahrzehnten.

mfg
mh
Michael Jäger schrieb am 18.03.2010 um 21:16
Ich würde dieser Analyse nicht folgen. Daß alle ihren eigenen Interessen folgen und dies in der jeweiligen "Meßlatte" ausdrücken, okay. Aber die Meßlatten sind sehr verschieden. Außerdem hat man es immer mit einem Zusammenhang ökonomischer, politischer und religiöser Meßlatten zu tun, in dem die ökonomischen entscheidend sind, aber doch nicht allein stehen. Wenn ich diesen Zusammenhang insgesamt als die jeweilige Meßlatte betrachte, komme ich zu dem Schluß, daß es historisch welche gegeben hat, die sich der puren Entfaltung des Eigeninteresses entgegenstemmten, während die Meßlatten im Kapitalismus dahin tendieren, den Egoismus auch noch von sich aus zu fördern. Und dies gilt von der neoliberalen Meßltte noch mehr als von der fordistischen.

Wenn man ganz allgemein sagt, das Kapital sei die Meßlatte, dann bedeutet das, jeder, der egoistisch sein will, nimmt zu diesem Zweck auf die Meßlatte "Zwang zum unendlichen Wachstum" Bezug. Das ist keineswegs dasselbe, als wenn er auf Bio-Obst Bezug nähme. Und das ist etwas, das nicht sein muß, nicht sein sollte. Oder?

Daß "Evolution keine Frage von Jsahrzehnten" ist, da sage ich auch okay. Ich wollte mit dem Ausdruck "Abschaffung" kein Zeitmaß bezeichnen. Er bedeutet nur, daß wir eine Entscheidung treffen: Ist es egal, ob der Kapitalismus weiterläuft oder nicht, oder wollen wir, daß er aufhört?
THX1138 schrieb am 19.03.2010 um 09:48
Die Debatte darüber, ob das, was wir heute sehen, tatsächlich neoliberal ist, oder ob es eine Handvoll Leute verstanden haben, die Grundprinzipien des Neoliberalismus so umzuinterpretieren, dass daraus einzig (und alleine) der eigene Gewinn hervorgeht, habe ich andernorten schon einmal geführt.

Mit meiner weiter oben kurz zusammengefassten Beschreibung der heiligen Dreifaltigkeit (weniger Staat, niedrige Steuern, freie Märkte) habe ich lediglich versucht, mit möglichst wenigen Worten das Phänomen zu beschreiben, dass heute allgemein unter dem Begriff "neoliberal" verstanden wird.

Da ich gerade am Zügeln bin und sämtliche Bücher in Kisten verpackt sind, kann ich leider nicht auf "Kapitalismus und Freiheit" von Milton Friedman zurückgreifen, um hier das Wesentliche dieses Standardwerks der "neoliberalen" Volkswirtschaftslehre hinzuschreiben. Nur aus dem Gedächtnis heraus: Unter Wirtschaftspolitik verstanden die Ökonomen der Chicagoer Schule vor allem die Geldpolitik. Für Neoliberale vom Schlage eines Friedman ist sie das Hauptinstrument staatlicher Wirtschaftspolitik. Aus allem anderen- seinerzeit war das auch noch der Goldstandard (das Buch erschien in den Fünfzigern)- hat sich der Staat tunlichst herauszuhalten. Daneben dann, als Nebenkriegsschauplatz sozusagen, hat er auch noch dafür zu sorgen, dass sich innerhalb eines Wirtschaftsraumes keine Monopole bilden dürfen- womit wir in die Nähe ordoliberalen Gedankengutes kommen: Der Staat hat für die Rahmenbedingungen zu sorgen, unter denen der Wettbewerb "frei" spielen kann. Wobei Friedman zu Monopolen ganz allgemein ein äusserst ambivalentes Verhältnis hat: Er unterscheidet zwischen staatlichen und privaten Monopolen. Natürlich zieht er das private dem staatlichen vor- weist aber auch explitit daraufhin, dass es Güter gibt (u. a. Energieversorgung), die in staatlicher Hand bleiben müssen! Hier haben wir es also tatsächlich mit einer Abkehr vom ursprünglichen Neoliberalismus zu tun, wie mh anmerkt. Insgesamt stösst Friedman- nebst Hayek der wichtigste Vertreter der neoliberalen Wirtschaftstheorie- beim Thema Monopolbildung an die Grenzen seines Wettbewerbsverständnisses- schliesslich ist jeder Marktteilnehmer schlussendlich drauf aus, den eigentlichen Wettbewerb mit allen Mitteln auszuschalten, indem er eine Monopolstellung (oder zumindest eine marktbeherrschende Stellung) anstrebt.
mh schrieb am 20.03.2010 um 12:08
@michael jäger:

"Aber die Meßlatten sind sehr verschieden."

ja, im einzelnen sind die messlatten sehr verschieden. aber im großen und ganzen sind die abläufe wie auch die ziele immer sehr gleich.

wir brauchen uns ja nicht der illusion hingeben, dass es jemals ein system geben wird, in dem alle glücklich sind. vielmehr wird es immer einen unzufriedenen rand, rechts und links geben, der alles anders haben möchte. und würden wir im besten sozialismus leben, dann wollte dennoch einer die marktwirtschaft haben wollen.

diese gesellschaftlichen ränder muss man nicht und wird man nicht mitnehmen können. man wird ihren einfluss und ihr agressionspotenzial absenken können. die ränder erstarken auch immer nur dann, wenn das vorherrschende system probleme hat.

meine darstellung bezüglich bio-kost oder geld, das sei egal .. damit wollte ich lediglich ausdrücken, dass ich der festen überzeugung bin, dass wir als menschen immer einen wertmesser haben werden über den wir unser gesellschaftliches leben organisieren.

das wird sich ändern, wenn der mensch sich nicht mehr bedroht fühlt, wenn ein anderer ihm auf mehr als 50 cm nähert. diese ganz simplen reaktionsmuster stellen bereits unseren generellen entwicklungsstatus dar. da sollten wir uns keinen illusionen hergeben.

da sollten wir kapital einfach durch worte wie besitz, macht, einfluss ersetzen .. denn darum geht es, wenn man kapital anhäuft und zugleich befindet man sich mit anderen in konkurrenz, die das auch tun.

natürlich ist es erstrebenswert, diesen zustand irgendwann abzuschaffen. doch davon sind wir genausoweit weg wie seinerzeit, in der höhle. wir funktionieren auch nicht so, wie es in scifi-serien gerne unterstellt wird, dass nur ein großes einschneidendes erlebnis erfolgen muss, damit sich alles ändert. es ändert sich dann etwas, und es wird auch wieder verworfen. ein wenig bleibt hängen, im gesamten wird es humaner .. dabei geht es allerdings auch hier nur darum, dass es eine frage der abwägung ist.

wie oben bereits erwähnt, wähne ich uns seitens amerika nicht im kapitalismus. das ist turbokapitalismus. kapitalismus sehe ich eher im sinne von ayn rand mit ihrem objektivismus, der absoluten logik unterworfen, was einhergeht mit der theorie des homo oeconomicus.

funktioniert natürlich nicht, aber das ist mE die grundlage des kapitalismus.

was deutschland betrifft, sehe ich hier eher eine marktwirtschaft, die den part des sozialen gestrichen hat bzw. stark dabei ist diesen rauszustreichen. deutschland hat einen großen vorteil .. wir sind so dermaßen lahmarschig in der umsetzung wirtschaftlicher und ökonomischer trends, dass wir nicht vollends darunter leiden, so wie bspw. die amis zur zeit.

was die politische kategorisierung betrifft, ist es etwas schwieriger, denn hier ist mE ein mischmasch aus verschiedenen ansätzen vorherrschend der von seiner tendenz her vielleicht als neoliberal durchgeht, doch das hilft uns in der analyse nicht weiter, denn diese muss sich mit dem mischmasch beschäftigen und nicht mit den gesellschaftlichen trendbegriffen. aber ich gestehe durchaus ein, dass es im zuge eines zeitungsartikels sicher nicht dieser unterscheidungen bedarf. das ist eine abwägungsfrage.

mfg
mh
mh schrieb am 20.03.2010 um 12:10
noch so am rande: ich find das übrigens absolut vorbildlich, wie michael jäger das hier betreibt. bei allem gemecker über den freitag, muss das ja auch mal erwähnt werden.

mfg
mh
Streifzug schrieb am 16.03.2010 um 20:10
Naomi Klein, Schock-Strategie, Teil II, intern, Germany.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 17.03.2010 um 11:25
Eine gute Lektüre am Morgen. und als ich mich bis zu: "Doch wer meint, unsere Politiker seien wohl zu dumm, die richtige Wissenschaft zu begreifen, dürfte sich auf dem Holzweg befinden. Nein, sie machen Interessenpolitik. Sie gehen mit der vorhandenen Unternehmerkultur durch dick und dünn" durchgehangelt hatte wurd's auch richtig interessant, - einschließlich der angefügten Beiträge.

Ich hatte das Thema schon vom Tisch denn was an "weniger Staat, niedrige Steuern & freie Märkte" LIBERAL sein soll, nur weil dies 3 Klischee-Begriffe sind die allgemeine Zustimmung finden, erschließt sich für mich nun wirklich nicht.

@ sputnik-suedstein:
Insofern stimme ich mit Dir überein das es so eine Art 'Totalitarismus' in Form von Neo-Konserativismus ist, der nur immer wieder die alten Methoden in neuem Gewand auftauchen lässt und dafür die Mainstream Medien benutzt denn die sind längst selbst eine Industrie und mit anderen Industrien verbandelt.

@ hump van weyden
auch Du gehst hier erfreulicherweise in die auf diese typisch deutsche "Elfenbeinturm-Diskussionskultur" ein, weil scheinbar manche denken all dieser Neo-Konserativismus sei eine alleinig deutsche Erscheinung, respektive dessen unscharfe Konturen, oder "flexiblen Charakter" kann nur mit deutscher Gründellei bei-gekommen werden. Deutschland is ein harter Staat. Ein Grund dafür warum es z.B. ein "Berlusconistan" gibt oder warum Le Pen vor ein paar Tagen so viele Stimmen gewinnen konnte, liegt daran das kleinere Unternehmen sich aus dieser politischen Richtung eine Verbesserung der wirtschaftlichen Entwicklung in ihrem Interesse versprechen.

Das ist natürlich ein Irrglaube: Die globalen Lobbyisten und ihre politischen Repräsentanten kontrollieren mit ihren Auflagen für "Transparenz" (EU-Richtlinien, Kennzeichnungsschutz) kleinere und mittelständische Betriebe (Copyright bzw Patentschutz usw.) Darum machen z.B. hier in Frankreich genau diese Unternehmen reihenweise dicht, melden Konkurs an, verkaufen an "Investoren" die dann "abwickeln. Wenn ich in der gegenwärtigen Situation genug für mein Unternehmen bekomme um den Rest meines Lebens nicht mehr arbeiten zu müssen verkaufe ich ist doch die Losung seit Jahren. Das Volk wählt dann Le Pen weil wie Du, Michael, richtig schreibst die Linken überall in Europa ihre Krisen haben.

Also hoffe ich nur noch das "Streifzugs" Schock-Strategie? Teil II, intern, Deutschland nicht auch noch Realität wird.


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