Wissen

Psychologie | 16.01.2010 12:00 | Magnus Klaue

Haus ohne Hüter

Seit November gibt es in Berlin eine Psychoanalytische Hochschule. Sie war Sigmund Freuds Traum – als Patron eignet er sich aber kaum. Ein Bericht

1926 formulierte Sigmund Freud in seiner Schrift Die Frage der Laienanalyse den Wunschtraum einer Psychoanalytischen Hochschule. In deren Unterrichtsplan, so schrieb er, müsse die Tiefenpsychologie das „Hauptstück“ sein, darüber hinaus aber habe sie die Studenten in den Bereichen der Medizin und Psychologie, der Gesellschafts- und Kulturwissenschaft zu unterrichten. Freud nannte diesen Traum damals mit absichtsvoller Doppeldeutigkeit „phantastisch“: wundervoll, aber unrealisierbar.

Als die Psychoanalytikerin Christa Rohde-Dachser, die Direktorin der im vergangenen November eingeweihten International Psychoanalytic University (IPU) in Berlin-Moabit, der ersten Psychoanalytischen Hochschule in Deutschland, in ihrem Eröffnungsvortrag diese Phantasie ins Gedächtnis rief, vermied sie die Suggestion, dass nun eingelöst werde, was Freud für phantastisch hielt. Stattdessen erinnerte sie an die Hindernisse, die einer institutionellen Verankerung des Freud’schen Denkens hierzulande nach wie vor im Weg stehen: die Verbindung zwischen Psychoanalysefeindschaft und Antisemitismus, der Siegeszug von Neurologie und Verhaltenstherapie, aber auch die Interdisziplinarität der Psychoanalyse, die es schwierig mache, deren Fragestellungen in einem Institut zusammenzuführen. Der „phantastische“ Charakter einer Hochschule für Psychoanalyse ist insofern nicht nur den Verhältnissen, sondern dem Gegenstand selbst geschuldet.

Mehr Gestus als Theorie

Dass die Psychoanalyse eher ein Gestus des Denkens als eine kohärente Theorie ist, hat Freud zeit seines Lebens immer wieder betont. Seine Arbeiten zur Traumanalyse und Kulturtheorie, zur Religionsgeschichte und klinischen Psychologie hat er nicht als Räume ein und desselben Denkgebäudes angesehen, sondern als Fragmente eines work in progress, die zwar aufeinander bezogen sind, sich jedoch keinem Oberbegriff subsumieren lassen. Eine Hochschule, die diesem Anspruch gerecht werden und dennoch das psychoanalytische Denken lehren will, steht schon bei der Ausarbeitung der Institutsstruktur vor Problemen: Welche Kenntnisse gehören zum Basiswissen, und welche werden erst im Laufe weiterer Spezialisierung erworben? In welchem Verhältnis stehen psychoanalytische Theorie und therapeutische Praxis? Und wie lässt sich der Interdisziplinarität der Psychoanalyse Rechnung tragen, ohne sie zum Sammelbecken multipler „Methoden“ herabzusetzen?

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Das Haus in der Moabiter Stromstraße, in dessen Räumen noch die Umzugskartons stehen, möchte in den kommenden Monaten darauf eine differenzierte Antwort geben. Einerseits bemüht man sich um eine breite theoretische Fundierung und hat mit der Direktorin Rohde-Dachser sowie der Psychoanalytikerin Lilli Gast zwei Kennerinnen der psychoanalytischen Kultur- und Gesellschaftstheorie berufen. Andererseits hat man sich das „praxisnahe Studieren“ auf die Fahnen geschrieben, möchte mit Medizinern und Pädagogen kooperieren und bietet mit den Masterstudiengängen „Jugendliche Delinquenz“ und „Frühe Hilfe“, in dem es um Beratung bei frühkindlichen Entwicklungsstörungen geht, gleich zwei berufsqualifizierende Ausbildungswege an.

Ob die Vermittlung zwischen theoretischer und praktischer Ausbildung gelingen wird, ist unklar. Es wird davon abhängen, wie viele und welche Lehrkräfte die IPU künftig anwerben kann, welche Gelder sie zur Verfügung hat und wie groß das studentische Interesse an einer Ausbildung ist, die nicht unbedingt eine steile Karriere verspricht. Zumindest die personelle Ausstattung der Hochschule ist, gemessen an der Personalpolitik anderer deutscher Universitäten, mit einem guten Dutzend Hochschullehrern und Dozenten schon jetzt beeindruckend. Freilich arbeiten die meisten von ihnen hauptberuflich nicht in Berlin und müssen regelmäßig pendeln – darunter Rohde-Dachser selbst, die auch in Frankfurt am Main an der Universität lehrt und für den Aufbau der IPU nicht nur ein beträchtliches ­Vermögen, sondern auch viel Fahrzeit investieren musste. In Anbetracht der überschaubaren Bewerberzahl – circa 80 Studenten werden im Startsemester aufgenommen – dürften die personalpolitischen Verhältnisse an der IPU jedoch einstweilen wirklich traumhaft sein.

Das größte Zukunftsproblem ist eher ein verwaltungstechnisches und ökonomisches: Die IPU steht nämlich unter privater Trägerschaft und muss sich dementsprechend auch über Studiengebühren finanzieren. Die aber sind gepfeffert: Für die praxisorientierten Studiengänge „Jugendliche Delinquenz“ und „Frühe Hilfen“ müssen die Aspiranten 2.000 Euro pro Semester aufbringen, für den integrativ angelegten Studiengang „Klinische Psychologie/Psychoanalyse“ sogar 4.000, im Teilzeitstudium immerhin ebenfalls 2.000 Euro. Dass dies, solange es kein sozial differenziertes Stipendiensystem gibt, einer ökonomischen Auslese gleichkommt, die dem universalen Anspruch der Psychoanalyse widerspricht, dürfte sich von selbst verstehen.

Zwang zur Praxisnähe

Rohde-Dachser, die gemeinsam mit dem Berliner FU-Professor Jürgen Körner die „Gesellschaft zur Förderung der universitären Psychoanalyse mbH“ gegründet hat, aus der die IPU hervorgegangen ist, hält die private Rechtsform der Hochschule keineswegs für ideal, weist aber darauf hin, dass die deutsche Hochschullandschaft für die dauerhafte Einrichtung einer Psychoanalytischen Universität kaum andere Möglichkeiten offen lässt. In vier bis fünf Jahren muss die IPU die Anerkennung durch den Wissenschaftsrat erwerben. Bis dahin sollen eine ambulante Therapiestation in den Räumen der Hochschule, aber auch Kooperationen mit Religionshistorikern, Film- und Kunstwissenschaftlern helfen, das praktische und theoretische Profil der Uni zu stärken.

Finanziell muss die IPU sich selbst tragen – mithilfe von Fundraising, Geldern der Privatwirtschaft, Gebühren, internationalen Forschungsprogrammen sowie projektgebundener staatlicher Förderung. Die „Praxisnähe“, mit der sie sich gegenüber staatlichen Universitäten zu profilieren versucht, ist also nicht nur Ergebnis einer eigenständigen Entscheidung, sondern zu einem guten Teil Resultat des Zwangs, durch praxisorientierte Projekte Gelder einwerben zu müssen.

Aus dem Zwang zur Praxisnähe kann freilich auch Gutes erwachsen. Nicht umsonst widmen sich die Studiengänge „Jugendliche Delinquenz“ und „Frühe Hilfen“ zwei gesellschaftlichen Bereichen, in denen in Deutschland oft Willkür und blinder Pragmatismus herrschen. Sowohl im jugendlichen Strafvollzug wie auf dem Gebiet kindlicher Frühförderung dominiert Alltagspsychologie gegenüber fachlicher Kompetenz und Vorurteil gegenüber Sachkenntnis. Trotzdem wird die IPU kaum darum herumkommen, ihr Verhältnis zu den Politikfeldern, in die sie durch solche Ausbildungsgänge eingreift, präziser zu bestimmen: Versteht man sich als eine Art psychologischer Dienstleister im Staatsauftrag, oder als Ort der Selbstreflexion, wo Grundlagenforschung und Kritik wichtiger sind als die Frage nach der gesellschaftspolitischen Nützlichkeit der vermittelten Fähigkeiten?

Kein Manko

Die Antwort auf diese Fragen dürfte auch Einfluss darauf haben, welche Bewerber man sich aussucht und welche Forschungstraditionen gepflegt werden. Jedenfalls wäre es ein Verlust, wenn es der Hochschule nicht gelänge, den häretischen Impuls, der an den mittlerweile deutschlandweit verwaisten Instituten für Sozialpsychologie und Sexualforschung oft noch bewahrt wurde, in das neue Haus hinüberzuretten.

Manche Pläne, mit denen die IPU sich trägt, deuten an, dass dies gelingen könnte. Etwa Rohde-Dachsers Vorhaben einer Erforschung dessen, was sie „Unbehagen an der Postmoderne“ nennt: die Untersuchung der Frage nämlich, inwiefern das Freudsche Vokabular, wie viele „postmoderne“ Psychologen unterstellen, tatsächlich veraltet ist, oder ob es nicht vielmehr die Grundlage abgeben könnte, um die psychosozialen Transformationsprozesse zu analysieren, die mit Begriffen wie „Patchwork-Identität“ und „Risikogesellschaft“ oft eher zugedeckt als erhellt werden. Insofern muss es kein Manko sein, dass Freud sich als väterlicher Hüter des Berliner Hauses nur bedingt eignet.

Wenn sein Name in Erinnerung riefe, dass die universitäre Vermittlung psychoanalytischer Erkenntnis vorerst weiterhin ein in doppeltem Sinn „phantastisches“ Projekt bleibt, wäre das nicht der schlechteste Ausgangpunkt für die anstehende Arbeit.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Columbus schrieb am 13.01.2010 um 18:40
Lieber Herr Klaue,

Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Berlin schließt endlich an eine Weimarer Tradition an. Die erste unabhängige Dozentur, dann Professur für Psychotherapie an einer Berliner Universitätsfakultät (Charité) hielt übrigens Arthur Kronfeld. Er ist heute vergessen und hatte ein böses Schicksal zu erleiden. - Vielleicht gibt man dem neuen Institut ja seinen Namen. Er wäre ein würdiger Namenspatron.

Liebe Grüße
Christoph Leusch
Urmel auf dem Eis schrieb am 17.01.2010 um 01:29
Au Mann,

was soll das sein ? Weimar ? Lach mich schlapp.

Das ist eine perfidisierte Spielart der "Systemanalytik" (Robert Reich), um neue "Systemanalytiker" zu generieren.

Die abgehenden Gymnasiasten-Massen müssen abgefrühstückt werden, damit deren gehobene Mittelschichts-Alten weiterhin die Kohle abdrücken und vor allen Dingen ruhig,da blöd bleiben.

Diese Art von "Hilfsbereitschaft" im Akademikerbereich zementiert die Vorherrschaft des Einäugigen vor dem Blinden und erhält die Matrix.

Es lebe die Hierarchie ! "Gesellschaften" wurden aufgebaut wie Armeen, und so funktionieren sie auch.

Noch.
Urmel auf dem Eis schrieb am 17.01.2010 um 01:43
"Weimar", Freund, ging zugrunde, weil seine "Handlungseliten" feige waren und unehrlich.

Nicht die Idee der sozialen Demokratie war schlecht, sondern die (schlauen)Protagonisten, die den Thron der Majestät besetzten, ohne mit Klugheit gesegnet zu sein.

"Endlich Weimar" zu bejubeln, ist deswegen intellektuell unredlich oder gar dämlich.
Columbus schrieb am 17.01.2010 um 14:22
Hey, Herr oder eher Frau "Urmel auf dem Eis",

Die Psychoanalyse als Therapieform, aber auch als Analyseinstrument für gesellschaftliche Entwicklungen hat doch gar kein "System" in ihrem Sinne entwickelt. Das geht von Kinderanalyse, bis Lacan, von den sexualtherapeutischen und sozialmedizinischen Einrichtungen im Weimarer Berlin, oder aber z.B. in Wien und Budapest, bis zur Aufarbeitung und Auswertung der sozialen Charakerologie des Nationalsozialismus. Gerade die fortschrittlichen, mit der Lehre Freuds verbundenen, aber nicht in Schulen gebundenen Analytiker und Psychotherapeuten (dazu zählt gerade Arthur Kronfeld) griffen die vielen sozialen Probleme auf, waren daran interessiert, praktisch, über Beratungsstellen, z.B. solche für Sexualtherapie, aber auch für Ehe- und Familienberatung und gegen soziale Vernachlässigung, Hilfe zu schaffen. Sie verließen fast sämtlich Deutschland und wirkten dann in den USA oder aber in anderen Exilländern, Kronfeld ging in die Sowjetunion!

Diese Psychoanalytiker waren übrigens auch dagegen, die Ausbildung zum Therapeuten an eine bestimme Standes- oder Berufsgruppe zu binden. Aber sie bestanden darauf, dass ein Analytiker, ausser zu Selbstanalyse, auch zu einer differenzierten Betrachtung der Kultur und des Wissens in der Lage war. Differenzierung setzt einige Bildung voraus. Wer von den Sachen nichts weiß, der kann auch in kaum einer Sache weiter helfen.

Den geringsten Einfluss hatten die Analytiker auf die Weimarer Politik. Da waren andere Wissenschaftler und Intellektuelle viel anfälliger, viel näher dran.

So ist es kein Zufall, dass das Institut der Berliner Psychoanalytischen Gesellschaft, in den frühen zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts gegründet, nach dem unfreiwilligen Auszug der Unerwünscheten (Juden,Kommunisten,Linke oder als links Geltende), sich den Fragen der Psychohygiene zuwandte und unter Müller-Braunschweig und Schultz-Hencke sich den Nationalsozialisten anbiederte.

Schon gewisse Zeit vorher hatten die Berliner Psychoanalytiker es zugelassen, die Analyse zu stark an einen Berufsstand, nämlich den der Ärzte zu binden. Andere Berufe wurden zwar allgemein mit Wissen versorgt, aber als Therapeuten arbeiteten fast ausschließlich Ärzte, was natürlich auch mit dem Reichsversicherungssystem und später mit dem Aufbau der Gesundheitsversorgung in der Bundesrepublik zu tun hatte.

Bitte, bleiben Sie auf dem Teppich. Bei einem psychoanalytischen Institut geht es nicht um die Frage, jedem eine Analyse zu verpassen oder angedeihen zu lassen. - Da gilt Freuds Ansicht, dass nur wirkliches Leid oder ein ernsthaft empfundenes psychisches Problem analysierbar und therapierbar ist.

Es geht also auch nicht darum, jedem Willigen eine Lehrtherapie angedeihen zu lassen.

Allerdings wäre die Frage interessant, ob es ähnlich wie in den Weimarer Jahren, kostenlose Angebote für jene gibt, von deren Qualitäten man überzeugt ist, die aber nicht über die Mittel dazu verfügen und wie solche Stipendien aussehen könnten.

Die Stellung der Psychonalyse ist auch heute in Deutschland nicht so, dass ihre Lehre selbstverständlicher Inhalt an den Hochschulen wäre. Es gibt ein paar Dozenturen und Professuren, aber von einer größeren akademischen Anerkenntnis kann, auch geschuldet der Geschichte, nicht gesprochen werden.

Sehr lange wurden nach dem zweiten Weltkrieg Lehrinhalte für Psychotherapien und die Psychiatrie, oder für die Sozialwissenschaften aus den USA
nach Deutschland reimportiert, die ihre Wurzeln in der Psychoanalyse haben oder hatten.

Grüße
Christoph Leusch
Deaktivierter Nutzer schrieb am 17.01.2010 um 17:27
Also, ich hab die Studienausgabe ...
weinsztein schrieb am 17.01.2010 um 02:21
Wertes Urmel,

was bringt oder zwingt Sie zu dieser Tonlage? Und was genau wollen Sie wem mitteilen?

Für welche abzufrühstückenden Gymnasiastenmassen sollen deren Mittelschichts-Alten Kohle abdrücken, damit sie blöd bleiben? Wer zementiert die Vorherrschaft des Einäugigen vor dem Blinden und erhält damit welche Matrix? Wer bejubelt unredlich oder dämlich endlich Weimar?

Mein Rat: Sie ruhen sich ein wenig aus und kommentieren danach erneut.
Hm?

weinsztein
romano schrieb am 17.01.2010 um 12:59
gibts in wien schon eine weile, sfu.ac.at, 5000 euro pro semester, hihi, laienanalyse...


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