Wochenthema

Im Ausland sind Deutsche noch immer unbeliebt. Warum?

Ze Germans | 24.11.2011 07:00 | Mikael Krogerus

Kommt ein Deutscher in die Bar

Im Ausland sind Deutsche nicht mehr verhasst, aber noch immer unbeliebt. Warum?

Sagen wir, wie es ist: Die Deutschen sind nicht wirklich beliebt. Weder in England noch in Dänemark, schon gar nicht in Österreich oder der Schweiz. Es mag sein, dass sie in Chile populär sind – aber wer war schon in Chile? Natürlich schlägt den Deutschen nicht wie früher offener Hass entgegen. Es mag stimmen, was Umfragen herausgefunden haben, dass Deutsche weltweit höchstes Ansehen genießen. Aber Sympathie geht anders.

Warum mag uns noch immer niemand? Die einfachste ist die dümmste Erklärung: der Verweis auf den Nationalsozialismus. „Das letzte Mal, als sie hier waren, ging es auch nicht gut aus“, hört man schon mal in Dänemark, aber das Argument stirbt aus. Tatsächlich hat das Unbehagen an den Deutschen mit der Geschichte nichts mehr zu tun. Die Nazis sind seit 1945 weg, daran wird auch Zwickau nichts ändern.

Woran sich das Ausland stört, ist nicht die Geschichte, sondern die Gegenwart. Die Deutschen werden nicht mehr als imperiale Bedrohung wahrgenommen, bloß noch als kulturelle Belästigung. Es geht um Kleinigkeiten. Um den bellenden Befehlston beim Bestellen („Ich krieg drei Bier!“). Um den poltrigen Humor, der grobschlächtig mit herzhaft verwechselt („Ist dein Vater Glaser?“). Um den vor allem bei Männern verbreiteten Welterklärungsfimmel („Ich sag mal so,…“). Um das hemmungslose Austeilen, bei gleichzeitiger Dünnhäutigkeit, die leicht in Beleidigtsein umschlägt und dann gefährlich ist wie eine entsicherte Handgranate.

Natürlich trifft das nicht auf alle Deutschen zu. Natürlich ist vieles dem harten Klang und salvenhaften Stakkato der deutschen Sprache geschuldet. Natürlich gibt es regionale Ausprägungen und soziale Färbungen. Die rotzige Unfreundlichkeit eines, sagen wir, Berliner Museumsdirektors, ist nicht das Gleiche wie das übelgelaunte Genuschel eines Hamburger Hafenarbeiters.

Das Interessante am Deutsch-Unbehagen ist, dass es zwei zentrale Thesen der Fremdenfeindlichkeit widerlegt: erstens, dass Bildung vor Rassismus schützt (es sind im Ausland oft Bürgerliche, die sich an Deutschen stören). Und zweitens, dass nur kulturell andersartige Gruppen diskriminiert werden (die Deutschen fallen vor allem dort auf, wo ihre Andersartigkeit nicht groß auffällt. In Dänemark, Holland oder Großbritannien. „Narzissmus der kleinen Differenzen“, nannte Freud das Betonen eigentlich geringfügiger Unterschiede).

Ausländer, die mit Deutschen gearbeitet haben, berichten von einer latenten Gereiztheit, gepaart mit permanentem Selbstzweifel. Die toxische Kombination entlädt sich in einer gnadenlosen Kritikkultur. Deutsche sind unsentimental. Sie sagen, was Sache ist. Das System funktioniert nach der „Finde-den-Fehler“-Methode. Sie geht so: Man liest einen Text, keinen schlechten, und bemerkt zuerst, was einem missfällt. Man betritt die Wohnung eines Kollegen und erwähnt als erstes, dass der Teppich „ganz schön gewagt“ sei. Es ist nicht abschätzig gemeint. Man sagt halt, was man denkt. Nun ist es aber so: Jeder Mensch, jedes System, jedes Produkt, jede Idee hat Fehler. Mangelnde Fehler-Toleranz führt im besten Fall zu Perfektion. Aber häufig erstickt die Fokussierung auf die Schwäche eine Leichtigkeit und Freude, die das Leben überhaupt erst erträglich machen.

Woher kommt diese Härte im Urteil? Woher die fehlende Großzügigkeit? Woher dieses Pendeln zwischen Selbsthass und Selbstüberschätzung?

In seinem sehr lesenswerten Buch Grüezi Gummihälse untersucht der Schweizer Bruno Ziauddin mit feiner Genauigkeit unter anderem diesen Selbsthass. Die gestrengen Urteile über Deutsche, heißt es dort, stammten allesamt von Deutschen, die in der Schweiz leben und Dinge sagen wie: „Jene, von denen ich zu Hause die Schnauze voll hatte, sind jetzt auch hier.“

Wir lernen: Niemand urteilt gnadenloser über Deutsche als Deutsche.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Nelly schrieb am 24.11.2011 um 10:55
Der letzte Satz ist vollkommen zutreffend.
Ein wohltuend differenzierter Artikel. Daß die relative Unbeliebtheit der Deutschen wenig mit der Nazi-Vergangenheit zu tun hat, sieht man daran, daß ihr Image teilweise dort sehr gut ist, wo die Deutschen im Zweiten Weltkrieg am schlimmsten gewütet haben. In Rußland z.B. hält man viel auf die "zuverlässigen, pünktlichen, akkuraten, arbeitsamen, gewissenhaften ..." Deutschen, die ihre Arbeit "ordentlich" erledigen und gute Qualität abliefern. Alles böse, böse Sekundärtugenden ? Nun, man lernt ihre Vorteile zu schätzen , wenn man einige Zeit irgendwo gelebt hat, wo Dinge etwas weniger gewissenhaft und ordentlich erledigt werden.

Und was den "Befehlston" angeht: In manchen Gegenden Spaniens, wo auch viele Brite hinfahren, sind die Deutschen als Touristen deutlich beliebter, weil sie sich respektvoller verhalten.
ed2murrow schrieb am 24.11.2011 um 13:07
Lieber Krogerius,

was für ein wunderbares Spiel mit Klischees. Die ja auch in Bezug auf die Schweiz sehr Schönes zustande bringen: Einen Ex-Finanzminister, von einem Ex-Kanzler zum Kandidaten gekürt, der deswegen den Eidgenossen sauer aufstößt, weil er sie als Indianer bezeichnet hat. Was von Zürich bis Genf als Beleidigung gilt. Man munkelt, in Zürcher Kindergärten sei schwyzerdütsch nun deswegen Pflichtsprache geworden, um Winätu nicht mehr deutsch schreiben zu müssen, sondern alemannisch.

Es soll freilich Menschen geben, die das als Volkscharakter interpretieren ...

Beste Grüße, e2m
Sehen alle gleich aus schrieb am 24.11.2011 um 15:00
Kommt ein Deutscher in die Bar, schaut er sich um. Ist jemand schöner, sympathischer, hat mehr Power, lauert irgendwo Gefahr? Dann nimmt er Platz, fängt an zu mosern und zu scherzen. Über das Bier, das Essen, den Service. Er amüsiert sich dabei. Es ist seine Vorstellung eines geselligen Abends.
Richard der Hayek schrieb am 24.11.2011 um 15:23
Also, ich bin überall beliebt, wo ich hinkomme.

Vielleicht liegt das ganz einfach daran, daß ich mich nicht dauernd in ein höchstmoralisches Konzept zwingen muß, das ich dann im Grunde ja auch von den anderen erwarte, ob ich es merke oder nicht.
Ich brauche niemand zu beweisen, wie vorurteilslos, tolerant und subtil intellekturell ich bin, auch nicht, was für ein guter Mensch ich bin.
Ich habe Fehler, und die anderen auch.
Thank God it's Friday schrieb am 25.11.2011 um 14:46
Was ich hier mache?

Ich kommentiere ein Artikel in dem ein deutscher (?) Journalist Vermütungen anstellt, wie er glaubt, die Anderen die Deutschen sehen. Die Deutschen kommen dabei schlecht weg. Die Anderen bleiben vage.

Versuch mal, deutsch durch englisch (oder französisch, oder amerikanisch) in dem Satz zu ersetzen. Kann ich auch nicht.

Und was lernen wir daraus?
Magda schrieb am 26.11.2011 um 09:38
Der Schweizer Schriftsteller Urs Widmer schrieb in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 31. 03. 2009 über Peer Steinbrück:

Mir, der ich mit vielen deutschen Wassern gewaschen bin, kommt Herr Steinbrück völlig vertraut vor, wie der alltägliche deutsche Kunde, der in die Bäckerei kommt und sagt: 'Ich krieg' das Brot da.' Natürlich kriegt er's , zahlt und geht. So ein Vorgang ist für einen Schweizer unvorstellbar, und wer ihn zum ersten Mal erlebt, steht noch stundenlang unter Schock. Wir sagen, wenn wir eine Bäckerei betreten und ein Brot kaufen wollen: 'Könnte ich vielleicht so ein Brot wie das dort kriegen, wenn's recht ist, bitte?' Dann kriegen wir's auch und zahlen noch mehr als der Deutsche in Deutschland, der inzwischen längst auch beim Schlachter eine Wurst und beim Gemüsehändler ein Kilo Kartoffeln gekriegt und seinen ganzen Einkauf hinter sich hat.

Ich war völlig perplex, als ich das las, aber auch ganz froh, denn mir war aufgefallen, dass Westdeutsche nach der Wende die Ostdeutschen immer belehrten, sie seien zu untertänig als Kunden, fragten immer schüchtern: Hätten sie vielleicht" oder "Ich hätte gern". Das sei nicht gerade ein Zeichen von Mündigkeit.
Als wir aber Anfang der 90er in Österreich waren, trafen wir auf nette Einheimische, die den Piefke-Ton bei uns nicht vermissten.

Hingegen finde ich alleweil Deutsche,die sich über den Wiener Schmäh lustig machen, albern. Mir ganz unverständlich, denn dieser Schmäh ist so ironisch, wie es die Deutschen - in allen Bundesländern - nie hinkriegen.

Was Steinbrück betrifft, der ist für mich ein ängstigender Prototyp. Eine Sprache wie mit Messern, eine schneidende Selbstgewissheit - kurzerhand: Eine Herrschernatur.

Dieser merkwürdige Kauder - der in seinem Kauderwelsch dieser Tage Europa wieder deutsch lehren will, nicht minder.
Wolfram Heinrich schrieb am 27.11.2011 um 08:13
@Magda
Ich war völlig perplex, als ich das las, aber auch ganz froh, denn mir war aufgefallen, dass Westdeutsche nach der Wende die Ostdeutschen immer belehrten, sie seien zu untertänig als Kunden, fragten immer schüchtern: Hätten sie vielleicht" oder "Ich hätte gern". Das sei nicht gerade ein Zeichen von Mündigkeit.

In Bayern gibt es die Höflichkeitsform beim Bestellen: "I hätt gern a Bier ghabt." Das hört sich an, als wäre die Lust auf ein Bier bereits wieder weg, und als hätte er diese Lust ohnehin nur unter bestimmten Voraussetzungen gehabt.

Hingegen finde ich alleweil Deutsche, die sich über den Wiener Schmäh lustig machen, albern. Mir ganz unverständlich, denn dieser Schmäh ist so ironisch, wie es die Deutschen - in allen Bundesländern - nie hinkriegen.

In fast allen Bundesländern.

Küß die Hand
Wolfram
Wolfram Heinrich schrieb am 27.11.2011 um 16:11
Nachtrag:
Eben auf YouTube "Tatort", Leipzig geschaut. Und was hör ich da?
"Oh, Entschuldigung, Hauptkommissar Ehrlicher. Ich hätte gern ein paar Fragen gehabt."
Die Sachsen sind anscheinend Bayern, die aus Versehen über den Nordhang des Mittelgebirges gerutscht sind.

Ciao
Wolfram
Ehemaliger Nutzer schrieb am 27.11.2011 um 16:18
Wolfram Heinrich schrieb am 27.11.2011 um 16:11
Die Sachsen sind anscheinend Bayern, die aus Versehen über den Nordhang des Mittelgebirges gerutscht sind.

Da schau her!
Stammesübergreifender Rassismus!
Bayern sind sollen die Fußkranken sein, die Hannibal nach der Überquerung der Alpen aussortiert hatte: ;-)
Magda schrieb am 27.11.2011 um 22:36
Erst jetzt wieder reingeguckt.

Küß die Hand zurück

Magda
sinisterstudent schrieb am 29.11.2011 um 00:30
"I hätt gern a Bier ghabt." höre ich - der ich hier seit beinahe 30 Jahren lebe und auch hier aufgewachsen bin, zum ersten Mal. "I hätt gern a Bier." Ja. "I kriagat a Bier." Ja. "A Bier bittschee." Ja.

Merkst wos, Preiss? ;-)

Nee aber Spaß beiseite: Cooler Artikel, hab mich auch versehentlich kurz ein paar Mal wieder erkannt.
sinisterstudent schrieb am 29.11.2011 um 00:32
Wie du auch Bayer? (Gerade erst unten gelesen. Mea culpa.) :-)
Wolfram Heinrich schrieb am 29.11.2011 um 03:47
@sinisterstudent
"I hätt gern a Bier ghabt." höre ich - der ich hier seit beinahe 30 Jahren lebe und auch hier aufgewachsen bin, zum ersten Mal. "I hätt gern a Bier." Ja. "I kriagat a Bier." Ja. "A Bier bittschee." Ja.

Für die bairische Art dieser barocken Redewendung finde ich auf die Schnelle keinen Beleg, dieselbe Konstruktion in Sachsen (nicht auf Sächsisch) findest du hier:

ab ca. 6:45 min.

Ciao
Wolfram
Wolfram Heinrich schrieb am 29.11.2011 um 03:53
@sinisterstudent
Wie du auch Bayer?

Und zwar schon länger als du. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, wir hatten eine Metzgerei und ein Wirtshaus, da lernt man die verschiedensten Arten der Bierbestellung kennen. Auch die Reklamationen.
"Is des a Feldafinger Bier?" meinte etwa der Holzapfel, wenn ihm - angeblich - schlecht eingeschenktes Bier gereicht wurde. Ich erklär's mal für die Landesfremden: "Feldafinger" -> "feld a finger" -> "fehlt ein Finger".

Ciao
Wolfram
Magda schrieb am 26.11.2011 um 09:40
"Man sagt halt, was man denkt. "

Es gibt viele Deutsche, die offene Rohheit mit Offenheit verwechseln und Höflichkeit mit Verlogenheit.
Wolfram Heinrich schrieb am 27.11.2011 um 08:14
@Magda
Es gibt viele Deutsche, die offene Rohheit mit Offenheit verwechseln und Höflichkeit mit Verlogenheit.

Hier Gedanken eines Amerikaners dazu, im Bayerischen Rundfunk gehört:
theodor-rieh.de/heinrich/Bilder/Kommunikation.mp3

Ciao
Wolfram
Wolfram Heinrich schrieb am 27.11.2011 um 08:13
Natürlich trifft das nicht auf alle Deutschen zu. Natürlich ist vieles dem harten Klang und salvenhaften Stakkato der deutschen Sprache geschuldet.

Ach, von so hartem Klang ist das Deutsche an sich gar nicht. Wenn man es nicht gerade mit einem ausgebildeten Profisprecher zu tun hat, dann hört man dem Hochdeutsch der meisten Leute die regionale Herkunft an. "Jätz läb i scho zwonzig Johr in Hamburg und koina von meine Bäkannte aaahnt auch nur, daß i a Schwob bin."
Und da sind die südlichen Tonfärbungen doch deutlich weicher und verbundener als die nördlichen.

ab ca. 2:35 min.
Für mich als Bayern klingen viele Norddeutsche verdammt arrogant, da stellen sich sofort alle Nackenhaare auf. Okay, man gewöhnt sich dran, man ist tolerant und auf multi-kulti gestimmt. Paßt schon.
Was nicht paßt, ist, daß ich bei vielen Norddeutschen, die ich im Radio höre, den Eindruck habe, sie bildeten sich ein, Hochdeutsch zu sprechen, wenn sie "stümpt", "Tüsch" oder "unertreechlich" sagen.

Ciao
Wolfram
Mikael Krogerus schrieb am 27.11.2011 um 19:59
Das ist mit dem Klang ist etwas, was ich vor allem von meinen nordischen Verwandten höre. In Finnland gibt es diesen Witz, dass Deutsch sei wie eine MP-Salve und in Dänemark auf dem Schulhof zählen die Kinder auf Deutsch bis sieben und wenn sie "acht" sage, spucken sie dabei auf den Boden. Naja. Stimmt es eigentlich, dass man in Hannover "reines" Hochdeutsch spricht?
Wolfram Heinrich schrieb am 28.11.2011 um 08:26
@Mikael Krogerus
Das ist mit dem Klang ist etwas, was ich vor allem von meinen nordischen Verwandten höre. In Finnland gibt es diesen Witz, dass Deutsch sei wie eine MP-Salve und in Dänemark auf dem Schulhof zählen die Kinder auf Deutsch bis sieben und wenn sie "acht" sage, spucken sie dabei auf den Boden.

Es gibt da einen Text von Tucholsky, aus dem Jahre 1926, "Le Lied". Er sitzt in Paris in einem Varieté, Bétove, ein Klavierhumorist bringt eine Nummer über "Le Lied", das deutsche Kunstlied. Der Künstler ist offensichtlich der deutschen Sprache nicht mächtig, er singt ein rein phonetisches Deutsch, das, was er und das Publikum rein phonetisch für deutsche Sprache hält. Man kennt das, so etwas ist auch hierzulande ein beliebter Komikergag.
Das Präludium ist edel-getragen, und der kleine Mann am Klavier macht ein trauriges Gesicht, bekümmert den Kopf schüttelnd blickt er offenbar in das goldige Grün des Waldes, was mag sein blaues Auge sehn? Und nun beginnt er zu singen, und mir läuft ein Schauer nach dem andern den Rücken herunter.
Das ist kein Deutsch. Der Mann kann wahrscheinlich überhaupt nicht Deutsch, aber es ist doch welches. Es ist das Deutsch, wie es ein Franzose hört – Deutsch von außen. Da klingt: le ›lied‹. (...)
Ein deutscher Mann schreitet durch den deutschen Wald, die Linden duften, und die deutsche Quelle strömt treuherzig in einem tiefen Grunde.
Im grünen Wallet
zur Sommerzeit –
Ich verstehe kein Wort, es hat keinen Sinn, was der da singt, aber es kann nichts anderes heißen. Die Musik ist durchaus von Loewe – es ist so viel dunkles Bier, Männerkraft, Rittertum und Tilsiter Käse in diesem Gesang. Soweit ich vor Grauen und Lachen aufnehmen kann, hört es sich ungefähr folgendermaßen an:
A-ha-haa-schaupppttt
da-ha-gerrächchzzz –!
– an die weichen Stellen der Melodie setzt der Kerl jedesmal einen halten Konsonanten und erweckt so den angenehmen Eindruck eines, der lyrisch Lumpen speit. Aber nun wird die Sache bewegter.
Der Eichwald rauschet, der Himmall bezieht sich, im Baß ringt dumpf die Verdauung, der deutsche Mann schreitet nunmehr hügelan, Tauperlen glitzern auf seiner Stirn, die kleinen Veilchen schwitzen, der Feind dräut heimtückisch im Hinterhalt, jetzt schreit der Waldes-Deutsche wie beim Zahnbrecher, vor mir sehe ich Herrn Amtsrichter Jahnke, der am Klavier lahnt und mit seinem weichen, gepflegten Bariton unterm Kalbsbraten hervorbrüllt, und in den Schoß die Schönen – jetzt Welscher, nimm dich in acht! und ich höre so etwas wie
schrrrrachchchchttttt –!
da bricht die Seele ganz aus ihm heraußer, das Pianoforte gibt her, was es drin hat, und es hat was drin, die Melodie wogt, der kleine Mann auch – und jetzt, jetzt steht er oben auf dem steilen Hügel, weit schaut er ins Land hinein, Burgen ragen stolz beziehungsweise kühn, laßt es aus den Kehlen wallen, ob Fels & Eiche splittern, die Lanzen schmettern hoch in der Luft, das Banner jauchzet im kühlen Wein, frei fließet der Bursch in den deutschen Rhein, jetzt hat Bétove alle zweiundzwanzig Konsonanten mit einem Male im Hals, er würgt, er würgt – da kommt es hervorgebrochen, der Kloß ist heraus! das Klavier ächzt in allen Fugen, der Kaiser ruft zur deutschen Grenz', die Deutschen wedeln mit den – da steht er hehr, ein Bein voran, wenn kein Feind da ist, borg ich mir einen, den blitzenden Flamberg hoch in Händen, mein Weib an der Brust, den geschliffenen Helm im Nacken, der Neckar braust, der Adler loht, im deutschen Hintern sitzt das Schrot, es knallt das Roß, ein donnernd Halt, o deutscher Baum im Niederwald, mit eigenhändiger Unterschrift des Reichspräsidenten –!
(...)
Das war unsre deutsche Sprache? Die, in der immerhin »Füllest wieder Busch und Tal« gedichtet ist? Das ist Deutsch –? So hört es sich für einen Fremden an? Es muß wohl. Und ich brauche nicht mehr auszuziehen, das Fürchten zu lernen. Ich habe mich gefürchtet.
Es war, wie wenn man sich selbst im Film sieht. Viel schlimmer: wie wenn sich das Spiegelbild aus dem Rahmen löste, sich an den Tisch setzte und grinsend sagte; »Na – wie gefalle ich dir?« Da stehe ich auf, weiche einen Schritt zurück und sehe den da, mich entsetzt an ... Das bin ich –
Den ganzen Abend und noch am nächsten Tage getraue ich mich nicht, deutsch zu sprechen. Vor mir selber traue ich mich nicht. Ich höre überhaupt keine Vokale mehr, immer nur Konsonanten. Die Sprache ist wieder in ihren Spiegelrahmen zurückgekehrt, fremd sehen wir uns an, ich mißtrauisch, sie könnte vielleicht jeden Augenblick wieder auskneifen, mir gegenübertreten ... Wir kennen uns nun schon so lange. Zum erstenmal habe ich sie nackt gesehn.

www.textlog.de/tucholsky-le-lied-betove.html

Mir geht es übrigens ähnlich mit dem Französischen. Für mich ist Französisch der Inbegriff namenloser Arroganz. Ich kann kein Französisch, für mich ist gesprochenes Französisch nichts weiter als ein Teppich von Geräuschen. Ich war auch noch nie in Frankreich, ich weiß nicht, wie ein normaler Franzose spricht, wenn er sich beim Bäcker eine Penis-Semmel kauft. Französisch kenne ich fast nur vom Fernsehen und Radio, dort spricht meistens ein französischer Intellektueller. Das kann ein Politiker sein, der irgendeine dieser Eliteschulen besucht hat, ein Philosoph oder ein Schauspieler - immer hat mich die unglaubliche Arroganz beeindruckt, die mir (der ich die Sprache ja nicht verstehe) aus dem gesprochenen Französisch dieser Leute entgegenspringt.
Besonders beeindruckt hat mich in dieser Hinsicht Jean-Pierre Leaud in diesem oder jenem Film vom Jean-Luc Godard, wenn er dort irgendein Statement direkt in die Kamera sprach. Ich mein, der Mann hat (hatte, in den sechziger, siebziger Jahren) sowieso ein ausgesprochenes Watschengesicht, das sich noch watschiger gestaltete, wenn er sich eine Zigarette in die Fresse steckte. Und wenn er dann losplapperte (ich hab damals die Godardfilme in München allesamt im Original mit deutschen Untertiteln gesehen), dann... es war zum Kotzen. Ich hab noch im Ohr, wie er das Wort "révolution" aussprach: Diese dumpf-bräsige Selbstgenügsamkeit, so als wäre die Tatsache, daß er Französisch sprechen darf, das höchste Vergnügen, welches die Welt ihren Bewohnern bietet.

Stimmt es eigentlich, dass man in Hannover "reines" Hochdeutsch spricht?

Die Wissenschaft ist sich da nicht ganz einig. Einige behaupten, ja, man spricht dort reines Oxford-Deutsch, andere wiederum halten diese Behauptung für eine böswillige Verleumdung.

Ciao
Wolfram
Guy de Logne & co. schrieb am 30.11.2011 um 10:32
„Mir geht es übrigens ähnlich mit dem Französischen. Für mich ist Französisch der Inbegriff namenloser Arroganz…“

Lieber Wolfram,

Sie haben eine gewaltige Hymne auf die Verführungskraft der französischen Sprache komponiert!
Eine Verführungskraft, die logischerweise, bei einem gesunden jungen Mann, schmerzhaften Frust und tiefen Hass auslösen sollte.

Aber: ich liebe die deutsche Sprache!

Salut
Guy
Wolfram Heinrich schrieb am 30.11.2011 um 14:46
@Guy de Logne & co.
Sie haben eine gewaltige Hymne auf die Verführungskraft der französischen Sprache komponiert!
Eine Verführungskraft, die logischerweise, bei einem gesunden jungen Mann, schmerzhaften Frust und tiefen Hass auslösen sollte.


Das mit dem "jungen Mann" ist sehr freundlich, trifft aber meine Lebenssituation nicht wirklich präzise. Und "schmerzhafter Frust" und "tiefer Hass" ist sehr, sehr übertrieben.
Ich habe es vielleicht nicht deutlich genug gemacht, fürchte ich, daß meine Gefühle gegenüber dem Französischen als Ressentiment (wir kommen im Deutschen ohne ein gerüttelt Maß an Fremdwörtern aus dem Französischen nicht aus) zu beschreiben sind. Dieses Ressentiment kommt, wie alle Ressentiments, aus der Unwissenheit, der Ignoranz. Diese Ignoranz habe ich nun aber deutlich beschrieben.
Ich fürchte, jeder Mensch, sei er so weltoffen wie er nur mag, hat einige tiefsitzende Ressentiments, die er mit sich herumschleppt und die mit Nachdenken und Wissenszuwachs nicht einfach so aufzulösen sind. Meine Art, damit umzugehen ist, daß ich mir die Ressentiments vor mir auf den Tisch lege und dann darüber spöttele, auch mal öffentlich. Dumme Ideen, so habe ich gefunden, vertragen Spott überhaupt nicht, sie ziehen sich dann beleidigt zurück.
Mein Ressentiment gegen das Französische bezieht sich ja auch nicht gegen das Französische an sich (wie könnte es auch), sondern gegen das, was mir die französische (intellektuelle und politische) Elite gelegentlich aus dem Fernseher hustet. Sartre etwa schließe ich hier ausdrücklich aus. Und ich betone nochmal, daß ich mich nicht auf den Inhalt beziehe, für mich ist gesprochenes Französisch ein Schallereignis, nicht mehr. Geschriebenes Französisch kann ich mir, wenn es nicht zu schwierig ist, vom Italienischen heraus so lala ausdeuten.
Als Kind hatte ich öfter mal Charles de Gaulle im Fernsehen gehört und damals ernsthaft gedacht, seine längliche Gesichtsform sei dadurch entstanden, daß er ein Leben lang Französisch habe sprechen müssen. Gut, die Theorie ließ sich auf Dauer nicht halten, ich habe sie dann auch so mit ungefähr 12 Jahren abgelegt. Sie sehen daraus auch, daß jemand, der de Gaulle noch aus den Tagesnachrichten kennt, so ganz jung nicht mehr sein kann.

Aber: ich liebe die deutsche Sprache!

Ich weiß nicht, ob ich die deutsche Sprache liebe. Die Unsicherheit liegt darin begründet, daß ich in ihr gefangen bin. Ich kann mich zwar auch auf Englisch und Italienisch ausdrücken, locker und unbefangen kann ich aber nur mit der deutschen Sprache spielen, nur ihre Feinheiten kenne ich hinreichend gut. Wir müssen also so oder so beisammen bleiben, die deutsche Sprache und ich. Und sie ist ja wirklich schön, man kann mehr mit ihr machen als "Schweinehund - rrrraus!" brüllen.

Ciao
Wolfram
Ehemaliger Nutzer schrieb am 27.11.2011 um 16:23
Im Ausland sind Deutsche nicht mehr verhasst, aber noch immer unbeliebt. Warum?

Für mich ist das völlig klar.
Es gibt einfach noch zu wenig menschelnde Kommunisten hier in Deutschland.
Wenn es deutlich mehr hier davon gäbe, fiele ein wesentlicher Grund zur Unbeliebtheit, nämlich die Beneidung, einfach weg.
GeroSteiner schrieb am 27.11.2011 um 17:30
Die deutsche Ernsthaftigkeit wirkt auf andere manchmal humorlos. So macht der englische Humor einfach Spaß, während der deutsche Humor dem "Zwecke der Erheiterung" dient. Das hat nun wiederum zur Folge, dass es im Gegensatz zu allen anderen Europäern über die Deutschen wohl nur drei Witze gibt. Alles andere ist leider wahr.
Mikael Krogerus schrieb am 27.11.2011 um 19:56
Interessant. Welches sind die drei Witze? Mir fällt spontan dieser ein, den ich mal von einer Britin gehört habe: "Have you heard about the new German-Chinese restaurant? The food is acutally great, but an hour later, you're hungry for power". Und den noch: "Why do they bury Germans 20 metres under? Because deep down they are really nice." Obwohl, ich glaube, den erzählt man auch so ähnlich über ostfrisen, oder?
GeroSteiner schrieb am 27.11.2011 um 21:18
What do you call a pissed off German?
Sauerkraut.
GeroSteiner schrieb am 27.11.2011 um 21:19
"Two Martinis, bitte."
"Dry?"
"Nein, I said TWO!"
GeroSteiner schrieb am 27.11.2011 um 21:25
The German air controllers at Frankfurt Airport are renowned as a short-tempered lot. They not only expect one to know one's gate parking location, but how to get there without any assistance from them. So it was with some amusement that we (a Pan Am 747) listened to the following exchange between Frankfurt ground control and a British Airways 747, call sign Speedbird 206.

Speedbird 206: "Frankfurt , Speedbird 206! Clear of active runway."
Ground: "Speedbird 206. Taxi to gate Alpha One-Seven."
The BA 747 pulled onto the main taxiway and slowed to a stop.

Ground: "Speedbird, do you not know where you are going?"
Speedbird 206: "Stand by, Ground, I'm looking up our gate location now."
Ground (with quite arrogant impatience): "Speedbird 206, have you not been to Frankfurt before?"
Speedbird 206 (coolly): "Yes, twice in 1944, but it was dark -- and I didn't land."
GeroSteiner schrieb am 27.11.2011 um 21:28
Two hunters are out in the woods when one of them collapses. He doesn’t seem to be breathing and his eyes are glazed. The other guy whips out his phone and calls the emergency services.
He gasps, “My friend is dead! What can I do?”.
The operator says “Calm down. I can help. First, let’s make sure he’s dead.”
There is a silence, then a shot is heard. Back on the phone, the guy says “OK, now what?”
GeroSteiner schrieb am 27.11.2011 um 21:28
Der letzte war echter englischer Humor.
GeroSteiner schrieb am 27.11.2011 um 21:36
How did the current pope get the job?
He was the first one up to put his towel on the balcony.
ed2murrow schrieb am 27.11.2011 um 22:06
Ami und Deutsche beim Fraternisieren. Sie verzückt: du, Du, DU, DUUUUU.
Er: Damn, I do what I can.
tlacuache schrieb am 29.11.2011 um 05:03
Gero:
Speedbird 206 (coolly): "Yes, twice in 1944, but it was dark -- and I didn't land."
Als alter grüne soss' Fresser und Aebbelwoidringer,
Ganz stark
Mikael Krogerus schrieb am 27.11.2011 um 22:00
Haha, sehr gut. Der mit den Jägern wurde ja mal, glaube ich, vom British Association for the Advancement of Science in einer komplexen Studie als der beste Witz aller Zeiten identifiziert. Hier noch einer, der in derselben Studie von einem Computer generiert wurde und beweist, dass auch Maschinen Humor haben: What do you call a murderer with fiber? A cereal killer.
GeroSteiner schrieb am 27.11.2011 um 22:25
Zum Verständnis von Witzen gibt es eine wissenschaftliche Arbeit, die wirklich lesenswert ist:
LAUGHLAB - THE SCIENTIFIC SEARCH FOR THE
WORLD’S FUNNIEST JOKE

Interessant ist, dass die Menschen weltweit eine Präferenz für Witze haben, während die Deutschen über alles lachen.

Which day of the week do fish hate?
Fry-Day.
Richard der Hayek schrieb am 27.11.2011 um 22:12
Die Frau des Engländers, der das berühmte Interview mit Nixon durchführte, wurde gefragt, ob ihr Mann religiös sei:
ja, er hält sich für Gott.
Ich hab beinahe losgeschrien, so gut war der.
Mikael Krogerus schrieb am 27.11.2011 um 22:19
ganz, ganz groß!
Wolfram Heinrich schrieb am 27.11.2011 um 22:28
Ihr seids aber leicht zu unterhalten. Sakra.

Ciao
Wolfram
Ullrich Läntzsch schrieb am 30.11.2011 um 14:59
Lieber Mikael Krogerus,

keinen Satz, der mit den Worten beginnt Kommt ein Deutscher in die Bar kann ich nachvollziehen, denn wenn ich in eine Bar gehe, oder wohin auch immer, dann nie als Deutscher, sondern als Mensch. Dies zu ertragen ist schon schwer genug. Ich bin ein Erdling mit deutschen Reisepaß.

Allerbeste
ps
Schon auf einer Weltreise in den 70-er Jahren hatte mir nie jemand das Gefühl vermittelt unbeliebt zu sein.
Mikael Krogerus schrieb am 30.11.2011 um 15:07
Ja, ok, aber: "Kommt ein Erdling mit deutschem Pass in die Bar" ist kein guter Witzanfang. Zudem bitte den kleinen Vermerk in meinem Text beachten: nicht alle sind so.
von Boedefeld schrieb am 21.01.2012 um 14:12
Testfrage : was wissen Sie über den "KdF-Wagen" ?
Meine Bekannten (schliesse extra "Freunde" aus " : NICHTS !
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