Katholische Soap Opera

Klerus Der Wahnsinn spricht wahr: Bischof Mixa a. D. als Symptom der Kirchenmisere: Warum konnte dieser Mann sein Amt so lange unbehelligt ausüben?

In engen Familien, so lehrt es die systemische Psychotheraphie, wird oft ein Mitglied zum Symptomträger. Er oder sie agiert stellvertretend aus, was die ganze Familie betrifft, das auffällige Verhalten lenkt zugleich vom Problem ab und drückt doch auf seine Weise aus, was verdrängt und an Zwang wirksam ist im System.

Wenn man den katholischen Klerus als eine Familie versteht, dann hat sie in Walter Mixa ihr Symptom. Zu den schon länger ruchbaren Verfehlungen des Augsburger Bischofs a. D. – er hat Kinder geschlagen und ging mit dem Geld seiner Diözese fahrlässig um – soll nun eine angebliche „Geheimakte“ auch noch sexuelle Übergriffigkeit gegenüber jungen Männern und schwere Alkoholsucht belegen. Ein Spiegeltrinker soll er sein, und überhaupt attestiert man dem Bischof „Wahrnehmungsprobleme“ und „Wirklichkeitsverlust“. Tatsächlich ist das Auffälligste an Mixa seine unbeirrbare Renitenz. Er musste von seinen bischöflichen Brüdern und dem heiligen Vater mit harten Mitteln zu seinem Entlassungsgesuch gedrängt werden, verlautbarte öffentlich und ohne Schuldeinsicht, dass er gar nicht zurücktreten wolle und zog trotzig auch wieder in seine schicke Bischofsresidenz zurück. Ein Wahnsinn.

Es stellt sich natürlich die Frage, wie dieser Mann so lange seinen Posten unbehelligt hat ausführen können. Noch seltsamer aber ist schon seit Beginn der ganzen Kirchenmisere dieses Jahres, dass Mixa den Mund nicht hält. Warum blieb der hohe Würdenträger, der doch offensichtlich einiges an Enthüllungen zu befürchten hat, nicht still und unauffällig, sondern tönte gleich nach der ersten Veröffentlichung von Missbrauchsfällen, sie seien bloß eine Folge der sexuellen Revolution durch die 68er? Damit war klar, dass er ins Rampenlicht gerät. Spürt Mixa in schizophrener Verblendung nicht, dass es bei den Vorwürfen auch um ihn geht? Man kann das tatsächlich mit „Wirklichkeitsverlust“ erklären. Möglich ist aber auch, dass sich hier einer bewusst ans Messer liefern will und seine heilige Familie gleich mit. Die verbalen Ausfälle lassen sich nämlich auch als glatte Selbstoffenbarungen lesen, der Wahnsinn spricht wahr, und vermutlich hat Mixa, als er die gefährlichen Verführungen durch die sexuelle Liberalisierung anprangerte, sich selbst gemeint. Er war da ganz ehrlich.

Mixa ist zum Menetekel geworden, und die Öffentlichkeit hat jetzt ihre katholische Soap, in der sich ein klerikaler Clown nicht zur Ruhe bringen lassen will. Bezeichnenderweise spiegelt jede seiner Verfehlungen, was faul ist im klerikalen Staate – Bereicherung, scheinheilige Prüderie, Amtsmissbrauch und vor allem absolute Beratungssresistenz. Mixas starrköpfiges Festhalten an seiner Position ist ja nichts weiter als eine ins Absurde verzerrte Parodie auf die ignorante Rechthaberei einer autoritären, verknöcherten und veralteten Kirchenhierarchie. Sein Redezwang dagegen ist die Antwort auf ein viel zu langes Kirchenschweigen. Er offenbart, indem er wie verrückt leugnet.

Der Symptomträger in Familien hat oft eine stabilisierende Funktion. Er ist Kitt und zugleich Ventil, nur weil er durchknallt, können die anderen weiter machen wie bisher. Mixa ist Symptom des Systems, und in gewisser Weise zahlt er die Zeche. Wenn nun die Brüder Marx und Zollitsch ihn gewaltsam von der Bühne schaffen, ist das Problem noch nicht gelöst. Denn nur Symptome kurieren, hilft bekanntlich nicht.

Bischof Mixa hat seinen Kampf um das Amt am Mittwoch beendet. Er verzichtet – und bittet um Verzeihung, da er sich "in vieler Hinsicht" schuldig gemacht habe.




Andrea Roedig lebt seit 2007 als freie Publizistin in Wien

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