Liebe Hörerinnen

On Air Weiberkram und Rock'n'Roll, Cocktailrezepte und selbstbewusste Weiblichkeit: Silvia Hanz macht Radio für Frauen – und träumt von einem eigenen Sender

Die Frage nach einem Plan B quittiert Silvia Hanz mit einer Pause. Der ersten seit Beginn des Gesprächs. Bisher hatte sie wortreich geantwortet. Jetzt sagt sie knapp: „Ich mach’ mein Ding. Das muss klappen.“ Dabei blickt sie etwas trotzig über den Schreibtisch in ihrem Büro. Ihr Ding, das ist das mädchenradio – Radio, das sich ausschließlich um weibliche Belange dreht. Seit November 2011 moderiert die 34-jährige alle zwei Wochen eine einstündige Live-Sendung bei einem offenen Radiokanal der Medienanstalt Berlin-Brandenburg.

Ganz im Sinne des Senderslogans „Ein bisschen Weiberkram, ein bisschen Rock’n’ Roll“ präsentiert das Programm eine Melange aus Themen aus weiblicher Perspektive, zusammen mit Rockmusik. Beispiele für „selbstbewusste Weiblichkeit“ möchte Hanz mit ihrem Programm geben. Den Sendeplan ergänzen aber auch Beiträge, die sich mit Stilfragen oder Cocktailrezepten beschäftigen. „Stiefel und Taschen sind wichtige Themen für Frauen“, sagt sie dann auch. „Tussig soll es aber nicht werden. Im Vordergrund stehen Frauen, die Maßstäbe gesetzt haben.“ In der Mischung aus Information und Unterhaltung für Frauen sieht Hanz das Alleinstellungsmerkmal.

In vielen Medienbereichen gibt es einen harten Kampf um die weibliche Zielgruppe. Frauenzeitschriften leiden unter sinkenden Leserzahlen; in den vergangenen Jahren mussten Titel wie Amica, Allegra und Brigitte Young Miss eingestellt werden. Gleichzeitig wollen die Tageszeitungen laut Verlegerverband nun „weiblicher werden“.

Umkämpfte Zielgruppe

Im Fernsehen präsentierte ProSiebenSat.1 2010 mit sixx einen eigenen Frauensender. Im Mai dieses Jahres folgte mit dem Pay-TV-Kanal Glitz ein weiterer Versuch, diese Zielgruppe zu erschließen. Auch der deutschsprachige Hörfunk widmet sich mit Programmen wie Das Frauenforum (NDR) oder SPACEfemFM (FRO, Österreich) einem weiblichen Publikum. Ein ganzer Radiosender speziell für Frauen existiert aber noch nicht. Das möchte Silvia Hanz ändern und die Marktlücke auf einer eigenen UKW-Frequenz schließen.

„Ich liebe Stimmen“, sagt sie. „Radio ist ein Medium, mit dem man kreative Ideen schnell und einfach umsetzen kann.“ Hektisch sucht sie auf ihrem Laptop nach einer Statistik in ihrem Businessplan, die zeigt, dass das Medium Radio in letzter Zeit wieder mehr Hörer gewinnt. Für die diplomierte Kulturwirtin ist ihr Projekt dabei aber auch eine Flucht nach vorn: Trotz vieler Medienpraktika blieb sie ohne Festanstellung. Chancen auf einen Job möchte sie sich mit ihrem Projekt nun selbst eröffnen. Ein zehnköpfiges Team unterstützt sie dabei. Geld verdient Hanz mit ihrer Sendung noch nicht.

Warum gerade Rock’n’Roll die Musikauswahl dominiert? „Tolle Frauen und Rockmusik passen gut zusammen“, sagt Hanz. Im Berlin der elektronischen Musik wirkt ihr Projekt damit aber ein wenig aus der Zeit gefallen. Als Moderatorin hat sie ihre Stärken vor allem im Dialog mit Studiogästen, etwa im Gespräch mit der aufstrebenden Songwriterin und Mutter Johanna Zeul über die Herausforderungen, mit denen das Musikgeschäft junge Familien konfrontiert.

Es gehe ihr um das „Miteinander der Mädels“, denen sie mit ihrem Programm eine Austauschplattform anbieten wolle, sagt Hanz. Dazu passt, wie sie sich das Lebensgefühl ihrer Hörerinnen vorstellt: „Das ist dieses Sich-an-der-Hand-Nehmen und zusammen auf die Tanzfläche gehen – oder zusammen im Park sitzen und Shakespeare lesen.z“ Ob ihr Radio auch politisch sei? „Ich würde sagen, dass es unpolitisch ist. Es geht um starke Mädchen und um Rock. Wir wollen niemanden ausschließen.“

Emanzipatorische Ziele verfolge sie mit ihrem Radio nicht explizit: „Darauf werde ich oft angesprochen. Frauen haben aber in der Gesellschaft Fuß gefasst. Deswegen sind die alten feministischen Konzepte überholt.“ Feministinnen wie Alice Schwarzer hätten früher zwar eine Vorreiterrolle übernommen, „heute sind Frauen aber schon viel weiter“. Die Unterdrückung der Frau in der Gesellschaft sei deswegen nicht Ausgangspunkt ihres Programms. Diese Haltung teilt das Projekt wohl mit vielen Altersgenossinnen, die zwar für weibliche Belange eintreten, sich aber nicht mit den Begriffen des Feminismus identifizieren.

Ein Nebensatz für Beauvoir

Man kann das geschichtsvergessen nennen. Man könnte es aber auch als erfrischend unbelastet wahrnehmen. Am Todestag von Simone de Beauvoir klärt Hanz zum Beispiel lieber über die „ladyfest“-Bewegung auf, die der Unterrepräsentation von Frauen innerhalb der Kunst- und Musikszene entgegentritt. Die feministische Vordenkerin Beauvoir muss sich dagegen mit einem Nebensatz begnügen.

Die Botschaft von mädchenradio ist ambivalent. In ihrer Sendung bietet Hanz Frauen wie der 84-jährigen Rentnerin und Hobbykünstlerin Dorothea Dragert eine Bühne, die im gesellschaftlichen Geschehen gewöhnlich nicht wahrgenommen werden. Das ertrinkt aber streckenweise in einem Duktus, der nicht nur Vertreterinnen der reinen feministischen Lehre quer im Magen liegen dürfte. Von großen und kleinen „Mädchen“ oder „Mädels“ ist oft die Rede, selten nennt die Moderatorin ihre Adressatinnen „Frauen“. „Ich verwende ‚Mädchen‘ und ‚Frauen‘ synonym“, sagt sie und lässt in einem Beitrag Aussagen wie „sich schmücken, das wollen Frauen ja“, um sich „richtig schön schick zu fühlen für die Männerwelt da draußen“ unkommentiert. Das erinnert eher an das weibliche Selbstverständnis des 19. Jahrhunderts, das heute TV-Formate wie Germany’s Next Topmodel wieder aufleben lassen.

So gesehen ist mädchenradio dann auch ganz Kind seiner Zeit. Die Sendung spiegelt das Spannungsverhältnis von fragwürdigen medialen Rollenbildern und emanzipatorischen Erfolgen, mit dem auch viele junge Frauen kämpfen. Hanz gibt nicht vor, Lösungen für diesen Zwiespalt parat zu haben. Das ist durchaus sympathisch. Der Erfolg ihres Projekts dürfte aber auch davon abhängen, ob das mädchenradio ein paar Antworten auf die Fragen seiner Zuhörerinnen findet.

11:33 28.08.2012
Geschrieben von

Angelo D’Abundo | Angelo D'Abundo

Das sehe ich nicht so.
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