Wir waren alle blond

Job Unsere Autorin hat auch mal als Hostess gearbeitet. Ein Bericht aus dem „Ich bring dich ganz groß raus“-Business
Anna Fastabend | Ausgabe 02/2015 3

Am Ende war ich beleidigt, weil ich dieses dämliche Computerspiel nicht bekommen hatte. Was vorher passiert war? Also: Diese Berliner Göre und ich stehen so als Messehostessen an unserem Angeberstand. Da schlurft dieser schlaksige Verkäufer von gegenüber in unsere Richtung. Nicht, dass wir uns darüber gefreut hätten, aber wir hatten schon Wetten darüber abgeschlossen, wann er aufhören würde, nur zu glotzen.

„Na, wer von euch zwei Süßen möchte denn ein neues Computerspiel haben?“, fragt er grinsend. Obwohl ich eindeutig das sanftere Wesen von uns bin, hätte ich ihm allein für seinen Gesichtsausdruck am liebsten eine geklatscht. Trotzdem steigen die Göre und ich voll auf sein Spiel ein und betteln, was das Zeug hält. Er genießt es sichtlich, uns in der Hand zu haben. Shakira: „… my will and self-restraint have come to fail now …“

Ich wurde geboren und bin aufgewachsen in der Nähe einer Stadt, die vielen nur als Umsteigebahnhof bekannt ist. Spätestens wenn man beim Aussteigen aus der Lautsprecheranlage „Expo- und Messestadt“ hört, springen die meisten schon in den nächsten Zug. Als Tochter dieser Stadt lag mir das Hostessenwesen im Blut. Während des Studiums brauchte ich ständig Geld für ein bisschen Luxus. Ich wollte nicht jeden Tag Nudeln mit Tomatensauce essen und nicht für jedes neue H&M-Teil bei meinen Eltern vorsprechen müssen. So kam es mir gelegen, dass die Mutter einer Bekannten neue Gesichter für ihre Hostessenagentur suchte. Für die Bewerbung musste ich all das einreichen, was auch ein Model für seine Setcard braucht. Mehrere Fotos, meine Konfektions- und Schuhgröße. Der Vergleich mit dem Model ist natürlich völlig übertrieben. Ich spielte in der Kreisliga.

Zur Sache, Kätzchen

Dementsprechend dilettantisch lief die Zusammenstellung meiner Bewerbungsunterlagen ab. Mein Freund maß meinen Brust- und Hüftumfang. Zwei befreundete Hobbyfotografen machten Fotos. Mein Outfit: ein zugeknöpfter Wintermantel. Meine Frisur: ein streng gebundener Zopf. Daraufhin wurde von mir verlangt, dass ich deutlich mehr Haut und Haare zeige, schließlich kaufe ja niemand ein Kätzchen im Karton. Der nächste Fotoshoot fand bei meinen Eltern im Wohnzimmer vor jagdgrünen Gardinen statt. Ich posierte mit offenen Haaren, erst in meinem enganliegenden Abiballkleid, danach im Top und kurzen Shorts.

Schnell bekam ich meinen ersten Auftrag. Ich sollte sechs Tage für eine internationale Elektronikfirma bei der CEBIT arbeiten. Luftsprünge. Mehr als 100 Euro Lohn. Pro Tag! Wo sonst – es sei denn, man prostituiert sich – verdient man mit einem Nebenjob so viel Geld? Über die Arbeit machte ich mir keine Illusionen. Ich würde all diese langweiligen Dinge tun müssen und mein Gehirn in den Urlaub schicken.

Oh, du schöne Messewelt. An unserem futuristisch gestalteten Stand gab es so viele Flachbildfernseher, dass man damit einen ganzen Wohnblock hätte ausstatten können. Sie lockten die Messegäste mit Victoria’s-Secrets-Modenschauen, Fußballspielen und Tierkindern. Wer unsere Koje besuchte, wurde am Eingang von Shakira im knappen Glitzerkostüm begrüßt. Nur das Herzstück des Stands, den Bistrobereich, durften die Normalsterblichen nicht betreten. Der Harem war den Mitarbeitern und den Geschäftskunden der Elektronikfirma vorbehalten.

Hier verbrachte ich den Großteil der Tage als Servicehostess. Kein schlechter Job, wenn man bedenkt, dass andere für das gleiche Geld die Werbetrommel für Damenbinden rühren oder sich in Hotpants auf einem neuen Sportwagen räkeln müssen. Dennoch ging mir diese Arbeit auf den Geist: Ich stehe vor einem Bistrotisch, ziehe eine Grimasse, die ein Lächeln sein soll, und stelle zum hunderttausendsten Mal die alles entscheidende Frage: „Was darf’s zu trinken sein?“ – „Nein, Alkohol schenken wir nicht aus.“ – „Gern, die Cola kommt sofort.“ Dann rein in die Küche, ran an den Kühlschrank, Flasche raus, Glas befüllt, Flasche rein, Glas aufs Tablett, zurück zum Tisch. Der Gast trinkt und verzieht angewidert sein Gesicht. „Ach, Sie wollten Cola light?“ – „Überhaupt kein Problem.“ – „Ich renne, ich eile, ich bin ausschließlich für Sie allein da.“

Wir waren alle blond und hatten Puppengesichter. Außerdem waren wir mit guten bis ausgezeichneten Figuren gesegnet. Zu unseren knallroten Kostümen trugen wir Halstücher und Schuhe, die meterlange Beine zauberten. Wir waren Stewardessen, denen man die Flügel gestutzt hatte. Als herumstolzierende Männerträume lasen wir unseren Gästen die Wünsche von den Lippen ab. Wenn sie sich befriedigt in den Plastikstühlen zurücklehnten, blieben wir ganz in ihrer Nähe, wie Perlen aufgereiht. Unsere Augen lagen so wohlwollend auf ihnen, wie sie sonst nur auf schlafenden Kindern hätten liegen können.

Hinter den Kulissen sah es anders aus. Die Küche war unser Gebiet. Hier schmissen wir unsere Pumps in die Ecke und badeten unsere geschundenen Füße im Eiswasser. Wagte sich eine Firmenverkäuferin herein, wurden wir ungehalten. Warum musste die nervige Kleine ständig auf den Coca-Cola-Kästen herumlungern, um mit ihren Kindern zu telefonieren? Zwischen Spülmaschine und Kühlschrank konnte ich meine Gesichtsmuskulatur entspannen, mich ungestört überall dort kratzen, wo ich wollte, unter meinen Armen riechen, ob Schweiß und synthetische Fasern schon eine Verbindung eingegangen waren, und fäusteweise Erdnüsse in mich hineinstopfen, bis mir übel wurde.

Überhaupt aßen wir zwischen den Bestellungen sehr viel von dem Zeug, das wir auch im Bistro servierten: Thunfisch-Wraps und fettige Käse-Sandwiches. Vielleicht lag es an dem ganzen Fastfood, dass unsere Gespräche von Tag zu Tag flacher wurden. Vielleicht aber auch an etwas anderem: Wir kannten uns vorher nicht. So betrieben wir zu Anfang den üblichen Smalltalk. Wir sprachen über unsere Studienfächer, Freunde und Interessen. Dabei hörten wir einander natürlich nicht zu. Denn wen interessieren schon die Sorgen und Nöte einer Jurastudentin, wie ich sie damals war? Und mir war es völlig egal, wie traumhaft schön der letzte Strandurlaub einer anderen war. Irgendwann hatten wir uns glücklicherweise leer erzählt. Wir begaben uns auf den kleinsten gemeinsamen Nenner und redeten über Sex. Darüber, wen wir heiß fanden und wen wir in höchstem Bogen von der Bettkante gestoßen hätten.

Im Schlaraffenland

Manchmal arbeitete ich am Infopoint, einem Platz, um den wir Mädchen uns jedes Mal fast prügelten. Man saß auf einem Barhocker und konnte seinen Füßen eine Verschnaufpause gönnen. Hier war ich eine Mischung aus Sekretärin und Lustobjekt, wobei das ja in der männlichen Fantasie sowieso auf das Gleiche hinausläuft. Hier hatte ich nicht viel anderes zu tun, als gerade wie ein Aushängeschild zu sitzen. Außerdem musste ich Visitenkarten von potenziellen Geschäftspartnern entgegennehmen und für Terminkunden den richtigen Vertriebsmitarbeiter herbeiholen. Das Ganze hatte aber auch eine schlechte Seite. Ich konnte nicht vorgeben, beschäftigt zu sein, indem ich den nächstbesten Tisch mit Glasreiniger bearbeitete, wenn mir einer blöd kam. Stattdessen musste ich sitzen bleiben und der Männer harren, die da kamen. Ich war ein gefundenes Fressen. Einmal kam ein älterer Fotograf auf mich zu. Sein Anzug sah aus, als ob er darin geschlafen hätte, und unter seinen Fingernägeln hatte sich einiges an Dreck gesammelt.

Er sagte tatsächlich: „Baby, ich bring dich ganz groß raus!“ Ich könne mich glücklich schätzen, denn ich hätte Pfirsichhaut. „Dein Gesicht macht sich total gut in der Kosmetikwerbung.“ Er holte einen Stapel Visitenkarten aus seiner Brusttasche und drückte mir eine davon in die Hand. „Ich würd’ dich gern auf einen Kaffee treffen, dann können wir alles Weitere besprechen“, meinte er zum Abschluss und zwinkerte mir zu.

Für Männer muss die Messewelt ein Schlaraffenland sein. Wo sonst können sie sich derart ungestört ausprobieren? Hier zählt nur die Gegenwart. Was auf der Messe passiert, bleibt auf der Messe, heißt es in der Szene. Der Ehering wird vom Finger gestreift, das Kind verschwiegen und die Freundin geleugnet. Hier kann der Mann noch ein Held sein, auch wenn er ein Fernsehverkäufer ist. Einer von ihnen hat mir folgenden Monolog vorgetragen: „Ich hab dich schon die ganze Zeit beobachtet. Und ich muss sagen, du bist etwas ganz Besonderes. Gar nicht so wie die anderen hier. So, als ob du viel über die Welt nachdenken würdest. Ich mag das, ich denke nämlich auch immer viel über die Welt nach. Vielleicht unterhalten wir uns mal unter vier Augen drüber?“ Und ich dachte: Mein Gott, wo bin ich?

06:00 21.01.2015
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