Afghanistan ist ein hoffnungsvolles Land

Interview Afghanistan braucht die US-Truppen für den Wiederaufbau des Landes. Donald Trump schert das nicht. Dennoch gibt es Hoffnung, sagt Politikwissenschaftler Nematullah Bizhan
Afghanistan ist ein hoffnungsvolles Land
Afghanische und US-amerikanische Soldaten bei einer gemeinsamen Übung in Afghanistan

Foto: Wakil Kohsar/AFP/Getty Images

Vor vier Wochen hatte US-Präsident Donald Trump entgegen seiner Wahlkampfversprechen zugesagt, weitere Militärkräfte nach Afghanistan zu schicken. Nun haben die USA beschlossen, 3.000 weitere Soldaten an den Hindukusch zu entsenden. Ziel ist die Bekämpfung islamistischer Terroristen, das sogenannte Nation Building soll nicht mehr zu den Aufgaben der Soldaten gehören. Der Politikwissenschaftler Nematullah Bizhan sieht das kritisch, gibt aber die Hoffnung für sein Heimtland nicht auf.

Zur Person

Nemat Bizhan ist selbst in Afghanistan geboren, lebt und forscht heute an der Blavatnik School of Government der britischen Oxford Universität zu dem Thema Stabilisierung fragiler und Konflikt geplagter Staaten und Regionen durch Nation Building.

der Freitag: Herr Bizhan, wie wäre die Situation in Afghanistan heute, wenn die Vereinigten Staaten 2001 keinen Krieg in dem Land begonnen hätten?

Nemat Bizhan: Da ich sowohl vor als auch nach den Anschlägen vom 11. September in Afghanistan gelebt habe, kann ich sagen: Ohne den politischen Wandel im Anschluss an 9/11, wenn also die Taliban an der Macht geblieben wären, wäre die Wirtschaft zusammengebrochen und den Frauen heute der Zugang zu Bildung, politischem Leben und Erwerbsarbeit weitestgehend verwehrt. Die Menschen würden in äußerster Armut leben, und Afghanistan wäre wegen der Politik der Taliban in Auseinandersetzungen mit seinen Nachbarn verstrickt. Zudem würde das Land von einem Bürgerkrieg erschüttert, da die talibanfeindlichen oppositionellen Gruppen sich gegen das Regime erhoben hätten.


Was würde passieren, wenn die USA sich zukünftig in Afghanistan nicht mehr an der Nationenbildung (Nation Building) beteiligen würden?

Diese Vorstellung bereitet mir Sorge. Wenn die Amerikaner ihr Engagement in Afghanistan weiterhin allein als Krieg gegen den Terror ansähen, würden die Fortschritte in der Bildung und beim Demokratisierungsprozess wieder zunichtegemacht, da die Regierung beziehungsweise der Staat hochgradig von der amerikanischen Unterstützung abhängig ist. Irgendwann muss Afghanistan selbstständig werden, aber das wird seine Zeit brauchen. Man denke nur an Südkorea, wo es mehr als zwei Jahrzehnte gedauert hat, bis staatliche Institutionen und eine funktionierende Wirtschaft existierten. Die Lage in Afghanistan ist kompliziert, weil die gewaltsamsten bewaffneten Gruppierungen wie die Taliban und das Haqqani-Netzwerk von externen Akteuren unterstützt werden – nicht zuletzt von Staaten wie etwa Pakistan. Aus eben diesem Grund ist Afghanistan auf absehbare Zeit weiterhin auf Hilfe bei der Staatenbildung angewiesen.

Was halten Sie von dem Konzept der Nationenbildung – ganz allgemein, vor allem aber im Hinblick auf Afghanistan?

Afghanistan ist ein Spezialfall. Unter dem Taliban-Regime wurde das Land zu einem sicheren Rückzugsort für al-Qaida und andere Terrororganisationen. So lebte etwa Osama bin Laden, der Drahtzieher der Attentate vom 11. September, unter dem Schutz der Taliban in Afghanistan. Daher intervenierten die USA militärisch und stürzten gemeinsam mit talibanfeindlichen afghanischen Streitkräften das Regime. Seither ist die Staatenbildung eines der vordringlichsten Probleme, also der Aufbau staatlicher Institutionen und Verwaltungen, die öffentliche Aufgaben wie Bildung, Sicherheit und so weiter wahrnehmen. Funktionieren derartige Institutionen nicht oder brechen sie gar zusammen, ist die Sicherheit der Bevölkerung nicht gewährleistet und der Staat nicht in der Lage, die grundlegenden öffentlichen Dienstleistungen bereitzustellen. Und der afghanische Staat ist ungeachtet aller Anstrengungen nach wie vor anfällig und wenig effektiv.

Angenommen, Sie wären Berater des UN-Generalsekretärs: Was für Maßnahmen würden Sie ihm empfehlen, um die Demokratie in Afghanistan zu stärken?

Gerade jetzt dürfen der Staatenbildungsprozess und die friedlichen Verhandlungen nicht abgebrochen werden. Gegenwärtig ist der Staat zu schwach, um seine Bürger zu beschützen, und Bewegungen wie die Taliban können jederzeit einen Menschen umbringen, der offen seine Meinung äußert. Die Menschen haben nur geringes Vertrauen in den Staat und seine Neutralität. Ich würde dem UN-Generalsekretär raten, den Aufbau von zentralen demokratischen, politischen und zivilen Institutionen zu fördern und dafür zu sorgen, dass das Land weiterhin Hilfe erhält, um auf diese Weise das schon Erreichte abzusichern. Am wichtigsten allerdings erscheint es mir, die Position der Menschen selbst, insbesondere der Frauen, zu stärken.

Was bedeutet das im Detail?

Wir brauchen Organisationen, die zivilgesellschaftliche Initiativen unterstützen und Verantwortung fördern, außerdem Graswurzelbewegungen, damit die Menschen sich am politischen Prozess beteiligen und die Politiker haftbar machen können. Darüber hinaus müssen die Vereinten Nationen unter den regionalen Akteuren verstärkt für eine Übereinkunft über einen afghanischen Frieden werben. Bei diesen Aufgaben dürfte das verstärkte politische Engagement der Vereinten Nationen in Afghanistan helfen.

Was für Initiativen existieren bereits?

Viele verschiedene. Eine ist das National Solidarity Program, durch das die Bevölkerung ermuntert wird, politische Räume aufzubauen und zu nutzen. In lokalen, demokratisch gewählten Räten kommen Männer und Frauen zusammen und diskutieren ihre Probleme. Nach der Einrichtung dieser Räte können sie sich für staatliche Gelder bewerben, die aus einem von der internationalen Gemeinschaft bereitgestellten Treuhandfonds stammen. Auch wenn in diesem Zusammenhang nicht von Demokratie und Demokratisierung gesprochen wird, ist es im Grunde genau das. Ein anderes Beispiel sind lokale zivilgesellschaftliche Organisationen. Allerdings begegnen derartige Initiativen zahlreichen Schwierigkeiten, etwa einer mangelnden fiskalischen Tragfähigkeit, aber auch Bedrohungen durch die Taliban und ähnliche äußerst gewalttätige Gruppierungen.

Wenn ich Sie richtig verstehe, sollten Ihrer Ansicht nach die US-Truppen das Land also nicht verlassen?

Genau! Afghanistan braucht noch länger massive militärische und entwicklungspolitische Unterstützung. Eine wesentliche Rolle spielt auch Pakistan als sicherer Zufluchtsort für die Taliban und ähnliche Gruppierungen. Wenngleich die Vereinigten Staaten im Rahmen ihrer neuen Strategie Pakistan dazu drängen, derartige Gruppen nicht länger zu unterstützen, bleibt abzuwarten, wie die Strategie in der Praxis funktioniert. Das Ganze ist höchst kompliziert und wird wesentlich länger dauern, als wir vielleicht vermuten.

Sollten die US-Truppen gehen, würde das zum Zerfall des Landes führen?

Ich denke nicht, dass das Land sofort zerfallen würde, aber die Lage wäre sehr schwierig. Die Vereinigten Staaten haben nur wenige Soldaten im Land stationiert (8.300), die die afghanischen Sicherheitskräfte schulen und sie aus der Luft unterstützen. In den vergangenen Jahren wurden die afghanischen Sicherheitskräfte erheblich aufgestockt. Aber zwei andere Fragen machen mir Sorge, weil sie in Zukunft das Land destabilisieren könnten. Zum einen hat die Sicherheitsstrategie der afghanischen Regierung kaum etwas gegen die wachsenden Bedrohungen ausrichten können. Das muss sich unbedingt ändern. Zweitens sehen wir, wie die Taliban in Afghanistan eine Art Parallelstaat errichten. Die Taliban haben einen ausgesprochen gut organisierten Drogenhandel aufgebaut, sie haben ihre eigenen Einnahmen und ein eigenes Steuersystem.

Kann es dann überhaupt noch Hoffnung geben?

Ja. Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen: Bei der Präsidentschaftswahl 2014 haben die Taliban die Menschen gewarnt: „Wenn ihr wählen geht, schneiden wir euch die Finger ab.“ Elf Menschen, die in Ost-Afghanistan trotzdem wählen gingen, wurden auf dem Heimweg von den Taliban abgefangen und ihnen wurden die Finger abgeschnitten. Sie wurden ins örtliche Krankenhaus eingeliefert, wo sie später ein Interview gaben. Und wissen Sie, was sie gesagt haben? „Sie haben uns die Finger abgeschnitten. Aber das nächste Mal wählen wir wieder.“ Die Demokratie ist ein Wert für die Menschen, genau wie die Bildung. Nicht einfach ein Privileg, sondern tatsächlich ein Wert. Insbesondere, da Afghanistan ein sehr junges Land ist: Rund 63 Prozent der Afghanen sind unter 25. Auf den Schulen und Universitäten lernen Millionen junger Menschen. Der schwache Staat, die Korruption und die Unsicherheit bleiben weiterhin Herausforderungen. Aber es gibt auch Gründe zur Hoffnung, und ich persönlich habe große Hoffnung.

Das Interview führte Anne Höhn.

Übersetztung aus dem Englischen: Sven Scheer

13:55 19.09.2017
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