War schön jewesen

Fußballgefühle Der FC Union ist nicht nur ein Berliner Verein, er ist Ersatzfamilie und ja: irgendwie Heimat
War schön jewesen
Ritter Keule, das Maskottchen, weint derzeit stille Tränen um den Trainer. Nach außen bleibt er eisern wie ein Papp-Morgenstern

Illustration: der Freitag

Freitagabend. Heimspiel in der Alten Försterei. Je weiter es mit der S-Bahn Richtung Osten geht, desto größer wird die Dichte rot-weißer Schals des 1. FC Union Berlin. Die Stimmung ist entspannt, es überwiegen ältere Männer, die die Zeiten als Schlachtenbummler länger hinter sich haben. Sie öffnen die Biere nicht mehr mit den Zähnen und nur noch selten mit dem Feuerzeug, sie haben einen Öffner am Schlüsselbund oder machen eine Flasche mit der nächsten auf. Dazwischen alle Nuancen rot-weiß-gestreifter Familien, ob nun mit Kind oder auch mit Kegel, angelachtem oder ausgeborgtem Nachwuchs. Frauen in der Unterzahl, aber unübersehbar. Alles sehr entspannt, wenn der S-Bahnverkehr dichter getaktet wäre. Der Erfolg des 1. FC Union Berlin ist inzwischen an jedem Heimspieltag ein logistisches Problem für die Stadt.

Je näher wir dem Stadion kommen, desto höher wird die Anzahl derer, die sich ihre Berliner Mannschaft nicht aussuchen konnten. Die Mitgliedschaft wird vererbt. Ihre Rebellion bestand vielleicht darin, in der Pubertät mal kurzzeitig Fan einer anderen Mannschaft gewesen zu sein. Als Kind einer Union-Familie für Hertha zu sein, ist sicher eine Herausforderung für das familiäre Gesamtgefüge. Schlimmer aber wäre der BFC Dynamo, der Feind aus der DDR-Oberliga, der heute zwei Ligen tiefer kickt.

„Du hast keene Eier, Papa“

Union steht neben vielem anderen auch für Köpenick und das ist ein Stadtteil, der anders als andere Berliner Orte, die das Widerstands-Label nur vor sich hertragen, bis ins 19. Jahrhundert seine kommunalrechtliche Eigenständigkeit durch Eigensinn bewahrte. Erst neulich ist mir das wieder bewusst geworden, als ich für eine Erzählung über den Verein eine kleine Schlosserei von Unionfans in Köpenick besuchte und feststellte, dass der Berliner Dialekt meiner Gesprächspartner regionale Nuancen aufweist, die sich selbst unter noch stark berlinernden Innenstadtbewohnern längst abgeschliffen haben. Zum Beispiel die Angewohnheit, Vergangenheit immer im Plusquamperfekt abzuhandeln, was sich für Dialektunkundige im Allgemeinen mit dem Satz „War schön jewesen“ umschreiben lässt. Köpenicker aber verwenden gern auch das doppelte Plusquamperfekt: „Ick hatte ihm jesagt jehabt.“ Ultravollendete Vergangenheit. Auch wenn sie im Falle von Union nicht tot ist. Der Verein steht für Arbeitertradition, Underdog, Zusammenhalt und auch politischen Widerstandsgeist. An allem ist etwas dran, vieles aber zum Mythos geronnen, wie die Legende von den elf Schlossern auf dem Feld und dem Schlachtruf „Eisern Union“.

Die Ausgänge am S-Bahnhof Köpenick sind zu schmal für die Massen von Menschen. Wenn ein Gegner SV Darmstadt 98 heißt, steht die Polizei entspannt neben der Wurstbude in der Bahnhofshalle. Anders als bei SV Dynamo Dresden, da gilt erhöhte Sicherheitsstufe. Es gibt einen Union-Witz: „Als Gott die Welt erschuf, sprach er zu den Steinen: ‚Wollt ihr Unioner werden?‘ Und die Steine antworteten: ‚Ja, aber wir sind nicht hart genug!‘“ Die Bäume, die in Richtung Stadion den S-Bahn-Damm säumen, müssen Unioner sein, sie wären sonst längst eingegangen, so viel Urin, wie sie schon abbekommen haben. Der Weg zum Stadion ist Teil eines Rituals mit Spaziergang durch den Wald, denn das Stadion liegt am Rand der Wuhlheide. Wenn die Mannschaft grottig spielt, können sich die Ultras an der Waldseite einfach umdrehen und heimlich in den Wald weinen.

Auf dem Waldweg, dem notdürftig beleuchteten ewigen Provisorium, wird der Alltag wegerzählt, die Tabelle abgefragt, Witze gemacht, Kinder erzogen. Es ließe sich mit wenig Aufwand eine Hörspielcollage machen, wabernde Stimmen, Satzfetzen, zwischendrin Mikrogeschichten: „Du hast keene Eier“, quäkt ein kleiner Junge. Darauf der Vater zum Sohn: „Lass ma nich den Proleten raushängen.“ Im Brustton dessen, der weiß, wovon er spricht. Rechts und links stehen Einkaufswagen bereit, um die leeren Flaschen abzulegen, mit denen die Flaschensammler, die nie ins Stadion gehen, ihren Lebensunterhalt sichern. In der Vergangenheit war der Weg zurück oft einer von Verlierern, ja manchmal sogar geprügelten Hunden. Inzwischen ist Union eine feste Größe in der zweiten Liga.

Die Auffassungen, welche Zeit schöner war, die, als die Mannschaft vor 600 Zuschauern spielte und man auf den Randsteinen sitzen und klönen konnte, oder heute, wo fast jedes Spiel ausverkauft ist und es manchmal so voll ist, dass man an manchen Stellen nur einen Ausschnitt vom Spielfeld sieht, sind unterschiedlich. Was zählt, lässt sich in dem Spruch zusammenfassen: Wir gehen nicht zum Fußball, wir gehen zu Union.

Lieber ohne Erfolgstrainer

Union ist keine reine Ostmannschaft mehr. Viele derer, die heute zu den Spielen gehen, haben die Mannschaft zu DDR-Zeiten nicht gekannt, aus Gründen der Herkunft oder des Geburtsjahrs. Sie mögen die Wohnzimmeratmosphäre mehr als Riesenstadien, die nach Sponsoren benannt sind, offizielle Pausenunterhaltung und eingeblendete Werbung bei Ecken. Andererseits lassen sich an Union die Verwerfungen der Nachwendezeit im Osten Deutschlands exemplarisch erzählen. Für die Mannschaft sind es Geschichten zwischen Klassenerhalt und Abstieg bis in den Keller, Wiederaufstieg und Konsolidierung, Gier und Geiz, Verunsicherung, Arroganz der Anderen, verordneter Zweit- und Drittklassigkeit aus Mangel an zahlungskräftigen oder falschen Sponsoren und Beratern. Ähnlich ging es den Fans, unter denen viele Facharbeiter waren. Nach der Vereinigung gingen 20.000 Arbeitsplätze im nahegelegenen Oberschöneweider Industriegebiet verloren, ein ganzes Union-Stadion voll, und mit ihnen das Auskommen ganzer Familien, nicht wenige Unioner darunter. Ihre Werdegänge sind oft ähnlich: Im Großbetrieb mit Schichtsystem gelernt, nach der Wende arbeitslos, diverse Überbrückungsjobs auch außerhalb Deutschlands, Umschulungen, Weiterbildungen, in Pleitebetrieben beschäftigt, von windigen Unternehmern nicht bezahlt worden.

Das In-der Welt-zu-Hause-Sein, das, was wir Kosmopolitismus nennen, schließt Anker nicht aus. Das In-der-Welt-zu-Hause sein-Müssen, im Sinne von erzwungenem Unterwegssein, braucht sie. Fußball ist ein guter Anker. Im Gespräch mit den Schlossern wurde mir klar, welche Bedeutung die Alte Försterei hat, weit über alles Sportliche hinaus, jenseits von Arbeitermythos und wirklicher oder vermeintlicher Authentizität. Egal in welcher Liga Union spielt, die Heimspiele sind die Konstante im Leben, für einige fast die einzige. Die gesamte Existenz kann ins Wanken geraten, aber das Stadion an der Alten Försterei bleibt ein verlässliches Zuhause, egal in welcher Liga die Mannschaft spielt. Hier treffen sich Leute, die sich außerhalb des Stadions nie mehr sehen, weil sie tausende Kilometer zur Arbeit fahren oder kein Geld mehr haben für eine Kneipentour.

Viel ist über die Liebe der Fans zum Verein erzählt worden. Dass sie Blut spendeten und ihre Sparschweine ausleerten, um Aktien zu kaufen, beim Auswärtsspiel nicht ins gegnerische Stadion gingen, sondern die Mannschaft von außen anfeuerten und das gesparte Eintrittsgeld dem Verein schenkten, das Stadion selbst mit umbauten, das inzwischen viel kopierte Weihnachtssingen im Stadion erfanden. Sie kaufen sogar das teure Bier. Aber die Übereinkunft zwischen Fans und Verein wird auch immer wieder auf die Probe gestellt. Zuletzt Anfang Dezember, als der Trainer Jens Keller von der Vereinsführung mit sofortiger Wirkung beurlaubt wurde, obwohl die Mannschaft auf dem 4. Platz war, und die Gründe dafür nur dürftig kommuniziert werden. Da klingt das Transparent „Scheiße, wir steigen auf“, das Ultras in der letzten Saison hochhielten, als sie kurz vor dem Aufstieg waren, nicht mehr so lustig, sondern macht die Ambivalenz deutlich, die ein Aufstieg in die höchste Spielklasse bedeutet. Fährt man nach dem Spiel den längeren Weg mit der Straßenbahn durch die östlichen Außenbezirke, bis man in Weißensee wieder die Innenstadt erreicht, wird man noch eine Weile von Heroen in Kluft begleitet, von denen einer mit seinen Geschichten die Bahn unterhält: „Zur Jeburt meines Sohnes hab ick mir Arme und Beine jebrochen. Und bin trotzdem zu Union. Is aba schon een Jahr her.“ Betrunken und trunken vor Glück, dass beim Spiel gegen Darmstadt in der letzten Sekunde noch der Ausgleichstreffer für Union fiel, vergisst der Mann auszusteigen und fährt bis zur Endstelle mit.

Annett Gröschner schrieb Sieben Tränen muß ein Clubfan weinen: 1. FC Magdeburg – eine Fußballlegende und über die Schlosser aus Köpenick für Alles auf Rot: Der 1. FC Union Berlin

06:00 26.01.2018
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