Der Prärie-Haider

KANADA Ein rechts-konservativer Laienpriester will an die Macht

Kanada hat jetzt seinen eigenen Jörg Haider. Der Mann heißt Stockwell Day und will nächster Premierminister des zweitgrößten Landes der Welt werden. Day ist telegen, relativ jung (49), redegewandt, stockkonservativ und wurde Anfang Juli mit überwältigender Mehrheit zum Chef von Kanadas neuer rechts-konservativer Partei »Kanadische Allianz« gewählt. Die Allianz ging ihrerseits aus der »Reform-Partei Kanadas« hervor - einer politischen Gruppierung, die vor 14 Jahren als kleine Protestbewegung im »Wilden Westen« Kanadas gegen die etablierten Parteien des urbanen Ostens begann und seit drei Jahren als stärkste Oppositionspartei im Parlament von Ottawa sitzt.

Hochburg der »Reformer« ist die westliche Prärieprovinz Alberta. Hier gewannen die Rechts-Konservativen bei der letzten Parlamentswahl 1997 24 von 26 Wahlkreisen. Dank Stockwell Day. Der Mann kommt an. Day stellt den müden Gesichtern der verbrauchten Altpolitiker ein jugendliches Image entgegen. Während sich der kanadische Premierminister Jean Chrétien oft vor den Bürgern versteckt, ist Stockwell Day zum Anfassen nahe. Als kürzlich ein Campingplatz in seinem Wahlkreis von einem tödlichen Tornado heimgesucht wurde, besuchte Day wenige Stunden nach dem Unglück den Ort des Desasters und versprach vor laufenden Fernsehkameras Hilfe. Chrétien glänzte durch Abwesenheit und erschien erst vier Tage später.

Populist und Reformer

In den 14 Jahren als Landtagsabgeordneter gab es kaum ein Wochenende, das Day nicht in seinem Wahlkreis verbracht hätte. Seine Auftritte gleichen dem, was man aus amerikanischen Wahlkämpfen seit Jahren kennt: viele Shakehands, stets die Gattin an der Seite, sehr oft auch die Kinder, um die Familienfreundlichkeit zu unterstreichen.

Day ist ein Newcomer in der Politik, der 1986 erstmals für den Landtag von Alberta in Red Deer kandidierte, einer konservativen Kleinstadt mitten in der westkanadischen Prärie, wo es mehr Kirchen als Kneipen gibt. Bereits kurz nach seiner Wahl wurde er vom populären Ministerpräsidenten Ralph Klein in die Regierung geholt. Dort fiel Day vor allem durch provozierende Schlagzeilen auf - mit radikalen Äußerungen über Schwule, Abtreibung, Wiedereinführung der Todesstrafe und härtere Strafen für Kriminelle. Als das Bundesparlament 1994 eine strengeres Waffengesetz debattierte, kaufte er sich demonstrativ einen Revolver und warf den regierenden Liberalen vor, gesetzestreue Bürger zur Anmeldung ihrer Waffen zu zwingen statt härter gegen den »Missbrauch von Waffen« durch Kriminelle vorzugehen. Ein Jahr später versuchte er im Landtag, Abtreibungen auf Krankenschein abzuschaffen, konnte sich damit jedoch nicht einmal in der eigenen konservativen Fraktion durchsetzen. Und 1997 wurde er von allen politischen Seiten verurteilt, nachdem er vorgeschlagen hatte, einen mehrfachen Kindermörder nicht in Isolationshaft zu halten, sondern es den »moralischen Häftlingen« zu überlassen, sich um ihn zu »kümmern«.

Schlachter und Laienpriester

Kein Wunder also, wenn das kanadische Nachrichtenmagazin Maclean's nach der Wahl von Day auf seiner Titelseite rätselte, wie gruselig (scary) dieser Mann wohl sei. Die Frage kommt ein wenig spät. Day ist ein Verwandlungskünstler, der in seinem Leben schon viele Rollen gegeben hat: Er war Kunststudent, Auktionator, Schlachter, Bauunternehmer, Laienpriester und Leiter einer evangelisch-fundamentalistischen Privatschule, die sich durch puritanische Strenge, dogmatischen Lehrplan und Uniformzwang für Jungen und Mädchen auszeichnete.

Als Parteichef der Kanadischen Allianz versucht Day jetzt, sich staatsmännisch zu geben und vermeidet extreme Äußerungen. Er verspricht, Steuern zu senken und plädiert für eine flat tax von 17 Prozent für alle, die mehr als 10.000 Dollar im Jahr verdienen. Die Idee ist populär in einem Land, dessen Fiskus knapp 50 Prozent eines Durchschnittseinkommens einbehält. Dass auf der Kehrseite Sozialleistungen drastisch gekürzt werden müssten, bleibt freilich unerwähnt.

Außenpolitisch redet er vor allem davon, die kanadischen Streitkräfte aufrüsten, engere Beziehungen mit den Vereinigten Staaten knüpfen und das amerikanische »National Missile Defence System« unterstützen zu wollen - ein militärisches Konzept, das nicht nur von Russland und China, sondern auch von den meisten NATO-Staaten abgelehnt wird.

Doch selbst wenn Day Unpopuläres verkündet, wie zum Beispiel seinen Plan, das föderale System Kanadas zu dezentralisieren: Die Medien lieben ihren »Stock«, wenn er zum Beispiel beim Parteitag der Kanadischen Allianz er als Kickboxer auftritt oder zu einer Haushaltsreden im Landtag von Alberta auf Inlineskates hereinrollt. All das macht Eindruck und zeigt Wirkung. Day und sein Team junger Abgeordneter und Helfer, die mit ständig bimmelnden Handys und eleganter Garderobe eine dynamische Aufbruchs atmosphäre verbreiten, kaschieren damit aber auch geschickt, dass sich ihre Anhängerschaft ganz wesentlich aus konservativen Rentnern rekrutiert.

Medienstar und Demagoge

Noch spielt Kanadas liberaler Premierminister Jean Chrétien, der 1993 den konservativen Brian Mulroney als Regierungschef ablöste, die Gefahr herunter, er könnte im Herbst gegen Day verlieren. Aber seine Wahlkampfstrategen arbeiten auf Hochtouren, seitdem der gutaussehende und fast eine Generation jüngere Day auf der politischen Bildfläche Ottawas erschienen ist.

Wie Haider beherrscht Day die Kunst, mit provozierenden Äußerungen das Interesse der Medien auf sich zu ziehen. Und Day wie auch Haider setzen auf die Frustration der Wechselwähler. Days Chance, Premierminister zu werden, ist real, da viele Kanadier den verbraucht wirkenden Chrétien satt haben. Doch das direkte kanadische Wahlsystem ohne Zweitstimme macht Prognosen schwer. Bei der Parlamentswahl 1993 wurden Mulroneys Konservative von ihrer absoluten Mehrheit auf ganze zwei Sitze dezimiert. Dies kann Chrétien auch passieren, obwohl seine Liberalen in Meinungsumfragen derzeit noch 20 Prozentpunkte vor der Kandischen Allianz liegen. Entscheidend wird sein, ob die Partei des Stockwell Day eine Mehrheit der Sitze in Ontario und Quebec gewinnen kann. Bei der letzten Wahl bekamen die Rechts-Konservativen hier nicht ein einziges Mandat.

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