Täglich grüßt die Eintagsfliege

Medientagebuch Dirk Thiele und Sigi Heinrich kommentieren Leichtathletik auf Eurosport. Man kann ihnen manches vorwerfen, ihr größtes Verdienst bleibt aber: Ihre Routine beruhigt ungemein

Die Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin war ein voller Erfolg schon deshalb, weil wir endlich wieder den beiden Kommentatoren Dirk Thiele und Sigi Heinrich lauschen durften. Das kann man naturgemäß immer, denn Thiele, der ostdeutsche Metaphernkönig, und Heinrich, der süddeutsche Grammatikkraxler, moderieren – schätzungsweise seit Äonen – auf Eurosport durch: Nach der WM in Berlin ist für beide vor allem vor dem Sportfest von Zürich (Freitagabend). Wir dagegen nehmen uns nur bei Großereignissen Zeit, beider unermüdliche Arbeit im Räderwerk der Bildbetextung gebührend zu honorieren.

Es wäre unredlich zu behaupten, dass man bei Thiele (66) und Heinrich (56) keine Abnutzungserscheinungen registrieren würde. Und findig kann man in diesen Tagen, da Doping mit aller Macht ins Bewusstsein des Zuschauers drängt, behaupten, dass Thiele und Heinrich die Herausforderung, die man darin sehen kann, eher ablehnen.

Es regiert die Routine, und die Routine will Ruhe, also sorgt die Routine vor allem dafür, dass immer alles so wie immer ist. Dass also für jeden Sieger („Meister“) und jeden Hoffnungsträger („Himmelsstürmer“) schon immer die gleiche Worthülse bereit liegt, dass Favoriten Favoriten sind und Stürze Stürze, und das geht gut, solange nichts Unvorhergesehenes passiert wie der rüde Rempler der Spanierin Natalia Rodriguez beim 1.500-Meter-Lauf am Sonntag, der die führende Gelete Burka (Äthiopien) zu Fall brachte, und den Dirk Thiele („Sturz, Sturz, Sturz“) übersah, so wie er das anschließende Pfeifkonzert im Stadion überhörte und die Gesten der vorläufigen Zweiten, die wusste, dass sie Erste werden würde nach einer Disqualifikation, ignorierte.

Geschenkt! Denn die Routine hat etwas Beruhigendes, es war, wie es ist, die Sprache, die Sieger, die Begeisterung, und davon kann man sich nirgendwo besser überzeugen als auf Eurosport. Die Nachtseite der Routine ist die Desillusion. Ein – nur flüchtiger – Blick auf die Metaphorik von Thiele und Heinrich (ein Desiderat für ein einzurichtendes Exzellenz-Cluster) erhärtet den Verdacht poetisch: ein Zug ins Urwüchsige, Naturhafte, gepaart mit dem Wissen um menschliche Vergeblichkeit: „Die Bäume wachsen nicht in den Himmel/Das ist wie ein Wasserkraftwerk in der Wüste zu errichten./Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, sagte die Eintagsfliege und verstarb.“

Wer es böse meint, wird anmerken, dass das alles doch keinen Sinn ergebe, und die Antwort der Routine darauf lautet: genau. Mit Thiele gesagt: „Wo Richter sind, da sind auch Kläger.“



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