„Es geht nicht darum, sich anzupassen“

Bildung Aufstiegschancen sind in Deutschland immer noch stark von der sozialen Herkunft abhängig. Ein Gespräch mit Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani über Gründe und Alternativen
„Es geht nicht darum, sich anzupassen“
Foto: David Ausserhofer

Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani beschäftigt sich mit BildungsaufsteigerInnen aus benachteiligten Milieus. Wer in Knappheit an Geld, an Anerkennung, an Wissen usw. aufwächst, bildet ein Verhalten der Knappheit heraus. Man tut nur das Notwendige und lernt dabei nicht, in Alternativen zu denken - und damit auch nicht, langfristig zu denken. Das wirkt sich dann negativ auf Bildung aus, weil Bildung immer langfristig angelegt ist. Wer hingegen in oberen Milieus aufwächst zeichnet sich im Vergleich durch Langzeitorientierung, Abstraktionslogik und Denken in Alternativen aus – deutlich bessere Rahmenbedingungen für das Lernen in der Schule.

Für seine Doktorarbeit erhält Dr. El-Mafaalani den Deutschen Studienpreis 2013 der Körber-Stiftung (2. Platz, Sektion Sozialwissenschaften) für die wichtigsten Dissertationen des Jahres.

 

der Freitag: Talent und Fleiß allein reichen nicht aus. Nur die allerwenigsten schaffen es aus benachteiligten Milieus in Spitzenpositionen. Muss man sich für eine erfolgreiche Karriere also anpassen?

Aladin El-Mafaalani: Man muss zunächst sagen, dass sich Aufsteiger aus benachteiligten Milieus relativ stark angepasst haben. Aber nicht angepast an einer Mehrheitskultur, sondern ganz im Gegenteil an die Oberschichtskultur. Und die kann man ja auch eine Parallelgesellschaft nennen.

Besser wäre es, wenn Denkmuster, die sich an der Unterschichtskultur orientieren, sich gar nicht erst etablieren. Vielmehr geht darum, Alternativen im Lebensalltag erleben zu können. Zum Beispiel in Ganztags- und Gemeinschaftsschulen und Angeboten in den Bereichen Kunst, Theater, Musik oder Sport. Es geht also insgesamt nicht darum, sich anzupassen. Sondern: Verschiedene Lebensstile und Denkmuster kennenzulernen, im Sinne einer Milieumischung.

Muss jetzt also der starke Staat eingreifen, damit der Einzelne aus einem spezifischen Milieu und aus der Familie besser heraustreten kann?

Gerade in Schulen eine starke soziale Durchmischung zu ermöglichen und Schüler andere Lebenswelten kennenlernen zu lassen: Das muss der Staat machen, denn er ist der einzige Akteur, der so etwas vor allem in Ganztagsschulen flächendeckend realisieren kann.

Ein Ende vergangenen Jahres veröffentlichter OECD-Bericht zeigt für Deutschland aber, dass in allen Schichten eine geringe Bildungsmobilität für junge Menschen zu verzeichnen ist. Ist das überhaupt ein Problem eines spezifischen Milieus?

Diese Studien gucken sich ja nur an, ob überhaupt ein höherer Bildungsabschluss als der der Eltern erreicht wurde. Das betrifft also alle Schichten. Aber wenn ein Akademikerkind „nur“ die Fachhochschulreife erlangt, ist ja nicht die Zukunft des Kindes akut gefährdet.

Wohingegen das Selektionsverfahren des deutschen Bildungssystems etwas Verheerendes schafft: der allergrößte Teil der Hauptschul- und Sonderschulkinder stammen aus der Unterschicht. Dieses selektive Bildungssystem wirkt entscheidend mit an der Aufrechterhaltung unterer Schichten. Und es ermöglicht den betreffenden Schülern eben nicht, andere Lebensmodelle kennenzulernen.

Aber es gibt mittlerweile einige Schüler aus unteren Schichten, die das Abitur schaffen. Warum entscheiden sich diese wenigen dann meistens doch dafür, eine Ausbildung zu machen und nicht zu studieren?

Erstens ließen sich psychologische Gründe heranziehen: Man hat niemanden in der Familie, der studiert hat. Man kennt womöglich keinen, der studiert und den man um Rat fragen kann. Man weiß nicht, ob man sich das zutrauen kann. Man schließt es also vorneweg aus und entscheidet sich für den sicheren soliden Weg, bei dem man direkt Geld verdient.

Zweitens: Ein Studium kostet viel Geld und wird bei einem Umzug in eine andere Stadt sofort kostspielig, wohingegen man bei einer Ausbildung bezahlt wird.

Wenn man sich insgesamt mal anschaut, wie Jugendliche ihre Berufswahl treffen, dann sieht man, dass sich der größte Teil immer an seinem unmittelbaren Umfeld orientiert. Man hat eben keine Alternativen erlebt.

Wie lässt sich dieser Mechanismus, der offenbar zu sozialer Ungleichheit führt, durchbrechen?

Es liegt nicht nur am Bildungssystem. Dieses ist ja letztlich Spiegelbild unserer ganzen Gesellschaft. In Deutschland wird sehr viel differenziert, wie man am selektiven Bildungssystem schon sehen kann. Drei Schichten, drei Schulen: Hauptschule, Realschule, Gymnasium. Schauen Sie sich aber auch die Sozialpolitik an: Hartz IV für die ganz unten. Gesetzliche Versicherung für die in der Mitte. Und Privatversicherung für die oben. Oder das Rentensystem: Auch hier werden Unterschiede fortgeführt. Wer viel verdient hat, kriegt viel Rente. Wer wenig verdient hat, kriegt wenig Rente.

Das ist jetzt sehr vereinfacht ausgedrückt, aber in jedem Fall wird deutlich, dass dies Überbleibsel der Klassengesellschaft sind. An diesen drei Beispielen sieht man, wie sich in der deutschen Gesellschaft Statushierarchien tatsächlich über Generationen fortführen. Daher ist das eine gesamtgesellschaftliche Frage – eine, die die statuserhaltenden Strukturen hinterfragt. Das geht mit Sicherheit nicht kurzfristig. Aber die demographische Entwicklung macht Veränderungen notwendig.

14:59 19.07.2013
Geschrieben von

Baran Korkmaz

Stipendiat am Bildungswerk Kreuzberg und derzeit Praktikant beim Freitag.
Baran Korkmaz

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