Angst vor Disharmonie

Im Gespräch Kurz vor der Europawahl appelieren junge Europäer an die Politik, sie nicht zu vergessen. In einem Manifest haben sie ihre Forderungen zusammengetragen

An diesem Dienstag will die Plattform TerraEuropa aus jungen Franzosen und Deutschen die Ergebnisse ihres zehnseitigen Manifests dem Kanzleramt übergeben. Initiator des Papiers ist der in Deutschland lebende Franzose Michel Marlière.

Der Freitag: Herr Marlière Sie sind Gründer der internationalen Plattform TerraEuropa, die das Manifest in Auftrag gab. Was sind Ihre Kernforderungen?

Michel Marlière: Die Studierende haben sich zuerst einmal für ein ehrgeiziges Jugendprogramm in Europa ausgesprochen. Das bedeutet, dass die Jugendlichen eine breite europäische Bildungsoffensive fordern. Zudem wünschen sie sich Lösungen, um den europäischen Arbeitsmarkt für Jugendliche zu dynamisieren.

Sie sprechen von einem so genannten „Fight Club“ unter der Jugend Europas...

Die Jugendlichen befürchten den Wettbewerb, der durch die wirtschaftliche schwierige Situation kommt. Das war in Frankreich deutlich spürbar und kommt jetzt, da immer mehr Jugendliche auch nach Deutschland zum Arbeiten kommen, auch hierzulande an. Wir haben bei den Jugendlichen eine Angst festgestellt, dass Europa jetzt nicht mehr mit einem harmonischen Einigungsprozess zusammen gebracht wird, sondern mit einer nicht gesteuerten Liberalisierung der Märkte. Die Jugendliche haben eine Wahrnehmung von Europa, die in die Richtung geht: jeder kämpft gegen jeden. Das betrifft die Länder untereinander, aber auch die Jugendlichen. Das ist das Problem.

Dem wollen Sie mit einer Bildungsoffensive entgegen treten. Was stellen Sie sich vor?

Das sind hauptsächlich zwei Punkte: Der erste ist, dass man bestehende Austauschprogramme, wie Erasmus, Comenius oder Leonardo konkret weiter entwickelt. Jugendlichen ab 15 Jahren könnte man zum Beispiel anbieten in einem europäischen Land eine gewisse Zeit zu verbringen. Ob das zwei Wochen sind oder ein ganzes Jahr spielt dabei keine Rolle. Der zweite Punkt ist, dass man - das ist eigentlich ein alter Hut - eine europaweite Harmonisierung von Schulen-, Berufs- und Hochschulabschlüssen erlangt. Trotz Bologna-Prozess gibt es immer noch Probleme. Bestimmte Studienabschlüsse werden nicht automatisch anerkannt. Auch bei der Anerkennung des Abiturs gibt es Probleme. Das alles bremst die Mobilität. Es bremst auch die Wirklichkeit für Jugendliche in einem anderen Land zu arbeiten.

Jetzt reden wir überwiegend von Studenten, wie sieht es zum Beispiel bei Auszubildenden aus?

Das ist ein nächster wichtiger Punkt. Die Studierenden fordern das bewährte duale Ausbildungssystem in anderen EU-Staaten zu etablieren. Es gibt nur zwei Länder in der EU die eine Jugendarbeitslosigkeit unter zehn Prozent haben: Deutschland und Österreich. Interessanterweise haben diese Länder ein duales Ausbildungssystem. Man muss nicht alles neu erfinden, man muss manchmal kopieren. Die EU könnte dem Wunsch der Jugendlichen nachkommen und anderen Ländern bei der Installierung und Finanzierung des Modells helfen.

Ihrer Studie zufolge machen die Befragten sich Sorgen den Anforderungen, die im neuen Europa an sie gestellt werden, nicht gerecht zu werden. In Frankreich sind diese ausgeprägter als in Deutschland. Woran liegt das?

Es gibt meines Erachtens zwei Hauptgründe. Der erste Grund ist, dass wir in Frankreich eine höhere Arbeitslosigkeit haben als in Deutschland. Und das führt dazu, dass die Leute verängstigt sind, dass sie größere Sorgen haben als deutsche Jugendliche.

Wegen der wirtschaftliche Situation?

Ganz genau. Die jungen Franzosen sehen sich gegenüber der Liberalisierung und Öffnung der Märkte eher in einer schwächeren Position, als die deutschen Jugendlichen. Es fehlen ihnen oftmals zum Beispiel Fremdsprachenkenntnisse. Frankreich hat nicht die natürliche Neigung sich wie die Deutschen nach außen zu öffnen. Und dann gibt es in Frankreich noch einen Grund, der politisch bedingt ist. Wir haben in Frankreich mit nationalistischen Kräften zu tun. Die Familie Le Pen spielt in der französischen Politik schon seit Jahrzehnten eine Rolle. Ein Phänomen, das wir in Deutschland aus bekannten Gründen nicht haben. Aber das führt dazu, dass die Franzosen immer viel skeptischer bezüglich der Öffnung ihres Landes sind, als die Deutschen.

Was kann Deutschland tun, um den Jugendlichen zu helfen?

Deutschland hat derzeit eine einmalige Position inne, da es wirtschaftlich viel besser dasteht, als andere EU-Staaten. Die Bundesrepublik muss, um den europäischen Einigungsprozess am Leben zu halten, die Initiative ergreifen und auf seine Partner eingehen. Es muss eine strategische europäische Agenda anbieten.

Die Deutschen werden, wenn es um die europäische Führungsrolle geht von den Franzosen sehr streng beäugt. Wie kann man die Franzosen ins Boot holen?

Franzosen kann man damit am besten ins Boot holen, wenn man ihnen das Gefühl gibt, dass die Idee von ihnen selbst kommt.

Das Gespräch führte Florian Beißwanger

Michel Marlière, Jahrgang 1966, ist Gründer der internationalen Plattform TerraEuropa. Die gemeinnützige GmbH wurde im Juni 2012 gegründet und setzt sich zum Ziel, die europäische Idee zu stärken. TerraEuropa widmet sich dem Austausch junger Erwachsener zu VertreterInnen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Die Plattform gab eine Studie in Auftrag, die die Grundlage für das jetzt fertiggestellte Manifest bildete. Teilnehmer der Fokusgruppen waren Studierende der Freien Universität in Berlin und der Pariser Universität Grande École Sciences Po.

17:28 28.04.2014
Geschrieben von

Florian Beißwanger

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