Wieder im Drei-Tage-Takt

Fußball Die Ungeduld ist vorbei, die neue Fußballsaison hat begonnen und geraten Fans wie Spieler wieder in Terminnöte. Wer ist hier überspielt?

Freitag, 18 Uhr, Berliner Olympiastadion. Endlich. Für mich beginnt die neue Fußballsaison in diesem Jahr zweieinhalb Stunden früher, weil mein Team, Hertha BSC, in die zweite Liga abgestiegen ist. Die meisten meiner Freunde dürfen erst später ran, wenn der FC Bayern München die erste Liga eröffnet. So oder so, alle sind froh, dass endich wieder gespielt wird. Jürgen Klopp, Trainer von Borussia Dortmund, kann es gar nicht erwarten, dass wieder der „Drei-Tage-Rhythmus“ zu bewältigen ist.

Mit der neuen Saison kommen die bewährten Formulierungen zurück: Es gibt Spieler, die wollen sofort „angreifen“, andere sind „noch nicht ganz so weit“ (weil sie neulich noch eine Weltmeisterschaft in einer anderen Hemisphäre gespielt haben), einige werden sich „allmählich an die Startformation herantasten“, manche werden aber auch „einfach ins kalte Wasser“ ge­worfen werden. Fußball muss gespielt werden, so wollen es die Fans, die Verbände, die Fernsehanstalten und natürlich auch die Spieler, deren Marktwert daheim auf dem Sofa nicht wächst.

Seit ein paar Jahren gibt es für jede Saison einen Rahmenterminkalender, der genau vorsieht, wann in der Liga, wann in den kontinentalen Turnieren, wann im DFB-Pokal und wann in den Nationalteams gespielt wird. Für die besten Spieler ergibt sich daraus ein hektischer Parcours, auf dem es kaum Gelegenheit gibt, sich richtig zu regenerieren. Auch für die mangelnde Frische gibt es inzwischen ein Wort, das häufig zu hören ist: Jemand wirkt dann „überspielt“, dabei sollte es sich doch bei einem Spiel von selbst verstehen, wann es genug ist. Beim Fußball ist das nicht mehr der Fall.

Loch im Muskel

Ich kenne selbst die nagende Ungeduld den Sommer über, wenn die Mannschaften in der Vorbereitung sind (oder die Spieler im Urlaub). Es fehlt der Kick, den nur ein Match vermitteln kann, in dem es um Punkte geht oder mehr – um den Einzug in eine nächste Runde, um die Qualifikation für den tollen Bewerb, um die Schale oder den Pott. Für die Fans ergeben sich aus der umfassenden Proliferation der Ware Fußball auch Probleme, sie bräuchten eigentlich ein zweites Leben dafür. Für die Spieler aber sind die Konsequenzen der zunehmenden Terminnot unabsehbar: Sie brauchen eigentlich längst ein individuelles Belastungsmanagement. Doch wer soll diese Rolle übernehmen in dem dichten Geflecht von Interessen, von dem Stars wie Thomas Müller (der noch von seiner jugendlichen Frische zehren kann) oder Arjen Robben (der mit einem Loch im Muskel das WM- Finale gespielt hat) umgeben sind?

Die Handballer, die mit vergleichbaren Belastungen zu tun haben, sind im Begriff, eine Spielervereinigung zu gründen, deren Ziel eindeutig ist: „Wir wollen den internationalen Terminplan herunterfahren“, hat der deutsche Nationaltorwart Johannes Bitter erklärt. Eine ähnliche Initiative kann man sich im Fußball nicht leicht vorstellen – sie müsste auch auf der europäischen Ebene ansetzen. Der global erfolgreichste Sport steckt in der Falle seines Erfolgs, und ehrlicherweise will niemand wirklich aus dieser Falle befreit werden. Schon gar nicht wir, die Fans, die zu dieser Sache sowieso nicht viel mehr beitragen können als unsere Begeisterung für ein Spiel, dessen Qualität immer noch steigerbar scheint. Der Fußball ist einfach noch nicht überspielt. Ich glaube sogar, er ist unüberspielbar.


Bert Rebhandl bloggt über Fußball und Hertha BSC unter

herthabsc.blogspot.com

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