Ich hänge am Tropf!

Kleine Korruptionen Nicht nur die Welt der Politik wird vom Geld regiert. Auch der Kulturbetrieb ist natürlich verführbar. Sieben Offenbarungseide. Teil 4: Der Dramaturg

Wenn ich böse zu mir selbst sein wollte, dann würde ich das so beschreiben: Ich hänge als Theater- und Hörspielautor, Dramaturg und Erfinder diverser Stadtprojekte seit Jahren am Tropf öffentlicher Subventionen, weil meine Auftraggeber allesamt städtische oder staatliche Theaterhäuser sind. Ich fürchte, ohne öffentliche Gelder würde es meine Arbeit gar nicht geben. Aber eigentlich gibt es gar keinen Grund, böse zu mir selbst zu sein. Denn die Sache ist viel komplizierter und die Arbeit mehr wert als dieser billige Selbsthass.

Bei so gut wie allen Projekten ging es um gesellschaftliche Teilhabe von Minderheiten, um illegalisierte Migration, um Sinti und Roma, um Abschiebung. Also keine Kassenschlager. Es ging um die Auflösung der Grenzen zwischen künstlerischer und politischer Praxis – jedes Projekt kollidiert irgendwann mit der politischen Realität, und man muss die eigene Arbeit als Kunst verteidigen.

Zuletzt geschehen ausgerechnet in Hannover! Dort wurde mein Stück Deportation Cast, in dem es um die Abschiebungen der hier lebenden Roma in den Kosovo geht, als Auftragswerk uraufgeführt: am Staatstheater. Natürlich ruft irgendein Mensch aus dem Ministerium im Theater an und fragt, ob die Grenzen der Einmischung auch schön gewahrt blieben. Schließlich steht die niedersächsische Staatsregierung in Gestalt ihres Innenministers an vorderster Front, wenn es um den Vollzug dieser Abschiebungen geht.

Ich bin also permanent in der Situation, genau in die Hand zu beißen, die mich füttert. Genau damit wäre man schon bei des Pudels Wulff angekommen: Wie unabhängig bin ich eigentlich von meinen Geldgebern? Oder anders gefragt: Ist den Geldgebern eigentlich klar, dass sie genau deshalb ihr Geld ausgeben, damit ich sie infrage stelle?! Wer garantiert mir, dass die öffentliche Hand mit ihrem Geld auch weiterhin Freiheit verteilt?


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