Die Zähmung des Monsters

Asse Die Fraktionen im Bundestag sind sich einig, dass die Fässer aus dem Atommülllager Asse heraus müssen. Nur wird das viel länger dauern, als ursprünglich angenommen

Als SPD-Chef Sigmar Gabriel am Freitag ans Rednerpult im Bundestags trat, muss er sich diebisch gefreut haben. Zwei Jahre habe er sich zum Thema Asse nicht geäußert. Es zieme sich ja nicht, über seinen Nachfolger zu sagen, er mache alles schlechter. "Aber jetzt möchte ich Sie auf etwas hinweisen, dass Sie nachdenklich machen sollte", sagte Gabriel: Umweltminister Norbert Röttgen sei noch nie im Atommülllager gewesen, die Asse-Begleitgruppe habe er nur einmal getroffen und der Öffentlichkeit habe er sich nicht gestellt.  "Als zuständiger Minister müssen Sie Führung zeigen und Verantwortung übernehmen", tönte Gabriel.

Dem zuständigen Minister Planlosigkeit vorzuwerfen, kann aus Sicht der Opposition nicht schaden. Doch herrscht auch bei ihr Unsicherheit, wie man der Katastrophen-Berggrube noch Herr werden kann. Alle Fraktionen sind sich zwar inzwischen einig: Die 126.000 Fässer mit schwach- und mittelradioaktivem Müll müssen so schnell wie möglich raus aus dem Schacht Asse II. Denn die Asse ist eine tickende Zeitbombe. Täglich laufen 12.000 Liter Grundwasser in das Bergwerk und bilden dort Salzlösungen. Woher die Flüssigkeit genau kommt, weiß niemand genau. Bekannt ist sie schon seit den späten achtziger Jahren, der Betreiber verschwieg sie aber lange der Öffentlichkeit. Ein unkontrollierter Laugeneinbruch ist jeder Zeit möglich.

Eile ist also geboten, doch gerade da liegt das Problem: Eine Rückholung dauert viel länger, als bisher angenommen. Von 30 bis 40 Jahren geht man inzwischen im Bundesumweltministerium aus. Ursprünglich waren nur zehn Jahre vorgesehen. "Die Zeitdauer der Rückholung war viel zu optimistisch geschätzt", sagte Maria Flachsbarth (CDU) im Bundestag. Wie sie das Monster zähmen können, wissen die Parlamentarier selbst noch nicht. Die Fässer zu bergen wird kompliziert, ob es überhaupt klappt ist ungewiss.

Nicht mehr ins Meer

Im ersten Schritt müssen Kammern probeweise angebohrt werden, geöffnet und einige Fässer geborgen werden, um zu prüfen, in welchem Zustand sie überhaupt sind. In den sechziger und siebziger Jahren wurde der Müll teils mit der "Versturztechnik" eingelagert. Das heißt, er wurde nicht mehr in Tonnen gestapelt, sondern einfach in die Hohlräume geworfen. Laut Flachsbarth hat das die Fässer beschädigt und deren Inhalt habe sich mit Salzgrus vermischt. "Zur damaligen Zeit war es ein Schritt in die richtige Richtung, denn damals war es der Stand des Verfahrens, atomare Abfälle im Meer zu versenken."

Von der Forschungsstätte, wie es anfangs deklariert war, ist Asse zur atomaren Müllkippe geworden. Eingelagert wurden Tausende Fässer, die auch Plutonium, Uran, Thorium, Arsen enthalsten, sowie die Leichenreste zweier Mitarbeiter, die während eines Unfalls in Grundremmingen zu Tode kamen. Auch 14.000 undeklarierte Fässer befinden sich in dem Bergwerk. Es lauern also noch Überraschungen.

Zudem besteht das Risiko, dass gerade dann Wasser ins Bergwerk einbricht, wenn die Kammern angebohrt werden. Das lässt auch die Politiker ratlos zurück: "Ehrlich gesagt: Auf diese Fragen habe auch ich keine Antwort", gab etwa Flachsbarth zu.

Im zweiten Schritt braucht es einen neuen Schacht, um die Fässer an die Erdoberfläche zu transportieren. Der Bau fiele nach derzeitigem Stand unter das Atomrecht, eine bergrechtliche Genehmigung könnte das beschleunigen. Im dritten Schritt ist ein Zwischenlager nötig – geplant und gebaut werden muss das aber erst noch.

Parallel laufen Vorbereitungen für den Notfall auf Hochtouren: Kommt es zum Wassereinbruch, müssten die Kammern und Hohlräume verfüllt werden. Doch der radioaktive Abfall würde wohl früher oder später das Grundwasser in der Braunschweiger Region verstrahlen. Ob eine Rückholung der Fässer aus der Asse überhaupt funktioniert, kann keiner sagen. Vergleichsfälle gibt es keine.

Eine gute Nachricht

Erst mit dem Betreiberwechsel hin zum Bundesamt für Strahlenschutz im Jahr 2009 wurde das ganze Ausmaß der katastrophalen Zustände in der Asse deutlich. Und erst da setzte sich die Position durch, dass die Abfälle geborgen werden müssen. Vorher wollte man die Schachtanlagen einfach zuschütten.

SPD und Grüne fordern nun ein besonderes Asse-Gesetz. Zugleich verlangen die beiden Oppositionsparteien aber auch, dass die Bergung unter dem Gefahrenabwehr-Recht laufe. So sollen Genehmigungsverfahren erleichtert und das Tempo beschleunigt werden. Ursula Heinen-Esser, die parlamentarische Staatssekretärin im Umweltministerium, zeigte sich kompromissbereit und stellte ihrerseits eine "Lex Asse" in Aussicht.

So oder so: Es wird ein Wettrennen gegen die Zeit. Solange klammern sich die Politiker an eine die Einschätzung von Fachleuten, dass das Bergwerk so schnell nicht einstürzen werde. Gebetsmühlenartig beteuerten das die Redner auch in der Bundestagsdebatte immer wieder.

17:20 14.02.2012
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