Scharf geschossen

Mauerschützen-Spiel Der Mauerschützen-Egoshooter "1378 km" wird nach Protesten nun nicht zum 3. Oktober veröffentlicht. Bei aller Empörung geht das eigentliche Anliegen des Spiels aber unter

Der Proteststurm ließ nicht lange auf sich warten. Eigentlich wollte die Karlsruher Hochschule am 3. Oktober den Egoshooter 1378 km veröffentlichen, der von Studenten entwickelt wurde. Doch weil die Kritik an dem Computerspiel so heftig ausfiel, wurde die Präsentation zum Jahrestag der Deutschen Einheit abgesagt. Der Grund für die Empörung: In dem Spiel kann man als Grenzsoldat der DDR auf Flüchtlinge schießen. Wahlweise kann der Nutzer Grenzsoldat oder Flüchtling spielen. Wer als Grenzsoldat eine bestimmte Menge von Flüchtlingen erschossen hat, bekommt einen Orden, wird aber im Jahr 2000 vor Gericht gestellt.

"Geschmacklos und dumm", nannte die Linken-Vorsitzende Gesine Lötzsch das Spiel. "Makaber und skandalös", lautet das Urteil des SPD-Mitglieds Markus Meckel. "Widerwärtig" ist sich Bild.de. Und die erste Anzeige ist auch schon auf dem Weg: Hubertus Knabe, der Leiter der Stasi-Gedenkstätte in Hohenschönhausen, hat die Berliner Staatsanwaltschaft eingeschaltet; die soll nun untersuchen, ob "1378 km" Gewalt verherrlicht.

Nun hat der Egoshooter allerdings einen prominten Fürsprecher gewonnen: Peter Sloterdijk. Der Rektor der Hochschule in Karlsruhe kann die Aufregung nicht verstehen und verteidigt seinen Studenten Jens Stober, der 1378 km entwickelt hat. Das Spiel gehöre zu den "Serious Games" und soll Jugendlichen vermitteln, was vor 20 Jahren an der 1378 Kilometer langen innerdeutschen Grenze passiert ist. Das Spiel verharmlose nicht, sondern sensibilisiere. Einen "hohen moralischen und künstlerischen Anspruch" weist Sloterdijk dem Spiel zu. Die Präsentation hat er jetzt dennoch verschoben, um zur "Versachlichung der Diskussion beizutragen".

Zwei Reizthemen in einem Spiel

Die reflexhafte Empörung, die das Spiel auslöste, ist so erwartbar wie symptomatisch für die deutsche Diskussionskultur. Zumal es mit "Verbrechen in der DDR" und "Ego-Shooter" zwei Reizthemen verbindet. Beide sind so emotional aufgeladen, dass ein kleiner Nadelstich genügt, damit es verbal und medial knallt. Dass Angehörige von Maueropfern das Spiel kritisieren, ist allzu verständlich. Doch jene, die nun am lautesten Kritik üben, sind nicht Opfer-Angehörige. Bei der schrillen Kritik von Politikern und Berufs-Erregten schwingen hingegen persönliche Interessen wie die Suche nach ein bisschen Aufmerksamkeit der Medien mit.

Der eigentliche Gedanke hinter dem Spiel, das als ernsthaftes Kunstprojekt entwickelt wurde, geht bei all der Empörung unter: Zum einen rückt das Spiel die Verbrechen in der DDR wieder ins Bewusstsein der jüngeren Generation, für die die Schüsse am "antifaschistischen Schutzwall" zeitlich und gedanklich sehr weit entfernt sind. In 1378 km tauchen Kurztexte auf, die handfesten Geschichtsunterricht betreiben.

1378 km kann man aber zugleich als eine generelle Kritik an Ego-Shootern verstehen: Denn die Verbindung der realen Schrecken der jüngeren deutschen Geschichte mit dem virtuellen Spiel öffnet die Augen für das, was in den Ego-Shootern überhaupt passiert. Die sind längst zur Normalität in den deutschen Kinderzimmern geworden. Wenn das Computerspiel hilft, ein bißchen darüber nachzudenken, ist schon einiges gewonnen.

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