Amerikanische Mythen

Ausstellung Wie kommuniziert man über Bilder? Die Stuttgarter Ausstellung "No Room to Answer" versucht sich ungeachtet ihres Titels an einer Antwort

Ungeheuer schön alles, die Räume, die Personen, der Blick auf das Haus mit dem Swimmingpool. Das Künstlerduo Teresa Hubbard/Alexander Birchler arbeitet mit den Tricks des perfekten Kinos, doch werden die subtil aufgebauten Erwartungen des Publikums enttäuscht. Wenn die elegante Mittvierzigerin sich einen Drink eingießt und ans Klavier setzt, dann ist ihre Einsamkeit offensichtlich. Eine wehmutsvolle Melodie erfüllt den Raum, dringt nach draußen, wo – von ihr unbemerkt – eine junge Frau auf einem der Stühle am Pool einschläft; womöglich ihre Tochter, wie eine Kamerafahrt über aufgestellte Fotografien nahelegt. Die beiden begegnen sich nicht, die Mutter wird erst hellhörig, als sie die Dusche abstellt und dieselbe Melodie erklingt, die sie zuvor selbst intoniert hat.

Wie kommuniziert man über Bilder? Das ist eine der Fragen, denen Hubbard/Birchler mit ihren Video-Installationen nachgehen, die eigentlich Filme sind. Der Württembergische Kunstverein zeigt sieben Werke, die zusammen mit dem Modern Art Museum Fort Worth zustande gekommen sind. Die Perfektion der Filme ist in der Ausstellungsarchitektur weitergeführt worden. Die Kuratoren Iris Dressler und Hans D. Christ haben die riesige Halle des Stuttgarter Kunstbaus in ein Labyrinth von Projektionsräumen verwandeln lassen. No Room to Answer heißt die Ausstellung paradoxerweise, denn das passt nur auf das überwältigende Hollywood-Kino. Hubbard/Birchler dagegen lassen Leerstellen, erzeugen Bilder, die an Szenen von Edward Hopper erinnern. Einsame Menschen in leeren Räumen, hin und wieder regnet es.

Amerikas Mythos und seine Realität bilden den Hintergrund des in der Grauzone von Film und Installation angesiedelten Werks. Im Zentrum der Ausstellung steht Grand Paris Texas, ein fast einstündiger Film, der als deutsche Premiere gezeigt wird. Er erzählt die Geschichte eines verfallenen Lichtspieltheaters und gerät zur Hommage an das Medium selbst.

Die große Ära des Kinos lebt auf, wenn der damalige Filmvorführer erklärt, wie man die Rollen wechselte, welche Filme gut liefen und welche nicht. Wenn Jugendliche sich erinnern, wie verdreckt das „Grand“ bereits in ihrer Kindheit war, und dann von ihrer Filmleidenschaft sprechen, kann man ahnen, welche Bedeutung diese Institution in bis in die siebziger Jahre für amerikanische Städten gehabt hat.

„Die Orientierung an der fiktiven Realität ist Teil der realen Realität“, sagt die Soziologin Elena Esposito. Hubbard/Birchler brechen dieses Einverständnis in die gedoppelte Realität auf. In Grand Paris Texas kehrt sich der Mechanismus um. Auch wenn der Ort selbst in keinem Moment im Wim Wenders' Paris, Texas auftaucht, leben die heutigen Bewohner der Stadt mit dem Mythos des berühmten Films, mit den Projektionen, die sich von außen auf ihre Stadt gestülpt haben.

Zufälle seien die Anlässe zu ihren Filmen, sagen die Künstler. Hätten sie das „Grand“ nicht gefunden, hätten sie die Jugendlichen nicht gesprochen, die sich an einem langweiligen Abend Paris, Texas aus der Videothek ausgeliehen hatten, um festzustellen, dass das Ende mit einem Western aus der Stummfilmzeit überspielt ist. Hubbard und Birchler machten das Tape ausfindig. Jetzt liegt es in der Vitrine in Stuttgart, wo es die Arbeitsweise der Künstler symbolisiert.

No Room to Answer. Projections Bis zum 10. Mai. Der Katalog (Hatje Cantz) kostet 29,80

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