Ich glaube, ich möchte doch kein Kind

DER ERLITTENE SCHMERZ Die Wirtschaftskrise zementiert längst überwundene Rollenklischees. Anmerkungen zu Konstruktion und Wirklichkeit der Mutterrolle anläßlich einer Kölner Ausstellung

Wenn mein Vater auf Dienstreise war, habe ich eher Respekt vor der Mutter gehabt, sie hat dann zwar auch versucht etwas streng zu sein, aber im Grunde haben wir uns ganz gut vertragen ohne die Umstellerei ... Wenn ich aber gesagt habe, warum machst du das eigentlich, das ewige Um- und Einstellen, hat sie geantwortet, so ist das in einer Ehe und im Beruf, das wirst du auch noch erleben." Birgit Vanderbeke beschreibt in Das Muschelessen den Zerfall der "richtigen Familie", so wie sie dem Vater immer vorgeschwebt hat, und wie sie nie gewesen ist. Die Mutter, selbst Lehrerin "stellt sich um", wenn er heimkommt, versucht einen unbeschwerten Eindruck zu machen, obwohl sie nach der Schule und der Hausarbeit völlig abgespannt ist. Die "niedere Arbeit" hasst er, deshalb muss alles von der Mutter erledigt werden. Wenn er auf Dienstreise ist, teilen sich die Kinder mit der Mutter die niedere Arbeit. Sie "verwildern" ein bisschen, und überhaupt ist alles besser. Was die Schriftstellerin beschreibt, spielt auf die Nachkriegsgeneration an. Aber die Diagnose fällt so detailliert aus, dass viele sich ertappt fühlen werden, auch heute noch so zu reagieren wie die Mutter in der Erzählung. Oder nicht?

Es ist immerhin beruhigend, am Ende der neunziger Jahre aus dem feministischen Lager der Kunsttheoretikerinnen zu hören, dass sich Mutterschaft und Künstler- oder Autorinnendasein nicht mehr unbedingt ausschließen. Da gibt es Fallbeispiele, und irgendwie kommt das Gefühl auf, auch Pipilotti Rist hat eins, obwohl es nicht stimmt. Doch auch wenn sich das Klima für Frauen mit Kindern verbessert hat, lastet weiterhin ein seltsamer Druck auf intellektuellen Müttern. Die beiden Begriffe - Mutter und Intellektualität -, das klingt komisch, denn Mütter sind traditionell der Gefühlswelt zugeordnet und der Intellekt, ja, der haust im Manne. Das hat seine Wurzeln in der Kulturgeschichte, im Christentum, wo bereits die "Heilige Familie" auf's Podest gehoben worden ist, und Maria, als Pendant zum strafenden Gott, Gnade walten ließ. Aber es ist eben nicht nur diese patriachalische Konstruktion des Weiblichen, die da eine Rolle spielt. Ein Grund, weshalb sich die Mutterrolle trotz Frauenbewegung und Feminismus weiterhin hält, liegt in der biologischen Disposition der Frauen.

Während der Schwangerschaft gerät der gesamte Hormonhaushalt durcheinander, was die Irritation, die den arbeitenden Frauen von außen begegnet, noch unterstützt. Nach der Geburt sorgen andere Botenstoffe dafür, dass die Entbundenden vergesslich werden, nicht in der Lage sind, richtig zu arbeiten. Diese Einrichtung der Natur sorgt laut Hebammenmeinung dafür, dass die biologischen Mütter auch soziologisch zu Müttern werden, sich um die hilflosen Babys kümmern, sie aufziehen. Und dann nimmt das Mutterrollen-Drama seinen Lauf: Während der ersten Monate entsteht durch die unentwegte Sorge eine Beziehung zum Kind, welche den Konflikt programmiert: Wie vereinbare ich meine Identität als Intelektuelle mit meinen immensen Pflichten und Wünschen als Mutter?

Der Feminismus entdeckte angesichts der unverrückbaren biologischen Tatsachen die Gentechnik für sich, den Science fiction einer Geburt ohne Blut und Schmerz. In ihrem Vortrag Das Reale und sein Double: DER KÖRPER, sah die Künstlerin VALIE EXPORT 1987 in der Reproduktionstechnologie einen Ausweg aus der männlichen Codierung des weiblichen Körpers: "Reproduktionstechnologie kann auch als sanftere Version der Anorexie betrachtet werden, als Befreiung von der Last des Leibes, als Chance, das Selbst der Frau vom Körper der Frau zu lösen, jenseits des Mutterbildes und jenseits des Realitätsprinzips, das ein Machtprinzip ist." Inzwischen ist die Hoffnung auf eine technische Lösung des Mutterdilemmas weitgehend geschwunden. Der Preis wäre zu hoch. Wer möchte die Verantwortung für einen Eingriff in biologische Vorgänge übernehmen?

Die andere Alternative ist die Verweigerung. Aber auch die hat ihre Tücken. In einer Phase der Frauenemanzipation gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstand eine geistige Mutterschaft. Frauen, die aus unterschiedlichsten Gründen berufstätig wurden, übernahmen Tätigkeiten, die so genannte weibliche Tugenden erforderten: Geduld, Fürsorge, Ausdauer. Krankenschwestern, Sekretärinnen, Sozialarbeiterinnen, Lehrerinnen konnten konkret Unabhängigkeit für sich in Anspruch nehmen, waren aber dennoch in das patriarchalische System von "Mutter, Vater, Kind" eingebunden. Inzwischen entscheiden sich natürlich Frauen souverän gegen die Mutterschaft und für den Beruf. Immerhin ist das am Ende des 20. Jahrhunderts gesellschaftlich akzeptiert.

Doch für diejenigen Frauen, die beides wollen, kommen von außen irritierende Signale. Kolleginnen schauen ungläubig auf den Bauch und fragen, ob es denn gewollt sei, als ob geistig arbeitende Frauen sich nicht ernsthaft für ein Kind begeistern dürften. Viel er drückender jedoch ist die plötzliche Freude in der Verwandtschaft und das Interesse von Seiten völlig Fremder, die Euphorie darüber, dass sich das Mysterium der Geburt und der Mutterschaft wieder einmal vollzieht. In der Hochachtung schwingt die Festlegung auf die Mutterrolle mit, als wenn eine Frau erst richtig Frau wird, erst richtig erwachsen wird, wenn sie ein Kind geboren hat. Auch das Monströse von Schwangerschaft und Geburt wird verschwiegen. Die Frauen würden die Schmerzen vergessen, so die gängige Meinung, sonst würde sie ja nie ein zweites oder drittes bekommen.

Viele Aspekte des Mutterbildes sind nach wie vor Sozialisation. So erzählte eine über fünfzigjährige Frau, dass sie nie aufgewacht sei, wenn nachts die Kinder etwas hatten, im Gegenteil, ihr Mann sei aufgestanden, ohne dass sie etwas gemerkt hätte. Natürlich entwickeln frischgebackene Mütter ein Sensorium für die Befindlichkeit ihrer Kinder, doch ist das erlernt, und es gibt Ausnahmen. Als Rabenmütter fühlen sich viele junge Frauen, die kurz nach der Geburt wieder arbeiten, weil sie Angst haben, den Zug zu verpassen. Schlimm ist das Misstrauen der Umwelt, schlimm ist der Druck, den sich die Frauen selbst machen: bloß nicht in die Mutterolle abdriften.

Denn mit der uneingeschränkten Annahme des Mutterdaseins ist die Abhängigkeit vom Kindsvater programmiert. Mit der Berufstätigkeit hingegen geht ein gesellschaftlicher Status jenseits der Mutterolle einher. Und dort liegt das wahre Problem. Mit der wachsenden Arbeitslosigkeit werden die Frauen wieder an den heimischen Herd gedrängt: Dort gibt es ja genug zu tun. Immer weniger Arbeit wird von immer weniger Leuten getan, dann jedoch bis zur Grenze der Belastbarkeit. Die soziale Marktwirtschaft ist nicht sozial, vielmehr kann keine Regierung mehr - auch nicht Rot-Grün - gegen die Wirtschaft regieren. Teilzeitjobs sind in qualifizierten Positionen so gut wie unmöglich. Außerdem werden Männer noch immer besser bezahlt als Frauen. Das bedeutet, dass die Väter in Sachen Familienarbeit nicht zur Verfügung stehen, und demzufolge die Mütter keinen Raum für eigene Projekte haben. So zementieren sich Rollenklischees, obwohl sie theoretisch überwunden sind.

Auch erscheint es absurd, dass Frauen an der Schwelle zum Jahre 2000 ihre Kinder - inmitten einer überbordenden Gerätemedizin - unter großen Schmerzen zur Welt bringen müssen. Und es gibt sogar Hebammen, die sagen, das müsse so sein: Der erlittene Schmerz binde die Mutter an das Kind. Das habe die Natur eben so vorgesehen. Andere verstehen die Geburt als eines der letzten existenziellen Erlebnisse, die es in dieser überregulierten Gesellschaft überhaupt noch geben kann Wie auch immer: Das Muttersein hat viele Facetten, gesellschaftlich verordnete, psychologisch wurzelnde, persönlich erlebte. Und da jeder Mensch eine Mutter gehabt hat, von ihr abhängig war, sie geliebt oder gehasst hat, haben nicht wenige KünstlerInnen sich mit dem Thema befasst.

Obwohl das Bild der Frau in der Kunst schon lange Gegenstand der feministischen Kunstgeschichte ist, blieb das Bild der Mutter - was die zeitgenössische Kunst angeht - weitgehend unberücksichtigt. Zudem schien die Dekonstruktion der konstruierten Weiblichkeit auch langweilig zu werden. Umso neugieriger macht es, wenn eine Ausstellung - organisiert vom Evangelischen Stadtkirchenverband von Köln und der Siemens Kulturstiftung - unter dem Motto "Macht und Fürsorge" 17 künstlerische Statements zum Bild der Mutter versammelt.

Der Ort ist, wie die Partnerschaft der Organisatoren, ungewöhnlich: In der evangelischen Trinitatiskirche in Köln, einem lichten spätklassizistischen Bau von Friedrich August Stüler, hängen bis zum 16. Oktober - statt eines Kreuzes - die "Geburtenmadonna" und die "Strickmadonna" von VALIE EXPORT in der Apsis. Die Wiener Künstlerin, die an der benachbarten Kunsthochschule für Medien in Köln lehrt, spielt auf die gesellschaftlich bedingte Konstruktion des Weiblichen an. In dem Tableau aus den frauenbewegten 70er Jahren empfand sie die Haltung der Madonna der Pièta von Michelangelo nach. Doch an stelle des Christussohnes hält die junge Frau demütig eine Waschmaschine zwischen und eine Strickmaschine auf ihren Beinen. Es hat sich nichts geändert, konstatiert die bildliche Überlagerung von Orginalmadonna und zeitgenössischer Version: Die Haltung ist dieselbe geblieben, und: die traditionelle Rollenverteilung wird - zumindest von der katholischen Kirche - weiterhin zementiert.

Aber damit hat es sich in der Ausstellung auch schon mit der feministischen Theorie. Das Rollenklischee ist in den neunziger Jahren - theoretisch - abgearbeitet, was heute die Künstlerinnen interessiert, ist der weiterhin wabernde Muttermythos, die per finaler Glückseligkeit verbrämte Monstrosität von Schwangerschaft und Geburt in Zeiten virtueller Kommunikation. Vor Fotografien von Rineke Dijkstra, die nackte Frauen mit Baby kurz nach der Entbindung zeigen, meint eine junge Besucherin: "Ich glaube, ich möchte doch kein Kind." Sie ist von der schonungslosen Darstellung schockiert, denn Wochenfluß, Schwangerschaftsstreifen und totale Erschöpfung haben keinen Platz in der gesellschaftlichen Überhöhung des Mutterglücks. Körper und Mimik der Dargestellten sind von dem schmerzhaften und ungeheuerlichen Erlebnis gezeichnet. Frauen sind dort zu sehen, die soziologisch noch keine Mütter sind, allein biologisch.

Noch eine Nummer härter seziert die Schweizer Künstlerin Pipilotti Rist die Ambivalenz der Geburt. Das Video Als der Bruder meiner Mutter geboren wurde ... aus dem Jahre 1992 zeigt in der ausgestanzten Mitte - umgeben von Landschaftsaufnahmen - Dammschnitt, Geburt und das Vernähen des Schnitts in Nahaufnahme. Die starre Kamera des alten Films wird umtanzt von der Schilderung eines Bergdorfes samt schneebedeckten Bergen. Dazu erklingt infantiler Gesang. Das vegetabil duldende Dasein der Schwangeren und Gebärenden hat Marlene Dumas in Tuschzeichnungen festgehalten. Ähnlich reagiert auch die jüngste Künstlerin der Ausstellung, die 1968 geborene Sandra Munzel: Sie modellierte handgroße groteske Zwitterwesen zwischen Mensch und Tier.

Der Begriff "Fürsorge" umgreift diese Positionen nur partiell. Vielmehr entmystifizieren die Künstlerinnen das Mutterbild als erschreckend biologische Tatsache. Der Aspekt der Macht dagegen äußert sich deutlich in der technoiden Supermutter von Konrad Klapheck, in dem grobschlächtig gemalten Grabkreuz Muta von Dieter Krieg, und in der Serie Gezeichnet vom Leben der Australierin Tracey Moffatt. Die provozierende Aufnahme der britischen DJ-Mama von Wolfgang Tillmans, die verpuppte, verkrüppelte Gestalt von Cindy Sherman und die Spinnenwesen von Louise Bour geois dagegen deuten an, dass der Mutterbegriff oszilliert: zwischen Macht und Fürsorge. Zudem ist er kulturgeschichtlich aufgeladen mit Erwartungen, Rollensterotypen, Projektionen. Letztendlich muß jede Frau ihren Mutterstatus selbst definieren und entmystifizieren. Das könnte ein Fazit sein. Deshalb ist auch der Feminismus nicht obsolet geworden, meint VALIE EXPORT, auch wenn er heute nicht mehr so sichtbar und wichtig sei. "Denn ich glaube, das ist eine Verdeckung", sagte sie 1990 in einem Interview, "so wie die Zeit immer wieder vieles verdeckt, um es dann vielleicht wieder neu raufzuholen."

Die Ausstellung läuft bis zum 16. Oktober und ist Teil des sich bis ins Jahr 2000 hinziehenden Tagungsprojektes "Vater, Mutter, Kind", das auf einer Idee von Johannes Bilstein, Kunstakademie Düsseldorf, basiert. Die Ausstellung zum Thema Kind findet unter dem Titel "Vergiß den Ball und spiel weiter" vom 21. Oktober 1999 bis zum 16. Januar in der Kunsthalle Nürnberg statt. Die Tagung zum Vaterbild ist für den 23. Oktober im Haus am Waldsee in Berlin geplant, wo auch vom 11. Februar bis zum 2. April 2000 die dazugehörige Ausstellung laufen soll. Der Katalog Fürsorge und Macht kostet 38 Mark.

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