Augen auf!

Digitales Lernen Schulen müssen Kindern endlich die Chancen des Netzes zeigen – und die Risiken

Wenn René Scheppler mit Pubertierenden über Liebe in der Literatur sprechen will, holt er die Tablets raus. Schüler sagen sich nicht gern ins Gesicht, was sie bei Romeo & Julia empfinden. Sie schreiben das lieber auf – etwa im Schutz eines Blogs, jeder für sich. Wenn das online geschieht, kann der Lehrer der Wiesbadener Helene-Lange-Schule alle Schüler zum Gespräch einladen. Virtuell, ohne Namen. Ein schönes Beispiel für eine Schüler-Kooperation, die erst digitale Technik möglich macht.

Der 12-jährige Paul spielte Minecraft. Online mit einem weit entfernten Spielpartner. Die beiden kamen über die Chatfunktion ins Gespräch. Paul empfand eine Anerkennung, die er sonst nicht bekam. Als ihn sein Freund einlud, machte er sich ahnungslos auf den Weg zu ihm. Ein Sondereinsatzkommando der Polizei stürmte wenige Tage später die Wohnung des vermeintlichen Kumpels. Der 35-Jährige war gar kein Gleichaltriger – sondern ein getarnter Pädokrimineller auf Opfersuche im Netz. Ein brutales Beispiel digitaler Annäherung, die für Minderjährige zum lebensgefährlichen Risiko werden kann.

Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich Digitalisierung. Auf der einen Seite die Verheißung neuen Lernens. Auf der anderen schwer kalkulierbare Risiken, vor denen man Kinder und Jugendliche unbedingt schützen muss.

Digitales Lernen polarisiert. Seit Bundesbildungsministerin Johanna Wanka angekündigt hat, dass sie fünf Milliarden Euro für digitales Lernen ausgeben will, ist die Debatte vollends gekippt. Industrie und SPD beklagten sofort, dass die fünf Milliarden hinten und vorne nicht reichten. Ein Gutachter der Enquetekommission des Landtages in Hessen verstieg sich zu der Formel, Computer seien heute gefährlicher als Atombomben. German Angst trägt bei der Digitalisierung ganz kleines Karo.

Der Besitz von Smartphones unter Jugendlichen ist binnen weniger Jahre von 11 auf 92 Prozent gestiegen. Mit E-Book-Werkzeugen kann man heute faszinierende digitale „Schulbücher“ herstellen, die aus Text, Grafik, Filmen und Tönen bestehen, keines gleicht dem andern (Seite 4). Der „flipped classroom“ hilft, Frontalunterricht aufzubrechen und Mädchen besser in Mathematik zu fördern (Seite 3). Manche Schulen haben ausgefeilte Methoden entwickelt, um ihre Lehrer fürs digitale Lernen zu entzünden (Seite 2). Aber: Nur 1,6 Prozent der deutschen Schüler gaben bei einer Umfrage an, dass sie täglich in der Schule mit digitalen Geräten arbeiten dürfen. Die Schulen des Exportweltmeisters befinden sich im Kriechgang. Das führt zu verzweifeltem Aktionismus. Und zu interessanten neuen Lobbykonstellationen. Die Verkehrsstaatssekretärin des Bundes hat es zu ihrer Aufgabe erklärt, den Computerspielmarkt für Drei- bis Siebenjährige zu öffnen. Bei einem Bürgerdialog im Bildungsministerium mussten sich alle Bürger brav melden – nur einer kam ohne Meldung zur Wort: der Bürger Microsoft. Er wurde als Vertreter des "Fördervereins für Jugend und Sozialarbeit“ vorgestellt, obwohl er Promotor des 330-Milliarden-Dollar-Konzerns ist.

Aufs Leben vorbereiten

Die echten Bürger haben einen ganz guten Kompass. Sie wollen laut einer neuen Umfrage mehrheitlich, dass Kleinkinder nicht mit digitalen Geräten in Kontakt kommen. Zwei Drittel befürchten, dass die Wirtschaft mit der Digitalisierung der Schulen Einfluss auf Lehrinhalte bekommen werde. Tatsächlich bezieht die Regierung einflussreiche Stiftungen wie Bertelsmann oder Telekom in den Prozess fest ein. Hinter mancher Stiftung aber steht ein großer Tech-Konzern, der von einer Fünf-Milliarden-Spritze des Bundes in die Schulen profitiert.

In Berlin jagt derzeit eine Digitalkonferenz die andere. Kritische Themen werden dort tunlichst vermieden. Datenschutz erscheint im neuen Gewand der Datensouveränität. Sucht wird als Hirngespinst abgetan. Die Verwendung des Worts Cybergrooming, also die Kontaktaufnahme über Online-Spiele oder Kinder-Chats zum Zwecke des sexuellen Missbrauchs, ist strikt verboten. Auch Cybermobbing und Hatespeech fehlen oft.

Die Digitalisierung der Jugend ist nicht zu verhindern. Daher wäre es falsch, wenn Schüler an jedem Ort mit ihrem Smartphone ins Internet gehen können – nur an jenem nicht, der dazu da ist, sie aufs Leben vorzubereiten: in der Schule.

In zwei Wochen tagt in Saarbrücken der Nationale IT-Gipfel. Es ist gut, dass er stattfindet; es ist richtig, dass dort Industrie und Regierungen miteinander ins Gespräch kommen. Risiken und Nebenwirkungen der Digitalisierung aber werden wieder ausgesperrt. Keine einzige Kinderschutzeinrichtung ist eingeladen. Und die Zivilgesellschaft ist nur in Gestalt von Stiftungen mit ihrer speziellen Agenda anwesend. Das grenzt an einen Skandal.

Der IT-Gipfel hat den Schwerpunkt Bildung. Er sollte empfehlen, dass die fünf Milliarden Euro für die Digitalisierung fließen. Wenn er aber glaubwürdig sein will, muss er den Beschluss fassen, dass jeder Dritt- und Achtklässler einen Netzverkehrsführerschein ablegen muss. Vereine und Polizei organisieren ihn. Bezahlen müssen ihn die Internet- und die Gamesindustrie, die gigantische Gewinne mit jugendlichen Digitalnutzern machen. Dieser Führerschein wäre kein Ersatz für ein digitales Lernen über alle Fächer hinweg. Aber er ist das Minimum dessen, was sofort an Schutz realisiert werden sollte. Ein Verkehrsabzeichen fürs Netz. Zu vergeben ab dem Schuljahr 2018. Los geht’s.

der Freitag Bildung 2.0

Dieser Text ist Teil einer Verlagsbeilage der Freitag Mediengesellschaft

06:00 05.11.2016
Geschrieben von

Christian Füller

Chefredakteur "der Freitag" http://christianfueller.com
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Christian Füller

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