Christian Füller
19.12.2016 | 13:44 45

Die Digitalisierungs-Pegida

Fünfte Gewalt In Berlins feiner Mitte zeigte eine Debatte, wie nahe sich Pegida und Digital-Evangelisten sind: Beide treibt die Lust an der Disruption der traditionellen Politik

Die Digitalisierungs-Pegida

Eigentlich hat die Zivilgesellschaft in Berlin nicht viel für Pegida-Deppen übrig

Bild: Odd Andersen/AFP/Getty

Pegida hatte es nie leicht in Berlin. Wenn das Häuflein der Abendlandsretter sich in der Hauptstadt auf die Straßen wagte, wurde es stets fürsorglich belagert. Meist von fröhlichen Gegendemonstranten. Pegida in Dresden oder Erfurt, das waren obszöne bis hasserfüllte Auftritte von Typen wie Tatjana „Mistgabel“ Festerling oder Bernd Höcke. Pegida in Berlin, das endete meist in Happenings, bei denen sich die Zivilgesellschaft über die Pegida-Deppen lustig machte.

Dass dieses Bild schon immer zu sehr schwarz-weiss gemalt war, wusste man eh. Knobelbecher-Nazis und Identitäre laufen bei Pegida noch gar nicht so lange mit. Gegründet wurden Pegida und AfD von Rechtsanwälten, Offizieren, Werbern, Beamten usw., also einer Schicht enttäuschter weißer Männer. Dass diese Gruppe bis tief in den vorgeblich modernsten Teil der Industrie reicht, ließ sich vor einigen Tagen bei einem Politischen Abend inspizieren. In Berlins Mitte, im so genannten Basecamp von Telefónica.

Ich glaube seit vielen Jahren nicht mehr, was in den Zeitungen steht“, sagte bei der Debatte ein Mann. Es war kein AfD-Funktionär und kein Wutbürger, sondern der Hauptgeschäftsführer des „Bitkom“, Bernhard Rohleder. Bitkom ist der derzeit vielleicht wichtigste deutsche Branchenverband, er vertritt die IT- und Kommunikationsindustrie mit 2.400 Unternehmen. Rohleder sitzt normalerweise in Talkshows und wird als Gutachter im Bundestag eingeladen, um Industrie 4.0 zu vermarkten. Er gilt eigentlich als angesehenes Mitglied des demokratischen Diskurses. Sein Satz, dass er Zeitungen nicht mehr glaube, hat in Dresden ein Kürzel, das von Josef Goebbels stammt: Lügenpresse. Dieses Wort würde ein Bitkom-Chef natürlich nicht verwenden. Rohleder entschuldigte sich später sogar, er habe nicht Lügenpresse, sondern Presse-Enten gemeint. In der Debatte aber elaborierte er Zeitungsskepsis als „meine erste Erfahrung mit Journalismus“.

Distanz zum Qualitätsjournalismus

Rohleder bemühte das Mannschaftsfoto einer Fußballelf in der Lokalzeitung aus seinen Jugendtagen. Alle Namen auf dem Foto, die von der Zeitung genannt wurden, waren falsch. „Und ich habe festgestellt, das ist immer so. Das gehört zum Journalismus – und wir reden da über Qualitätsjournalismus – irgendwie dazu“, sagte Rohleder. Seitdem stehe er, bekannte der Bitkom-Boss, dem Journalismus „mit einer ausgesprochen kritischen Distanz gegenüber“.

Damit hatte der Gastgeber des Podiums im Basecamp den Ton gesetzt – und der ging nicht mehr weg. Es sollte um Digitalisierung und Gesellschaft gehen, natürlich waren Fake-News und Hatespeech wichtige Themen. Aber die Runde ging von einem überraschenden Befund aus: Fake-News waren nicht das Problem sozialer Netzwerke, die zum Beispiel Donald Trump zum Wahlsieg verhalfen. Fake-News galten im Basecamp als Eigenschaft der Traditionsmedien. „Fake-News gab es schon immer, denken sie an Yellow-Press“, rief einer aus dem Publikum. Vom Podium kam keine Korrektur, kein Widerspruch zu Rohleder & Co. Der Moderator, der RBB-Journalist Daniel Finger, sagte – im Basecamp duzt man sich – : „Bernhard, Du hast so schön gesagt, ich glaube nicht mehr, was in der Zeitung steht. Das kann ich gut verstehen!“

Auch der Rest des Podiums ließ die wattierte Lügenpresse-These von einem der wichtigsten deutschen Lobbyisten unkommentiert stehen. Was ein bisschen wunderte, denn da saßen exzellente Leute. Daniel Domscheit-Berg, einer der Helden von Wikileaks etwa, oder Joana Breidenbach von „betterplace“ oder Christian Rickerts, seit ein paar Tagen Staatssekretär im grün besetzten Wirtschaftsressort Berlins. Selbst Rickerts gab keinen Mucks zur Lügenpresse von sich, sondern zog sich auf jenes Gebiet zurück, auf dem er sich auskennt: Wikipedia. Ein großartiges Projekt, schwärmte Rickerts, bei dem man sehen könne, dass Wahrheit sowieso immer nur eine Annäherung sei. „Das eigentlich spannende bei der Wikipedia“, so Rickerts, „findet nicht auf der Hauptseite, sondern auf der Diskussionsseite der einzelnen Artikel statt“.

Hinterhof von Wikipedia

Wer sich einmal auf Wikipedia verirrt hat, der weiß: Die Diskussionsseite ist der Hinterhof des Online-Lexikons, auf dem sich die Autoren gegenseitig verhauen, für dumm erklären und mit Löschanträgen bekämpfen. Was auf Facebook und Twitter seit dem Einzug von Pegida und AfD abgeht, das gibt es bei Wikipedia schon seit vielen Jahren.

Wie blind kann ein Podium in der sonst so streitbaren Mitte sein? Die Einseitigkeit des Podiums hatte mit der Örtlichkeit so viel zu tun wie mit der Zusammensetzung. Die vermeintlich politischen Salons, die sich rund um den Reichstag ausbreiten, sind keine Streiträume. Dort halten gerne die unregulierbaren Big Five vom Weltmarkt der Digitalisierung Hof. Facebook und Samsung haben hier zum Beispiel Hauptstadtrepräsentanzen, auch Apple, Amazon und Google schauen gerne vorbei. Die Digital-Lobby lädt freilich in der Regel nur die ein, die ohnehin ihrer Meinung sind – oder sie bestärken. Opposition gibt es in diesen Runden kaum. Angeleitet von den Verbindungsoffizieren der Internetgiganten wird eher formatiert – und nicht etwa diskutiert in der Art, wofür die politischen Salons einst im aufgeklärten Preußen erfunden wurden.

Salons waren – damals – Teil des Strukturwandels der Öffentlichkeit. Sie halfen, den politischen Diskurs beim Übergang von Monarchie zu Demokratie gewissermaßen zu verbreitern und zu vertiefen. Das Volk akklamierte nicht mehr nur vorbeifahrenden Königen. Nein, dieses Volk begann nun, selbst zu räsonieren. Und es setzte diese Meinungsbildung über die Parlamente auch in politischen Willen um. In diese Zeit fällt auch die prägende Funktion der Zeitungen. Sie trugen den Diskurs über Politik in die neue Volks-Öffentlichkeit.

Wenn man so will, erleben wir heute einen zweiten Strukturwandel der Öffentlichkeit, den ganz ähnliche Grundzüge bestimmen: Der politische Diskurs wird über den bisherigen Kreis der Teilnehmer ausgeweitet. Er hat neue Foren gefunden, die sozialen Medien. Jedermann kann nun publizieren, was er politisch denkt – meist: über Politiker denkt. Was auch immer der einzelne zu sagen hat, er kann es in wenigen Minuten hinausblasen mit Reichweiten, von denen die alten Medien nur träumen können. Nationalspieler wie Manuel Neuer oder Philip Lahm etwa erreichen mit einem Facebook-Post zwischen fünf und zehn Millionen Menschen – mehr als die deutsche Presse mit ihrer kompletten Auflage. Man muss aber kein Promi sein. Über Hashtags und Echoräume kann grundsätzlich jeder Social-Media-Teilnehmer Meinungsbildung betreiben, idealerweise mit besonders originellen Posts, im schlechten Fall mit Hass.

Jeder sein eigener Korrektor

Der neuerliche Strukturwandel der Öffentlichkeit wirft zwei grundsätzliche Probleme auf. Erstens spielen darin die sozialen Medien eine entscheidende Rolle – und eine ausgesprochen robuste. Im Netz wird nicht nur informiert und gemeint, sondern scharf und persönlich debattiert. Seit etwa 2014 erleben wir eine Phase des Diskurses, die nicht vertieft, sondern verflacht. Nicht jeder Blogger, Facebooker, Twitterer hat schon verstanden, dass er eigentlich auch sein Redakteur, Korrektor und Verleger sein müsste – mit allen dazugehörigen Fertigkeiten und Verantwortlichkeiten.

Zweitens hat der zweite Strukturwandel der Öffentlichkeit noch keine politische Form gefunden. Der erste Strukturwandel stärkte das Parlament und machte es zu dem, was es vorher nicht war: Gesetzgebungsorgan. Was aber könnte das neue Entscheidungsformat einer digitalisierten politischen Öffentlichkeit sein? Der Wandel läuft vor aller Augen ab, aber eine neue Fassung der Demokratie ist nicht in Sicht.

Oder vielleicht doch? Es lohnt sich, noch einmal für einen Moment in den Diskurs in Berlins Mitte hinein zu hören. Bernhard Rohleder, der Zeitungsverächter, hat ein feines Gespür für das Neue. Seine Analyse des politischen Diskurses baut auf einer These über Donald Trump und seine Wähler auf. „Beide sind ausgeschlossen vom intellektuellen Dialog, der über die Traditionsmedien geführt wird“, referierte Rohleder – mit erkennbarer Sympathie für die Underdogs und ihr neues Forum. Es gebe nämlich „eine Gruppe von Ausgeschlossenen, die über soziale und nicht-traditionelle Medien eine Plattform [gefunden] hat, in der sie sich untereinander verständigen und auch in gewisser Weise organisieren kann.“ Inzwischen fänden sich dort auch Personen, „die für sie rausgehen können und Mehrheiten bilden können in den traditionellen demokratischen Mechanismen.“ Das waren, vor ein paar Jahren, die Piraten. Heute ist es: die AfD. Sie ist der parlamentarische Arm der Wutbürger geworden, die sich mehr und mehr in den sozialen Medien organisieren.

Bernhard Rohleders Sympathien in diesem Spiel sind ungleich verteilt: Hier die intellektuellen Traditionsmedien, denen er schon lange nicht mehr glaubt. Da die Sozialen Medien, die Ausgeschlossenen ein Forum geben. Und auch wenn die neue politische Nische uns nicht gefalle, so Rohleder, „damit müssen wir umgehen.“ Die vier bisherigen Gewalten, die erste, zweite, dritte, und die vierte, müssten alsbald in einen vernünftigen Dialog mit der fünften Gewalt treten.

Die Bestie fünfte Gewalt

Was der Bitkom-CEO da aufsagte – ein wenig kryptisch und unhinterfragt von Moderator Finger – bedeutet nichts anderes als das: Hey, die Demokratie 1.0 ist dahin, die kommt nicht wieder! Lasst uns nachdenken, wie die Demokratie 2.0 aussehen könnte. Aber das, bitteschön, im vernünftigen Gespräch mit Pegida, AfD und anderen Wutbürgern aus den sozialen Medien. Es lohnt sich, die empirische Basis ihrer Nische genauer anzusehen. Es ist eine wütende fünfte Gewalt, die in ihrer Echokammer von Algorithmen und künstlicher Intelligenz maschinell verstärkt wird. Oft nimmt sie Züge einer Bestie an, etwa wenn sie mit elektronischen Baseballschlägern auf Claudia Roth, Renate Künast oder Angela Merkel eindrischt.

Das Podium fand diesen Teil der Medien nicht besonders lustig. Aber echte Abhilfe fand sich eben auch nicht. Domscheit-Berg etwa schlug vor, dass sich Programmierer, Blogger und Journalisten im bevorstehenden Wahlkampf 2017 zusammen tun sollten, um Fake-News zu widerlegen. Und, natürlich, müssten sich vernünftige Leute in den Diskurs einmischen – und auf Twitter und Facebook zur Mäßigung beitragen. Bernhard Rohleder plädierte plötzlich dafür, jene Profession um Hilfe zu bitten, der er gerade die Glaubwürdigkeit abgesprochen hatte. „Wir müssen alle so etwas werden wie kleine Journalisten“, sagte er. „Wir müssen alle lernen, Quellenkritik zu üben, und zwar quer durch alle Bildungsschichten.“

Hier zeigte sich die ganze Harmlosigkeit des Mitte-Dialogs. Die Vorschläge des Podiums waren nachgerade naiv, soziale Medien durch Faktenchecker oder durch vernünftige Stimmen zu stoppen. Wie soll man auf Twitter moderieren wenn ein Shitstorm wütet? Ganz grundsätzlich gilt: in jeder industriellen Revolution lässt sich die jeweils höhere Versionsnummer nicht durch Sicherungen der niedrigeren entschärfen. Das wäre gerade so, als wäre man ausgelaugten Tuchmacherinnen in Fabriken mit Fingerhüten zu Hilfe geeilt. Ihr Problem war ja nicht, dass sie sich an den Webstühlen in die Finger stechen konnten, sondern dass sie im Zuge der ersten industriellen Revolution in das enge tayloristische Zeitkonzept einer maschinisierten Fabrik gepresst wurden.

Digitale Müllabfuhr

Das selbe gilt für die digitale Revolution der politischen Öffentlichkeit. Wie unglaublich personell aufwendig und psychologisch belastend es ist, Facebook zu desinfizieren, zeigt sich zum Beispiel an der digitalen Müllabfuhr, die der Bertelsmann-Konzern für Facebook in Berlin eingerichtet hat. 600 Leute durchkämmen die Stör-Meldungen empörter User. Für einen Hungerlohn von 1.500 Euro fischen sie unter anderem Kinderpornos, Enthauptungen, Sodomie, bestialische Tierquälereien aus dem Meer von Posts. Eine Arbeit, die viele Mitarbeiter offenbar traumatisiert, wie ein Bericht des Magazins der Süddeutschen Zeitung nahelegt.

Anekdotisch lässt sich die Unlösbarkeit dieser Aufgabe ohnehin schwer abschätzen. Wie ließe sich der Ausstoß einer Facebook-Auflage von 1,6 Milliarden Nutzern durch manuelles Sortieren, Bewerten und Beantworten einer „Leserbrief“-Redaktion bändigen? Wie soll das gehen?

Kurz gesagt, lässt sich die zerstörerische Kraft sozialer Medien mit den Mitteln von Beleidigungsparagrafen, Strafverfolgung oder Zensur nicht kontrollieren. Und zwar weder die schiere Masse der Facebook- und Twitterschwärme noch das Bestienhafte der rechten Echokammern, die sich in den Netzen etabliert haben. Und genau hier liegt die Parallele zwischen der Facebook-Pegida und den Lobbyisten der Digitalisierung, die in Mitte Stress wegen Industrie 4.0 machen. Es ist die gemeinsame Lust an der Disruption. Sie wollen das alte System zerstören, jeder aus anderen Gründen, aber dennoch. Sie unterscheiden sich in der Tonlage nur noch minimal. Die einen sprechen von „traditionellen demokratischen Mechanismen“ und „intellektuellem Dialog“ (Rohleder), die anderen von „Altparteien“, „korrupten Eliten“ und „Lügenpresse“. Beide haben ihre Echokammern, in denen Kritik nicht erwünscht ist. Sie benutzen Begriffe von Totalreform und System, die sich erstaunlich ähnlich sind.

In den USA haben die beiden Strömungen bereits zusammen gefunden. Dort berät der Internet-Mogul Peter Thiel den Brutalo-Kapitalisten Donald Trump, dessen Administration gespickt ist mit Anti-Semiten, Tea-Party-Anhängern und politischen Internet-Dreckschleudern wie dem Breitbart-Chef Stephen Bannon.

Und in Mitte haben sie ihre Salons, wo die Digitalisierungs-Pegida sich gegenseitig beklatscht.

Kommentare (45)

Heinz Lambarth 19.12.2016 | 18:33

Sehr geehrter Herr Füller,

Sie scheinen etwas arg genervt zu sein, aber mindstenes auch genauso ratlos!?

Was soll das ganze gejammer ? Haben Sie bis jetzt denn stets und immer "geglaubt", was Ihnen die "qualitätsmedien" so vorsetzen, wirklich? Twittern oder Facebooken Sie viel? Warum hören Sie nicht auf mit TV klotzen ihre wertvolle lebenszeit zu vergeuden? Warum eigentlich, weil Sie angst haben etwas zu verpassen? Oder sind Sie krank?

Schon immer war es so, dass unterschiedliche menschen unterschiedliches "geglaubt" (aber eben nicht gewusst!) haben und andere haben etwas "weitererzählt", über das sie nicht wirklich bescheid wussten. Sich dabei zu recht zu finden, da kann nur "der gesunde menschenverstand" helfen. Bestimmte gedankenoperationen müssen eben auch in zeiten von facebook und twitter selbst ausgeführt werden - ob das, was dabei herauskommt nun aber die "wahrheit" ist, ist zweitrangig, weil manches wegen fehlender möglichkeit der selbstüberprüfung "geglaubt" werden muss (oder eben nicht).

Das alles hat mit Pegida etc. nichts zu tun. ...und im übigen kann eine gewisse hygenie im umgang mit "medien" nicht schaden ... weniger twittern und facebooken sorgt für mehr klarheit im kopf!

Sikkimoto 19.12.2016 | 20:18

Sie versuchen Füller mit Argumenten aus Sicht eines Mediennutzers zu begegnen. Vergessen sie es. Das einzige, was aus seinem Text spricht, ist die Sicht des Medienschaffenden.

Der Medienschaffende bei Füller führt den politischen Diskurs. Füller kennt keinen Unterschied zwischen öffentlicher Meinung und veröffentlichter Meinung. Deswegen glaubt er, eine andere öffentliche Meinung ergebe sich erst durch die Möglichkeit der Veröffentlichung (social media).

Damit einher geht der Glaube, der für das Qualitätsmedium arbeitende Medienschaffende sei automatisch ein Intellektueller (Hier die intellektuellen Traditionsmedien, [...] Da die Sozialen Medien, die Ausgeschlossenen ein Forum geben.). Da ist es nur folgerichtig, dass ein Füller nicht groß nachdenken muss, bevor er in die Tasten haut. Intellektualität ist hier nicht als Leistung zu verstehen, sondern als Status.

Gänzlich absurd wird es, wenn den verschiedenen Formen der Veröffentlichung verschiedene Stadien der Demokratie zugewiesen werden. Anscheinend gehört auch Herr Füller zu denjenigen, die nie so richtig verstanden haben, was Demokratie ist. Schade.

grashalm 19.12.2016 | 22:26

Seit etwa 2014 erleben wir eine Phase des Diskurses, die nicht vertieft, sondern verflacht.

Das Verflachen hat doch wohl einige Jährchen mehr auf dem Buckel. Hat bloß vorher kaum jemanden gestört, weil die Verflacher ja auf der richtigen Seite standen.

Jetzt will man das gemeine Volk zum Tiefdenken anhalten, nachdem man ihm dies in jahrzehntelangen Bemühungen gründlich ausgetrieben hat.

miauxx 19.12.2016 | 23:11

Man muss sehen, dass die Möglichkeiten eben gerade auch für "Verflachung" durch den medialen Paradigmenwechsel heute ganz andere sind. Es bringt überhaupt gar nichts, eine Diskussion mit dem Verweis, das "Verflachen" hätte schon "einige Jährchen mehr auf dem Buckel", als nicht relevant wegwischen zu wollen. Natürlich hat es Falschinformationen, seien es bewusst lancierte oder sogenannte Enten, schon immer gegeben. Und freilich gibt es heute mehr Möglichkeiten der Information mit der relativen, oder potentiellen, Pluralität im Meinungsmarkt des Netzes. Aber es hieße doch, die Augen mit einer vollkommen rosaroten Brillen zu verschleiern, wenn wir nicht sehen, welche Probleme die Demokratisierung des Meinungsmarktes sowie die ganz eigene Verwertungslogik eines rasend schnellen Internets eben nun auch einmal mit sich bringen. Wir haben, wie schon gesagt, einen Paradigmenwechsel in der medialen Welt, was bedeutet, dass nicht die Menschen grundsätzlich andere geworden sind, aber sich die Qualitäten in der Meinungsbildung geändert haben.

Was Füller, glaube ich, auch sagen will und wo ich vollkommen zustimme: Nicht nur ein Manuel Neuer oder Philipp Lahm erreicht mit seinen Tweets und Posts binnen Sekunden Millionen, sondern auch, ich sage mal, Horst B. von nebenan, wenn er es halbwegs clever anstellt (Teilen und retweeten, das Viral-Gehen, von News inbegriffen). Die Rolle, die einst auch falsch informierende Massenmedien übernommen haben, ist längst auch auf andere Kanäle - nahezu auf Jedermann - übergegangen. Und das ist eben die neue Qualität, die eben auch kaum beherrschbar ist. Das muss man - um den Kreis zum Beginn meines Kommentars zu schließen - halt auch sehen.

dos 19.12.2016 | 23:37

|| Rohleder sitzt normalerweise in Talkshows und wird als Gutachter im Bundestag eingeladen, um Industrie 4.0 zu vermarkten. Er gilt eigentlich als angesehenes Mitglied des demokratischen Diskurses.

Was ein bisschen wunderte, denn da saßen exzellente Leute. ... Daniel Domscheit-Berg, einer der Helden von Wikileaks etwa, oder Joana Breidenbach von „betterplace“ oder Christian Rickerts, seit ein paar Tagen Staatssekretär im grün besetzten Wirtschaftsressort Berlins.||

Da fehlt quasi nur noch Constanze Kurz oder Halina W. aus der PdL-BTF, - da schließe ich mich sikkimoto an:

|| Intellektualität ist hier nicht als Leistung zu verstehen, sondern als Status.||

Wenn so jeweils ein "angesehenes Mitglied des demokratischen Diskurses" aussieht, welches Ansehen bleibt denn dann für Leute, die, die es tatsächlich verdient hätten, weil sie nicht wie Rohleder & Co. GEGEN "IT & Demokratie" gearbeitet hätten bzw. wie ein Korken im Flaschenhals auf den technischen wie auch demokratischen, in jedem Fall: notwendigen Entwicklungen sitzen.

Im übrigen: Nicht nur die "Ente", sondern vor allem auch das bewußte "Bürsten" der Realitäten in bestimmte Richtungen via Erfindung, Selektion und Formung der Darstellung ist den "Zeitungen" seit je zueigen.

Neu und postfaktisch ist nun, daß die Gegenverdrehung jederzeit leicht zu bewerkstelligen ist, - die Anti-Etablierten treten nicht mehr wie einst als Wahrheitsträger auf, um Zustimmung zu erheischen, sondern als ebenso sich selbst berechtigende Träger von Lüge, Irrtum und Schlamperei wie eben die Journaille.

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Ehemaliger Nutzer 20.12.2016 | 00:09

Beim Eindruck beim Lesen dieses Beitrages:

Bewohner einer Blase wundert sich über die Meinungen der Bewohner einer anderen Blase.

Gut, soweit. Ist ja auch interessant. Aber gegen Ende des Artikels wird so getan, als ob es 90 Prozent Normale gäbe, nämlich Linke Gute + Grüne, Welcome-Rufer mit Teddybären für Flüchtlinge, eben jede, für die das Grosse Projekt der Aufklärung und Gleichheit Brüderlichkeit nach wie vor kommt, kommen muss, kommen wird, man muss nur wollen und dafür kämpfen und sich gegenseitig versichern: Nur wir sind für das Gute und gegen das Schlechte -

- und ihnen gegenüber einige laute rechte Pöbel, der Abschaum das male white "Pack", von denen der Eine (Trump) zufällig gewählt wurde.

Wundern Sie sich wirklich, dass sich der Begriff "Lügenpresse" so schnell verbreitet hat? Er ist zwar eine Übertreibung, bringt aber das Problem auf den Punkt: Der Qualitäts-Journalismus (- von dem eines der Merkmale ist, dass zwischen Berichten und Meinungen unterschieden wird) ist in den meisten Zeitungen - zwischen TAZ, ND, ... SZ, FAZ, Welt - und in den Staatsmedien-Nachrichten tot.

(Nun gut, auch eine Übertreibung: Nicht ganz tot, es gibt einzelne Artikel, in denen man das Bemühen um "die Sache" spürt und sich nicht nur nur als Objekt der Propaganda und Volkserziehung fühlt.)

Ich mag diese Propaganda nicht. Statt "Lügenpresse" nenne ich dies Mediengespinst "Staats-Propaganda".

grashalm 20.12.2016 | 16:23

Was spricht dagegen, wenn nicht nur ein Manuel Neuer oder Philipp Lahm sondern auch Horst B. von nebenan in Sekundenschnelle aller Welt mitteilen kann, was ihn umtreibt?

Weshalb sollte Horst B nicht können, was Politiker, Filmstars, Sportler usw. schon seit längerem praktizieren, nämlich die Welt mit ihren mehr oder weniger geistreichen Kommentaren zu fluten?

Wer die Möglichkeit, seinen Senf zum Lauf der Welt dazuzugeben, einer privilegierten Minderheit vorbehalten möchte, hat in meinen Augen ein befremdliches Verhältnis zur Demokratie. Und er hält Horst B offenbar für verkommener, als Diejenigen, die ihre Meinung schon immer unter die Leute streuen konnten.

Die Gedanken, die wir im Netz als Texte vorfinden, gäbe es auch ohne ihre Veröffentlichung. Es ist nie verkehrt zu wissen, was andere denken - auch, oder gerade wenn es abstoßende Gedanken sind.

Alter Linker 20.12.2016 | 17:16

Interessanter Artikel, Herr Füller, auch wenn ich andere Schwerpunkte gelegt hätte.

Teilweise klingen Sie ja schon wie ein "Wutbürger", Verzeihung, "Wutjournalist", ein alter weißer Mann der - wie viele andere alte weiße Männer auch - eben zu den Verlierern der Modernisierung gehört. Und genauso wie die Pegida-Gänger den Verlust ihrer alten Sicherheiten beklagen beklagen Sie auch einen Verlust, den Verlust der Deutungshoheit der Journalisten.

Dabei hat dieser Verlust nur am Rande überhaupt etwas mit sozialen Medien zu tun - der Journalismus hatte seine Deutungshoheit nämlich schon viel früher verloren, lange bevor Hinz und Kunz ein Smartphone und Internet hatten. Der Journalismus hat es nur nicht bemerkt, oder vielleicht auch nicht bemerken wollen.

Und deswegen können auch die sozialen Medien nicht die fünfte Gewalt sein - weil nämlich die vierte Gewalt schon seit über 10 Jahren ihren Betrieb eingestellt hat und öffentliche Meinung und veröffentlichte Meinung zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Was einmal das Sturmgeschütz der Demokratie war beschränkt sich seitdem darauf, in angemessenen Abständen Beifall zu klatschen.

Das Einzige, was die sozialen Medien dazu beigetragen haben, ist die Kluft sichtbarer zu machen.

Christian Füller 20.12.2016 | 17:39

merci @miaux, dass sie @grashalm erklären. Tatsächlich will ich Horst B. nicht die Möglichkeit nehmen, sich zu äußern. Das kann ich sowieso nicht, das kann praktisch niemand. Deswegen stehen wir dennoch vor der Frage, wie wir einen Diskurs diskursfähg halten. Und das gibts ein Problem: Sehen Sie sich mal den Müll an, der nach #Breitscheidtplatz ausgekippt wird. Das sind anonyme Hater, aber auch mit offenem Visier hetzende Leute, die vor allem auf Twitter und Facebook unterwegs sind. Die social media-Quoten von AfD und Pegida sind gigantisch – aber ihre Medienethik ist mikrobisch. Bleiben Sie in einem Raum, auf einer Agora, wenn sie von einer größeren Gruppe die ganze Zeit angeschrien werden – natürlich nicht. Niemand tut das. Aber ein Teil des politischen Räsonierens ist nun mal bei Twitter und Facebook gelandet. Also: Ihr Vorschlag, wie weiter.

P.S. selbst der Ton hier in der Kommentarspalte ist ja teilweise unerträglich. @sikkimoto @grashalm und @Heinz Lambarth werden sofort persönlich. Das ist kaum Sachauseinandersetzung. Ich kann Ihnen sagen, dass nicht wenige Redakteure nicht lustig finden, wie hier diskutiert wird. Was meinen Sie, warum sich nur so wenige beteiligen?

miauxx 20.12.2016 | 22:33

"Weshalb sollte Horst B nicht können, was Politiker, Filmstars, Sportler usw. schon seit längerem praktizieren, nämlich die Welt mit ihren mehr oder weniger geistreichen Kommentaren zu fluten?"

Wie es auch Christian Füller schreibt, war das weder seine Aussage, noch die meine. Es geht nicht darum, dass den Leuten diese Möglichkeiten wieder genommen werden sollten. Wäre das meine Ansicht, müsste ich mich ja schon hier des Kommentierens enthalten. Es geht um das Reflektieren über den Zustand, den wir nun einmal haben und dass der bloße Verteidigungsversuch (?), die "Großen" hätten ja auch schon immer fehlinformiert - so wahr er sein mag - eben leicht nach einem Relativieren und Wegwischen klingt (heute sagt man ja auch Whataboutism dazu).

"Die Gedanken, die wir im Netz als Texte vorfinden, gäbe es auch ohne ihre Veröffentlichung. Es ist nie verkehrt zu wissen, was andere denken (...)"

Das stimmt schon. Jedoch bringt jede mediale Veränderung auch eine allgemeine Veränderung bezüglich der Informationsaufnahme und Wissensgenerierung mit sich. Und mit dem Web 2.0 ist es eben v.a. die Meinungsmultiplikation, die einen gehörigen Einschlag mit sich bringt - und dass schlägt sich auch auf unsere Art des Denkens nieder. Insofern muss man Ihre Feststellung auch wieder einschränken: "Die Gedanken, die wir im Netz als Texte vorfinden" gab es genaugenommen so ohne das Internet noch nicht. Es ist ein Irrglauben (von der Kommunikations- und Mediensoziologie allerdings auch schon länger widerlegter), dass wir allein die Technik beherrschten; nein, sie beherrscht und determiniert auch wesentlich uns.

miauxx 20.12.2016 | 22:42

"Was meinen Sie, warum sich nur so wenige beteiligen?"

Ja, die Beschwerden über den Ton haben wir ja auch immer wieder in der FC ... Und noch vor ein paar Jahren hatten die threads, in denen es richtig heiß herging nicht selten mehrere hundert Kommentare. Aber auch da gab es oft einen derben Ton und Nutzer sind gegangen und gegangen worden. Mir fällt allerdings auf, dass viele Autoren, die sehr gute Beiträge schreiben sehr selten in den threads zu finden sind und/oder sich bei bestimmten Themen ganz zurückhalten. Unterm Strich glaube ich aber auch nicht so wirklich, dass die geringere Zahl Kommentierender an einer deutlichen Veränderung des Tons liegt. Ich glaube, diesbezüglich hat sich auf freitag.de nicht so viel geändert (s.o., auch früher ging es schon derb zur Sache).

Columbus 20.12.2016 | 23:02

Sie haben ganz Recht, Herr Füller.

Nur leider schlagen auch Foristen, die die Masche der genannten erkannt haben, nur mit den gleichen primitiven Mitteln zurück.

Ich kann mich nur an sehr wenige Beiträge der Genannten erinnern, an wenige eigenständige Blogs der 24/7- Dauerschlagbolzen in dieser Community, -es sind eher gegen 90% Männer-, die je fundiert oder sachlich ausformuliert erstellt worden wären. Allerdings sind das auch gerade jene, die gerne andere Diskutanten als Deppen bezeichnen, sich sofort gekränkt fühen und immer die Frage stellen, ob man sie, die Allwissenden, belehren wolle. So halten sie es eben auch mit dem Journalismus und mit Politikern: pauschal.

Allerdings gilt eine bemerkenswerte Ausnahme: Je ähnlicher die diskursive Form des öffentlich auftretenden Mitforisten, des autoritären Politikers (Trump, Putin, Erdogan,LePen, Wilders ), je ähnlicher die gewählte Denunziationssprache und Lautheit des Eintrags, zum eigenen Auftritt, desto mehr fühlt man sich verstanden. Das gilt sogar für die gepflegtesten Gegnerschaften.

Was dann übrigens sofort einsetzt und ein typisches Erkennungsmuster für Antidiskutanten ist: Man beginnt mit den Namen, den klaren und den "Nicks" der Mitforisten, dauerhaft Scherz zu treiben, sie zu verkleinern, zu vergrößern, pp. - Manchen Foristen merkt man ja an, dass eine unterschwellig Sucht, überhaupt aufzufallen, jede Hemmung beseitigt.

Das geht schon in den ersten Zeilen los und meist bleibt es gar bei den ersten und zweiten Zeilen. Immer persönlich, selten zur Sache, weil man die eigene Meinung so sehr überschätzt und sich von ihr entleeren möchte, was auch häufiger als Grund genannt wird. Da bleibt kein Auge trocken und nichts unbesudelt.

Allerdings können auch sie, Herr Füller, nicht verleugnen, dass in der Erregung auch eminent politischer Journalismus längst die Formen von Breitbart und Co. nachahmt oder sie gar vorwegnahm. Die Massenpresse vieler Länder ist eminent politisch und arbeitet mit genau jenen Stereotypen und Halbwahrheiten, die sich viel Netzwerker zu eigen machen.

So war ein wesentlicher Faktor für den Ausgang des Brexit- Wahl, die lügnerische Berichterstattung in den monopolistisch agierenden Murdoch- Medien.

Zum Ausländerhass und zur gruppenbezogenen Verunglimpfung der türkischstämmigen Mitbürger, trug z.B., schon vor Jahren, der Chefredakteur der Zeit, Giovanni di Lorenzo, bei, der diese türkischen Bürger als Rentenerschleicher (Frührentner ohne Berechtigung) ausmalte, weil er nicht einmal in der Lage war, in seinem Leitartikel sauber zwischen Alters- und Erwerbsunfähigkeitsrenten zu unterscheiden, und er dann auch noch der Ansicht vertrat, diese Türken hätten ihre grundsätzlich deutlich niedrigeren Renten gar nicht verdient.

Zuletzt setzte er diesen Thesen noch die Krone auf, diese, eher kärglichen Rentenzahlungen ruinierten das Rentensystem.

Beste Grüße und trotz allem frohe Tage

Christoph Leusch

pleifel 21.12.2016 | 00:14

"Ich kann Ihnen sagen, dass nicht wenige Redakteure nicht lustig finden, wie hier diskutiert wird. Was meinen Sie, warum sich nur so wenige beteiligen?"

Und ich dachte bisher eher, es läge an fehlender Zeit, mangelndem Interesse und letzteres als Ergebnis der Qualitätsbewertung der Beiträge und Kommentare.

Allerdings ist die Schwäche der alten Medien weniger die Ursache der neuen, sondern die zunehmende Einseitigkeit ihrer Positionen, die sich eher nicht mit „Lügenpresse“ denn mit „Lückenpresse“ beschreiben lässt. Wobei sich aus der Vielzahl der täglichen News der Agenturen letzteres immer ergibt (was nicht das eigentliche Problem ist), aber mangels eigener Recherchekapazitäten und den Folgen der neoliberalen Wirkungen heraus, auch das Pressegeschäft als eines zu betreiben gilt, das mit Profit arbeiten soll und sich im Zweifelsfall die Berichterstattung dem unterzuordnen hat.

Kritik trifft hier weniger die Journalisten, mehr die vorgefundenen Systembedingungen, die angefangen vom Beschäftigungsverhältnis und der Bezahlung bis zum zur Verfügung gestellten Zeitrahmen eine vernünftige journalistische Arbeit zunehmend erschwert, zumal im Konzentrationsprozess die Vielfalt verloren geht. Nun galt es aber auch schon früher herauszufinden, welche Zeitung (um dabei zu bleiben) kritischen Ansprüchen genügt und erforderte dazu eine gewisse geistige Anstrengung.

Umso mehr gilt dies für die neuen Medien, wobei ich allerdings weniger Facebook und Twitter dazu zähle, sondern die seriösen Blogs im Netz, die sich durch Qualität, Seriosität und gedanklicher Tiefe auszeichnen. Zudem dürfte mittlerweile klar sein, dass einseitige Berichterstattung gerade von jenen aufgespießt wird und das trägt nicht gerade zur Akzeptanz der alten Medien bei, wenn sie es nicht auf die Reihe bekommen zu akzeptieren, dass sie nicht mehr das Meinungsmonopol allein besitzen.

Zugestanden allerdings, dass (ob mit Klarnamen oder nicht), der gegenseitige Respekt besser sein könnte und warum sollte dann nicht möglich sein, was im Alltag normal ist, man meidet sich halt, was doch nicht so schwierig sein sollte. Wenn allerdings die Accounts von Zeitungen massiv mit persönlichen Inhalten „zugeschrieben“ werden, dann dürfte doch zumindest ein gut geschriebenes Textanalyseprogramm den größten Teil dieser Mails herausfischen können, zumal dann, wenn es gut gemacht wird.

grashalm 21.12.2016 | 00:34

Mein Eindruck ist eben, dass die neuen Medien diejenigen beunruhigen, die mit den "alten" großgeworden sind. Für die jungen Leute sind sie genauso selbstverständlich, wie für ältere Generationen Zeitung und Fernsehen.

Dass wir momentan eine Veränderung der Stimmungslage in der Gesellschaft erleben, schreibe ich nicht vorrangig den neuen Medien zu, sondern handfesteren Kräften, die auch ohne Hilfe des Internets ihre Wirkung entfalten würden.

Aber ich kann mich natürlich auch täuschen.

philipp9x 21.12.2016 | 04:26

1. Die digitalen "big five" (Oligarchen) spielen zumindest mit der Möglichkeit, die "vierte Gewalt" in Staat und Gesellschaft zu sein (Medienmacht). Die interessiert sie aber nicht wirklich, sondern sie tun dies, um den eigenen Einfluß auszuweiten. Dies geschieht ohne eine politische Bewegung der Aufklärung und Öffentlichkeit, die Europas jüngere Geschichte bestimmt hat. So wie heute Saudi-Arabien zum "Westen" gehört und seine Nahost-Politik bestimmt, so gehört zu den big five ein Staatsmonopolist des historischen Staatsfaschismus Südkoreas. Solche Akteure stehen Demokratie, Aufklärung und Öffentlichkeit sogar feindlich gegenüber, sagen dies aber nicht.

2. Die Bitkom hat sich bisher eher als Lakai der Digitalisierung denn als ihr Gestalter gegeben: Was technisch geht und profitabel ist, wird von der Bitkom befürwortet, ein Lobbyismus der primitiven Sorte (spiegelt nach meiner Meinung das Bewußtsein eines Großteils der IT-Branche, deren Akteure sich privat gern liberal und wohlinformiert geben, aber das tun sie eben nicht als Branche).

Es gibt bekanntlich einer Menge kritisches Potential unter den Informatikern, aber das lässt sich einhegen in nette Showrooms, Nischen und Wohltätigkeitsveranstaltungen wie z. B. Open Source oder Wikipedia, während woanders das Geld verdient, die Arbeitsplätze durch Automatisierung abgebaut/verlagert und die Lobbies in Stellung gebracht werden.

Richard Zietz 21.12.2016 | 08:54

Ich finde die Information ebenfalls wertvoll, dass Redakteure sich aufgrund der Flamerei nicht an Diskussionen beteiligen. Zeigt es doch, dass sie sensible Menschen sind.

Die weiter oben geäußerte Information, auch früher sei es in der dFC herbe zur Sache gegangen, kann ich persönlich nicht verifizieren. Es mag ja sein, dass das vor meiner Zeit war und die dFC-Foristen in meinen ersten Jahren hier lediglich temporär, also quasi als Zwischenphase, ein vorbildliches Diskussionsverhalten an den Tag gelegt haben.

Die legendäre Zeit der Herbheit, in der man kein Blatt vor den Mund nahm, will ich dabei keinesfalls in Abrede stellen. Als 2013er-Zugang kann ich da schlichtweg nicht mitreden. Probleme habe ich lediglich damit, sie mir konkret vorzustellen. Da es die AfD damals noch nicht gab, tappe ich auch bezüglich der damals gebräuchlichen Terminologie etwas im Dunkeln. Muß man sich das in etwa so vorstellen, dass für »AfD« ersatzweise »NPD« verwendet wurde, etwa:

»Sie sind gegen die Ökosteuer? Dann gehen sie doch gleich zur NPD.«

Nazivergleiche – also direkte Bezugnahmen auf den NS – sind den rechten Moden natürlich weniger unterworfen und insofern zeitlose Klassiker. Vielleicht wurden ja schon früher Mitforisten mit Goebbels und Hitler verglichen oder ihnen der Dienstantritt beim RSHA nahegelegt. Und ich Newbie habe das nur nicht mitgekriegt – wie denn auch? Aber wie gesagt: Die Frage ist nunmehr geklärt – es hat es auch früher gegeben.

Also totale Entwarnung – wenigstens in einem Punkt. Nichtsdestotrotz: dass Redakteure sensibel sind, hat was. Finde zumindest ich persönlich.

Christian Füller 21.12.2016 | 11:34

@pleifel @columbus @magda @zietz @all

Ich bin mir sicher, dass diese Plattform hier viel mehr Funken schlagen könnte, wenn sie nicht oft langatmig und persönlich gefiormt begänne. Wie auch hier oben beginnen viele erste Kommentare mit persönlichen Bemerkungen, sind oft schon sehr elaboriert und zum Teil mit Attacken auch, siehe z.B. das über mir: "reagiere bissig auf unziemliche Angriffe gegen mich". Viele der Kollegen sind auch enttäuscht, wenn mit dem ersten Beitrag schon die Debatte weg von der Kernthese des Textes geführt wird. Warum nicht verfahren wie in jeder guten Debatte: Ein (kleines) Anerkennen vorneweg, dann kurze Nachfragem, dann grundsätzliche Bemerkungen zur Kern-These, schließlich Erweiterungen und Kontextualisierungen. Und das ganze gerne mit richtigem Namen. Wer sich hinter einem Avatar versteckt, der schreibt enthemmter.

Man kann sicher kein Schema über eine Kommentarspalte stülpen. Aber: Wenn man die Kommentare hier auch begriffe als Angebote zu Thesen und Texten, dann würden auch sicher öfter Bitten heraus gehen, mal etwas für Print zu versuchen und nicht immer bloß hier in den Kommentaren rumzubolzen. Der Freitag könnte, gelänge es ihm mit seinen Leserkommentatoren, einen anderen Stil als auf anderen Plattformen zustande zu bringen, viel mehr publizistische Power entwickeln. Für persönliche Menscheleien aber nimmt sich keiner die Zeit.

Das ist eine Einladung ;-) Frohe Weihnachten

denkzone8 21.12.2016 | 12:56

lieber herr füller,

ich lade sie ein,

auf den punkt zu kommen,

statt eine tour d'horizon zu veranstalten,

bei der eine veranstaltungs-kritik,

warnung vor lobby-artisten.

pegida-enthüllungen,diskussion über presse-qualität,

zweiten strukturwandel der öffentlichkeit

und trumpismus nahelegen:

too long,dr.:wo soll man da anfangen?

wo anstatt zuspitzung auf wenige gedanken/thesen

der wegweiser auf ein zu weites feld gerichtet wird,

zeigen sich schnell ver-irrungen,

und überforderte(kinder/leser) reagieren

mit albernheiten/klagen der miß-mutigen art.

oder?

abghoul 21.12.2016 | 13:22

Stimmt schon das der Artikel mit sovielen verschiedenen Bezugspunkten sehr multiplex wirkt, aber das ist auch ein generelles Problem.

Die Inhaltsstruktur kann heutzutage selten auf einen spezifischen Punkt focussiert werden, weil jeder mitmischen will, die Akteure, die Autoren und deren Kommentatoren usw, und Begriffe wie Digitalisierung heutzutage mit ziemlich allem und jedem zu tun haben, aber darum gehts doch auch in dem Artikel.

Es ist dann sicher nicht einfach den zu besprechenden Farbton aus einem polychromatischen Muster zu erkennen.

Ungehorsam wie ich bin stelle ich also das Lob hinten an, anstatt vorn: Mich interessieren unterschiedliche Perspektiven unterschiedlicher Menschen sehr und ich bin froh das hier vieles aus vielen Blickwinkeln zugänglich gemacht wird. Und auch ich wäre froh wenn das nicht nur bestehenbliebe, sondern sich auch noch weiterentwickeln könnte.

greetings from the pit -abghoul

grashalm 21.12.2016 | 14:31

Die Anerkennung liegt doch schon darin, dass sich mit dem Beitrag befasst wird, oder ist das zuwenig?

Wer sich hinter einem Avatar versteckt, der schreibt enthemmter.

Dass mag richtig sein, aber das gilt ja auch im positiven Sinne. Es lassen sich anonym halt auch Gedanken erproben und der Bewertung durch andere aussetzen, die sonst nicht das Tageslicht der Welt erblicken würden - und das aus mannigfaltigen und nicht zwangsläufig verwerflichen Gründen.

Ich denke, dass durch die Verwendung von Klarnamen die Zahl von unangemessenen Kommentaren zurückgehen würde, leider aber auch die der inspirierenden. Der Gewinn auf der einen Seite (mehr Fairness) würde den Verlust auf der anderen (weniger Mut zum Veröffentlichen unerprobter Meinungen) möglicherweise nicht wettmachen.

Richard Zietz 21.12.2016 | 15:51

Hallo Herr Füller,

als allererstes mal gleichfalls Frohe Weihnachen :-).

Zu Ihrem Text äußere ich mich gern. Obwohl er längentechnisch nicht unbedingt in der Twitter-Liga spielt, habe ich ihn mit Gewinn gelesen. In Bezug auf die Kernthese bin ich zwar etwas skeptischer gestimmt als Sie. Die klassische Medien-Landschaft etwa halte ich keinesfalls für die unumwunden Guten. Obwohl ich andererseits durchaus konstatiere, dass professioneller Journalismus die überlegeneren Checks & Balances beinhaltet – speziell gegenüber von Laien betriebenen Meinungsmedien. Andererseits bin ich der Meinung, dass man an diese sogenannten Mainstreammedien nicht kritisch genug herangehen kann. Medienlandschaft Deutschland: vier bis sechs Big Player, alle im Besitz privater Familienoligarchien, hinzukommend das CDU-dominierte Staatsfernsehen mit seinem (zugegeben zunehmend hoffnungsloser werdenden) Versuch, via TV eine formierte Gesellschaft zusammenzuzaubern.

Die Zustände in der Digitalwirtschaft sind treffend beschrieben. Meines Wissens sind sie sogar eher noch schlimmer. Aufs Wesentliche heruntergebrochen ist der Vergleich zwischen den drei Medienblöcken jedoch ähnlich wie der zwischen Ndrangheta, Camorra und Cosa Nostra. Für die, die darin arbeiten und nicht zufällig selbst am oberen Ende der Fresskette angelangt sind, heißt es – frei nach den Sopranos: »Wenn ich sage, du sollst auf den Boden scheißen, dann sagst du gefälligst ›Ja, Sir‹. Und kackst verdammtnochmal auf den beschissenen Boden.«

Columbus 21.12.2016 | 15:53

Von meiner Seite, keine Einwände dagegen, Herr Füller.

Mehr dFC im Blatt, war mein dauerhaftes Credo, seit ich hier unter "Columbus", immer mit meinem Klarnamen versehen, Texte, oft mit Bild und auch mit Ton , einstelle.

Zuletzt wurden Bild und Ton, obwohl ich persönlich nie gegen Urheberrechte verstieß, sondern entweder korrekt und gemeinfrei zitierte oder aber eigenes Material einstellte, reduziert auf <<Links>>. Sogar mein eigenes Material wurde nur noch verlinkt.

Eine allgemeine Maßnahme zum Schutze der Moderation und Redaktion, die ich zwar verstehe, -angesichts der Personalstärke des dF- , die aber eindeutig Wirkmöglichkeiten raubte, war daran schuld.

In meinem dF- Blog stehen derzeit 248 Angebote zu Themen, die fast immer Bezug zum dF (Was schrieb das gedruckte Blatt, was nicht), sowie zu einem Sträußchen an Themen, die vielleicht das Angebot ergänzen könnten. - Da bin ich immer ansprechbar.

Die Weihnachts- oder Jahresendzeit, ist doch erdacht als Besinnung und Karenz, schlägt man nun das Kreuz oder lässt man es bleiben.

Dawei

Christoph Leusch