Die Multikulti-Empör-Industrie

Integration Wieder wird eine Studie über misslungene Integration zum medialen Gassenhauer. Dabei sind die Probleme längst bekannt. Aber die Politik handelt nicht

Es ist wieder so weit. Showtime für die Mulitkulti-Klage. Die üblichen Beteiligten treten auf. Experten, die zum x-ten Male beweisen, dass Migranten keine Stars in der Schule sind. Ein Kabinettsmitglied, das väterlich auf die Maßnahmen der Regierung verweist. Bald wird ein Landesschulminister deklamieren, dass der Bund nichts zu sagen hat. Vielleicht plärrt noch eine TV-Talkshow dazwischen – und dann ist wieder Ruhe. Dann sind Ali, Farah und, wie die neudeutschen Kinder mit Migrationshintergrund immer heißen mögen, wieder allein in der Schule. Ohne Hilfe, ohne Chance. Auf tote Gleise des Bildungswesens rangiert.

Jeder zweite Deutschtürke ohne Schulabschluss

- das ist nicht der Skandal

Der Skandal hat einen Namen und er ist messbar. Zuwandererkinder sind im deutschen Schulsystem krass benachteiligt. Sie bleiben viermal so häufig sitzen. Sie landen in Sonderschulen, obwohl sie nicht behindert sind. Sie ballen sich in Hauptschulen. Sie bekommen schlechtere oder gar keine Abschlüsse. Ihre Chancen auf Lehrstellen sind mäßig. Das ist kein Zufall, denn das Schulsystem ist nicht zum Fördern da, sondern zum Sortieren. Am meisten leiden Migrantenkinder darunter. Aber der eigentliche Skandal ist ein anderer: Dass sich eine gut geölte Empör-Industrie im Halbjahrestakt darüber aufregt – ohne dass für Ali und Farah irgendetwas wirksames dabei herauskäme.

Diesmal enthüllte eine Spiegel-Vorabmeldung, dass in Saarbrücken 45 Prozent eines Jahrgangs junger Deutschtürken keinerlei Schulabschluss erringen. Urheber der Zahl ist das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Sein Chef Reiner Klingholz ist ein gewiefter Dramaturg. „Wir haben uns viel zu lange daran gewöhnt“, heizte er ein, „dass wir Grundschulklassen haben, in denen 80 Prozent kein Deutsch verstehen." Das ist nicht nur eine Phantasiezahl, sie ist obendrein barer Unsinn. Es gibt Kinder - schlimm genug - , die wahnsinnig schlecht lesen, ja. Dreiviertel der Hauptschüler in den Städten lesen auf dem Niveau von Grundschülern, egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Aber selbstverständlich verstehen sie Deutsch.

Integration ist zum Modewort avanciert, mehr nicht

Man muss auch gar nicht dramatisieren. Bankrotterklärungen für den Umgang von Schulen mit Migranten gibt es zuhauf. Der Kollaps der Rütli-Schule 2006. Die Sprachstandsmessungen bei Vorschülern in Nordrhein-Westfalen. Zuletzt der Brandbrief der Schulleiter in Berlin-Mitte, die sich von der Politik im Stich gelassen fühlen. Alle diese Medienhypes führen zu dem immergleichen Schluss: „Die Probleme von Zugewanderten beim Durchgang durch das deutsche Bildungssystem sind unübersehbar.“ So steht es im Nationalen Bildungsbericht aus dem Jahr 2006. Soll niemand sagen, er wüsste das nicht. Der Bundestag hat das Dokument diskutiert, das die Schulprobleme der Migranten zum Schwerpunkt hatte. Unternommen hat er wenig. Nein, das ist falsch. Integration avancierte zum Modewort. Gleichzeitig wurde ein schwer durchschaubares Puzzle von Integrationsmaßnahmen aufgelegt. Der Nationale Integrationsplan, zu dem auch Hunderte Selbstverpflichtungen der Migrantenverbände gehören. Die Kanzlerin erklärte das Thema zur Chefsache und siedelte eine Integrationsministerin, Maria Böhmer (CDU), direkt bei sich im Kanzleramt an. Propagandistisch eine prima Sache. Reale Erfolge – weder bekannt noch wissenschaftlich messbar.

Ganz anders unten in vielen Schulen, vor Ort. Dort werden erfolgreich Ansätze für reale Probleme gefunden – aber alle selbstgestrickt. Der Deutsche Meister darin ist die Grundschule an der Kleinen Kielstraße in Dortmund. Ihr gelingt es nicht nur, Schüler individuell zu fördern. Die Schule hat ein Elterncafé eingerichtet, in dem es, unter anderem, Sprachkurse für Mütter gibt. Da büffelt Alis Mutter aus Anatolien plötzlich mit ihrem Sohn um die Wette. Seit 15 Jahren ist sie in Deutschland, der Sprachkurs in der Schule ihres Sohnes der erste, den sie besucht. Zehn Monate bevor Ali mit der Schultüte in der Grundschule auftaucht, wird er dort getestet – und gefördert. Die Rektorin der Kielstraße richtet gerade eine Kinderstube ein, auch das eine Antwort auf ein frühes Sprach- und Förderdefizit, das längst bekannt ist. Selbst im Kanzleramt. Wenn man die Rektorin in der Kleinen Kielstraße, Gisela Schultebraucks-Burgkart, aber fragt, wer das alles bezahlt, wird es sehr kompliziert. Die Worte Böhmer, Kultusministerkonferenz oder Integrationsplan fallen da kein einziges Mal. Alle Programme sind auf Zeit gebaut, gestückelt und handmade.

Das Bermuda-Dreieck von Bund, Ländern und Kommunen

So gespalten das deutsche Schulsystem in seinen Erfolgschancen ist, so gespalten sind seine administrativen Sphären. Das Geld von oben hat es schwer nach unten auf die operative Ebene durchzutropfen. Während die Gesellschaft sich maßgeschneiderte Lösungen sucht, während Schulen, Stiftungen und Spender wirbeln, schwingt der Staatsapparat große Reden. Wolfgang Schäuble sagt voraus, „bis zum Jahr 2012 eine bedarfsgerechte Sprachförderung sicherzustellen.“ Unten aber gibt es schon jetzt 1001 gute Ideen. Sie reichen von Erziehungsverträgen über Kinderstuben und Sommerschulen für Risikoschüler bis hin zu early excellence centers. Dort könnte man Familien nicht nur Kurse, sondern übergangsweise sogar Jobs anbieten. Alle, die sich mit Schule und Migranten befassen, kennen diese Programme. (Sie berichten sich auf Konferenzen zungenschalzend davon.) Aber im Bermudadreiieck zwischen Bund, Länder und Kommunen gibt es keinen Zuständigen, der sagen könnte: Hier sind 200.000 Euro für jede Schule – macht vor Ort was draus!

Es wird Zeit, dass das Land erwachsener mit seinen Migrationsproblemen umgeht. Es geht nicht um eine Multikultilüge und auch nicht um angeblich bildungsferne Schichten. Es geht darum, ernst zu nehmen, dass nicht erst in zehn Jahren, nein jetzt in den Brennpunkten der Städte mehr als jedes zweite Kind einen Migrationshintergrund hat. Es sind unsere Kinder und unsere Zukunft. Wir brauchen sie, nicht zuletzt um unsere High-Tech-Firmen und den Wohlfahrtsstaat zu betreiben. Also müssen wir ihnen die besten Chancen geben. Die Empör-Industrie sollte also endlich mal die Klappe halten. Und die Kultusbürokratie eine Zuständigkeitspause einlegen – damit die guten Ideen vor Ort direkt mit Geld gefüttert werden können.

Christian Füller, bis 2007 Bildungs-Redakteur bei der taz, ist einer der ausgewiesenen Kenner der Bildungslandschaft Deutschlands. Sein Buch „Schlaue Kinder, schlechte Schulen.“ ist eine provokante Abrechnung mit der Bildungspolitik der letzten Jahrzehnte. Er schreibt derzeit an einem neuen Buch. Mehr zu Christian Füller hier.


Christian Füller, bis 2007 Bildungs-Redakteur bei der taz, ist einer der ausgewiesenen Kenner der Bildungslandschaft Deutschlands. Sein Buch Schlaue Kinder, schlechte Schulen. ist eine provokante Abrechnung mit der Bildungspolitik der letzten Jahrzehnte. Er schreibt derzeit an einem neuen Buch. Mehr zu Christian Füller hier.

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11:50 26.01.2009
Geschrieben von

Christian Füller

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Ausgabe 38/2020

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