Christian Füller
14.11.2016 | 06:00 2

Pepper wird Video-Lehrer

Flipped Classroom Ist das Lernen am Bildschirm die Zukunft des Lernens? Oder ein Markt?

Lena und Marie sind stolz wie Bolle. Die beiden Sechstklässlerinnen halten ihre Hefte als Beweisstücke hoch. Darin findet sich jeweils eine fehlerfreie Mitschrift der letzten Mathematikübung. In Schönschrift. „,Flipped classroom‘ finde ich toll“, sagt Lena, „weil mein Heft dann immer so ordentlich aussieht.“ Die Zwölfjährige kommt in Mathe viel besser mit, seit ihr Lehrer den Unterricht umgedreht hat. Sebastian Schmidt, Realschullehrer in Neu-Ulm, macht für seine Schüler Mathematik-Erklärvideos, die sie zu Hause anschauen können – und zwar vor der eigentlichen Mathestunde in der Schule.

Das Konzept heißt „flipped classroom“ oder umgedrehtes Klassenzimmer, weil der Lehrerinput aus der Schule nach Hause auswandert. Die Hausaufgaben gehen die andere Richtung: Sie werden in der Schulstunde gemacht – gemeinsam mit ihrem Lehrer in der Inge-Aicher-Scholl-Realschule.

Was sich verrückt anhört, ist derzeit das didaktisch interessanteste Konzept digitalen Lernens – und zugleich das lukrativste. In Hongkong und Südkorea verdienen die besten Flipped-Lehrer Millionen von Dollar pro Jahr.

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In der Mathematikstunde der 6c ist die Kraft des flipped-Konzepts nach zwei Minuten zu spüren. Es ist die letzte Stunde vor den Ferien – und dennoch sind die Schüler nach wenigen Augenblicken mitten im Thema. Lena hat eine Frage zur Wahrscheinlichkeitsrechnung, die sie im konventionellen Unterricht wohl erst in Minute 20 hätte stellen können. Das gelingt ihr, weil sie den Kurzvortrag von Lehrer Schmidt auf Video geguckt hat. Mehrfach, wie sie verrät. „Wenn ich was nicht verstanden habe, spule ich Herrn Schmidt einfach zurück.“

Genauer Blick auf jeden Schüler

In der Schulstunde beantwortet der 34-jährige Lehrer die Fragen dann nur anfangs von vorne am Pult. Sobald es detaillierter wird, geht er von Schülerin zu Schüler. Nun findet eher eine Nachhilfestunde statt. Die schwächeren Schüler profitieren davon. Für sie hat Schmidt mehr Zeit, als ihnen lieb ist. Karl und Leon etwa. Sie geben kleinlaut zu, dass sie sich das Video zu Hause nicht angeschaut haben. Keine Zeit, keine Lust, keine Ahnung von Mathe. Die Ausreden variieren, aber Ausweichen gelingt bei „Flipped Mathe“ nicht so einfach. „Schüler, die Mathe nicht können oder davon genervt sind, gab es immer“, sagt Schmidt. „Aber beim umgedrehten Unterricht habe ich einen viel genaueren Blick auf diese Schüler als im Regelunterricht.“

Schmidt betreibt „flipped classroom“ seit vier Jahren. Er findet das Konzept deswegen so überzeugend, weil es eine Verbindung von neuem und altem Lernen darstellt. Tatsächlich wird die Rolle des Lehrers als die eines Könners und Kenners seines Faches gestärkt. Schmidt ist auf Youtube genau wie bei den Eltern seiner Schüler ein kleiner Videostar: Alle können zuschauen, wie Schmidt den Dreisatz oder eine quadratische Funktion erklärt. Anders als beim normalen Lernen zieht Schmidt nicht die Tür hinter sich zu, sondern er lässt jeden in seinen Mathevortrag hinein. Gleichzeitig reißt die Technik viele Schüler mit. Sie finden es toll, dass ihr Mathelehrer auf Youtube ein Filmstar ist. Und sie können ihre Smartphones teilweise auch im Unterricht nutzen.

Der Anfang des „flipped classroom“ war für Sebastian Schmidt nicht einfach. Erst hatte er wochenlang Mathestunden zu Hause auf Video aufgenommen, das heißt, er hat kurze Sequenzen von fünf bis acht Minuten gefilmt. Viel länger sollte ein solches Video nicht sein, sonst steigen die Schüler aus. Aber Schmidts Schüler hatten anfangs gar keine Lust auf das neue Lernen. Sie streikten praktisch. Er musste ihnen erst anhand von Videos deutlich machen, dass nun viel mehr Zeit fürs individuelle Erklären ist. Manche hatten genau darauf keine Lust. Sie scheuten die Mehrarbeit. Ein paar Schüler der 10. Klasse, mit denen Schmidt den „flipped classroom“ begonnen hat, können heute nicht mehr verstehen, warum sie damals nicht mitmachen wollten. „Mir hat es auf jeden Fall etwas gebracht“, berichtet Anna. „Ich habe für Mathe einfach mehr Zeit gebraucht. In einer Schulstunde kann ich Herrn Schmidt aber nicht zurückspulen.“

In anderen Ländern wird Videomathematik längst intensiv genutzt. Mathelehrer Yat-Yan Lam zum Beispiel ist in Hongkong ein Star – und Millionär. Der 28-Jährige ist nur noch per Video zu sehen, in normalen Klassen unterrichtet er nicht mehr. Die ausgeprägte Heimarbeits-Lernkultur Asiens hat ihn zum Publikumsliebling tausender Hongkong-Chinesen gemacht. Dort ist es genau wie in Südkorea oder Vietnam völlig normal, abends noch ein paar Stunden zu lernen. Die Lernvideos von Yat-Yan Lam sind eine günstige und einfache Abwechslung für stupides Auswendiglernen.

Den „flipped classroom“ gibt es auch in der Hochschule. Dort heißt er MOOC. Der „massive open online course“ ist wie ein Video- und Aufgabenseminar, das man am heimischen Rechner absolviert. Die Stunden in der Uni sehen dann ähnlich aus wie bei Sebastian Schmidt in der Realschule. Christian Spannagel etwa, Professor für Mathematik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, geht im Hörsaal von Student zu Student, um individuell Fragen zu beantworten. Und Jürgen Handke ist noch einen Schritt weiter. Der Marburger Linguistik-Professor hat in seinem Büro ein kleines Fernsehstudio aufgebaut. Dort filmt er sich und die anderen Linguisten seines Instituts – und stellt sie anschließend ins Netz. „Bei uns legen inzwischen Studenten ein Studienmodul ab, ohne dass wir ihnen jemals begegnen“, berichtet Handke. Das weltweit belegbare Linguistik-Seminar Handkes wird von den Studierenden Schritt für Schritt online absolviert. Professor Handke gibt es dort nur noch vom Band.

Jürgen Handke ist der Pionier des digitalen Studierens. Er experimentiert seit über zehn Jahren mit Video- und Online-Kursen. Nun steht er nur noch einen Schritt vor der nächsten Stufe des virtuellen Studiums. Man kann sein „Inverted classroom Mastery-Model“ auch ohne Dozenten aus Fleisch und Blut veranstalten. „Es treten Avatare auf, die mit den Studenten sprechen“, sagt Handke – und stellt Pepper vor. Der ist ein von künstlicher Intelligenz gesteuerter Roboter, der schon bald die Arbeit der Dozenten in den Fernseminaren übernehmen wird.

Mit Lehrer Cha Kil-Yong online büffeln

Pepper vereint zwei Elemente der futuristischen Lern- und Studienszenarien per Video: Erstens macht er es möglich, Kurse ohne teure Lehrer zu personalisieren. Zweitens kann er aus dem Studium ein Geschäftsmodell machen. In Korea hat Cha Kil-Yong die Paukschulen – die sogenannten Hagwons helfen Schülern bei den Aufnahmeprüfungen für Universitäten über den Zaun – in Online-Videos für zu Hause übersetzt. Die gestressten Kinder in dem bildungsbesessenen Tigerstaat büffeln mit Cha auf dem Bildschirm; ihre Chancen, die harten Uni-Tests zu bestehen, steigen so – und ihr Mathe-Lehrer wird reich. Cha Kil-Yong macht acht Millionen Dollar im Jahr.

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Das ist die Blaupause für den humanoiden Lernroboter Pepper: Er könnte schon bald ein lukrativer Uni-Dozent sein, dessen Kurse weltweit vertrieben werden. Zu geringem Preis, aber in großer Auflage. Kein Wunder, dass in Deutschland der Medienkonzern Bertelsmann Video-Bildung als ein neues Standbein entdeckt hat. Er peilt mit einer Art RTL-Video-Uni eine Milliarde Euro Umsatz an.

Für den Neu-Ulmer Realschullehrer Schmidt ist das kein Ziel. Er stammt aus einer Lehrerfamilie, die nicht in Auflagen, sondern im klugen Ausbilden denkt. „In der Schule“, sagt er, „dauert es auch immer seine Zeit, bis die Schüler merken, dass es sinnlos ist, für Schulaufgaben Videos zu gucken. Eigenes Üben ist dafür viel besser geeignet.“ Video dient ihm als Vorbereitung für das Face-to-Face-Lernen.

Aber wie ausgeflippt das Video-Klassenzimmer wird, entscheidet nicht Schmidt, sondern der Markt. Und jene Finanzminister, die nur zu gerne ein paar tausend Lehrerstellen einsparen wollen – sobald Peppers Lehrer-Klone Schülerfragen beantworten können.

der Freitag Bildung 2.0

Dieser Text ist Teil einer Verlagsbeilage der Freitag Mediengesellschaft

Kommentare (2)

na64 14.11.2016 | 08:50

Wenn dies alles im Netz auch für "Arme" Nationen, für Regionen die man mit Absicht ausgrenzt zugänglich ist, ist dies ein Chance für gleichberechtigtes Auftretten gegenüber den "gebildeten fortschrittlichen" Nationen. Geistige Armut ist dann am End selbst verschuldet, durch Bequemlichkeit und ausleben von Vorurteilen. Ich kann über die Ignoranz hinwegsehen und erkenne einen neuen Horizont, in dem Alte Ausgrenzungsmuster verschwinden werden. Wie dann neue Ausgrenzungsmuster aussehen werden wird sich dann zeigen, wie wir mit den veränderten Umständen umgehen werden. Wie werden dann die Arbeitsmasken von Berufen aussehen!?. Kooperation oder ich bin eine Trumpi und mache solch einen Wirbel, weil ich diese Veränderungen ausgrenzen will, da Sie mir ja meine geglaubte Machtstuktur anzweifelt. Man muss sich das mal vorstellen. Da sind dann die Kinder schlauer, selbst die aus den Armen Regionen, statt die Leute, die in den Führungsetagen sitzen. Das war es dann mit den gewohnten Strukturen an Respekt und Autorität zu den Führungspersonal. Das ist dann die nächste Baustelle die ansteht. Wer ist berechtigt eine Führung zu übernehmen, da andere, sogar Menschen aus finanziell Armen Verhältnissen, dies mittels Ihrer Fähigkeiten besser können, statt die die jetzt diese Positionen inne haben!?. Am End heißt es für uns alle. Welche Gewohnheiten wollen wir bei behalten und uns so im weiter entwickeln selbst im Wege stehen!?. Damit grenze ich mich dann selber aus und förder meine eigene persönliche geistige Armut die ich mir dann selber erschaffe.

Sikkimoto 14.11.2016 | 10:34

Mir ist überhaupt nicht klar, inwieweit so ein alberner Roboter einen Lehrer ersetzen soll. Das ist alles so pseudofuturistisch. Was passiert wenn der Schüler nicht mitkommt und Fragen stellen muss? Ist die KI so ausgereift, dass sie den richtigen Erklärungsansatz findet? Wohl kaum. Und wenn es diese KI doch gäbe: Wozu sitzt man dann noch in einem Klassenraum? Man könnte sich das Programm genausogut zuhause auf den Rechner holen und dort lernen.