Der europäische Landbote

Porträt Martin Schulz verkaufte vor seiner politischen Karriere Bücher. 2013 sprach er in seinem alten Laden in Würselen mit dem "Freitag" über Scheinriesen und große Erzählungen
Christine Käppeler | Ausgabe 11/2013 17
Der europäische Landbote
Für Martin Schulz ging es in den vergangenen Jahren steil nach oben. Der Einfluss des EU-Parlaments wächst ihm aber zu langsam
Foto: Werner Schuering/ imagetrust

Wenn man von Aachen mit dem Bus kommt, beginnt Würselen zwischen einer Aral-Tankstelle und einer Filiale von Aldi-Süd. Interessant wird die 40.000-Einwohner-Stadt zwischen den drei zentralen Haltestellen: Würselen Kirche – Würselen Markt – Würselen Rathaus. Letzteres ist ein rot-gelbes Klinkergebäude, Baujahr 1985. Der Energieausweis am Eingang bescheinigt, dass es gerade noch im hellgrünen Bereich liegt, Tendenz ins Kanariengelbe.

Martin Schulz war von 1987 bis 1998 Bürgermeister dieser Stadt, von der er gerne sagt, dass Aachen sich in ihrem Schatten prächtig entwickelt habe. Wer hier etwas über die Mühen der Ebene erfahren will, wirft am besten einen Blick in die Schaukästen der Parteien. Bei der SPD kündet ein handgemaltes Plakat davon, dass sich die neugierigen Senioren jeden Mittwoch im alten Rathaus treffen. Im Kasten der FDP hängt ein Antrag auf die Aussetzung der Kanal-Dichtheitsprüfung und bei der Unabhängigen Wählergemeinschaft ein Prüfantrag über wirtschaftliche Veränderungen im Freizeitbad Aquana – das übrigens 1999 Schulz’ Nachfolger als Bürgermeister zu Fall gebracht hat, was aber eine andere Geschichte ist, die man sich am besten, wie überhaupt alle Geschichten über die SPD in Würselen, von Andreas Dumke erzählen lässt.

Dumke ist nicht nur der aktuelle Stadtverbandsvorsitzende der Partei, sondern auch mit Martina Schillings-Dumke verheiratet, die seit zwanzig Jahren Inhaberin der Buchhandlung unweit der Haltestelle Würselen Rathaus ist. Sie kommt in Martin Schulz’ gerade erschienenem Buch Der gefesselte Riese – Europas letzte Chance vor, im letzten Kapitel. Dort schreibt er, dass er nicht stolz darauf sei, Europäer zu sein, aber auf den Buchladen, den er als junger Mann gegründet hat und den die ehemalige Mitarbeiterin noch heute erfolgreich führt.

Martin Schulz musste als Schüler vom Gymnasium ohne Abitur abgehen, stattdessen empfahl ihn sein Direktor für eine Buchhändlerlehre. Weil Schulz so viel las, und weil er über das, was er las, gut sprechen konnte. 1982 gründete er sein eigenes Geschäft. Im dritten Raum des Ladens, wo heute Prinzessin Lillifee ihren rosa Zauberstab schwingt, war damals die Teeküche, in der die Jungen von der SPD zusammenkamen und Schulz’ Kinder in den Büchern blättern durften.

Das Rathaus ist zu klein

An diesem Samstagabend wird Schulz in der Aula des anderen Gymnasiums von Würselen sein Buch vorstellen. Eigentlich war dafür das alte Rathaus vorgesehen, das 1988 zu einem Kulturzentrum umgebaut worden ist – „meine erste Großtat als Bürgermeister“, sagt Schulz. Doch heute ist das ehemalige Rathaus zu klein für ihn. So liest er also in der vollen Aula, und wie er da zwischen dem Demokratie-Defizit der EU und den Gefahren des internationalen Raubtierkapitalismus mit Seitenhieben gegen die Lokalpresse punktet, glaubt man sofort, was Andreas Dumke über ihn sagt: „Dat is ein echter Würselner. Wenn Sie mit dem hier 500 Meter gehen, brauchen Sie eine Stunde.“ Dankenswerterweise schließt er uns daher zum Gespräch über Schulz’ Buch, die Seele der EU und die Rolle der Literaten in der Buchhandlung ein.

Der Freitag: Ihr Buch beginnt mit einem literarischen Vergleich zwischen der EU und dem Scheinriesen Tur Tur aus Michael Endes Jim Knopf.

Martin Schulz: Ich kam auf diesen Vergleich nach einer Lateinamerika-Reise, auf der uns Vertreter des Mercosur fragten, wie wir das nur hinbekämen in der EU. Obwohl sie nur zwei Sprachen sprechen, Spanisch und Portugiesisch, ist die südamerikanische Wirtschaftsgemeinschaft viel zerrissener als wir. Europa ist für sie ein Vorbild. Aber kaum war ich zurück in Brüssel, ging es wieder um die Anti-Europastimmung und den Kampf der einzelnen Länder gegeneinander. Irgendwann dachte ich: Das ist ja wie der Scheinriese Tur Tur in der Augsburger Puppenkiste. Fährste mit der Lokomotive weg, wird er groß. Kommste näher, wird er klein.

Als die EU den Nobelpreis verliehen bekam, haben Sie Thomas Manns Buddenbrooks als Vergleich gewählt. Der Preis sei eine Auszeichnung für die Generation der Gründer und Verwalter und eine Mahnung an die Generation der Erben. Mir scheint das fatalistisch. Die Buddenbrooks erzählen ja die Geschichte eines unaufhaltsamen Niedergangs.

Ich glaube, er wäre aufhaltsam gewesen, wenn die Last des familiären Erbes auf mehr Schultern verteilt worden wäre. Wenn sie nicht nur dem Senator überlassen geblieben wäre, sondern wenn die Schwester mit ihren unzähligen unglücklichen Männerbeziehungen und der Bruder mit seiner Laissez-Faire-Haltung dem Senator zur Seite getreten wären. Stattdessen waren sie ihm eine zusätzliche Last. Wäre das Erbe solidarisch verwaltet worden, hätten die Buddenbrooks womöglich überlebt, während der Hagelschlag in die Felder ging. Wenn man sich aber aufteilt, die einen die Verantwortung übernehmen und die anderen sich nur auf diejenigen verlassen, die die Verantwortung übernommen haben, und die dritten sagen, ich kümmere mich nur um mich selbst – dann wird man untergehen. In dieser Gefahr ist Europa.

Sie schreiben in Ihrem Buch, weder in den USA oder Japan noch in Großbritannien werde die wirtschaftliche Apokalypse an die Wand gemalt. Sind wir Kontinentaleuropäer unverbesserliche Apokalyptiker?

Zumindest im Feuilleton hat man manchmal den Eindruck. An den Stammtischen auch. Aber ich glaube nicht, dass wir unverbesserliche Apokalyptiker sind. Ich habe in meinem Buch versucht, dieses Blame Game zu beschreiben, also dass immer dann, wenn etwas unpopulär ist, mit dem Finger nach Brüssel gezeigt wird. „Die da bei der EU sind schuld“, heißt es dann in den Hauptstädten. Was gut läuft – und es gibt eine Menge, was Optimismus rechtfertigen würde –, wird dagegen mit den nationalen Regierungen verbunden. Die Apokalypse wird Europa zugewiesen, der vermeintliche Fortschritt nationalisiert. Damit entwickelt der heimische Vorgarten mit dem Gartenzwerg und der Windmühle eine romantische Idylle, die apokalyptische Welt draußen, das ist Europa. Die Realität im 21. Jahrhundert sieht aber so aus: Wer den heimischen Vorgarten pflegt und sich nicht so aufstellt, dass er mit ökonomischen Weltmächten, mit ökologischen Herausforderungen im globalen Stil und mit der Spekulation an den internationalen Devisenmärkten fertig wird, der provoziert die Apokalypse.

„Die Seele der EU drückt sich in der Gemeinschaftsmethode aus“, schreiben Sie. Beschreibt dieser Satz nicht das ganze Elend der EU für Intellektuelle? Verglichen mit anderen großen Erzählungen wie etwa dem Marxismus klingt das nach einer schwachen Idee.

Das sehe ich anders. Die Frage ist, was ist die Idee und wie beschreiben wir sie? Die Idee ist großartig. Die kann man in einem Satz beschreiben: Nationen, die sich jahrhundertelang gegenseitig abgeschlachtet haben, bilden über Grenzen hinweg gemeinsame Institutionen, um in ihrer Unterschiedlichkeit ihre Interessen fair auszugleichen und sich besser aufzustellen für die Gefahren der modernen Zeit. Das ist doch eine faszinierende Idee.

Es klingt nur nicht besonders mitreißend. Eher bürokratisch.

So mitreißend waren die institutionellen Debatten des Marxismus auch nicht. Das war eine ganz technische Ideologie. Wenn sie über den Marxismus diskutiert haben, waren sie ganz schnell bei der Frage des Leninismus, ob eine Partei-Avantgarde die Revolution anführt oder nicht. Was Sie ansprechen, ist: Der Marxismus hat die Menschen in einer relativ emotionalen Weise mit einem Feindbild konfrontiert. Das kann und will Europa nicht liefern, denn Europa ist genau die Idee, diese Feindbilder zu überwinden. Das Problem aber ist, dass diese schöne Idee nicht mehr mit der EU in Verbindung gebracht wird. Wim Wenders hat das mal auf einen Satz gebracht: „Die Idee, die du da beschreibst, ist unbestritten, aber aus der Idee ist die Verwaltung geworden, und jetzt meinen die Menschen, die Verwaltung sei die Idee.“ Geben wir nun aber die Idee auf, oder ändern wir die Verwaltung? Wer die Idee verteidigen will, muss die EU verändern. Das will ich.

Der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom schreibt in Wie wird man Europäer?: „Für die Fiktion eines vereinten Europas sind viele Schriftsteller vonnöten, damit es für 350 Millionen Menschen ein gutes Ende nimmt.“

Da komme ich auf Ihre Frage von eben zurück. Braucht man für die mitreißende Erzählung viele Schriftsteller? Für den Marxismus bedurfte es nur eines. Ich glaube nicht, dass wir am Ende die Herzen der Menschen mit noch so viel Literatur erreichen, so wichtig sie ist. Die Krise Europas ist eine Vertrauenskrise. Europa war viele Jahrzehnte ein Versprechen. Die Politik versprach den Menschen mehr Friede, mehr Wohlstand, mehr Jobs, mehr Sicherheit. Das Friedensversprechen ist eingehalten worden, das Wohlstandsversprechen nur noch in bestimmten Teilen Europas, das Jobversprechen wird gar nicht mehr eingehalten. Solange wir das nicht schaffen, gewinnen sie das Vertrauen der Menschen nicht. Die Literatur hat den Vorteil, dass sie fiktiv sein kann, die Politik muss realistische Ergebnisse liefern, sonst wird sie als Science-Fiction abgetan.

Ist das eine Absage an die Belletristik?

Es gibt Politiker, die sagen: „Für Literatur habe ich keine Zeit, ich muss Lösungen erarbeiten.“ Dabei vergessen sie, dass eines der Hilfsmittel, mit denen man konkrete Lösungen erarbeiten kann, die Fiktion ist. Wenn man genau hinschaut, was andere sich vorstellen, wie es sein könnte, kann man daraus Ideen ableiten, die man realistisch umsetzen kann. Deshalb bin ich ein großer Verfechter der These, dass Literatur großen Einfluss auf die Politik haben kann, sogar haben muss. Aber Schriftsteller können nicht die Arbeit der Politiker übernehmen.

Eine Frage noch an den ehemaligen Buchhändler: Welches Buch würden Sie Silvio Berlusconi zur Lektüre mitgeben, sollte er je seine Gefängnisstrafe antreten?

Eine italienische Ausgabe des Knigge.

Das Gespräch führte Christine Käppeler

Martin Schulz, 57, ist seit Januar 2012 Präsident des Europäischen Parlaments. Der SPD-Politiker ist gelernter Buchhändler und war elf Jahre Bürgermeister von Würselen. In seinem Buch Der gefesselte Riese – Europas letzte Chance (Rowohlt 2013) entwirft er ein schockierendes Szenario für das Ende der Union und plädiert für mehr Demokratie auf EU-Ebene.

Er selbst las zuletzt Die schwarze Dame von Stephen L. Carter.

09:00 14.03.2013

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