Von deutscher Art

NOBELPREIS / GÜNTER GRASS Günter Grass wurde der Nobelpreis für Literatur zugesprochen

41grass.jpg Seit drei Jahrzehnten warteten seine Leser in Deutschland und in aller Welt auf diese Entscheidung. In dieser Zeit wuchs sein Werk, sein Ansehen, seine Bedeutung. Er hat die deutsche Literatur entscheidend beeinflusst, er wird weltweit verlegt und gelesen und weltweit war er folgenreich. Wer heute in dieser Welt noch Bücher liest, hat auch Grass gelesen, denn seit langem ist er einer der wichtigsten Schriftsteller dieser Welt. Mit großer Freude und auch mit Erleichterung wurde die diesjährige Stockholmer Entscheidung begrüßt.

Die Ehrung mit einem Nobelpreis gilt allein dem Ausgezeichneten, aber viele Nationen feiern einen Landsmann, der diesen hohen Preis zugesprochen bekommt, als sei das ganze Land damit geehrt worden. In vielen Staaten gilt diese Ehrung eines verdienstvollen Mitbürgers als ein nationales Ereignis. Es gibt Staaten, die vorsorglich Gesetze geschaffen haben, um den mit dem höchsten Preis Geehrten anschliessend national zu ehren und zu rühmen. Der Ausgezeichnete wird nicht weniger emphatisch gefeiert als ein Weltmeister im Fußball oder im Boxen.

Das ist bei den Deutschen nicht anders.

Auch wir freuen uns und feiern den Gelobten, freilich feiern wir ihn auf deutsche Art und nach deutschem Brauchtum. Wenn wir einer nationalen Katastrofe gedenken, so trauern wir nicht, sondern leisten eine Arbeit, Trauerarbeit. Unsere Scham über die deutsche Schande äußert sich als nationaler und nationalistischer Dünkel. Unsere Heimat, ihre Landschaften, ihre Seen und Berge, ihre Wälder, die Flüsse und jahrhundertealten Städte, wir lieben sie nicht, sondern sind stattdessen stolz auf sie. Wir sind zerrissen, einig im Selbsthass und verachten unseren Nächsten wie uns selbst.

Eine solche Nation freut sich des Gefeierten auf eine grundverschieden andere Art als andere Völker und Nationen. Entsprechend dem deutschen Gebot "Wir haben keinen, wir henken ihn denn", feiern wir den international Geehrten durch Schmähungen. Und wenn der Nobel-Geehrte ein rechter Deutscher ist, wird er verstehen, dass wir anders nicht gelernt haben, ihn zu würdigen. Den wir lieben, versuchen wir zu erziehen, wir strafen ihn, um ihn zu bessern und ihm zu helfen. Gefühlsregungen anderer Art sind uns fremd und gelten als welsch.

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