Mit Luftmatratze und Perücke

Interview Das Bündnis Block G20 wollte den Gipfel am Freitag morgen durch gezielte Blockaden stören. Wir redeten mit der Sprecherin Jana Schneider aus Hamburg

Hallo Jana, wer ist das Bündnis Block G20?

Wir sind ein Bündnis mit Menschen aus unterschiedlichen Spektren: Von Attac über Solid, die Interventionistische Linke, die Falken bis hin zu vielen Einzelpersonen.

Und was macht ihr?

Wir sind ein Aktionsbündnis, was sich nur für die Aktion am Freitag morgen gegründet hat. Also gibt es uns heute eigentlich schon gar nicht mehr. Wir sind eine Gruppe, die sich zusammengefunden hat, weil wir nicht wollen, dass der G20-Gipfel stattfindet, da er uns nicht repräsentiert, wir das Treffen nicht richtig finden und prinzipiell kritisieren. Wir wollten an die Tradition von Heiligendamm, vor genau 10 Jahren, anknüpfen. Das war der Grundgedanke. Dort gab es auch Blockaden, da sind ebenfalls Menschen in der Form des zivilen Ungehorsams auf die Straße gegangen, haben sich hingesetzt und es geschafft, die Zufahrtsstraßen zum Gipfel zu blockieren und dessen Auftakt zu stören.

Gibt es neben Heiligendamm noch weitere Beispiele für diese Form des Protestes?

In Frankfurt bei der Eröffnung der EZB, bei Castor schottern. Mit „Dresden Nazifrei“ haben wir den Naziaufmarsch aus der Stadt verbannt.

Wie protestiert ihr?

Im Vorfeld kommunizieren wir klar, was wir tun. Da machen wir kein Geheimnis draus und setzen das dann auch um. So auch dieses mal. Für das Blockieren der Zufahrtsstraßen haben wir ein Aktionsbild und einen Aktionskonsens formuliert. Wir wollten bis an die rote Zone herangehen, aber nicht hinein. Wir wollen nicht die Messehalle angreifen oder ähnliches. Wir wollen Menschen- und kreative Materialblockaden aufbauen: Luftmatratzen, Kreide um den Boden anzumalen, Dinge des Alltags, Anzüge – lauter Kleinigkeiten, die man mit sich tragen kann.

Also ein bunter Protest?

Wir machen den Menschen, die bei uns mitlaufen zwar keine Kleidervorschriften, aber im Vorfeld gab es eine "Modenschau des Widerstands", bei der wir präsentiert haben, wie wir aussehen möchten: Rote Maleranzüge, pinke Perücken, grüne Arztkittel und so weiter. Die Outfits möchten wir mit Inhalten verknüpfen: Lila Klamotten stehen beispielsweise für feministische Kämpfe. Wir hatten Menschen mit roten Maleranzügen und Schwimmwesten dabei, die zeigen wollten, das wir im Mittelmeer eins der größten Massengräber der Geschichte haben. Und für all das sind auch die G20 verantwortlich.

Gibt es eine taktische Vorgehensweisen?

Wir sind wieder in der Finger-Taktik gelaufen, kommen also nicht nur aus einer, sondern aus unterschiedlichen Richtungen. Wir hatten drei Startpunkte, wovon zwei öffentlich kommuniziert wurden und auch Veranstaltungen angemeldet hatten. Am Freitag haben wir uns um sieben Uhr getroffen und sind aus drei Richtungen zur Messehalle gegangen. Wir haben es mit allen drei Fingern geschafft in die blaue Zone zu kommen und uns so das Recht auf Versammlung geholt.

Viele Menschen haben die Bilder von Freitag Nacht im Kopf, als die Lage in der Sternschanze eskalierte. Wie passt das mit eurer Strategie zusammen?

Wir haben auch am Anfang gesagt: Wenn die Polizei da steht, dann lassen wir uns nicht aufhalten sondern gehen weiter, auch wenn klar ist, dass die blaue Zone beginnt. Dort haben wir uns – in Form des zivilen Ungehorsams – über das Versammlungsverbot hinweggesetzt. Ob rein juristisch gesehen alle legal war, wird man sehen. Wir sind in die Zonen und haben eine Sitzblockade gemacht. Aber das ist das Mittel des zivilen Ungehorsams. Seitdem es den Begriff der Demokratie gibt, gibt es den zivilen Ungehorsam.

Also blockieren statt eskalieren?

Unser Aktionskonsens ist: Von uns wird keine Eskalation ausgehen. Wir nehmen uns aber das Recht raus, uns zu schützen. Deswegen hatten wir sogenannte Demokratieschutzfolien dabei. Das ist eine Art Overhead-Projektor-Folie die am Kopf befestigt wird falls Pfefferspray gesprüht wird. Wir haben auch Regenschirme oder Luftmatratzen dabei, um uns vor den Strahlen der Wasserwerfer zu schützen.

Könnten Gerichte dies nicht als passive Bewaffnung werten?

Kann gut sein. Die Folie kann eine passive Bewaffnung darstellen, wenn du aber ein politisches Statement darauf stehen hast, ist es ein politisches Statement. Und trotzdem schützt es deine Augen vor Pfefferspray.

Kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei?

Ich kann nur von dem Finger reden, in dem ich war, da wir es bisher noch nicht geschafft haben, uns zusammenzusetzen und die Aktion zu besprechen. Wir waren im roten Finger so 500 bis 600 Leute und plötzlich ging es los, wir waren wirklich schnell unterwegs! Da laufen die Leute mit ihren bunten Klamotten und Gummitierchen – da war an einigen Teilen die Polizei erschrocken, wie flink wir waren – die haben nie gedacht, dass wir so schnell Richtung Protokollstrecke kommen.

Und kam es dann zu polizeilicher Repression? Wurde Gewalt angewendet?

Ja, gestern haben wir massive Polizeigewalt erlebt, an vielen Stellen. Die Polizei hat versucht, uns zu splitten und wie Tiere durch die Straße gejagt. Sie haben Menschen mit Schlagstöcken gehauen, ich hatte mehrere Reporter dabei, die unglaublich erschrocken darüber waren, wie die Beamten mit uns geredet haben. Wir haben unsere Arme hochgenommen und gerufen "Wir sind friedlich, was seid ihr?“ und wurden rigoros weiter in Gebüsche gedrängt. Man hatte das Gefühl, hier werden nur Befehle ausgeführt. Die Sitzblockade wurde vom Wasserwerfer beschossen, Menschen wurden über den Boden gezerrt.

Wart ihr dennoch erfolgreich?

Auf jeden Fall. Ich glaube, wir haben gute Bilder senden können. Wir waren über 5000 Menschen, Teile von uns sind bis an die rote Zone herangekommen. Ich sprach vorhin mit einem Aktivisten, der sagte, er hätte gestern Donald Trump gesehen, weil er mit BlockG20 unterwegs war. Wir haben es geschafft, mit unserem Aktionsmittel, dem zivilen Ungehorsam, auf die demokratiefreie Lücke aufmerksam zu machen. Deswegen nehmen wir uns das Recht auf Versammlung. Einige saßen sogar auf Protokollstrecken, weswegen Delegationen Umwege fahren mussten. So kam es zur Störung des Gipfels. Wir wollten das Signal in die Welt senden: Wenn sich die G20 treffen, dann sind wir auch da!

10:03 10.07.2017

Kommentare 3