Angriff ist die beste Verteidigung

Ersatzdienst Der Verteilungskampf hat begonnen. Die Sozial­verbände tönen: Ohne Zivis droht die Katastrophe! Das stimmt zwar nicht, könnte ihnen aber Geld bringen

Als die schwarz-gelbe Koalition ihre Absicht bekannt gab, die Wehrpflicht von 2011 an auf sechs Monate zu verkürzen, jammerte der Bundeswehrverband leise, viel lauter allerdings die Sozialverbände. Verständlich, schließlich drohen sie ihre billigsten Arbeitskräfte zu verlieren: die Zivildienstleistenden. In der Alten- oder Behindertenpflege, im Hausmeisterbereich, bei den mobilen sozialen Diensten oder im Rettungsdienst sind sie beschäftigt. Sie bilden die Masse an jungen Männern im Pflichtdienst; eine Art staatliche Heilsarmee. Derzeit leisten 77.000 junge Männer Zivildienst, den Grundwehrdienst hingegen nur 33.000.

Die Bundesregierung begründet die geplante Verkürzung der Pflichtdienste mit der Wehrgerechtigkeit. Denn bislang werden nur 17 Prozent eines Jahrgangs überhaupt zum Dienst eingezogen. Das ist rechtlich ein Problem, weil diejenigen, die es trifft, sich ungerecht behandelt fühlen. Durch eine Verkürzung könnten wieder mehr junge Männer eines Jahrgangs verpflichtet werden. Außerdem ist es der kleinste gemeinsame Nenner innerhalb der Regierungskoalition, in der die FDP grundsätzlich für eine Abschaffung der Wehrpflicht eintritt, die Union sich aber nicht von diesem Grundprinzip trennen kann.

Doch während die Bundeswehr mit den teuren Rekruten schon lange nichts mehr anzufangen weiß, bilden die Zivildienstleistenden mittlerweile das eigentliche Rückgrat der Pflichtdienste. Sie sind fest in die Personalplanung der Wohlfahrtsverbände eingebunden und übernehmen mitunter durchaus qualifizierte Aufgaben.

Drohen und fordern

Deshalb litte wohl gerade der Bereich „Dienst am Menschen“ am meisten. Dort arbeiten Zivis mit Senioren, Kindern und Behinderten. Beziehungen sind hier wichtig, doch die sind in sechs Monaten kaum mehr aufzubauen. Schließlich müssen von dieser Dauer noch Schulungszeiten und Urlaub abgezogen werden. Das heißt: Hat beispielsweise ein Kind ein Vertrauensverhältnis zum Zivi aufgebaut, ist dieser auch schon wieder weg. Das geht nicht spurlos an Kindern vorbei. Aber auch für Senioren oder Behinderte ist es schwer, mit dem ständigen Wechsel umzugehen.

Dass so manches Pflegeheim ohne Zivis dicht machen könnte, wird offen niemand zugeben. An den Tatsachen ändert das aber nichts. Rein rechtlich dürfen Zivis zwar nur „zusätzliche“ Aufgaben erfüllen, doch die Realität sieht anders aus. Die Komplizen für die Erweiterung ihrer Aufgaben sind oft die Zivis selbst. Sie nehmen die zusätzlichen Aufgaben gerne an – können sich die meist hoch motivierten jungen Männer so doch Kompetenzen aneignen und sich in einem wichtigen beruflichen Feld beweisen.

Doch damit könnte durch die Dienstzeitverkürzung Schluss sein. So wird es die Zivildienstleistenden im Rettungsdienst (derzeit rund 2.000) künftig nicht mehr geben, denn allein ihre Ausbildung dauert drei Monate. Aber auch in anderen Bereichen wird man sie aus anspruchsvolleren Tätigkeiten abziehen und an ihrer Qualifikation sparen. Dann werden Zivis kaum mehr sein als Langzeitpraktikanten. Wenn sich aber der Einsatzbereich immer enger und belangsloser entwickelt, wird der Zivildienst zunehmend unattraktiv. Auch seine gesellschaftliche Anerkennung dürfte sinken. Ulrich Schneider vom Paritätischen Wohlfahrtsverband resümiert bereits: „Wenn man auf sechs Monate geht, dann ist der Zivildienst am Ende.“ Will sagen, dass sich die Sozialverbände immer weiter zurückziehen werden.

Dass immer mehr Wohlfahrtsverbände überprüfen, ob sie Zivis noch einsetzen können, ist einigen aus der Politik gar nicht recht. So forderte die Junge Union kürzlich einen allgemeinen Pflichtdienst. Die Idee ist nicht neu, doch kaum umzusetzen. Die Verfassung lässt dies nicht zu.

Die sozialen Verbände stellen sich schon seit Jahren in allen Bereichen auf einen Umbau des Dienstsystems ein. Dabei geht es vor allem ums Geld. Das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche etwa beschäftigt derzeit rund 12.000 Zivildienstleistende, zwei Drittel davon in Pflege und Betreuung. Angesichts der Verkürzung der Dienstzeit, fordert die Diakonie nun, dass künftig die Kosten für die Ausbildung der Zivildienstleistenden komplett vom Bund übernommen werden – derzeit bekommen die Träger nur 33 bis 55 Prozent an Zuschüssen. Die Kosten dafür dürften steigen, da durch die kürzere Dienstzeit mehr junge Männer eingewiesen werden müssten.

Das heißt: Ein sowieso schon hoch subventionierter Mitarbeiter der Diakonie soll noch weiter durch die öffentliche Hand finanziert werden. Die Träger erhalten auch heute schon Geld vom Bundesamt für Zivildienst für Unterkunft, Arbeitskleidung, Verpflegung sowie Ausbildung der Zivildienstleistenden. Lediglich für Verwaltungskosten muss die Einrichtung aufkommen. Trotzdem fordert die Diakonie mehr Geld. Auch hinter kirchlicher Wohlfahrt verbirgt sich eine knallharte Kostenkalkulation.

Bilanz statt Nächstenliebe

Sollte ihrer Forderung nicht entsprochen werden, drohen die Wohlfahrtsverbände indirekt damit, sich nicht mehr an der Durchführung des Zivildienstes zu beteiligen. Bei einem so großen Träger wie der Diakonie wiegt eine solche Drohung schwer. Aber auch andere soziale Dienste geben derzeit Warnschüsse ab. Die Verhandlungen über den langsamen Abzug der Helfer laufen noch.

Auch die meisten Zivildienstleistenden sind eher unglücklich mit der geplanten Dienstzeitverkürzung. Viele fürchten eine Lücke im Lebenslauf. Denn Dienstantritt ist in der Regel zum Ende des Sommers, mit Urlaub kann man im Januar bereits fertig sein und müsste mit etwas Pech bis Oktober auf einen Studienplatz warten. Deshalb steht zur Zeit eine freiwillige Verlängerung hoch im Kurs. Doch die kostet Geld – und das wollte man eigentlich sparen. Als die Union dennoch Anfang März für den Vorschlag warb, sträubte sich die FDP dagegen. Die Zentralstelle für Kriegsdienstverweigerer fürchtet neue Ungerechtigkeiten: Begehrte Stellen würden dann bevorzugt jene bekommen, die freiwillig verlängern.

Die eleganteste Lösung scheint zu sein, die Freiwilligendienste auszubauen und so einen sanften Übergang vom Zivildienst in das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) vorzubereiten. Die Nachfrage ist da: Derzeit bewerben sich auf eine FSJ-Stelle drei Interessierte. Veronika Schneider von der Arbeiterwohlfahrt ist überzeugt, dass dieser Bereich künftig ausgebaut werden könnte, wenn mehr öffentliches Geld zur Förderung der pädagogischen Begleitung des FSJ fließen würden. Auch hier soll der Bund also die Bildungskosten schultern.

Die Zukunft der Pflichtdienste scheint so oder so begrenzt. Nur noch die Union hält daran fest. Wenn künftig auf den Ausbau der Freiwilligendienste gesetzt wird, müsste man allerdings einen ungewollten Nebeneffekt frühzeitig im Blick behalten. Während der Zivildienst die sozialen Berufe für viele junge Männer attraktiv gemacht hat, wird das Freiwillige Soziale Jahr derzeit zu 90 Prozent von jungen Frauen abgeleistet. Will man einen Rückfall in die traditionelle Rollenverteilung vermeiden, muss man den Dienst an der Gesellschaft im sozialen Bereich auch für junge Männer attraktiv machen. Ein wichtiges Zeichen wäre zum Beispiel eine Anerkennung, die den Hochschulzugang erleichtert, wie es beim Zivildienst heute bereits der Fall ist.

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Ihre Freitag-Redaktion

11:30 18.03.2010
Geschrieben von

Connie Uschtrin

Redakteurin Politik
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Ausgabe 39/2020

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