Im Auge des Sturms

Im Gespräch Ralf Bischof, Geschäftsführer des Bundesverbandes Windenergie, über das energiepolitische Gleichstellungsgesetz, Offshore-Windparks und die riesige Batterie Norwegen

Der Freitag: Herr Bischof, die Windenergie-Branche scheint unberührt zu sein von der Krise. Ist das Geschäft mit dem Wind so vielversprechend wie früher an manchen Stellen das Bohren nach Erdöl?


Ralf Bischof:

Mit dem Aufspüren von Erdöl ist vielleicht am ehesten das Stromeinspeisungsgesetz vergleichbar. Das unter Kanzler Kohl 1991 verabschiedete Gesetz gab den Startschuss für die Windenergie in Deutschland. Seitdem blickt die deutsche Windindustrie auf eine stetige und stabile Entwicklung zurück – heute gestützt vom Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Die EEG-Novelle, aber auch die Reform des Gewerbesteuergesetzes geben Kommunen und Regionen seit Beginn des Jahres wichtige Impulse für das Errichten von Windparks. Dieses Wachstum wird jetzt deutlich stärker von der Öffentlichkeit wahrgenommen als noch vor ein oder zwei Jahren, weil in der aktuellen Krise andere Unternehmen Arbeitsplätze abbauen müssen.


Vor der Küste von England beginnt nun der Bau des weltgrößten Windparks im Meer: London Array. An dem Konsortium ist Eon mit 30 Prozent beteiligt, Siemens liefert die Turbinen – ein Konjunkturmotor, auch für deutsche Firmen. Was macht die Bedingungen vor Englands Küste so günstig?


England hat nicht wie Deutschland ein Wattenmeer, das besonders schutzbedürftig ist, man kann also näher an der Küste und damit kostengünstiger bauen. Der Hauptgrund ist aber, dass dort die Förderung für Offshore-Windstrom doppelt so hoch ist wie für Onshore-Strom. Damit will Großbritannien Investitionen in Windenergieanlagen auf dem Meer forcieren. Der Ausbau der Windenergie insgesamt bleibt in Groß­­britannien aber stark hinter den Möglichkeiten zurück – nur knapp 3.000 Megawatt Leistung in den letzten 20 Jahren. Deutschland hat die achtfache Menge am Netz.


In Deutschland klagen derzeit Fischer gegen die in der Nordsee geplanten Offshore-Windparks. Sie sprechen von Fangeinbußen von 20 bis 50 Prozent jährlich. Was sagen Sie den Fischern?


Wir kennen die Diskussion ja auch vom Land, wo viele die Befürchtung hatten, Vogelbestände würden reduziert. Das Gegenteil war der Fall, die Vogelbestände nahmen sogar zu – denken Sie an die gewachsene Seeadlerpopulation. Ich erwarte für die Nutzung der Windenergie auf hoher See ähnliche Entwicklungen. Und den Kindern der Fischer bietet diese Industrie zukunftssichere Jobs.


Die Windenergie könnte den Anteil an Erneuerbaren Energien bis 2020 um satte zehn Prozent steigern. Die Bundesregierung unterstützt diesen Kurs. Bessere Bedingungen kann man sich wohl kaum wünschen, oder?


Einerseits ja, aber die Interessenkonflikte im Energiesektor werden zunehmen. Für die Grundlastkraftwerke, meist Kohle- oder Kernkraftwerke der etablierten Energiekonzerne, stellt es ein existenzielles Problem dar, dass sich der Erneuerbare-Energien-Sektor viel schneller entwickelt als alte Kraftwerke überflüssig werden. Die Grundlastkraftwerke, die rund um die Uhr laufen, schaffen folgende Situation: Wenn der Wind weht, ist nicht mehr genug Platz in den Netzen, um den Windstrom einzuspeisen. Dann muss man sich entscheiden: Werden die Windkraftwerke abgeschaltet oder die Kohle- und Kernkraftwerke? Da Kernkraftwerke nicht beliebig rauf- und runtergefahren werden können, wissen wir jetzt schon wie die Entscheidung ausfallen würde: Man wird die Windkraftwerke abschalten.


Welche Energie soll dann also die Windkraft in der Flaute ersetzen?


Wir brauchen Biomasse, Wasserkraft und neue Speicher in einem intelligenten System. Man könnte sich mit Norwegen zusammentun, wo sie im Hochgebirge große Wasserspeicher haben. Das sind Jahresspeicher: Nach der Schneeschmelze wird dort das Wasser aufgestaut und übers Jahr verteilt abgegeben. Das könnte man mit der Windenergie kombinieren. Bei viel Wind schicken wir den Überschuss an Norwegen, dann können sie dort den Staudamm zudrehen. Wenn wir zu wenig haben, können sie die Energie aus dem „gesparten“ Wasser zu uns schicken.


Die Bundeskanzlerin legt den Grundstein für ein zukunftsweisendes Hybrid-Kraftwerk. Ist Angela Merkels energiepolitischer Kurs glaubwürdig oder macht sie nur gute Bilder für den Wahlkampf?


Die Kanzlerin macht sehr deutlich, dass sie die Entwicklungspotenziale des Erneuerbaren Energiesektors ernst nimmt und auch die besonderen Chance für den Osten sieht. Aber in ihrer Partei sieht es ganz anders aus, da kommen sehr viele Querschüsse. Deswegen sehe ich eine schwarz-gelbe Regierungskoalition nach der Bundestagswahl mit gemischten Gefühlen. Die Fürsprecher einer überkommenen Energiepolitik könnten dann wieder die Oberhand gewinnen.


Durch das Erneuerbare Energien-Gesetz fördern die Stromkunden auch die Windenergie. Bei dem Bau von Offshore-Anlagen kassieren Eon, RWE und Vattenfall diese Förderung. Dabei haben diese Großkonzerne ihre Gewinne auf Kosten der Stromzahler in den letzten fünf Jahren bereits verdreifacht. Ist es nicht ungerecht, dass die Bürger hier doppelt zur Kasse gebeten werden?


Bis dato gibt es keinen Offshorestrom im deutschen Netz. Weit über 95 Prozent der Wind-Energiebetreiber sind hierzulande Mittelständler oder ausländische Unternehmer und eben nicht die Stromkonzerne. Das EEG wirkt auf dem Energiemarkt wie ein Gleichstellungsgesetz. Es gibt jedem einen Marktzutritt zu einem fairen Preis – viele Landwirte sind diesen Weg gegangen. In Großbritannien gehören fast alle Windkraftanlagen den großen Energiekonzernen. Die halten die Strommengen zurück. Aus diesem Grund ist für den britischen Stromkunden der Windstrom mindestens doppelt so teuer wie hierzulande. Deshalb ist es in Deutschland absolut notwendig, dass die Politik den Vorrang erneuerbaren Stroms beim Netzzugang auch in Zukunft garantiert.


Aber auch die deutschen Offshore-Anlagen werden doch von den Großkonzernen betrieben.


Der Offshore-Bereich betrifft aber in Deutschland und auch weltweit noch lange nicht das Massengeschäft der Windstromerzeugung. Wir sollten schwerpunktmäßig vor allem die Windenergieanlagen an Land ausbauen und effizienter machen. Auf der gleichen Fläche, auf der wir 1995 Anlagen errichtet haben, können wir heute den dreifache Stromertrag ernten, allein dank der technischen Fortentwicklung. Auf hohen Bergen bläst der Wind genauso stark wie auf See. Man muss also in die Höhe bauen. Das, was man in Offshore-Anlagen an Stahl in die Tiefe verbaut, davon braucht man an Land nur ein Fünftel, um einen ähnlichen Effekt zu erhalten. Ich bin mir sicher, bis auf weiteres wird die Windkraft an Land deutlich billiger bleiben.


Ralf Bischof

ist Geschäftsführer des Bundesverbandes Windenergie

Das Gespräch führte Connie Uschtrin


Boom im Windgeschäft

Rund 20.300 Windenergieanlagen mit etwa 24.000 Megawatt Gesamtleistung decken hierzulande rund sieben Prozent des Strombedarfs. 2008 kamen 866 Anlagen dazu. Die Windernte soll nach Branchenangaben bis 2020 ein Viertel des Strombedarfs decken. Die deutsche Windindustrie produziert zu 80 Prozent für den Export, weltweit wächst dieser Sektor. Bei der Verstromung von Wind stehen die USA an erster Stelle (22 Prozent der Weltwindenergie). Damit überholten sie Deutschland (20 Prozent) im Jahr 2008 zum ersten Mal.

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05:00 28.05.2009
Geschrieben von

Connie Uschtrin

Redakteurin Politik
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Ausgabe 42/2021

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