Moritz Wolfgruber, Hutmacher

Werkstattbesuch Abraham Lincoln hat ihn einst getragen – in London entfachte er einen Skandal: Wie entsteht ein Zylinder?
Moritz Wolfgruber, Hutmacher

Foto: Corinna Koch

Im Crop Cosecha, dem Geschäft des Hutmachers Moritz Wolfgruber am Neuköllner Reuterplatz in Berlin, wähnt man sich in einer Puppenkiste. Die Stimme des Inhabers klingt von der Decke her, grüßt und verstummt gleich darauf wieder – will man Wolfgruber mit einer Figur aus einem surrealen Märchen vergleichen, dann kann es nur der verrückte Hutmacher sein.

Im realen Leben kommt er jetzt die hölzerne Leiter heruntergestiegen, die zu einer mit Gartenzäunen eingefassten Zwischendecke führt. Moritz Wolfgruber trägt derbe Schuhe, eine abgewetzte Dreiviertelhose und einen eingelaufenen Wollpulli. Den braunen Haarschopf hält der 27-Jährige mit einem Tuch zusammen.

Wolfgruber entwirft Zylinder, die flach sind wie die Strohhüte von Buster Keaton, oder hoch in den Himmel ragen wie der, mit dem sich Abraham Lincoln 1862 im Lager von Antietam ablichten ließ. Sie sind allesamt handgefertigt, mal aus knallbunt gemusterter Ex-Gardine, mal aus blassem Jutestoff. Jeder Hut ein Unikat – man kann es für etwa 90 Euro erwerben.

Steife Form durch Schellack

Auf der hölzernen Werkbank, beschienen von einer riesigen Glaskugel, liegt einer der Crop Cosecha’schen Zylinder, er ist noch in Arbeit. Die klassische Ofenrohrform des Korpus ist schon fertig, der rot gemusterte Brokatstoff der Krempe liegt noch als ein großes Rechteck daneben. Die Heißkleberpistole ist Wolfgrubers meist gebrauchtes Werkzeug – anders als bei vielen Modisten werden seine Hüte nicht von Nadelstichen zusammengehalten, sie werden verklebt.

Diese Technik hat schon der Hutmacher George Dunnage aus Middlesex 1793 für seine ersten Zylinder verwendet, die ihre steife Form durch Schellack erhielten, der auf eine mit einem Tuch bespannte Holzform gestrichen wurde. Der Oberstoff aus gefilztem Biberfell wurde dann auf den noch feuchten Lack gelegt und glatt gestrichen.

Dunnages Zylinder entfachte einen Skandal, sein erster Träger löste Tumult unter den braven Bürgern Londons aus. Frauen fielen in Ohnmacht, Kinder schrien, und es kam zum Handgemenge. Bald wurde der ‚Top Hat‘ zu einem modischen Symbol der Industrialisierung. Seine so anarchisch wie modern in die Höhe ragende Form war mehr als zwei Jahrhunderte lang das Accessoire des westlichen Mannes in der Moderne.

Von Bad Reichenhall nach Berlin

Wolfgruber wählte für sich einen eher postmodernen Arbeitszyklus. „Mein Vater war Wirtschaftsingenieur, er verließ morgens im Anzug das Haus und stieg in seinen Dienstwagen, um ins Büro zu fahren“, sagt er. Damit könne er nichts anfangen. „Ich möchte, dass meine Arbeit eine klare, in sich geschlossenen, Welt erzeugt, in der ich Ideen entwickele, diese umsetze und die Produkte selbst vertreibe.“

Wolfgruber kam 2005 als Zivildienstleistender aus Bad Reichenhall nach Berlin, er verliebte sich und wurde Vater. Im damals noch rauen Neukölln fand er eine günstige Wohnung und schrieb sich für ein Biologie-Studium ein. Kurz darauf brach er es ab, der Studienbetrieb war ihm fremd. Wolfgruber wurde Fahrradkurier und baute in seiner Freizeit Objekte aus Materialien, die er bei seinen Streifzügen durch die Stadt entdeckte. In der Werkstatt hängt, am Ast eines Bäumchens und von einem Sonnenschirm beschattet, Wolfgrubers erster Zylinder.

„Bevor ich meinen ersten Hut gemacht habe, arbeitete ich an Lampenschirmen, deren Gerüst ich aus Hasendraht formte. Dann hatte ich diesen Wollstoff da, der mich an einen alten Filzhut meines Opas erinnerte“, erzählt er. „Aus dem Hasendraht bog ich mir ein Hutskelett zurecht, legte den Stoff darüber, rollte die Krempe ein und fixierte alles mit Sekundenkleber. Auf einmal war da ein flacher Zylinder, der ganz lustig aussah.“ Es kamen immer mehr Hüte dazu, die bald die Köpfe von Wolfgrubers Freunden zierten. Als drei Jahre später das Jobcenter vom Studienabbrecher wissen wollte, wie es nun weitergehen solle, erklärte Wolfgruber, er mache sich als Hutmacher selbstständig.

Fahrradfahren als Ausgleich

Er mietete den Laden am Reuterplatz, der so lange leer gestanden hatte – und schuf sein eigenes Reich: Crop Cosecha – Ernte. „Ich habe auf dem Flohmarkt diesen Haufen alter Kaffeesäcke aus Guatemala entdeckt, auf denen in schwarzen Lettern Crop Cosecha stand. Mir gefiel der Klang dieser Worte.“ Nach der harten Anfangszeit trägt sich Wolfgrubers Geschäft mittlerweile selbst. Seine Kunden sind Musiker, Schauspieler, Künstler und andere Individualisten, die bereit sind, Geld für einen unverwechselbaren Kopfschmuck auszugeben.

Wolfgruber ist nur noch an den Wochenenden im Laden, ihm sei bei dieser einsamen Arbeit in letzter Zeit die Decke auf den Kopf gefallen. Er geriet in eine Sinnkrise – seit dem Sommer ist er wieder als Fahrradkurier unterwegs, mit Kollegen. Das soll ihn erden, wenn er mal wieder in Fantasien von einer Zylinder tragenden Gesellschaft versinkt. Der Laden Crop Cosecha ist inzwischen eine feste Größe im Reuterkiez geworden. Bei gutem Wetter steht bei Wolfgruber die Tür offen, es läuft Musik, man probiert ein paar verrückte Hüte auf.

Sie verwandeln einen in kurzer Zeit in einen anderen Menschen.

In einer losen Reihe porträtiert Corinna Koch Menschen, die in Berlin ein seltenes und manchmal skurriles Kunsthandwerk betreiben

09:00 19.02.2013
Geschrieben von
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel