„Identitätsfindung ist heute viel wichtiger als früher“

Im Gespräch Die Genderforscherin Mart Busche über halbe Tomboys in Hip-Hop-Klamotten, den Homosexualitätsverdacht und die Tücken der gesellschaftlichen Gleichstellungsrhetorik

Der Freitag:

Mart Busche: Ich bin seit sieben Jahren in der Mädchenarbeit. In dieser Zeit habe ich kaum Verän- derungen bemerkt. Ich vermute, dass sich viele Mädchen heute nur Versatzstücke von Tomboys aneignen. Da gibt es etwa die Hip-Hop-Kultur mit den weiten Baggy-Klamotten, die den weib- lichen Körper nicht unbedingt als sexy darstellt. Den eigentlichen Tomboy gibt es aber auch immer mal wieder. Zudem finden sich heute viele andere Formen von nicht klassischem Mädchensein. Das ist vielleicht anders als vor 20, 30 Jahren: Die Zwischen­formen sind viel sichtbarer. Auch Identitätsfindung ist viel wichtiger geworden. Und da gehört die Suche nach funktionierenden geschlechtlichen Inszenierungen zwingend dazu.

Warum haben Mäd­chen oft eine Tomboy-Phase?

Manche Mädchen finden, dass es viel cooler ist, ein Junge zu sein, weil man mehr darf, weniger reglementiert wird und auch mehr Aufmerksamkeit bekommt. In der Schule ist das erwiesen. Bei Mädchen erwartet man, dass sie von sich aus mitmachen. Jungen bekommen mehr Aufmerksamkeit – nicht nur, wenn sie stören.

Ändert sich das in der Pubertät?

Die Pubertät ist eine besondere Phase, weil der Körper vermeintlich eindeutiger wird. Ich kenne Mädchen, die diese Zeit als ganz schrecklich beschreiben, weil sie plötzlich weder bei den Mädchen noch bei den Jungen gern gesehen waren. Sie hatten einen weiblichen Körper und verhielten sich wie Jungen, damit passten sie überhaupt nicht mehr ins Bild der anderen Kinder.

Haben Sie erlebt, dass Eltern ihre Töchter umerziehen oder sogar zur Therapie schicken?

Das nicht, aber dass das Umfeld sich Sorgen macht – oft wegen des Homosexualitätsverdachts. Und dass Druck ausgeübt wird, etwa über Kleidung. Ich kenne ein Mädchen, das auf dem Familienfoto im netten Kleidchen auftauchen sollte, als die nette, brave Tochter. Sie fand das schrecklich. Das Mädchen hat sich dann mit der Schere eine unmögliche Frisur zugefügt, um diesem Bild bloß nicht gerecht zu werden.

Werden denn viele Tomboys später lesbisch?

Man unterstellt Tomboys oft, dass diese Kinder keine im gesellschaftlichen Sinne „richtige“, also heterosexuelle Orientierung ausbilden. Was aus der Forschung bekannt ist, widerspricht dem. Wenn man sich Mädchen genau anschaut, sieht man, dass sie auch in ihrem Alltag mit ganz vielen Brüchen leben, sie gehen am Montag zum Kickboxen, am Mittwoch zum Jazzdance, und laufen an Karneval als Prinzessin herum. Die Rollen sind dabei noch ausdifferenzierter als bei Jungen. Ein Junge kriegt eher Stress, wenn er mit einem Röckchen oder langen Haaren in die Schule kommt, als ein Mädchen, das mit den Jungs im Dreck spielt. Das hängt natürlich vom Umfeld ab.

Das klingt trotzdem so, als seien die Tomboy-Mädchen nicht richtig akzeptiert. Als sei das eine unverständliche Phase, die möglichst schnell vorbei gehen soll.

Genau. Einerseits, weil es gesellschaftlich andere Bilder gibt. Die Medien zeigen, wie ein Mädchen oder eine Frau zu sein hat, und daran müssen sich die Mädchen abarbeiten. Nicht jedes Mädchen sieht aus wie Britney Spears, es muss trotzdem seinen Weg finden, mit seiner Identität und den Widersprüchen darin glücklich zu werden. Das andere ist, dass es eben immer diesen Verdacht auf Homosexualität gibt, das wird diesen Mädchen dann auch gerne vom Umfeld unterstellt. Deswegen fällt auf sie immer besondere Aufmerksamkeit.

Das Mädchenbild hat sich da sicher verändert, das sieht man auch an den Fällen von Mädchengangs und gewalttätigen Mädchen. Oder beim Komasaufen – es ist heute kein Widerspruch zur Weiblichkeit mehr, bis zur Be- wusstlosigkeit zu trinken, solange die heterosexuelle Begehrbarkeit gewahrt bleibt. Vor 20 Jahren wäre das eher unweiblich gewesen. Aber es hat in der Geschichte auch immer Beispiele von Frauen gegeben, die weibliche Normen unterwandert haben. Männlichkeit gehört schon lange nicht mehr den Männern allein. Andererseits gibt es gesellschaftlich so eine Gleichstellungsrhetorik, die Mädchen suggeriert: Wenn ihr nur wollt, dann könnt ihr doch alles. Die Mädchen glauben das meistens auch. Aber auf der faktischen Ebene sieht es dann oft anders aus.

Interview: Cornelia Kästner



Mart Busche ist Genderforscherin und in der Mädchenarbeit in Frilla, Nordrhein-Westfalen, tätig

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