Echte Markenware

Aufwertung Der Problembezirk Duisburg-Marxloh will sein Image verbessern, indem er zur Marke wird. Kreative wie der Filmemacher Halil Özet kämpfen mit ihren Ideen für den Stadtteil

"Made in Marxloh" steht auf den Mülltonnen, Schwarz auf Gelb, wie Ortsschilder sehen die Aufkleber aus. Was auf den ersten Blick wie der Scherz einiger Teenager wirkt, ist eine ernstgemeinte Idee. Der Duisburger Stadtteil mit dem dreckigsten Ruf im Ruhrpott will sein Image ändern. Man soll nicht einen Problembezirk, sondern etwas Positives mit Marxloh verbinden. Aus dem Bezirk soll eine Marke werden. "Es geht um ein Wir-Gefühl", sagt Halil Özet. Er ist einer der Köpfe hinter der Marketing-Idee. In Jeans und Pulli sitzt er an seinem Computer in der sechsten Etage eines umgebauten Zweite-Weltkrieg-Bunkers, der nun "Medienbunker" heißt.

Der Bau wurde mit EU-Geldern saniert. Vor fünf Jahren ist Özet mit seiner Film- und TV-Firma hier eingezogen. Zusammen mit dem Fotografen Rainer Kzonsek hat er das Gebäude gemietet. In den unteren Etagen produzieren ein paar Kollegen gerade Fernsehbeiträge. 22 Menschen arbeiten hier, vom Streetworker bis zum BWLer. Özets Büro hat einen Blick über die Dächer der umliegenden Häuser. Links sieht man die neue Großmoschee, mittig eine Kirche, rechts Thyssen. Besser hätten sie sich kaum platzieren können, die "Stadttherapeuten", wie sich Özet und seine Mitstreiter nur halb ironisch nennen.

Es ist lange her, dass die Schwerindustrie Marxloh gut ernährte. Die Hauptverkehrsader, die Weseler Straße, war in den fünfziger Jahren neben dem Kudamm die meistbefahrene deutsche Einkaufsstraße. Damals wuchs die Stadt, holte "Gastarbeiter" für die Kohlegruben und Stahlwerke. Mit dem Strukturwandel kam dann die Armut. Wer es sich leisten konnte, zog aus Marxloh weg. Geschäfte schlossen, sogar die Bibliothek machte dicht. Erst seit wenigen Jahren gibt es für Jugendliche wieder neue Angebote in dem 17.000-Einwohner-Stadtteil, in dem mehr als die Hälfte der Bewohner Migrationshintergrund hat. Viele Häuserfassaden wurden renoviert, und in der Weseler Straße siedelten sich zahlreiche türkische Geschäfte für Brautmode an, deren Kunden oft aus ganz Deutschland und den Niederlanden anreisen.

Ärger mit den Mädchen

Trotzdem hat fast jeder Fünfte hier heute keine Arbeit, fast jeder Vierte verlässt die Schule ohne Abschluss. Die Probleme kennt Özet. Aber er ärgert sich über reißerische Medienberichte und Vorurteile. "Das Image ist falsch." Erst kürzlich habe ein Reporter wieder Jugendliche mit gezücktem Messer vor der Fernsehkamera rappen lassen, der Polizeistatistik zum Trotz. Die Zahl der Straftaten sinkt seit Jahren, der gefährlichste Stadtteil ist es ohnehin nicht. Aber: "Wenn ich früher ein Mädel kennengelernt und ihr gesagt habe, dass ich aus Marxloh bin, hatte ich ein Problem", sagt Özet.

Nach der Schule ging er für einige Jahre weg, arbeitete überall in Europa, kehrte schließlich zurück und gründete seine Firma. Vom Film- und Fernsehtechniker wurde er zum Filmemacher und Kreativen, der "keine Fließband-Produktionen mehr machen muss". Und vom Jugendlichen, der kaum von Marxloh sprechen wollte, zum Mann, der kaum aufhört, davon zu sprechen. Er will etwas weitergeben, vor allem an Jugendliche, egal welcher Herkunft.

"Lieber unperfekt starten als perfekt warten", sagt Özet. Auch die Stadttherapeuten haben nicht auf alles eine Antwort. Den vielen Problemen stellt Özet viele Projekte entgegen. Die generieren bestenfalls Jobs. Aber manchmal auch nur TV-Beiträge, CDs, Fotos, Postkarten – und wieder neue Ideen. Zu den langfristigen Zielen gehören ein Migrationsmuseum und eine moderne Bibliothek. Gerade produzieren die Stadttherapeuten für den WDR eine Reihe von Beiträgen. Marxloher Jugendliche wie Emre, der gerade ein Praktikum bei Özet macht, sollen dabei neben Filmerfahrung auch Selbstbewusstsein sammeln.

Özets Überzeugung: Es lässt sich aus allem etwas machen. Im "Wohnzimmer", dem Treffpunkt im ersten Stock des Medienbunkers, stehen noch Dutzende Bettgestelle und Matratzen eines alten Projekts herum. Ein paar Betten hat Özet für ein Künstlerhaus verwertet, bald soll außerdem ein Hotel entstehen. "Kreativ sein kann auch heißen, Betten zu schleppen", sagt er und lacht.

Das Bundeswirtschaftsministerium hat ihm im September den Titel "Kultur- und Kreativpilot" verliehen. In der Begründung hieß es, er bekomme ihn für "unkonventionelle Arbeitsweisen zur Identitätsbildung des Stadtteils" – wie etwa die Braut-Aktion: Als die A40 im Sommer anlässlich des Kulturhauptstadtjahres komplett gesperrt wurde, liefen 100 Frauen in Brautkleidern über die Autobahn, alle mit Schildern: "Made in Marxloh". Fotografen und Kameramänner freuten sich über das originelle Bildmotiv, ein gelungener PR-Coup.

Coaching für den Kommerz

Mittlerweile sei auch die Stadt selbst auf die Initiative aufmerksam geworden. Die kommunale Entwicklungsgesellschaft ließ Geld fließen. Und der Bund spendiert seinen Kulturpiloten nun ein Coaching, damit die Kreativen lernen, ihre Arbeit kommerziell zu verwerten. "Das ist schon komisch", sagt Özet. "Wir haben ja nicht wirklich ein Produkt." Die wenigsten Ideen ließen sich direkt zu Geld machen, aber alle zusammengenommen veränderten Marxloh – und das würde sich positiv auf die lokale Wirtschaft auswirken, ist er überzeugt.

Özet will noch schnell bei einem Partner vom Einzelhandels-Bündnis vorbeischauen. Das Brautmoden-Geschäft von Tercan Küccük ist eine Welt aus weißen Stoffwolken. Özet begrüßt den Chef, lässt sich auf ein Sofa sinken, kriegt einen Tee gereicht.

"Vorher haben die Geschäftsleute sich hier nicht mal gegrüßt", sagt Küccük, der das Einzelhandel-Bündnis im September mit Özet und 20 anderen Geschäftsleuten gründete. 100 Euro zahlt jeder im Monat. Dafür wird es Imagevideos, geschmackvolle Weihnachtsbeleuchtung und Kaufgutscheine für alle Geschäfte geben. Sie wollten weg vom Ramsch-Ruf und zusammenhalten, sagt Küccük. Damit die Leute stolz auf ihr Viertel seien. Wenn es nach Özet ginge, bekäme auch jedes Brautkleid noch ein Label: "Made in Marxloh" natürlich.

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16:00 18.12.2010
Geschrieben von

Dagny Riegel

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Ausgabe 38/2021

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