13 Zeilen Spartacus

Das Geschichtsbewusstsein, die Geschichtslehrbücher und der schleichende Hohmann Ein Erfahrungsbericht

Neulich sagte ein Freund, ein Nachkomme von Obstbauern, Birnen lege man nicht neben Äpfel, das vertrügen die Birnen nicht, sie würden dätschig davon. Ob nun Luther neben Marx oder Adenauer neben Luther dätschig wird, ist eigentlich nicht entscheidend. Mir gefällt solch Nationalspiel nicht, weil da etwas zu einem undefinierbaren Geschichts-Unbewusstsein, zu einem Brei verrührt wird, der nicht mehr nach Apfel noch nach Birne schmeckt. 2.000 Jahre Menschheitsgeschichte müsse man beherrschen, um damit denken zu können, forderte Marx. Geschichte war in der Schule mein Lieblingsfach, sie erweiterte mir mein kleines Leben um Jahrtausende, und der historische Materialismus schien ein gutes Messinstrument zu sein. Später wurde Geschichte dadurch spannend, dass ich allmählich zu Quellen fand, die das sozialistische Bildungswesen mir verborgen hatte. Und 1989 wurde der rasende, rückwärtsgewandte Vorwärtsflug des Engels der Geschichte einfach atemberaubend. Bald aber entsetzten mich die plumpen Vereinfachungen und der demagogische Schund. In der Kulturstadt Weimar gab es eine Geschichts-Show als Gespensterbahn, am Ende waberte der Brei neblig verklärt auf einem Video über das "Weihe-Moor". Wie genau war dagegen zum Beispiel eine Ausstellung zu Reformation und Bauernkrieg "von früher", noch 2001 zu sehen im Stadtmuseum in Mühlhausen. Wenn ich von meiner Begeisterung für Geschichte sprach, fanden Freunde, Kinder und Kindeskinder oft, das sei langweilig, sinnlose Anhäufung von Daten, Namen, Zahlen und Lügen der Sieger außerdem. Viele wollten auch dem Geschichtsfatalismus ausweichen. Diese Millionen Toten und diese sich immer wieder wiederholenden Verbrechen! Wozu nach hinten in die Menschheitsentwicklung die geistigen Flügel ausspannen, wenn man sich davon nur Entsetzen in die Seele holte? Aber kann es nicht sein, dass die Schwäche des deutschen Bildungssystems auch daher kommt, dass es kein wirklich durchgesetztes, bestimmendes Geschichtsbewusstsein gibt? Es fehle ein "gesellschaftliches Konzept von Bildungszielen", so langweilig formuliert die Vorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft das Grundproblem; aber Recht hat sie. Nach Jorge Semprun habe das deutsche Volk als "einziges (...) in seinem Kopf und Körper" Nazismus und Stalinismus erlebt und müsse "beide Erfahrungen kritisch übernehmen und aufheben", davon hänge Europas Zukunft ab. Zu viel verlangt? Es gelingt nicht? Immer wieder fällt Sprache und Argumentation nicht nur am Stammtisch, sondern öffentlich weit zurück? Atheisten, Gottlose, seien die eigentlichen Verbrecher an der Menschheit, ob nun Juden oder nicht. Schon platzt der Lack ab, und "man darf in Deutschland nicht die Wahrheit sagen". So was führt zum schleichenden Hohmann. Geschichtslehrer klagten neulich im Deutschlandfunk im Forum Pisa darüber, dass sie wohl Zeitzeugen einladen würden, um Geschichte lebendig zu lehren, aber was da auf und herausbreche an unaufgeräumtem Bewusstsein, das könnten sie vor den Kindern nicht verantworten. Versagt also der Geschichtsunterricht? Dabei werden seit 1990 in rascher Folge immer neue und verbesserte und überarbeitete Lehrbücher der Geschichte von den Schulbuchverlagen herausgebracht. Der Verlag Schöningh veröffentlichte jeweils 1996, 1999 und 2001 neue Schulbücher für Geschichte. Andere Verlage stehen nicht nach, Cornelsen, Volk und Wissen, Schroedel, Diesterweg, Klett ... Im Ministerium für Bildung, Jugend und Sport Brandenburgs steht eine lange Reihe der neuesten Lehrbücher für Geschichte, Sekundarstufe I, griffbereit gleich hinter dem Schreibtisch der Sachbearbeiterin. Geschichtsschulbücher unterliegen einer besonders sorgfältigen Kontrolle für die Zulassung. Die Zulassung oder Beanstandung hängt mitunter auch von den jeweils regierenden Koalitionen der Länder ab. Die deutsche Schulbuchforschung kümmert sich um das Geschichtsbewusstsein. Die Fachzeitschrift Geschichte in Wissenschaft und Unterricht veröffentlichte Aufsätze, deren Titel das versprechen: Zwischen Negativkontrolle und staatlichem Monopol. Zur Geschichte der Schulbuchzulassung oder Zitate aus alten Geschichtsbüchern - Bewußtmachen der herrschenden Interessen und der Perspektive, aus der Geschichte erzählt wird. Es gibt auch seit 25 Jahren das Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung. 1999 wurde dort Auf den Kehrrichthaufen der Geschichte? veröffentlicht. In ihrem Beitrag Die sozialistische Vergangenheit in deutschen Schulbüchern schreibt Frau Mätzing: "Weder ist der Sozialismus 1945 vom Himmel gefallen, noch ist er eine Erfindung der Sowjetunion." Aber manches deutsche Geschichtslehrbuch erweckt diesen Eindruck. Eine "Genesis" der sozialistischen Idee, ihren Anfang im 19.Jahrhundert, den emanzipatorischen Ansatz müsse man beschreiben. Das sei in Entdecken und Verstehen von Cornelsen, Band 3, 1996, besser als in anderen Lehrmitteln gelungen. 2002 hat der Verlag Klett, Stuttgart, Düsseldorf, Leipzig für die Sekundarstufe II ein Lehrbuch Aufstieg und Zerfall der Sowjetunion veröffentlicht, das mit reichem Material um die Darstellung einer "Genesis" bemüht ist. Beim Nachlesen in anderen Schulbüchern fiel mir auf, dass die Kommunistische Partei Deutschlands und ihr großer Anteil am antifaschistischen Kampf vor und nach 1933 kaum dargestellt werden und dass für die Zeit von 1945-1989 oft pauschal vom "Kommunismus" in den Ländern des Ostblocks geredet wird. Wieso Kommunismus? Aber dann fand ich in Schöningh,1996, auch eine Tabelle zur Revolutionstheorie von Marx. Die von Lenin war als durchlaufender Text abgedruckt, dazu lautete die Aufgabe, eine tabellarische Übersicht über die Revolutionstheorie Lenins zu entwickeln. So intensiv bin ich im Osten nicht zur Selbständigkeit im Umgang mit Revolutionstheorien erzogen worden. Andere Nationen wollten in ihren Schulbüchern, die nach 1990 neu herauskamen, keine Darstellungen der "Genesis des Sozialismus" geben, wie sie Frau Mätzing für deutsche Schulbücher verlangt. Im georgischen Beitrag des Georg-Eckert-Institutes zum Umgang mit der sozialistischen Vergangenheit steht: "In den Lehrbüchern der georgischen Historiker wird die Epoche des Sozialismus als ein Abgehen von der normalen Menschheitsentwicklung bewertet, als ein ergebnisloses Experiment, das eher einem Alptraum glich als einer neuen Gesellschaft. In den neuen georgischen Geschichtslehrbüchern wird die sozialistische Ideologie als ein Import von außen bewertet." "Ich unterrichte gerne Geschichte", sagt eine Kollegin, die aus dem Westen ist, zu mir. Sie habe jetzt eine sehr gute Klasse, aber drei der Jungen argumentierten dauernd so: "Ja, wenn wir den Krieg nicht verloren hätten, dann stünden wir heute ganz anders da!" Argumente? Die drei blieben stur. Dabei gehe sie auf die Ostbesiedelungen und die Geschichte der Teilungen Polens und die Geschichte der Vertreibungen und Umsiedlungen wirklich intensiv ein. Polen, das sei doch gleich um die Ecke. Neues Material dazu böten die Schulbücher, die sie jetzt an der Schule habe, kaum, sie müsse deswegen nach einem alten Band von Diesterweg greifen. Ja, von den deutsch-polnischen Schulbuchkonferenzen sei früher viel die Rede gewesen. 1977 schon beschlossen Geschichtslehrer aus Polen und der BRD eine lange Liste von Empfehlungen für die Geschichtsbücher. Eine der vielen polnischen Änderungsvorschläge war, dass die Lehnsabhängigkeit der Herzöge von Pommern und Schlesien im 13. Jahrhundert nicht mehr als eine staatliche Einbindung in das deutsche Reich dargestellt werden sollte. Auch sollte die Haltung der SPD von 1918 nicht verschwiegen werden, die die Übergabe des Posener Gebietes an Polen zu verhindern suchte. Es fehle auch in deutschen Schulbüchern die schreckliche Tatsache, dass Hitlerdeutschland sich eine völlige Vernichtung der polnischen Intelligenz zum Ziel gesetzt hatte. Ich sehe nach in BSV, 4G,1996, dort wird auf S.152 ein SPD-Wahlplakat von 1949 abgedruckt. Deutschland eher in den Grenzen von 1937 und ohne Korridor. Aufgabenstellung: "Welche Forderungen aus dem Programm der SPD sind dem Plakat zu entnehmen?" Ich sehe nach im alten Diesterweg, 1979, Geschichtliche Weltkunde 1. Dort könnten sich doch die Beschlüsse von 1977 schon ausgewirkt haben. Ich finde Zitate aus deutschen und aus polnischen Büchern mit unterschiedlicher Perspektive zum Friedensvertrag von Thorn 1466 und zu den Pflichten des Hochmeisters gegenüber der polnischen Krone. 2003 fand die 30. deutsch-polnische Schulbuchkonferenz statt. Auf dieser Konferenz wurde unter anderem darauf verwiesen, dass es jetzt in den polnischen Schulbüchern nicht mehr die Formulierung von den wiedergewonnenen polnischen Gebieten gebe. Außerdem wurde lobend erwähnt, dass die Vertreibung nach 1945 in polnischen Schulbüchern ausführlicher und einfühlsamer als in den deutschen behandelt werde. Hat sich da etwas gedreht? Viele der neuesten Geschichtslehrbücher liefern Quellen über Quellen. Das freut mich. Quellen aber sind ausgewählt oder weggelassen. Wie beurteilen Schüler heute ein Plakat von 1955 in ihrem Geschichtsbuch, auf dem eine rote, bedrohliche sowjetische Flut nur dadurch abgehalten werden kann, dass die Fahne der BRD als Mauerstein die letzte Lücke schließt? Oder was denken Schüler heute über ein Plakat der KPD aus dem Jahre 1920 "Du sollst nicht wählen!"? KPD 1932, "Hitler bedeutet Krieg" fehlt. Eine Schülerin des französischen Gymnasiums in Berlin meint, dass gerade historische Plakate in den Geschichtsbüchern ihr am meisten sagen. Viele Schulbücher für Geschichte, die heute zur Auswahl angeboten werden, eröffnen ein Meer von Fakten, Quellen und Aufgabenstellungen, damit könnte man schon allerhand Geschichtsbewusstsein entwickeln. Die Schulen aber haben kein Geld, um neue Bücher zu kaufen, sie setzen noch solche von vor 1989 ein, natürlich keine aus der DDR, die sind nicht zugelassen. Die Lehrer haben keine Zeit, alle Neuausgaben zu vergleichen. Die Eltern scheinen danach gar nicht zu suchen. Bei Hugendubel in einer der größten Filialen Berlins stehen in einem fast nicht auffindbaren Winkel ganz tief unten wenige Exemplare neuester Geschichtslehrbücher, während Sprachen, Religion, Mathematik große Regale füllen. Er habe jetzt einen Geschichtslehrer aus dem Osten, der erkläre den Zusammenhang von Krise und Krieg genau, das sei endlich etwas Handfestes, so redet der Schüler einer 13. Klasse aus Moabit. "Geschichte, das mochte ich nie", sagt eine 16-jährige mit Eltern aus dem Osten, "aber jetzt habe ich einen neuen Geschichtslehrer, der ist aus dem Westen, da macht es Spaß, der weiß alles, nur über die DDR weiß er nix." Die Geschichtsbücher unserer Kinder sind gewichtig, das von Diesterweg, 1979, wiegt 613 Gramm, der neueste Band, Geschichte 4, Bayerischer Schulbuchverlag, wiegt 711 Gramm. Die Schultaschen werden immer schwerer, und die Lehrer schaffen den Stoff nicht. Das Interesse an Geschichte aber ist vorhanden. Den Schaum davon schöpfen Computerspiele und schlechte Filme ab. Da hilft alles nichts. Wir müssen ran! Wir können es nicht den Lehrern allein und auch nicht den "Zeitzeugen" überlassen, die vieles vergessen oder verklären. In der Uckermark haben ehemalige LPG-Bauern noch 1995 von "unserem Polen" gesprochen. Der so billige und so gehorsame Zwangsarbeiter war in der Erinnerung "unser Pole", der gute Knecht. Man selber jedenfalls war anständig zu ihm, man hat ihm die Wäsche vom gefallenen Sohn geschenkt. Wenn wir nicht den schleichenden Hohmann wollen, dann müssen wir mit unseren Kindern Geschichte nachlesen, so gut es geht, auch in ihren Schulbüchern! Neulich habe ich mit meinem Enkel seine Geschichtliche Weltkunde, Diesterweg, 1979, mit meiner Geschichte des Altertums, 1951, verglichen. Der Sklavenaufstand des Spartacus nahm bei mir vier Seiten ein, bei ihm einen Abschnitt von 13 Zeilen. Sein Buch ist nicht schlecht, ich habe schon einiges gelernt daraus, zum Beispiel über den Hochmeister des Ordens, wie er nach 1466 die Verträge mit der polnischen Krone brach. Literaturhinweise: Studien zur Internationalen Schulbuchforschung, Schriftenreihe des Georg-Eckert-Institutes, Bd 97, Auf den Kehrichtaufen der Geschichte? Der Umgang mit der sozialistischen Vergangenheit.

Hans W. Ballhausen: Aufstieg und Fall der Sowjetunion, Klett, 1998

00:00 16.01.2004

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