1941: „Meer von Häuptern“

Zeitgeschichte Dem Massaker der deutschen Besatzer an über 30.000 Juden in Babij Jar bei Kiew räumte der sowjetische Erinnerungskanon lange nicht den angemessenen Platz ein
1941: „Meer von Häuptern“
Erst nach 1990 wurde den ermordeten Juden gedacht, mit einer Menora

Foto: Sergij Kharchenke/Getty Images

Am 19. September 1941 beobachtet Anatoli, ein zwölfjähriger Junge, den Einmarsch deutscher Truppen in Kiew. „Sie rückten wie eine Wolke an, überschwemmten die Bürgersteige, erfüllten den ganzen Krestschatik mit Geknatter und Benzindämpfen“, schrieb er ein Vierteljahrhundert später als Schriftsteller unter dem Namen Anatoli Wassiljewitsch Kusnezow über die Invasion. Die Szene ist in seinem autobiografischen Roman Babij Jar festgehalten, der das Dasein unter deutscher Besatzung beschreibt. Die 1970 in München erschienene erste westdeutsche Fassung des Buches überrascht durch ihr Schriftbild: Normaldruck für die von sowjetischer Zensur beschnittene Fassung von 1966, Kursivdruck für die damals entfernten, nun wieder eingefügten Passagen, eckige Klammern für nachträgliche Zusätze und Kommentare des Schriftstellers, der 1969 aus der Sowjetunion floh und 1979 in London starb.

Unauslöschlich eingebrannt in das Gedächtnis des Autors hat sich der „Auszug der Juden aus Kiew“, die „dröhnende Prozession“, das „Meer von Häuptern“, in dem sich das „Meer blutverschmierter Leichen“ im Abgrund von Babij Jar ankündigt. Wenige Tage nach der Besetzung durch deutsche Truppen fliegen an der Kiewer Geschäfts- und Promeniermeile Krestschatik mehrere herrschaftliche Gebäude in die Luft, in denen sich die Invasoren häuslich niedergelassen haben. Durch Angehörige der sich zurückziehenden Roten Armee oder der sowjetischen Sicherheitsorgane sind Sprengladungen gelegt worden, die mit Zeitzündern versehen sind oder ferngezündet werden. Kurz nach den Explosionen täuschen die Besatzer eine Umsiedlungsaktion vor und befehlen den in Kiew wie der Umgebung lebenden Juden, sich am 29. September 1941 an einer genau bezeichneten Stelle in der Nähe des Güterbahnhofs zu versammeln. Wer sich widersetzt, dem wird Tod durch Erschießen angedroht.

Ein großer Teil der im Jahr 1939 über 170.000 Menschen zählenden jüdischen Bevölkerung Kiews ist vor den deutschen Truppen geflohen. Tausende harren aus, sammeln sich am vorgeschriebenen Ort und werden nach Babij Jar getrieben. Man schreibt den sechsten Tag nach dem Ende des jüdischen Neujahrsfestes, am Abend des folgenden Tages soll Jom Kippur, der Versöhnungstag, begangen werden. Die Zeit zwischen diesen hohen Feiertagen wird Ha-jamim ha-noraim – die „ehrfurchtsvollen Tage“ – genannt.

Kurz vor der Ankunft an der riesigen Schlucht wird der Zug in einen engen Durchgang gedrängt, den zwei Reihen von Schulter an Schulter stehenden Soldaten mit Maschinenpistolen und Hunden bilden. Mit Gummiknüppeln schlagen sie auf die inzwischen all ihrer Habe Beraubten ein, auf die Gestürzten hetzen sie Hunde. Inzwischen sind Nachzügler und Entflohene eingefangen, auf Lastkraftwagen mit hohen Seitenwänden getrieben und nach Babij Jar transportiert. Allein am 29. und 30. September 1941 erschießen die aus Polizeieinheiten und Angehörigen der Waffen-SS bestehenden Mordkommandos zusammen mit der Wehrmacht und unterstützt von lokalen Helfern über 30.000 jüdische Menschen in Babij Jar.

Anatoli Kusnezow beschreibt das, was er als Knabe unmittelbar gesehen oder gehört hat und gibt die Geschichte der Dina Pronitschewa wieder, einer Schauspielerin des Kiewer Puppentheaters, die – als einzige oder als eine der wenigen – Babij Jar überlebte und ihm ihre Geschichte erzählte, nachdem sie während der letzten Stalinjahre aus Angst vor antisemitischen Repressalien ihre Herkunft verschwiegen hatte. Indessen fehlt in Kusnezows Buch das, was in dem Werk Schwarzbuch. Der Genozid an den sowjetischen Juden (1947/1994), eine wichtige Primärquelle für die Geschichte des Holocaust, als „Vorspiel des Massenmordes“ bezeichnet wird. Das Kapitel über Kiew, das sich wie das gesamte Schwarzbuch auf Zeugenberichte, Abschiedsbriefe und Tagebücher stützt, die 1943/1944 gesammelt wurden, macht deutlich, dass noch am Tag der deutschen Invasion die Plünderung, Misshandlung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung Kiews begonnen hat.

An einem der auf den Massenmord von Babij Jar folgenden Tage ging das Kiewer Duma-Gebäude in Flammen auf. Da „packten die Deutschen alle Passanten, die gerade den Krestschatik entlanggingen, stießen sie in Autos und fuhren sie in den Babij Jar“, schreibt Kusnezow, wieder einmal andeutend, welche Funktion das Kraftfahrzeug als Hilfsmittel von Terror und Mord erfüllte. Kranke, die sich in einer nah gelegenen psychiatrischen Klinik aufhielten, wurden von einem deutschen Mordkommando, „mit einem Arzt an der Spitze“, aus dem Gebäude geholt und in Vergasungswagen gepfercht. Als deren Motoren liefen, erstickten die Kranken an den ins Wageninnere geleiteten Abgasen.

Nach dem Krieg, im Jahr 1960, versuchten die sowjetischen Behörden, durch den Bau eines Staudamms Babij Jar „vom Erdboden wegzuwischen“ – Versuche, die Kusnezow im Kapitel Die Vernichtung der Asche dargestellt und denen der Dichter Jewgeni Jewtuschenko einige Zeilen seines 1961 geschriebenen und von Paul Celan ins Deutsche übertragenen Gedichts Babij Jar gewidmet hat: „Über Babij Jar, da redet der Wildwuchs, das Gras. (…) Das Schweigen rings schreit.“ Das „Schweigen“ wurde 1976 im Sinne der herrschenden Ideologie gebrochen: durch ein Denkmal, das „allen Sowjetbürgern, den Kriegsgefangenen und den Offizieren der Sowjetarmee, die von deutschen Faschisten in Babij Jar erschossen wurden“, gewidmet war. Über Roma und Juden wurde geschwiegen. Erst nachdem sich die Sowjetunion aufgelöst hatte, wurde der ermordeten Juden mit einem auf sie bezogenen Denkmal, einer Menora, gedacht. Auch für andere bis dahin übergangene Opfergruppen wurden in Babij Jar allmählich Zeichen des Gedenkens – Tafeln, Kreuze, Steine – gesetzt. Und nun, 80 Jahre nach dem Massenmord? Eine gigantische Holocaustgedenkstätte mit Museum und zahlreichen Gebäuden für Multimedia-, Forschungs- und Konferenzzentren ist geplant beziehungsweise im Bau. Heftige Kontroversen um künstlerische und gedenkpolitische Konzepte sowie Rücktritte und Abberufungen behindern das Projekt immer wieder. Wird man am Ende die bescheidenen Denkmale aus der Zeit der frühen ukrainischen Unabhängigkeit nach 1991 vermissen müssen?

Als sich osteuropäische Archive nach 1990/91 öffneten und das oben erwähnte Schwarzbuch erschien, dessen erste vollständige Ausgabe in deutscher Sprache mit „fast fünfzigjähriger Verspätung“, so der Herausgeber Arno Lustiger, 1994 publiziert wurde, entstanden zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten über die von Deutschen verübten Massaker. Anfang des 21. Jahrhunderts trug Timothy Snyder mit Bloodland. Europa zwischen Hitler und Stalin (2010/11) dazu bei, „ein wirkliches Begreifen der nationalsozialistischen Verbrechen“ zu ermöglichen, das wegen der Missverständnisse über Orte und Methoden des Massenmords lange auf sich habe warten lassen, so der US-Historiker. Einige deutsche Autoren scheinen von dieser Verzögerung, den Versäumnissen und Missverständnissen nichts mitbekommen zu haben. Sie behaupteten etwa in der Süddeutschen Zeitung vom 1./2. 8. 2020, der Holocaust nehme im deutschen Kulturleben viel zu viel Raum ein, was der „Aufarbeitung“ anderer Menschheitsverbrechen abträglich sei (könnte nicht das Gegenteil, nämlich Zuträglichkeit, der Fall sein?).

Dem ist eine durch den ungarischen Schriftsteller Imre Kertész im Jahr 2007 formulierte Erkenntnis entgegenzuhalten: „Es ist nicht leicht, (…) sich mit der brutalen Tatsache zu konfrontieren, dass jener Tiefpunkt der Existenz, auf den der Mensch zurückfiel, nicht nur die eigenartige und befremdliche Geschichte von ein oder zwei Generationen, sondern zugleich eine generelle Möglichkeit des Menschen darstellt.“

Judith Klein ist Sozialwissenschaftlerin. Sie arbeitet in Deutschland und Frankreich. Zuletzt erschien von ihr 2018 das Buch Paris, Exil

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