1942: Humor und Horror

Zeitgeschichte In New York wird Ernst Lubitschs Filmsatire „Sein oder Nichtsein“ uraufgeführt. Die Kritiker streiten über die Frage, ob Nazi-Terror auch Stoff für eine Komödie sein kann
Andreas Busche | Ausgabe 12/2017 1
1942: Humor und Horror
Lubitschs Hauptdarsteller Jack Benny und Carole Lombard

Foto: United Archives/Imago

Bis zu den Ereignissen, die heute unter dem Label 9/11 firmieren, galt der 7. Dezember 1941 als das traumatische Datum der US-Geschichte. In den Morgenstunden dieses Tages hatte ein japanisches Luftgeschwader den Stützpunkt Pearl Harbour auf Hawaii angegriffen und die dort stationierte Pazifikflotte zerstört. Es war die erste Aggression überhaupt, bei der amerikanischer Boden attackiert wurde. Die von sechs japanischen Flugzeugträgern ausgehende Operation führte zum Kriegseintritt der USA gegen Deutschland und Japan. Präsident Roosevelt wollte bis dahin nicht von seinem Kurs des Nichteingreifens abrücken.

Während auf Pearl Harbour Bomben niedergehen, gehen auf dem Studiogelände von United Artists in Los Angeles die Dreharbeiten zu Ernst Lubitschs Spielfilm Sein oder Nichtsein ihrem Ende entgegen. Produziert wird eine Komödie, die von Schauspielern in Warschau erzählt, die zu Widerständlern gegen das deutsche Besatzungsregime werden. Um einen Kollaborateur auszuschalten und dadurch zu überleben, legen sie sich Nazi-Uniformen an und einen Nazi-Jargon zu. Es gelingt, die Gestapo in ihrer Machtzentrale zu täuschen und auszumanövrieren. Was als Camouflage gedacht ist, wird zur Parodie. Je theatralischer die falschen, desto schmierenkomödiantischer wirken die echten Nazis.

Von der US-Filmindustrie wird die Fabel zunächst kritisch aufgenommen. Als Charlie Chaplin 1940 seinen Großen Diktator dreht, ist sich die amerikanische Öffentlichkeit der nationalsozialistischen Eroberungs- und Vernichtungspläne noch längst nicht bewusst, spätestens aber seit dem Überfall auf Frankreich ist unbestreitbar, dass Hitlers Weltkrieg und seine monströsen Verbrechen keine Grenzen kennen. So steht man in Hollywood der Idee, eine Satire über die Nazi-Herrschaft in Polen zu drehen, reserviert gegenüber. Miklós Rózsa, der Hauskomponist von Produzent Alexander Korda, weigert sich, die Filmmusik für Sein oder Nichtsein zu schreiben, da er eine Satire über die Nationalsozialisten für unverantwortlich und abwegig hält. Lubitsch lässt sich davon nicht beirren, er hat sehr persönliche Motive für sein künstlerisches Vorhaben, denn Hitler ist der jüdische Künstler seit dessen Emigration in die USA 1922 ein Dorn im Auge. In dem antisemitischen Propagandafilm Der ewige Jude von 1940 hat man Lubitsch der NS-Öffentlichkeit in Ausschnitten aus alten Wochenschauen als Beispiel für die Verkommenheit „der Juden“ präsentiert.

Lubitsch versteht sehr wohl, welche Gefahr allein von Hitlers Rassenwahn ausgeht und sieht in seiner Satire ein durchaus angemessenes Genre, um Ideologie und Größenwahn der Nazis zu entlarven. Vor allem geht es ihm darum, jedweder Mystifizierung Hitlers und seiner Paladine Einhalt zu gebieten und sie stattdessen als triviale, kleinkarierte Despoten zu zeigen, die den Verlockungen der Macht verfallen und scheitern. Später wird Lubitsch über seinen Mut zur Komik sagen, dass die Menschen Sympathie und Bewunderung für Zeitgenossen empfänden, die angesichts aller Tragödien das Lachen nicht verlernt hätten.

Ungeachtet dessen wird Sein oder Nichtsein nach der New Yorker Premiere am 6. März 1942 von der Kritik wie auch vom Publikum wenig euphorisch aufgenommen. Ausschlaggebend für das verhaltene Urteil ist nicht zuletzt der überraschende Tod von Hauptdarstellerin Carole Lombard, damals einer der größten Hollywoodstars, die kurz nach Abschluss der Dreharbeiten auf einer Werbetour für US-Kriegsanleihen bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kommt. Finanzielle Zusagen für gut zwei Millionen Dollar hat Lombard bis dahin gesammelt.

Einige Kritiker sehen in der Komödie eine Verfeinerung des damals schon berühmten „Lubitsch-Touch“, eine Mischung aus scharfen, rasanten Dialogen, die Zensurvorgaben durch den Production Code anspielungsreich umgehen, und einem stilsicheren Gespür für die Bedürfnisse eines Massenpublikums. Andere werfen ihm dagegen vor, das NS-Regime zu verharmlosen. Nur sechs Wochen vor der Premiere, am 20. Januar 1942, ist in Berlin die Wannseekonferenz abgehalten worden, auf der unter Federführung der SS „Generalinstanzen des Reiches“ die „Endlösung der Judenfrage“ beschließen. Vielleicht auch deswegen – gewissermaßen als moralischer Ausgleich – läuft Sein oder Nichtsein in New York im Doppelprogramm mit dem vom National Film Board of Canada in Auftrag gegebenen Dokumentarfilm Churchill’s Island, der den Kampf der Royal Air Force gegen die deutsche Luftwaffe heroisiert. Die New York Times attestiert diesem Streifen eine Ausgewogenheit und Emotionalität, die Lubitschs Komödie leider abgehe.

Der Regisseur nimmt diesen Vorwurf sehr persönlich. Er kann nicht verstehen, dass ausgerechnet ihm, einem jüdischen Deutschen im Exil, Verharmlosung unterstellt wird. In der gleichen Zeitung verteidigte er sich mit der Begründung, er habe die etablierten Rezepturen – Dramen mit entlastender komödiantischer Einlage und Komödien mit dramatischen Elementen – satt. „Ich musste mir erst darüber im Klaren werden, dass ich einen Film machen wollte, in dem niemandem irgendeine Form von Katharsis widerfährt. Und der einzige Weg, dass die Menschen die tragische Situation in Polen überhaupt wahrnehmen, schien mir eine Komödie zu sein.“

Sein oder Nichtsein ist in der Tat bemerkenswert, weil Lubitsch das gewählte Thema mit der gleichen Eleganz angeht, die bis dahin seine leichten Komödien wie Ärger im Paradies oder Ninotschka auszeichnen. In der Darstellung der Nazis – besonders in der Figur des Colonel Ehrhardt, dem bei der bloßen Erwähnung seines Spitznamens „Konzentrationslager-Ehrhardt“ die Brust schwillt – gelingt ihm eine Balance zwischen Klamauk und Karikatur. Wie schon in Der große Diktator durchläuft der Hitler-Gruß auch bei Lubitsch verschiedene Bedeutungsstadien, die NS-Gebaren als ritualisierte Theatralik ins Lächerliche ziehen – dies umso deutlicher, je mehr die polnischen Schauspieler ins Zentrum der NS-Operationen vordringen. Dass Lubitsch dabei gleichermaßen den Narzissmus der Mimen wie des geltungsbeflissenen Joseph Tura (Jack Benny) ins Visier nimmt, versteht sich von selbst. Die damaligen Rezensenten kreiden Lubitsch jedoch den Spruch des Nazis Ehrhardt über die Schauspielkunst des mutmaßlichen polnischen Theatergranden an: „Wir werden mit Polen machen, was er mit Shakespeare angestellt hat.“

Worüber sich der Film in keinem Moment lustig macht, das ist die deutsche Vernichtungspolitik. Lubitschs Größe zeigt sich darin, wie mühelos ihm die fließenden Wechsel im Tonfall seiner Komödie – von schwarzem Humor über Slapstick bis zu tragischen Momenten – gelingen. Manchmal reicht ein Satz, um ein neues dramatisches Register zu ziehen und die Farce mit nüchternem Realismus zu versehen. „Die Menschen werden sich gegenseitig töten und getötet werden“, sinniert ein Mitglied des Theaterensembles im Untergrund. Und der Shylock-Monolog, den Greenberg (Felix Bressart) als jüdische Hilfskraft der Gruppe in seinem großen Auftritt vor einem falschen Hitler hält – „Sind wir keine Menschen? Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht?“ –, ist wie die Rede des jüdischen Friseurs in Der große Diktatur als leidenschaftliches politisch-moralisches Statement in die Kinogeschichte eingegangen.

2002 nahm das Filminstitut der USA Sein oder Nichtsein in die Liste der 50 besten Komödien aller Zeiten auf. Das Werk gilt heute als Klassiker und vielleicht Lubitschs beste Arbeit. „Die Zeit hat es mit dem Film gut gemeint“, so der Großkritiker Leonard Maltin vor Jahren. „In Sein oder Nichtsein geht es weniger um die deutsche Invasion Polens als um eine jüdische Aneignung des Nazitums.“ Die Geschichte hat allerdings auch gezeigt, wie limitiert das Kino als Mittel der Aufklärung sein kann. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als sich das ganze Ausmaß der NS-Verbrechen zeigte, war der Welt das Lachen über das „Dritte Reich“ gründlich vergangen.

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