1956: Fäuste und Hiebe

Zeitgeschichte Der Film „Die Halbstarken“ mit Karin Baal und Horst Buchholz tändelt zwischen obsessiver Jugendgewalt und embryonaler Jugendkultur im Westberliner Nachkriegsalltag
Andreas Busche | Ausgabe 41/2016

„Hart ... Realistisch ... Aktuell!“ Mit diesem Versprechen wurde vor 60 Jahren Georg Tresslers Die Halbstarken auf seiner Premiere am 27. September 1956 im Essener Ufa-Palast beworben. Schon während der Dreharbeiten hatte der kontrovers diskutierte Jugendfilm für mediales Aufsehen gesorgt. Seine Themen – Musik, Jugendkriminalität, Generationenkonflikt – trafen ganz offensichtlich einen Nerv beim jugendlichen Publikum, aus ganz anderen Gründen aber auch in der Generation der Eltern. Mitte der 50er Jahre zeichnete sich in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft ein Wandel ab. Im Mai 1955 waren die Pariser Verträge in Kraft getreten, mit denen die noch junge Bundesrepublik in die Souveränität entlassen wurde. Auch wirtschaftlich befand sich das Land im Aufschwung, beflügelt vom wachsenden Wohlstand der Adenauer-Republik ging das Nachkriegsjahrzehnt in eine Zeit selbstbewusster Konsolidierung und innerer Restauration über.

Die kollektiven Mühen der Kriegsverlierer verhalfen zur Rückbesinnung auf traditionelle Werte wie Fleiß, Anstand und Leistung. Adenauers berühmter Wahlkampfslogan vom Spätsommer 1957 „Keine Experimente“ bediente den Zeitgeist der Wirtschaftswunder-Jahre perfekt. Der Kanzler wusste um die Sehnsucht einer Mehrheit nach sozialer Ordnung und Stabilität. Umso geschockter reagierte 1956 die Bonner Republik auf eine Welle von Jugendprotesten, die in Westberlin, Hamburg und München hochkochten und bald die westdeutsche Provinz erreichen sollten. Mit den medienweit als „Halbstarken-Krawalle“ diffamierten Unruhen hatten die staatlichen Autoritäten augenscheinlich nicht gerechnet. Erkennbar überfordert, hielt man auf polizeiliche Gegengewalt.

So meldete die Westdeutsche Allgemeine am 6. August 1956: „Zu einer regelrechten Schlacht zwischen Polizisten und Halbstarken kam es (...) in München. An die hundert Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahren hatten sich zusammengerottet, als der Betrieb auf dem Rummelplatz schließen wollte. Die Polizei, die schon am Vortag gegen Randalierende vorgehen musste, hatte vorsorglich fünf Beamte in Zivil zum Jahrmarkt beordert, die nun versuchten, den Platz zu räumen. Immer mehr Halbstarke rotteten sich zusammen und leisteten Widerstand, selbst dann noch, als das Überfallkommando mit einem Funkstreifenwagen eintraf. Mit Gummiknüppeln wurden die Randalierer abgedrängt.“ Solche Zwischenfälle häuften sich, zwischen 1956 und 1958 wurden etwa 350 derartige Vorkommnisse gezählt, bei denen die Polizei zum Einsatz kam. Das Phänomen von Jugendgewalt in einer Zeit der Prosperität stellte die Behörden vor ein Rätsel. Die Medien wiederum erkannten in solchem Aufbegehren zivilen Ungehorsam, gegen den mit der Härte des Gesetzes vorgegangen werden musste – der autoritäre Reflex.

In diesem Klima kam der Spielfilm Die Halbstarken mit dem umschwärmten Jungstar Horst Buchholz in der Hauptrolle – an seiner Seite als Berliner Göre die erst 16-jährige Karin Baal – gerade recht. Der Film, eine Mischung aus Genre-Kolportage und semi-dokumentarischem Sozialrealismus, reflektierte einerseits das Ressentiment gegenüber kleinkriminellen „Subjekten“, die sich wenig um einen normierten Verhaltenskodex scherten, zeichnete aber auch ein lebensnahes Generationenporträt mit Sinn für Sprache und Lebensgefühl junger Menschen. Das Drehbuch schrieb der Journalist Will Tremper, der sich mit Stern-Reportagen einen Namen gemacht hatte, bevor er zehn Jahre später mit Playgirl einen der maßgeblichen deutschen Filme über die „Swingin’ Sixties“ drehen sollte.

Unterhaltungsangebote für Jugendliche waren in den 50ern mehr kärglicher Natur. Der Rock ’n’ Roll kam 1956 gerade erst an in Deutschland. Im Kino lief der Musikfilm Außer Rand und Band mit dem Teenie-Bopper Bill Haley, während das berüchtigte Schuldrama Die Saat der Gewalt, das erste „Juvenile-Delinquents“-Movie, ein weniger hedonistisches Identifikationsangebot bereithielt. Der Streifen Die Halbstarken war bei diesem Angebot eher als deutsches Pendant zum James-Dean-Kultfilm Denn sie wissen nicht, was sie tun angelegt (Buchholz hatte Dean schon für die deutsche Fassung synchronisiert). Es ging bei der Handlung ebenfalls um einen Vater-Sohn-Konflikt. Tresslers Film wirkte nach einer Dekade der Schlager- und Revuefilme wie eine erste Konzession des westdeutschen Kinos an das noch unbekannte Phänomen Jugendkultur, der sich eine ganz neue Branche anzunehmen begann.

Haartolle, Lederjacke und Jeans (auch unter Mädchen) wurden zu den leicht vermarktbaren Insignien einer verhalten rebellischen Jugend. Als 1956 für den domestizierten Massengeschmack das Jugendmagazin Bravo auf den Markt kam, war es vom renitenten Halbstarken zum Vorzeigemodell des konsumfreudigen Teenagers kein übermäßig großer Schritt mehr. Die Halbstarken markierte insofern den kurzen Moment, da sich die deutsche Jugend zwischen Nachkriegsdepression und Vereinnahmung durch die Kulturindustrie der Kontrolle über die eigene Biografie versichern wollte. „Das ist Pädagogik“, meint Buchholz im Film. „Wenn du ihm nicht auf den Kopf trittst, tritt er dir irgendwann auf den Kopf!“ Seinerzeit flogen auf Konzerten regelmäßig Stühle und Fäuste – die Politik reagierte und rief mit neuen Jugendschutzgesetzen den Notstand aus.

In den 50er Jahren veränderte sich nun einmal unverkennbar das Freizeitverhalten der Deutschen. Jugendliche eroberten die Innenstädte. Die Ausschreitungen ab 1956 waren nicht zuletzt eine Konsequenz dieser Präsenz im öffentlichen Raum, der bis dahin als Präferenzort für Jugendliche schlichtweg nicht vorgesehen war. In Die Halbstarken sind das Schwimmbad und die Espressobar exemplarische Lokalitäten, an denen sich Freddy, Sissy, Günther, Kudde und Co. die Zeit vertreiben. Außerhalb dieser relativen Hermetik kommt es dagegen immer wieder zur Konfrontation mit Erwachsenen – oder eben dem Gesetz. Hier sahen sich die Produzenten trotz des spekulativen Kolportagestils ihres Werkes in der Rolle von gesellschaftlichen Vermittlern. So berichtete die Wochenzeitung Die Zeit 1956 von einer Informationsveranstaltung im damaligen Arbeiterbezirk Berlin-Kreuzberg, die bei Jugendlichen und Politikern gleichermaßen für Verständnis warb. Unterschwellig wurde nach Antworten auf die Frage gesucht, die mit den Jugendkrawallen stets durch die Medien geisterte: „Seid ihr wirklich so?“

Übersehen wurde dabei gelegentlich, dass über „Halbstarke“ schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts geschrieben und meditiert worden war. Der Begriff selbst wurde mutmaßlich zuerst 1905 vom Hamburger Sozialrichter Hermann Popert in seinem Jugendroman Helmut Harringa gebraucht. Popert war ein früher Vertreter der „Halbstarken-Literatur“, überzeugte doch sein Roman vor allem durch genaue Milieuskizzen, bei denen die Ursachen für Jugendgewalt in einem größeren gesellschaftlichen Kontext verortet werden. Ein halbes Jahrhundert später stammen auch Tresslers Figuren aus armen Arbeiterfamilien, zeigt sein Film ungeschönt, wie die soziale Schere schon in diesen formativen Jahren der Bundesrepublik auseinanderging.

Die von zeitgenössischen Medien kritisierte „Amerikanisierung“ der westdeutschen Jugend war eben kein Zeichen eines Kulturverfalls, sondern jugendlicher Eskapismus. Der Buick, den Freddy und seine Band im Film klauen, ist – mehr noch als der Rock ’n’ Roll – ein transkontinentales Freiheitsversprechen, eine Flucht der Abgehängten aus grauen Berliner Mietskasernen. Jedenfalls erkannte die Filmindustrie nach dem Erfolg von Die Halbstarken im ur-amerikanischen „Juvenile Delinquents“-Genre eine Marktnische. Innerhalb weniger Jahre entstanden Die Frühreifen (1957), Unter Achtzehn (1957), Schmutziger Engel (1958), Der Jugendrichter (1959), Am Tag, als der Regen kam (1959) und Verbrechen nach Schulschluß (1959).

06:00 26.10.2016

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