1989: Auf stille Weise fremd

Zeitgeschichte Die Ausreisewelle Richtung Westen ist auch Ausdruck eines Generationenkonflikts, bei dem es in der späten DDR vorrangig um eine Kultur des Zusammenlebens geht
Berlin, 1. Juli 1990: Jugendliche demonstrieren für eine eigenständige DDR
Berlin, 1. Juli 1990: Jugendliche demonstrieren für eine eigenständige DDR

Foto: Imago Images

Das Buch Vor den Vätern sterben die Söhne handelt vom Osten, aber im Westen wurde es zum Bestseller. In der DDR blieb es verboten. Thomas Brasch schreibt darin vom Wolf im Bauch, den er sich im Krankenhaus herausoperieren lassen will. „Aber dann sterben Sie auch!“, so die Auskunft des Chirurgen. Das ist das Problem mit der Geschichte: Wir werden sie nur um den Preis der Selbstzerstörung los. Auch Brasch, der nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 die DDR verließ, wurde seinen Vaterhass auf den Funktionär Horst Brasch nie los, anders als seine viel jüngere Schwester Marion, die den Vater aushielt, ja sogar irgendwie verstehen konnte. Vielleicht lebt sie darum heute noch, während ihre drei hassenden Brüder alle früh starben.

Als Michail Gorbatschow 1985 mit einem neuen zivilen Politikstil auftrat, war dies ein spätes Hoffnungszeichen besonders für die Jüngeren. Umso größer dann unsere Enttäuschung, als die SED-Spitze weder Perestroika noch Glasnost zulassen wollte. Zu dieser Zeit vermochten weder SED noch Blockparteien noch FDJ die Jugend mehr an den Staat zu binden – einzig in die Jungen Gemeinden zog es viele, selbst dann, wenn sie keine Christen waren, denn hier wurde offen diskutiert. Die Utopie: Gleichgesinnte finden für ein nichtentfremdetes Leben in machtfreien Räumen. So redete, musizierte, malte, schneiderte, dichtete man hier oder spielte Theater und drehte Acht-Millimeter-Filme. Eine Jugendkultur als Parallelwelt zur offiziellen DDR, die vor unseren Augen zerfiel. Und immer mehr gingen weg. Die meisten, die vor 1990 gingen, folgten jedoch nicht dem Lockruf des Westkonsums, sondern hielten es in der Stickluft des Ostens einfach nicht mehr aus.

Buchtitel können als Chiffren einer Zeit gelten. So ging es mir mit Durs Grünbeins Gedichtband Grauzone morgens von 1988. Der Titel entsprach unserem diffusen Selbstgefühl. Wir meinten uns in einer Dämmerung gefangen, nicht wissend, ob es eine Morgen- oder Abenddämmerung war. Gingen wir einem neuen Aufbruch oder dem Untergang entgegen? Heiner Müller notierte nach Erscheinen von Grauzone morgens: „Eine Frau schrieb mir, nach der Lektüre eines Gedichts von Durs Grünbein: ‚Das muss ich in fünfzig Jahren noch einmal lesen.‘ Ich wollte, ich könnte das.“ Müller wusste, dass geschichtliche Veränderung immer auch eine Frage des richtigen Zeitpunktes ist: Wann ist es noch zu früh, wann schon zu spät?

Kämpften in der späten DDR die Jungen gegen die Alten? Nein, sie kämpften nicht gegeneinander, sie wurden sich auf stille Weise fremder. Auch gegenwärtig stecken wir wieder tief drin im Sumpf gegenseitiger Missachtung der Generationen. Was wurde aus den damals Jungen im Osten, denen in den 1980er Jahren die DDR zu eng war? Sie kultivierten die Kunst der Verweigerung immer knapp an der Grenze zur Justiziabilität, hörten nur Westradio, träumten von Paris oder New York, verachteten alle Dogmen und Tabus, hielten sich natürlich für den Inbegriff freier Geister. Heute sind sie fast schon alt. Sie glaubten, den DDR-Staat endgültig – innerlich wie äußerlich – zurückgelassen zu haben. Aber das erwies sich als Irrtum.

Die Eiszeit zwischen den Generationen ist zurück. Manch einem scheint es gar, als würde er in seinen eigenen Kindern der ideologischen Betonfraktion wiederbegegnen, gegen die wir doch immer rebelliert hatten. Mitsamt geschichtsfreier Identitätspolitik, Cancel-Culture (also Denkverboten statt kontroversen Debatten) und einer militanten Political Correctness, angesichts derer wir durch politische Inkorrektheit Sozialisierten nun entsetzt erstarren.

Kehren sich denn die Mentalitäten der Heranwachsenden tatsächlich alle 30 Jahre um, kreist das Rad der Geschichte auf so erfahrungsresistente Weise? Kämpfen hier Selbstgerechte zweier Generationen gegeneinander bis zum bitteren Ende – der Zerstörung jeder gemeinsamen Kultur? Aber wir sind doch tolerant, freigeistig, liberal, antiautoritär und weltoffen zu den eigenen Kindern gewesen. Sie nennen es anders: opportunistisch, prinzipienlos, unkämpferisch und geistverliebt. Dem Urteil könnte ich mich anschließen, ich finde, es sind Eigenschaften, die das Zusammenleben verschiedenster Menschen mitsamt ihren merkwürdigen Weltanschauungen erheblich erleichtern. Aber die Jungen predigen Diversität nach streng vorgegebenen Regeln, da machen wir schon wieder nicht mit, weil uns das an FDJ-Studienjahr und Parteisekretäre erinnert, die gern mit dem inquisitorischen Spruch auftraten: „Mit deinem Bewusstsein stimmt etwas nicht!“ An diesem Befund arbeite ich mich bis heute ab. Der Riss aber geht, fürchte ich, nicht nur durch den Einzelnen, sondern durch die Zeit. Warum nur konnten die linken Parteien ausgerechnet der AfD, die mit Reformsozialismus selbsterklärtermaßen nichts im Sinn hat, den Slogan „Vollende die Wende!“ überlassen? Das berührt eine offene Wunde im Osten, die eine übereilte Einheit und eine dadurch abgebrochene Wende hinterlassen haben.

Aber bleiben wir bei den 1980er Jahren. Stimmte es denn, dass wir alle Alten verachteten, in ihnen mit Wolf Biermann „verdorbene Greise“ sahen? Nein, das betraf zielgerichtet den Dogmatismus der SED-Spitze und ihrer Adepten, die Losungen nachbeteten, statt selbst zu denken. Es gab Alte, die ich hoch verehrte: Autoren wie Stefan Heym und Stephan Hermlin etwa. Zumindest interessant in ihrem Nonkonformismus fand ich Erfinder wie Manfred von Ardenne (mit privatem Forschungsinstitut in Dresden), Wirtschaftshistoriker wie Jürgen Kuczynski oder den heute zu Unrecht vergessenen Revolutionsforscher Walter Markov.

Das waren die ganz Alten, aber die weniger Alten waren radikaler: Volker Braun mit seinem Hinze-Kunze-Roman über Herr und Knecht im Sozialismus, Christoph Hein mit Horns Ende oder Günter de Bruyn mit Märkische Forschungen. Der Philosoph Gerd Irrlitz lehrte an der Humboldt-Universität Philosophie im Sinne von Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“. Volker Braun gab mit seinem Theaterstück Die Übergangsgesellschaft den intellektuellen Ton der Sozialismus-Diskussion vor, und Heiner Müller positionierte sich mit seiner Hamletmaschine ausdrücklich auf beiden Seiten der Barrikade.

Welch ungeheurer geistiger Sprung, den wir da, mit Hilfe derer, die 30 Jahre älter waren, vollziehen konnten! Raus aus provinziell festgezurrten Zuständen, nicht nur über die Mauer gen Westen, sondern hin zu einer universalen Problematik. Vielleicht war es dann gar nicht mehr so entscheidend, ob die DDR nun Bestand hatte oder nicht, ob ich hier oder anderswo lebte? Der Dichter Wolfgang Hilbig, dessen Gedichte der Zensur nicht gefielen, brachte es auf den Punkt: „Ich gehöre einer Generation an, die sich nicht mehr zensieren lässt.“ Schließlich, darauf konnte man sich berufen, hatte die DDR 1975 die KSZE-Schlussakte von Helsinki unterzeichnet und durfte ihre Staatsbürger nicht mehr einsperren. Jeder konnte einen Ausreiseantrag stellen, und immer mehr von denen, die im Osten keine Perspektive mehr für sich sahen – gerade unter den Jüngeren –, taten das, trotz der dann sofort einsetzenden Schikanen. Nein, die DDR lernte es nie, um die Sympathien ihrer Bürger zu werben.

Können sich verschiedene Generationen niemals verstehen? Doch, wenn es selbstverständlich wäre, anhand der Zeugnisse anderer Zeiten etwa mit Georg Büchner, Heinrich Heine oder Karl Marx über die Zeiten hinweg ein offenes Gespräch zu führen. Und das sowohl anhand ihrer Jugend- wie Alterswerke. Thema: Wie man wird, was man ist. Der Irrtum erweist sich dabei schnell als das verbindende Band zwischen den Generationen. Gewiss ist: Gegenseitige Sympathie, Neugier und Nachsicht machen eine Gesellschaft immer lebenswerter als eine forcierte Ideologisierung.

Gunnar Decker, Jahrgang 1965, publizierte 2020 Zwischen den Zeiten. Die späten Jahre der DDR

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