2001 - Odyssee in Wolfsburg

Deus ex machina Einmal Autostadt und zurück

Auf die Frage: Was geschieht eigentlich im Traumlande? Wie lebt man dort? müsste ich schlechterdings schweigen. Ich könnte Ihnen nur die Oberfläche schildern, aber zum Wesen des Traummenschen gehört es ja gerade, dass er in die Tiefe strebt. Alles ist auf ein möglichst durchgeistigtes Leben angelegt [...] Am ehesten dürfte noch, wenigstens vergleichsweise, der Begriff "Stimmung" den Kern unserer Sache treffen. Unsere Leute erleben nur Stimmungen, besser noch, sie leben nur in Stimmungen. Alfred Kubin, Die andere Seite

Ankommen

Am Ende seiner Reise zum Jupiter begegnet Bowman ein letztes mal dem Monolithen. Der Raum, in dem ihm der glatte, schwarze Quader erscheint, gleicht einem höfischen Wohngemach des achtzehnten Jahrhunderts. Verloren steht Bowman im Raumanzug zwischen den Louis-XVI-Möbeln, während er sich selbst beim Sterben zusieht. Bowman ist angekommen. Zugleich bildet sein Tod das Initial für einen erneuten Aufbruch. Das letzte Bild des Films bezeugt eine Wiedergeburt. Zu den ersten Takten von Also sprach Zarathustra schaut Bowman als Embryo auf die Zuschauer herab. Sein Blick passiert nunmehr nicht das Visier eines Plexiglashelms, sondern eine transparente Fruchtblase.

Der ICE von Berlin Richtung Hannover hält zum ersten mal nach einer Stunde. Ein einziger Bahnsteig, in der Mitte ein schwarzgekacheltes Häuschen mit Warteraum und Gleisaufsicht; seit den Fünfziger Jahren sind hier offenbar keine gestalterischen Ambitionen mehr verwirklicht worden: Wolfsburg.

Außer mir verlassen nur zwei Personen den Waggon. Ein Pärchen, Mitte dreißig und - der Unscheinbarkeit des Ortes ungeachtet - umhüllt von einer seltsam feierlichen Aura. Sie haben sich schick gemacht und bewegen sich gemessenen Schrittes dem Ausgang entgegen. Gepäck haben sie keines dabei, bis auf eine Einkaufstüte aus Umweltpapier, darin zwei Nummernschilder. Wolfsburg, Autostadt: Die beiden sind beinahe angekommen. Gleich werden sie dem Monolithen begegnen.

Unmittelbar am Bahnhof liegt der Mittellandkanal, der Wolfsburg von der Autostadt trennt. Der Kanal markiert zugleich eine historische Zäsur. Der Entwurf der Autostadt bildet die zweite Auflage eines 63 Jahre alten Projektes. Denn auch die Stadt auf der anderen Seite war schon immer Autostadt - auch sie ist die Erfindung eines Planungsstabes. 1938 gründeten die Nazis hier nicht nur das Volkswagenwerk, sondern auch die "Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben", die erst 1945 durch die britischen Alliierten auf den Namen Wolfsburg getauft wurde. Von Anfang an sollte die "Stadt des KdF-Wagens" mehr sein als eine Werkssiedlung: eine vollwertige Stadt nämlich, mit einer ideologischen Chance. Hitler persönlich forderte den Bau einer "nationalsozialistischen Musterstadt" und ordnete, vermittelt über Speer, ein Bauverbot für Kirchen an.

Spätestens seit 1945 durfte man das Projekt der "Stadt des KdF-Wagens" als architektonische Emanation staatlicher Ideologie wohl als gescheitert erachten. Was aber nicht bedeutet, dass sich ein gott- und ideologieloser Ort nicht zur Sakralisierung und Ideologisierung unter privatwirtschaftlicher Leitung eignen würde. Ziemlich präzise hat das der Architekt und Chefplaner der Autostadt, Gunter Henn, erkannt: "Wer sonst bietet noch Orientierung, wo bleiben wir mit unserer kindlichen Religiösität? Die Kirchen sind tot, der Staat zieht sich zurück, die Ideologien haben ihre Macht verloren. Was bleibt, sind die Unternehmen. Sie werden die Sinnstifter der Zukunft sein." (Die Zeit, 36/1999) In Autostadt ist endlich auch die "Stadt des KdF-Wagens" angekommen. Das "Brandland", wie es in der Marketingsprache von VW heißt, erstreckt sich über eine Größe von elf Fußballfeldern und kostete etwa eine Milliarde DM. Hier präsentiert sich VW samt seiner Tochterunternehmen Audi, Seat, Skoda, Lamborghini und Scania.

In Kubricks Film ist es der Mond, der zum Ort der ersten Konfrontation von Menschen mit dem Monolithen wird. Die Untersuchungskommission stellt fest, dass er allem Anschein nach absichtlich dort vergraben wurde. Beim Versuch ein Gruppenbild mit Monolith im Hintergrund zu schießen, fallen die Expeditionsteilnehmer einer unerklärten Strahlung des Steins zum Opfer. Bevor ich die Fußgängerbrücke über den Mittellandkanal überquere, der die Autostadt von der alten Wolfsburger "City" trennt, kaufe ich mir aus einem instinktiven Schutzbedürfnis heraus eine Sonnenbrille bei Hertie. So komme ich etwas zu spät zu meinem Termin.

Nach einer Besichtigung des Geländes an der Seite eines persönlichen "Guides" spreche ich mit Frau Dr. Maria Schneider, die die Leiterin des Kunstkonzeptes der Autostadt und außerdem, wie mir in gedämpftem Ton unterbreitet wird, in der "Führung" tätig ist.

Frau Dr. Schneider ist sehr freundlich. Ihre introvertierte Begeisterung für den Ort ist von einer Intensität, die sonst nur Gläubige oder Mütter zu produzieren in der Lage sind. Hier erfahre ich vor allem eines: die Autostadt ist eine "Destination" und als solche vergleichbar mit dem Getty-Center oder der Stadt Siena (der "besonderen Materialien" wegen). Das Ankommen in der Autostadt kommt einer Erfüllung gleich.

Global Player

Die erste Sequenz von 2001 steht unter der Überschrift "Aufbruch der Menschheit". Zwei rivalisierende Menschenaffenhorden streiten sich in prähistorischer Zeit um ein Wasserloch. Das Erscheinen des Monolithen produziert schließlich die Erfindung der Waffe. Ein Tierknochen wird zur Keule und diese zum Totschläger. Während der Knochen in die Höhe geschleudert wird, verwandelt er sich in Zeitlupe in ein Raumschiff. Dieser Wurf vertritt die menschliche Evolution und technische Zivilisation bis ins Jahr 2001. Von nun an spielt der Film im Weltall.

Betritt man die Eingangshalle des "KonzernForums", sieht man den Planeten Erde von außen. In der Mitte des Raumes schwebt die Skulptur Exosphere von Ingo Günther, ein Globus im Maßstab 1:1.000.000. Unter einem Glasboden 60 kleine Globen, die jeweils ein Problem des Planeten Erde thematisieren: "Refugee Currents", "Internet Users", "People per Car", "Acid Rain", "Infant Mortality" oder "VW-Group Production States". So verschieden die Aspekte menschlichen Zusammenlebens auf der Erde sein mögen, so konsequent werden sie durch die Betrachterperspektive zusammengeführt. VW ist ein Global Player und so ist der Blick auf irdische Kleinigkeiten nur aus kosmischer Distanz erlaubt. Als es darum geht, den günstigen Benzinverbruch des Lupo 3L TDI zu bewerben, wird der Kleinwagen in 80 Tagen um die Erde geschickt, wobei er mit einem Kontingent von 1000 Litern Diesel auskommen muss. Von Berlin bis Autostadt legt der Lupo 33.333 Kilometer zurück. Wie Jules Vernes Phileas Fogg ist der Lupo den Hindernissen, die die Fortbewegung zu Lande mit sich bringt, ausgesetzt. Anders als Fogg hat der Lupo aber gegebenenfalls eine Polizeieskorte zur Verfügung, die verhindert, dass er im Stau von Bangkok stecken bleibt. Die ungebremste Bewegung in der Horizontalen findet in der Weltumrundung ihren zwangsläufigen Ausdruck. Von hier ist es nur noch ein kurzer Schritt bis zur Bewegung im All, ebenso kurz wie die Metamorphose vom Knochen zum Raumschiff. Ein zehnminütiger Autostadtfilm mit dem Titel Wie das Rad die Welt veränderte präsentiert die Geschichte der Mobilität vom Schmieden des ersten Rades über die Entwicklung des Automobils bis hin zum Mondauto. Vom Gelände der Autostadt ist das Automobil hingegen weitgehend verschwunden. Zwischen ganz unten und ganz oben klafft eine riesige Lücke: keine Straßen, kein Stau.

Wenn es dunkel wird in Autostadt, beginnen die Lichtspiele. Als Teil der "saisonalen" Inszenierung "Frühlungserwachen" ist dann auf einer Fassade die riesige Projektion der Venus zu sehen. Als "Zwillings-Planet der Erde" markiert sie das andere Ende der Parabel. "Als Frühlingsgöttin liebt sie Gärten, Blumen, Früchte und als Göttin der Fruchtbarkeit fördert sie die geschlechtliche Liebe und vereint alle Wesen in sexueller Harmonie." Die Autostadt ist ein Hort der Fruchtbarkeit, im "KundenCenter" finden Geburten statt.

Gott würfelt nicht

Die Autostadt-Führerin spricht selbst von einem Geburtskanal: Vom benachbarten Werk führt eine Trasse zur Autostadt, durch die die nagelneuen und bereits verkauften Autos unterirdisch zu den beiden Glastürmen gefahren werden, die das Gelände überragen. Hier warten die Wagen auf ihre Besitzer, werden dann mit einem Aufzug erneut in die Tiefe gefahren, um schließlich im "KundenCenter" das Licht der Welt (vertreten durch die glänzenden Augen der Selbstabholer) zu erblicken. An diesem Ort werden Familien gefügt. Er ist das Ziel der Reise, besonders in der sehnsüchtigen Rückbesinnung im Heimfahrtstau auf der A2.

Besser wäre es, man würde die Autostadt nie verlassen. Denn hier schließen sich auf eine paradiesische Art die letzten Lücken: Autobau entwickelt sich selbstverständlich aus einem ewigen Wollen der Schöpfung. "Gott würfelt nicht", heißt es im "KonzernForum" mit Albert Einstein und ebenso wenig würfelt VW. Im Skoda-Pavillon wird das Auto als Endstufe einer Chain of Being präsentiert, an deren Anfang blubbernde Einzeller zu besichtigen sind. In beinahe jeder Filmvorführung, in jeder Fahrsimulation: Wasser, Pflanzen, Wachstum und Geburt. Der technische Gegenstand steht am Anfang und Ende der Evolution. Die drei Gebote der VW-Ingenieurskunst ergeben sich daher zwanglos aus einem göttlichen Willen der Natur: "1. Das Streben nach Qualität ist ein natürliches Prinzip. 2. Die Natur erzeugt selbst hochkomplizierte Formen durch die Wiederholung einfacher Baumuster. 3. Qualität entsteht aus dem Wechselspiel zwischen Chaos und Ordnung."

Das einfachste Baumuster der Autostadt findet sich in Form des Lamborghini-Pavillons: der Monolith. "Wie aus dem Weltraum herabgestürzt" solle er wirken, erklärt mir die Führerin. Alles genau, wie es Kubrick vorausgesagt hat, denke ich. Alle zwanzig Minuten dreht sich eine Scheibe in der Außenwand, und zum Vorschein kommt ein gelber Lamborghini. Dies ist der einzige Moment, der das Bilderverbot aufhebt und auf dem Außengelände tatsächlich ein Auto sichtbar wird. Deus ex machina. Der schwarze Monolith ist der numinose Kern der Inszenierung, seine Black Box. Ist der Pavillon geschlossen, lässt man drinnen den Motor brüllen, nachdem die herz- und kreislaufschwachen Zuschauer vor erwartbaren hundert Dezibeln gewarnt wurden: das Gebrüll eines rasenden Stillstandes. Ein obszönes Geräusch an diesem völlig befriedeten Ort. Wer Blumenbeete hasst, wird es vielleicht verstehen. Insgeheim hoffe ich zugleich, dass sich einmal eine Familie vor dem Monolithen zum Gruppenbild aufstellt.

Sollte ich noch einmal in Wolfsburg aus dem Zug steigen, werde ich nicht über die Brücke gehen. Sicher gibt es bei Hertie im Obergeschoss ein Restaurant. Da kann man dann Cola trinken und die Aussicht über den Kanal genießen. Ganz in Ruhe und ohne Sonnenbrille.

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00:00 08.06.2001

Ausgabe 42/2021

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