Abenteuer Urlaub

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Während ich, noch ohne größere Urlaubsfreuden, blass und etwas abgeschlafft am Schreibtisch sitze, erscheint ein Kollege nach dem anderen mit frischer Urlaubsbräune und erzählt die unglaublichsten Erlebnisse. Gottschalk, der Werbeassistent, war in der Nevadawüste mit einer gemieteten Harley Davidson einen Abhang hinunter geflogen. Wegen einer Beinverletzung konnte er sich tagelang nicht bewegen. Er lebte vom Saft der Kakteen, von Wurzeln, Insekten und verspeiste, halb verhungert, Eidechsen. Erst nach sechs Tagen wurde er gerettet, stark ausgetrocknet. Nächstes Jahr will er wieder hin.

Langhals, der Geizkragen vom Controlling, fuhr auf einer selbst zusammen gestellten Tour mit dem Mountainbike in den Abruzzen. Von einem Wolfsrudel wurde er tagelang verfolgt und nachts in seinem Zelt bedrängt. Natürlich hat er kein Handy - des Gewichts wegen, wie er sagt. Erst als er Bärengebrüll imitierte und mit erhobenem Bike auf die Wölfe zustürmte, ließen sie von ihm ab. Am nächsten Tag erfuhr er, dass sie eine Schafherde stark dezimiert hatten.

Erika, eine fleißige, angenehme, stille Sachbearbeiterin, von der ich dachte, sie würde unsere Stadt nur mit Fremdenführer verlassen, war mit einer Freundin auf dem Kajak in der Südtürkei. Sie verirrten sich zwischen Euphrat und Tigris, landeten schließlich bei einer »fürchterlich brutal aussehenden Männerhorde von Kurden«, die sich als Bauern und brave Familienväter herausstellten. Es hat den beiden dann in dem kleinen Dorf bei den verschiedenen Familien so gut gefallen, dass sie den Urlaub überzogen. Die »Kurden« kommen zu Weihnachten zu ihr, mit Kind und Kegel! Erika sucht für diese Zeit jetzt eine leere Turnhalle.

Berninger, seit über dreißig Jahren im Versand tätig und für seine Bierruhe bekannt, kämpfte beim Tauchen in Australien mit einem Riesenhai, der »garantiert völlig weiß« war. Durch harmonische Bewegungen von Armen und Beinen gelang es ihm, das Ungeheuer zu besänftigen. Dass der Hai dann mit ihm »rhythmisch getanzt« haben soll, verschaffte ihm die anerkennende Bewunderung reiferer Mitarbeiterinnen. Berninger wurde einige Tage lang zum Helden, doch wir erwarteten die Rückkehr von Schubert, dem jungen Marketingchef. Dessen ausgefallene Abenteuerreisen waren Gesprächsstoff in der ganzen Firma. Paragleiten in den Anden, Antarktisdurchquerungen, Biwaks im Himalaya, Riverrafting in Kanada - alles hatte er durchgemacht und heil überstanden. Diesmal ging es zum Segelfliegen nach Neuseeland, alles gut organisiert vom Reisebüro Adventure Travels.

Schubert erschien nicht wie erwartet. Stattdessen ein Anruf aus dem Krankenhaus: es werde noch zwei Tage dauern, bis der Patient entlassen werden könne. Ein Armbruch, Kopf- und Schnittverletzungen, Prellungen - mehr wollte die Schwester am Telefon nicht sagen. Mit Bedauern, etwas Schadenfreude, aber regem Interesse nahmen es die Kollegen zur Kenntnis. Als Schubert erschien, trug er den Arm in der Schlinge und einen leuchtend weißen Kopfverband, was sein erstaunlich ungebräuntes Gesicht noch blasser wirken ließ. Warum er denn auf dem rechten Bein hinke, fragten wir ihn zuerst. »Wegen des Aufpralls. Der ging auch auf mein Knie.« Und der Arm in der Schlinge? »Die Türe ist ja stark eingedrückt worden, wahrscheinlich bin ich mit dem Arm dann dumm an den Rahmen geschlagen.« Und der Kopf? »Bei der Wucht des Aufpralls bin ich irgendwo rangehauen. Aber die schlimmen Kopfschmerzen nach der schweren Gehirnerschütterung gehen jetzt langsam weg.« Wo er denn abgestürzt sei, wollten wir wissen. »Wieso abgestürzt? Ein Verrückter fuhr in mein Taxi, schon auf dem Hinweg zum Flughafen.«

Ich habe ja immer schon vor diesen Abenteuerreisen gewarnt!

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00:00 10.08.2001

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