Aber bitte mit Fahne

Ausstellung Horst Köhler sagt Ja zu Deutschland. Das schmückt mit Nationalsymbolen aber nur mehr sein Lebensgefühl aus

Vieles kann man der politischen Klasse vorwerfen, aber nicht, dass ihr das Gespür für die Alltagsprobleme der Bürger fehle. Die Rede ist nicht von der Rezession, Studiengebühren oder Jobstreichungen. Es geht um den Nationalstolz.

Was so verstaubt nach gestern klingt, soll angeblich schon morgen über unser aller Wohl und Wehe entscheiden. Nicht erst seit der Fußball-WM von 2006 wird an den mentalen Voraussetzungen gearbeitet, der Globalisierung, dem Terror und dem Werteverfall die schwarz-rot-goldene Stirn bieten zu können. Geradezu exemplarisch lässt sich dieser Befund an einer groß angelegten Ausstellung festmachen, die unlängst im Bonner Haus der Geschichte feierlich eröffnet wurde. Bezeichnenderweise durch Bundespräsident Horst Köhler.

Der Titel Flagge zeigen? Die Deutschen und ihre Nationalsymbole knüpft an die sympathischen Emotionen bei der Fußball-WM an, soll sie aber offensichtlich ins Politische wenden. Rund 600 Exponate - von einer Fahne des Reichsbanners "Schwarz-Rot-Gold" bis zu Jörg Immendorfs Gemälde Café Deutschland - werden gezeigt, um Herkunft, Rezeption und Verwendung nationaler Symbole zu erläutern. Der Schwerpunkt liegt auf der Zeit nach 1945. Die Entstehung nationaler Symbole im 19. Jahrhundert sowie die NS-Symbolik werden kurz beleuchtet.

Horst Köhler nutzte die historische Vorlage weidlich aus. Schon mit dem ersten Satz seiner Eröffnungsrede ("Sagen wir aus ganzem Herzen Ja zu Deutschland") ging er demonstrativ weiter, als es das etwas vorsichtigere Fragezeichen im Ausstellungstitel Flagge zeigen? erwarten ließ. Dem Philosophen Richard Rorty zufolge, so begründete das Staatsoberhaupt, sei Nationalstolz für ein Volk ebenso wichtig wie Selbstachtung für das Individuum, nämlich "eine notwendige Bedingung der Selbstvervollkommnung."

Hier wäre zum ersten Mal Einspruch zu erheben, wie trotz mancher Einseitigkeit sogar die Bonner Ausstellung lehren könnte. Denn in den meisten Epochen, die auf dem musealen Rundkurs illustriert werden, dienten nationale Symbole (als Ausdruck kollektiver "Selbstachtung") keineswegs der Selbstvervollkommnung unseres Volkes. Im Gegenteil: Ob Hakenkreuz, Sedanfeiern oder die Uniformen der Lützower Jäger - all diese Symbole waren Ausdruck eines ausgeprägten Freund-Feind-Denkens. "Das ist des Deutschen Vaterland/ wo Zorn vertilgt den welschen Tand/ wo jeder Franzmann heißet Feind/ wo jeder Deutsche heißet Freund", dichtete einst Ernst Moritz Arndt und fand generationenlang begeisterte Zustimmung.

Dem Konzept der Ausstellung, vor allem aber ihrer politischen Interpretation liegt offenbar ein grundsätzlicher Irrtum zugrunde. Die Vorstellung nämlich, Nationalstolz ließe sich verordnen wie eine Schachtel Kopfschmerztabletten. So stellt die zuständige Projektleiterin die "Neubewertung nationaler Symbole" in beinahe instrumentalisierenden Zusammenhang mit dem "internationalen Standortwettbewerb". Der Museumschef spricht von der Notwendigkeit "bewusster Anstrengungen", um "die Funktionsfähigkeit von Symbolen zu erhalten."

Zweiter Einspruch. Sicherlich waren nationale Symbole stets auch gesellschaftliche Konstrukte. Vor allem aber waren sie, ob im Guten oder Schlechten, immer Kampfzeichen eines konkreten politischen Projekts. Die Revolutionäre von 1848 stritten unter Schwarz-Rot-Gold für Demokratie und Einheit. Wer im Kaiserreich für "Weltgeltung" eintrat, der schmetterte Heil Dir im Siegerkranz. Die Nazis propagierten ihre verbrecherische Politik unter anderem mit Inszenierungen auf den Reichsparteitagen. Ebenso stellten die Staatsflaggen von DDR und BRD ein klares Bekenntnis dar. Hammer und Zirkel im Ährenkranz symbolisierte einen anderen Gesellschaftsentwurf als die Trikolore.

Diese Zeiten aber, in denen man sich zu solchen Zwecken hinter der Fahne versammelte, sind vorbei. Sie passen nicht mehr in unsere Zeit. Wer das nicht glaubt, muss sich nur aufmerksam umsehen. Es ist kein Zufall, dass im Alltag nur jene Lebensbereiche Schwarz-Rot-Gold beflaggt werden, deren Politikferne offensichtlich ist: Fußballplätze, Schrebergärten und - höchster Inbegriff der Individualisierung - private Autos. Wenn bei Fußballspielen Nationalhymnen erklingen, dann nur als Soundtrack zu einem wunderbaren Gruppenerlebnis und nicht als politisches Bekenntnis.

Nationale Symbole, das verschweigt die Bonner Ausstellung leider systematisch, taugen heute nicht mehr als politische Zeichen, sie sind bestenfalls Ausdruck eines Lebensgefühls, das unverbindlich und situationsbedingt nach Zugehörigkeit sucht. Die Folge dieser kulturellen Verschiebung ist unverkennbar: Aufgeklärte Politik lässt sich mit dem Thema Nation heute nicht mehr machen. Der emanzipatorische Effekt etwa von Nationalsymbolen, das sollten selbst ernannte "Identitätspolitiker" begreifen, ist gleich null.

Das macht ein Songtext der Gruppe Mia deutlich, entstanden aus der Fußball-Begeisterung von 2006, den die Ausstellung präsentiert. Es geht um den Morgen nach einer Liebesnacht. Da ist die Rede von einem "Schluck vom schwarzen Kaffee", betextet wird "dein roter Mund" und zuletzt geht "gelb die Sonne auf". Schwarz-Rot-Geil? Mit den politischen Herausforderungen, vor denen wir stehen, hat das so viel zu tun wie Sex mit der Straßenverkehrsordnung.

Flagge zeigen? Die Deutschen und ihre Nationalsymbole. Haus der Geschichte, Bonn. Noch bis zum 13.April 2009. Eintritt frei. Das Begleitbuch ist erschienen bei Kerber und kostet 19,90 Euro.

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00:00 26.12.2008

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