Aber das ist KUNST!!!

Berlinale Unsere Autorin hat angestrengt versucht, „DAU. Natasha“ in Gänze zu sehen, ist dann aber doch direkt nach dem Sex gegangen

Eigentlich wollte ich ja mal einen Tag aussetzen, aber dann hat mich das Pflichtbewusstsein doch an den Potsdamer Platz getrieben. Ich hatte mir eine Premierenkarte für “Dau. Natasha” besorgt. Die anderen Wettbewerbsbeiträge an diesem Mittwoch habe ich mir gespart.

Ich kann das auch inhaltlich begründen: „Berlin- Alexanderplatz“ hat mich schon als Buch nicht gecatcht: Nachgemachter Ulysses, (War Döblin eigentlich mal in Dublin?) ohne Jokes, Schweinereien und Wortspiele, aber mit den nervigen Perspektivwechseln, innerem Monolog und Überlänge. Also im Grunde ein Buch, wie ein typischer Berlinalefilm.

Der zweite Wettbewerbsfilm: „The roads not taken“ von Sally Potter ist eigentlich dasselbe in grün. „Der geistig zerrüttete Leo durchlebt 24 Stunden Alltag in New York, die von halluzinatorischen Trips in diverse Parallelleben geprägt sind.“ So fasst man den Film auf der Berlinale-Webseite zusammen.

Da fällt mir auch gleich wieder ein, warum ich mir Abel Ferraras „Siberia“ gespart habe: „Ein gebrochener Mann flieht vor der Welt und findet sich in einer Höhle wieder. Sein Befreiungsschlag wird zur radikalen Konfrontation: mit Träumen, Erinnerungen und dämonischen Visionen.“ Hilfe! Ich habe mich gerade getrennt. Von gebrochenen und geistig zerrütteten Männern auf halluzinatorischen Trips, mit dämonischen Visionen, habe ich momentan bis auf Weiteres die Nase voll.

Eine „großangelegte Simulation des totalitären Systems unter Stalin“

Und warum dann der Super-DAU? Weil der Regisseur Khrzhanovskiy „Dau“ geschaffen hat, eine „großangelegte Simulation des totalitären Systems unter Stalin“. Eine Filmstadt in der Ukraine, mit eigenem Zoll, mit eigener Zeitung, eine falsche Zeit, ein falscher Ort, in dem echte Menschen mehrere Jahre ein echtes Leben lebten. Natasha ist nur einer von mehreren Filmen, die dort entstanden sind.

Vielleicht ist das pervers und krank, aber vielleicht ist es ja doch große, riesengroße Kunst, man weiß ja nie, dachte ich. Sonst wäre es ja eher ein Fall für die Polizei, als für die Berlinale, oder?

Also wenn, wie es in einem taz- Artikel steht, Laiendarsteller mit psychischen und/oder finanziellen Problemen, (sich jahrelang, wahrscheinlich auch aufgrund dieser Probleme) in eine Kunstwelt sperren lassen.

12000 Quadratmeter Filmset im Stil der Stalinzeit. Darsteller und Crew, im Banne von Ilja Khrzhanovskiy, dem irren Minidiktator. Und das alles finanziert von einem russischen Oligarchen. Darüber sollte mal jemand einen Film machen. Kommt bestimmt irgendwann. Über die Odenwaldschule oder über die Colonia Dignidad gibts ja inzwischen auch Spielfilme.

Also Premiere, Dau. Natasha, Berlinale- Palast, roter Teppich. Ich wollte mir ein Glas Sekt kaufen, aber ein Security-Typ wollte mich nicht zur Bar durchlassen. Oder war das auch schon Teil der totalitaristischen Dau-Show?

Ich brauchte einen Drink

Ich bin dann an anderer Stelle über die Kordel gehüpft. Ich brauchte einen Drink, denn ich hatte Angst vor „Dau.Natasha“ Vor Szenen von Erniedrigung, Unterdrückung und Gewalt. Richtige, echte Angst. Ich werde wirklich immer sensibler. Ich kann mir ja nicht mal mehr „Germanys Next Topmodel“ anschauen.

Seltsam, früher hat's mich doch auch nicht gestört, wenn man weinende Sechzehnjährige mit Versprechen und Gehässigkeiten unter Druck gesetzt hat, damit sie sich nackicht fotografieren lassen. Vielleicht hat mich meine letzte Beziehung traumatisiert. „Du bist mir zu empfindlich“, hat mein Ex immer zu mir gesagt, wenn er mich zum Heulen gebracht hatte.

Warum haben sich 2018, Veronica Ferres, Lars Eidinger, Tom Schilling, Monika Grütters, Tim Renner und Tom Tykwer für Dau eingesetzt, als Khrzhanovskiy sein Filmset in Berlin aufbauen wollte?

Eingebetteter Medieninhalt

Vielleicht ist es ja so: Leute, die wahrscheinlich jederzeit bereit sind, sich über Privatfernsehformate, wie Dschungelcamp, Big Brother oder Germanys Next Topmodel zu empören, holen sich ihren Kick halt bei Projekten wie „DAU“. Da macht es dann nichts, wenn Menschen vor laufender Kamera erniedrigt und an ihre Grenzen getrieben werden, weil das ist ja „provokativ- grenzüberschreitend“ oder auch eine „Studie über Totalitarismus“, also KUNST.

Ich bin mittlerweile so empfindlich, dass ich nicht mal mehr lauwarmen Sekt vertrage, auch wenn ich sehr viel Angst zu bekämpfen habe. Ich ließ das halbvolle – halbleere? – Glas stehen und strömte an meinen Platz im Parkett.

Dau!

So schlimm war es dann eigentlich gar nicht. Man sah: Dau-Insassen essen in der Kantine. Natasha und ihre junge Kollegin Olya stehen hinter der Theke und bedienen sie. Die beiden tragen schwarze Kostüme mit Schürze und sind aufwendig frisiert (gedrehte Locken). Dann trinken sie lauwarmen Sekt gegen die Angst und improvisieren sich durch einen sinnlosen Streit, der in ein Handgemenge übergeht.

Es geht – wie immer bei Weibern – um Liebe und Kücheputzen. Natasha und Olya zerren aneinander herum. Das Premierenpublikum kicherte beglückt. Haha, Zickenkrieg!

Dann Ankunft des ausländischen Wissenschaftlers Luc, Experimente mit nackten Matrosen in einer Art Orgonakkumulator und echtes Besäufnis mit Blödsinn lallen und Gläser zerschmeißen.

Das alles irgendwie in Echtzeit, ohne woher und wohin. Also die ersten 30 Minuten fühlten sich sehr viel länger an und Dau hat 145 Minuten Gesamtlänge. Nachdem ich mich an die altmodischen Kostüme und das 50er Jahre Ambiente gewöhnt hatte, wurde mir langweilig. Kamera und Schnitt machten auch nicht viel her.

Deren Hauptaufgaben waren wie im Privatfernsehen: Draufhalten und zusammenschneiden. Irgendwie kann ich Khrzhanovskiy ja verstehen. Ich habe mal eine nicht ganz unbedeutende Filmhochschule besucht und weiß daher: „Laien improvisieren lassen“, das ist der feuchte Traum von allen Regisseur*innen. Zumindest am Anfang. Wir Drehbuchstudent*innen hatten es schwer deswegen.

Aber wenn man „Laien improvisieren lässt“ kommt selten was Profundes bei heraus. Die meisten Regiestudent*innen merken das relativ bald, geben ihren Allmachtsanspruch auf und freuen sich dann doch über die Existenz von Schauspieler*innen und Drehbüchern. Manche bemerken im Laufe der Zeit, dass Geschichten auch über Bilder und Montage erzählt werden können, oder sogar, das Filmkunst ein Zusammenspiel von allen Gewerken sein kann.

Energetisch sehr unangenehm

Khrzhanovskiy aber nicht. Der hat ja auch einen Dachschaden. Deswegen fand ich Dau auch energetisch sehr unangenehm. Ich konnte sein geiles Lauern spüren, seine Gier nach „Echtheit“ und “echten Emotionen”. Manchmal schien mir, als hörte ich ihn flüstern: „Ja los, fasst euch an, zieh ihr an den Haaren, schrei mal, kreisch mal, lach hysterisch, lach hysterischer! noch hysterischer! küsst euch, jaaa geil, fickt euch, ja.“

Nach einer halben Stunde war es so weit. „Natasha“ und „Luc“ haben gefickt. Es war echter Sex! Es gab einen echten steifen Schwanz, gegenseitigen Oralverkehr, Missionars- und Reiterstellung. Leider keine Nahaufnahmen, leider keinen Cumshot. Sogar in Pornos steckt mehr Filmkunst als in Dau. Im Publikum wurde herzlich gelacht, als Luc es nicht gleich schaffte, Natashas altmodischen BH aufzumachen. Der hatte Knöpfe, keine Häkchen! Seit Anbeginn des Kinos finden das Menschen immer witzig, wenn jemand Schwierigkeiten hat, BHs zu öffnen.

Ich hatte mir ja eigentlich fest vorgenommen, wenigstens bis zu der Stelle auszuhalten, an der „Natasha“ im Verhör von einem echten KGB Mann gezwungen wird, sich eine Flasche in die Vagina einzuführen. „Für Natasha (und uns) eine „unsanfte“ Erfahrung“ nennt man den Vorgang auf der Berlinale-Webseite. Ich wollte wirklich sehen, wie sie das macht und wie der Typ sie dazu bringt und warum und ob das dann vielleicht doch noch Kunst wird und „Analyse des Totalitarismus“.

Aber ich bin direkt nach dem Sex abgehauen. Nachdem ich Natasha nackt gesehen hatte, hat sie mich überhaupt nicht mehr interessiert. Ich mochte ihren Body nicht. Ich wollte nicht mehr wissen, wie das aussehen mag, wenn sie sich eine Flasche reinsteckt.

Immer wenn ich früher gehe, scheint es mir, als schaute man mich ungläubig an, wenn ich mich im Dunkeln durch die Sitzreihen dränge. Dann fühle ich mich jung und punkig, wie damals, als ich noch nicht immer früher ging, sondern immer zu spät kam. Draußen, in den leeren Foyers des Berlinale-Palastes, tippten die Kartenabreißer auf ihren Handys herum und zeigten mir freundlich den Weg ins Freie.

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09:35 27.02.2020

Ausgabe 32/2020

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